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in die Ecke getrieben

Genau so fühle ich mich. Wie ein wildes Tier, das man in die Ecke getrieben hat. Sie haben mich gejagt, so lange, und so oft bin ich ihnen entkommen. Aber nun haben sie mich.

Nein, der Besuch bei der krankenkasse hat es nicht besser gemacht, sondern schlimmer. Dabei war ich so sicher, so überzeugt. Ich meine, es ist die krankenkasse, die zahlen doch nie freiwillig. Ist es nicht pervers? Wenn ich eine Psychotherapie bei einem spezialisierten Therapeuten machen würde, müsste ich alles bis auf etwas mehr als 20€ selbst zahlen. Aber mich weiter krank schreiben obwohl ich ausdrücklich sage dass ich arbeiten will und somit hunderte Euro krankengeld zahlen- das machen sie. Wieso nicht andersrum? Lasst ich doch einfach arbeiten gehen und nebenher zur ambulanten Therapie, wenn ihr mir schon was aufzwingen müsst. Nun habe ich also einen Haufen Auflagen: Ich muss mich in der Essstörungsambulanz melden, wo ich schon mal rausgeflogen bin (habe ich der Ärztin auch gesagt, war ihr aber herzlich egal) und die Symptomatik eigentlich nur schlimmer geworden ist, mich auf die Warteliste von so einer kostenfreie Psychotherapievergabe setzen lassen (meine Erfahrungen dort bisher: Therapeut 1 hält Essgestörte für blöd, Therapeutin 2 gestand mit der Behandlung solch schwerer Fälle überfordert zu sein und übergab mich an Therapeuten 3, wo ich nicht mehr hinging, nachdem ich 7 oder 8 Termine damit verbracht hatte 35 Minuten lang hinter ihm auf allen Vieren durch einen Raum zu krabbeln um anschließend darüber zu reflektieren, wie ich mich dabei gefühlt hatte), und ein Gutachten von Dr. Hexe besorgen. Wunderbar, das alles ist so ziemlich genau das Gegenteil von dem, was ich ursprünglich bezwecken wollte.

Mittlerweile habe ich eine Theorie für den Großteil der Suizide von Magersüchtigen: aufgezwungene Hilfe. Wenn ein Mensch nicht bereit dafür ist, ist so etwas eine Hilfe, sondern eine Bedrohung. Nach und nach nimmt man ihm alle Möglichkeiten zu entkommen. Und so hat dieser Mensch irgendwann keine anderen Ausweg mehr. Ich will mir gar nicht vorstellen, wie viele Anorexiepatienten vielleicht noch drei, fünf, acht, zwölf, vielleicht sogar zwanzig Jahre mit der Essstörung gelebt hätten, wenn man sie einfach nur gelassen hätte. Eventuell wären einige wenige sogar wieder ganz gesund geworden, wenn man einfach nur abgewartet hätte, bis sie selbst an den Punkt gelangen, an dem sie etwas ändern wollen. Aber nein, stattdessen treibt man sie so lange in die Enge, bis sie sich entscheiden müssen: Suizid oder etwas aufgezwungen bekommen, das man nicht möchte, und das sich anfühlt wie psychische Folter. Ich kann alle verstehen, de sich für Ersteres entscheidet.

Ein Hoch auf unser Gesundheitssystem.

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Nie genug reloaded

Morgen werde ich mal ein Telefonat mit der Arbeiterkammer führen, denn langsam aber sicher geht mir das, was hier abgeht zu weit und ich würde wirklich gerne wissen, wie hier die rechtlichen Rahmenbedingungen aussehen. Wenn es rechtlich in Ordnung ist, habe ich ein Problem, da meine persönlichen Grenzen überschritten werden. Wenn es rechtlich nicht in Ordnung ist, ist das zwar schön für mich, aber ich habe dennoch ein Problem. Wenn eine Firma einen Mitarbeiter loswerden will, schafft sie das in der Regel auch, und bei mir vermutlich noch schneller, da für mich schon das Wissen genügt, dass man mich irgendwo nicht haben möchte, um freiwillig die Fliege zu machen.

Bisher galt die 40-kilo-Marke als Mindestgewicht um wieder arbeiten gehen zu dürfen, wobei ich mich da schon frage, ob das rechtlich zulässig ist, wenn dieses Gewicht meine Arbeitsleistung nicht mindert. Da ich es nicht besser weiß, habe ich mich auf das Spiel eingelassen. Als ich mich heute, wie jeden zweiten Tag (wie oft muss ich mich im krankenstand überhaupt bei meinem Arbeitgeber melden, insbesondere wenn absehbar ist, dass er länger dauern wird?) zum Pflicht-Telefonat bei meinem Chef meldete, meinte er, ich hätte bei unserem Treffen letzten Mittwoch (er hatte mich so lange penetrant zu wöchentlichen Treffen in seiner Mittagspause gedrängt, wahrscheinlich um meinen “Fortschritt” zu kontrollieren, bis ich letztendlich um des lieben Friedens Willen auch dieser Maßnahme zugestimmt hatte ) noch immer so schlecht ausgesehen, dass da noch mehr drauf müsse.

Erstens: Ich weiß nicht was er erwartet hat, aber das hätte ich ihm auch sagen können, dass die 3kg mehr niemand außer mir selbst sehen wird sondern nur Wassereinlagerungen sind und das Gewicht der Nahrung und Flüssigkeit, die sich nun wieder “im System” befndet.

Zweitens habe ich es langsam satt, dass die die Spielregeln verschieben, wie es ihnen gerade gefällt, wenn ich mich schon darauf einlasse. Erst hatte es gereicht, dass ich am nächsten Tag ins krankenhaus gehe- eine Stunde später durfte ich plötzlich nicht mal mehr alleine nach Hause fahren um mir 3 verdammte Unterhosen zu holen, ohne zu riskieren von der Polizei abgeführt zu werden. Nun plant mein Chef offenbar, die Gewichtsgrenze einfach so lange hochzuschrauben, bis ich ein seiner Meinung nach gesundes Gewicht erreicht habe, aber nicht ohne mir zwischendurch mitzuteilen, dass er die Stelle nicht ewig freihalten könne. Er droht mir also mit einer Entlassung im krankenstand, zu dem er mich gezwungen hat, obwohl ich schon nach einer Woche erklärt habe, dass ich eigentlich wieder arbeiten möchte. Ich bin nun die vierte Woche nicht da, und ich weiß nicht ob ihm klar ist, dass ich, wenn ich das Ding so durchziehen würde wie er sich das gewünscht hätte (krankenhaus und stationäre Therapie), nicht 4 Wochen im krankenstand wäre, sondern 3-4 Monate. Mich beschleicht langsam der Verdacht, dass er dachte er  parkt mich im Spital, dort werde ich gemästet und komme 3 Wochen später 10kg schwerer wieder raus und alles ist gut.

Mein Hausarzt hat mich auch nur deswegen krank geschrieben, weil mein Betriebsarzt Druck gemacht hat und nun meldete sich letzte Woche auch noch die krankenkasse und verlangt Behandlungsnachweise. Wenigstens hat sich mein Betriebsarzt bereiterklärt, diesbezüglich meinen Hausarz zu kontaktieren.

Ich bin langsam an einem Punkt, wo ich den ganzen Stress und den Druck nicht mehr lange aushalte. Sie meinen es sicher nicht böse und wollen alle nur helfen, aber es hat den komplett gegenteiligen Effekt, nämlich dass ich mich so gestresst fühle, dass die ES-Symptomatik nur noch verstärkt wird.

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Bone shaming statt fat shaming

Dass Übergewichtige aufgrund ihres Gewichts oft zur Zielscheibe von fiesen Bemerkungen etc. werden, ist kein Geheimnis. Dennoch scheint es so zu sein, dass Übergewicht, im Gegensatz zu Untergewicht, gesellschaftlich eher akzeptiert wird, vermutlich weil es deutlich mehr stark Übergewichtige als stark Untergewichtige gibt. Wenn publik werden würde, dass ein Arbeitgeber seinen stark übergewichtigen Mitarbeitern, die infolgedessen Gesundheitsprobleme wie Gelenkschmerzen oder Bluthochdruck entwickelt haben, verbieten würde in die Arbeit zu kommen, ehe sie nicht 20kg abgenommen haben, würde ein riesiger Aufschrei durchs Land gehen. Schließlich ist es doch Jedem selbst überlassen wie viel man wiegt, solange man seine Arbeit ordnungsgemäß erledigt – mal abgesehen davon, dass dann die Wirtschaft in Österreich zusammenbrechen würde, wenn man das in allen Firmen durchziehen würde. Und wenn ein Übergewichtiger nicht abnehmen will, weil ihm Schnitzel, Gulasch und Feierabendbier wichtiger ist, auch wenn er dann vielleicht 10 Jahre kürzer lebt, dann ist das in Österreich sein gutes Recht, seine Privatsache und da hat sich auch niemand einzumischen.

Nun gibt es auch Fälle am anderen Ende von der Skala. Ich bin stark untergewichtig, und mein Chef bzw. einige andere Menschen sehen sich absolut im Recht, mir aufgrund dieser Tatsache die Arbeit zu verbieten, wenn ich nicht ein bestimmtes Gewicht erreicht habe. Ich würde es einsehen, wenn ich wegen des geringen Gewichts meine Arbeit nicht erledigen könnte oder schon mehrmals umgekippt wäre, beides war aber nicht der Fall. Mir wurde mehrmals auch von meinem Chef bestätigt, dass ich meine Arbeit genauso präzise und pünktlich erledige wie früher auch. Was also bei Übergewichtigen ein No-Go ist, scheint bei Untergewichtigen vollkommen in Ordnung zu sein, nämlich sie zu behandeln, als wären sie unmündig, nahezu unzurechnungsfähig.

Aber wo ist der Unterschied? Wieso ist es scheinbar völlig in Ordnung, sich durch zu viel Gewicht zu zerstören, aber wenn man dasselbe durch zu wenig Gewicht tut, wird man hinten und vorne bevormundet? Ich begreife es nicht, ich begreife es einfach nicht.

Die Einstellung zu Menschen, die nicht in die Norm passen, ist teilweise echt ein wenig schizophren. Einerseits sind da die Übergewichtigen, die zwar im Gegensatz zu den Untergewichtigen die größere Gruppe ausmachen, aber irgendwie eher als erwachsene Menschen Ernst genommen werden, also scheinbar von der Gesellschaft eher anerkannt werden, aber trotzdem deutlich häufiger beleidigt und heruntergemacht werden. Und dann gibt es stark untergewichtige Menschen, von denen es zwar weniger gibt, die aber bis zu einem gewissen Grad bewundert werden und daher Spott deutlich seltener ausgesetzt sind während sie aber gleichzeitig behandelt werden wie unmündige kleinkinder, denen man nach Belieben einen fremden Willen überstülpen kann.

Ich begreife diese Welt nicht.

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aufgestanden, eingerückt – einkassiert Teil III

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In der Nacht schlafe ich wie ein Stein, ich werde lediglich kurz wach, als um 2:15 die Schwester die Anti-Übelkeit-Infusion abmacht und die anderen beiden wieder anhängt und gegen 5:00 schließlich den Infusionsständer komplett zur Seite rollt. Gegen 07:00 kommt ein Pfleger rein, um Blut abzunehmen. Bei mir kommt er deutlich besser voran als bei meiner Zimmerkollegin, die er sicher  4 oder 5 mal stechen muss, bis er die benötigte Menge Blut zusammen hat. Danach bekomme ich Frühstück, meine Zimmerkollegin muss zuschauen weil sie eine Untersuchung  hat, für die sie nüchtern sein muss. Da sie den Mund nicht voll hat, nützt sie die Zeit, um mich vollzulabern und die Informationen bezüglich Häufigkeit und Aussehen des Stuhlgangs, die ich gestern schon erhalten habe, um einige weitere wichtige Eckdaten zu ergänzen. So erfahre ich, dass sie 83 ist (wofür sie eigentlich noch ziemlich fit wirkt), sich durch eine verunreinigte Blutkonserve mit Hepatitis C angesteckt hat, aus welchen Körperöffnungen sie schon geblutet hat und wo es gerade wieder rauskommt, und dass ihr etwas dementer Ehemann gestern zeitgleich mit ihr eingeliefert wurde, da er unter schwerem Durchfall litt, was sich dann aber als akute Verstopfung entpuppte. Die etwas einseitige Unterhaltung findet erst ein Ende, als sie zu einer Untersuchung gebracht wird und ich döse im Bett noch ein wenig vor mich hin. Dann ist Visite, dort wird mir mitgeteilt, dass das Kalium gerade mal auf 2,9 gestiegen ist. Und ich äußere den Wunsch entlassen zu werden. “Bleiben Sie doch noch zumindest bis morgen! Sie bekommen heute noch eine Kaliuminfusion und wenn die Werte morgen halbwegs in Ordnung sind… ich meine, wir wissen, dass es keinen Sinn hat, Sie gegen ihren Willen in die Psychiatrie zu verlegen. Auch wenn ich es ehrlich  gesagt für keine gute Idee halte, dass Sie in diesem Zustand nach Hause gehen.” Zähneknirschend willige ich also ein, noch eine Nacht hier zu verbringen. Die Aussicht auf eine neuerliche Infusion, die mir gefühlt sämtliche Venen wegätzt, lässt meine Stimmung nicht gerade steigen.

Gegen 10:30 kommt die Ärztin nochmal rein und ich beschließe zu fragen, wann ich denn eigentlich mein Buprenorphin bekäme. Immerhin hat mir die Substitutionsärztin versichert, sollte ich jemals ins Krankenhaus kommen, würde ich es dort weiterbekommen und auch als man mich gefühlte 5 Mal gefragt hat, ob ich irgendwelche Medikamente nehme, habe ich das zu Protokoll gegeben. Doch sowohl sie, als auch die Schwester scheinen weitgehend ratlos, wie mit dieser Situation nun umzugehen ist. Von meiner geheimen Notreserve verrate ich natürlich nichts. “Und wenn wir Ihnen für heute Nachmittag Ausgang geben und Sie holen sich das aus der Apotheke?” schlägt sie vor. “Das wäre eine Möglichkeit, ich müsste allerdings erst schauen, ob da überhaupt irgendein Bus hinfährt, ich wohne am Land…” antworte ich. “Achso, ich dachte Sie wohnen hier in der Stadt! Also wir könnten Ihnen einen Taxischein ausstellen, aber das ist auch nicht die optimale Lösung…” ich sehe meine Gelegenheit gekommen. “Und was ist, wenn Sie mich nach der Kaliuminfusion entlassen und ich morgen in die Ambulanz zur Blutabnahme komme?” – “Die Ärztin überlegt kurz. “Die Idee ist eigentlich gar nicht so schlecht. Aber Sie kommen morgen wirklich verlässlich wieder? Zuerst zur Blutabnahme, und dann wenn Sie die Ergebnisse haben nochmal hierher auf die Station, damit wir das besprechen können.” – “Ich komme wieder, versprochen.” – “Nagut, dann vermerke ich das mal so…”

Ich kann mein Glück kaum fassen. Rufe sofort meine Mutter an um ihr zu sagen, dass sie meine Fellmonster nicht holen kommen braucht. Wie nicht anders zu erwarten ist sie wenig begeistert, doch das kann meine Freude nicht trüben. Eine Schwester kommt rein und hängt mir wieder eine Infusion an. “Die darf nur in diesem Tempo tropfen! Behalten Sie das unbedingt im Auge und melden Sie sich, falls es schneller wird!” schärft sie mir ein. Darf nur in diesem Tempo tropfen? Die gestern Abend war mindestens doppelt so schnell! Ob mir deswegen so schlecht geworden ist? Es brennt zwar trotzdem wieder ziemlich, aber wenn man die Zähne zusammenbeißt lässt es sich aushalten. Und als mir eine Stunde später die Ärztin den Entlassungsbrief in die Hand drückt, sind sowieso alle Schmerzen vergessen. Offenbar kommt meine Entlassung nun doch gar nicht so unpassend, denn 2  Stunden später steht schon eine Dame vom Reinigungspersonal im Zimmer und möchte wissen, wann sie mein Bett frisch beziehen könne. “Sobald das hier fertig ist” antworte ich und deute auf den Infusionsständer. Obwohl meine Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist, beginne ich meine Sachen zu packen um später keine Zeit zu verlieren. Immerhin muss ich es im Taxi durch den Berufsverkehr bis 18:00 zur Apotheke schaffen, wenn ich meine Notreserve unangetastet lassen will.  Es dauert noch bis 16:00, bis der letzte Tropfen endlich in meinem Arm verschwunden ist. Mit dem Infusionsständer gehe ich zum Schwesternzimmer. “Fertig” strahle ich. Eine Schwester folgt mir ins Zimmer, macht die Infusion ab und vergisst leider nicht darauf, den Zugang zu entfernen- das wäre der Traum eines jeden IV-Konsumenten. Obwohl ich das normalerweise gar nicht von mir kenne, will die Stelle einfach nicht aufhören zu bluten. Ich bin genervt, meine Sachen sind schon gepackt, Schuhe sind angezogen, ich muss nur mehr den Mantel anziehen und bin ein freier Mensch. Ich pilgere ein letztes Mal zum Schwesternzimmer. “könnte ich bitte noch ein paar Tupfer haben?” frage ich und halte mit 2 spitzen Fingern die Tupfer in die Luft, die vollgesogen sind wie ein Tampon am Morgen. Ich bekomme noch ein paar und krame im Zimmer das Peha-Haft aus meiner Reisetasche. Damit fixiere ich die Tupfer auf meinem Arm. Ärmel runter, Tasche wieder einräumen, Mantel anziehen, und ich bin eine Staubwolke. Die Schiebetüren des Haupteingangs öffnen sich. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne scheint. Ich halte einen Moment inne und atme tief ein. So riecht Freiheit.

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aufgestanden, eingerückt- einkassiert Teil II

Ein bisschen komme ich mir vor wie in einem dieser Katastrophenfilme. Ein Waldbrand bewegt sich unaufhaltsam auf dein Haus zu. Du hast 2 Stunden Zeit zum Packen. Was nimmst du mit? Ich hetze von einem Raum in den anderen und werfe Zeugs in meinen Wanderrucksack und meine Reisetasche. In meinem Kopf schießen die Gedanken durcheinander wie Materieklumpen im Universum kurz nach dem Urknall. Noch immer versuche ich einen Weg zu finden, mich dieser Maßnahme zu entziehen, doch ich beginne zu begreifen, dass ich in der Falle sitze. Deswegen entschließe ich mich dazu, das Unausweichliche so aushaltbar wie möglich zu machen. Ich packe in meinen Rucksack…2ml-Spritzen, Rasierklingen, Verbandszeug, das Röhrchen mit der Benzolösung, Abführmittel, eine Notreserve Buprenorphin, falls ich das, aus welchen Gründen auch immer, dort nicht bekomme. Zugegeben, als ich dieses Spiel als Mädchen gespielt habe, sind Badanzug, Sandspielsachen und Sonnenbrille in den Koffer gewandert, aber die Zeiten ändern sich. Die Prioritäten verschieben sich. Quasi zeitgleich neben dem Packen räume ich auf, wasche Geschirr ab, schrubbe wie eine Irre die Toilette, falls der Arzt sie benutzen will und bin irgendwie froh, dass ich so viel zu tun habe, weil das ablenkt von der unterschwelligen Panik, die in mir kocht.

Aus einer gewissen Distanz betrachtet ist es wohl ein ziemlich absurdes Bild. Der Arzt, der seit 2,5 Stunden in meinem dunklen Vorzimmer auf einem Stuhl sitzt während ich von einer Ecke in die andere hirsche und Dinge verschwinden lasse, die niemand sehen soll und meinen Rucksack mit einem Überlebenspaket fülle. Geduld hat er, der Gute, das muss man ihm lassen, erst nach 2,5 Stunden fragt er vorsichtig: “Weißt du schon, wie lang du ungefähr noch brauchst?” – “In einer halben Stunde können wir los.” Ich habe ein mulmiges Gefühl, als ich 30 Minuten später die Tür hinter mir zuziehe. Auch die Fahrt zum Krankenhaus verbringen wir schweigend. Er parkt davor auf einem Kurzzeitparkplatz. “Sie müssen nicht mitkommen, ich bin kein kleines Kind mehr. Wenn Sie hier stehen bleiben, sehen Sie doch sowieso ob ich reingegangen bin oder nicht.” versuche ich meine letzte Chance zu nutzen. “Nein, ich komme mit. Ich habe vorhin mit dem Arzt telefoniert, vielleicht musst du dann nicht so lang warten.” Ich verkneife mir den Kommentar, dass ich kein Problem damit hätte, bis morgen Früh zu warten. Wir werden in die Notaufnahme geschickt. Ich überlasse dem Betriebsarzt das Reden am Schalter und reiche der Schwester lediglich meine e-card durch. Bereits eine halbe Stunde später werde ich zu einem ersten Gespräch gebeten, das wohl eine gewisse Voreinschätzung der Dringlichkeit ermöglichen soll . Ganz selbstverständlich steht der Betriebsarzt auf und kommt mit, ich funkel ihn wütend an, sage aber nichts. Ich fühle mich zu einem unmündigen Mädchen degradiert. Drinnen stellt er sich vor und schildert die Situation: “…Borderline-Symptomatik, Anorexie, sie ist im Substitutionsprogramm, die Ärztin dort hat ihr letzte Woche Blut abgenommen. Das Kalium war bei 2,9, Vitamin D bei 4,1, sie hat einen BMI von 12,9.” Die Schwester schaut mich an. “Möchten Sie auch etwas dazu sagen?” – “Nein. Dass ich nach Hause will, wird vermutlich eh niemanden interessieren.” gebe ich patzig zurück, auch wenn sie eigentlich gar nichts dafür kann. “Wir nehmen Ihnen dann nochmal Blut ab, und dann sehen wir weiter.” beschließt sie. Als das Gespräch vorbei ist geht der Arzt endlich und ich bin froh, alleine zu sein. Ich bin total erschöpft, es ist inzwischen 16:30, ich habe weder etwas gegessen noch etwas getrunken, und einen riesigen Rucksack sowie eine schwere Reisetasche, über die ich falle, als ich zur Blutabnahme aufgerufen werde. Meine Venen wollen nicht so, wie die Ärztin will. Sie trifft zwar auf Anhieb, doch nach dem zweiten Röhrchen kollabiert die Vene und gibt nichts mehr her. Sie muss sich eine Neue suchen, was sich im Nachhinein als glückliche Fügung herausstellt, sie nutzt die Gelegenheit gleich um mir einen Zugang zu legen und Venenzugang in der Armbeuge habe ich als unangenehm in Erinnerung. Die Wartezeit bis die Ergebnisse da sind verbringe ich hinter meinem Buch, von dem ich mich nur abwende um ein paar SMS zu tippen. Meine Mutter bitten, dass sie am Wochenende meine Fellmonster abholt, C. erzählen was passiert ist. “Solche Vollpfosten! So etwas habe ich mir schon gedacht, als ich euch gesehen habe…” schreibt er. Wieder reißt mich zum gefühlten 100. Mal das “Piiiiiing” aus meinen Gedanken, das die Aufmerksamkeit auf den Bildschirm lenken soll auf dem steht, welcher Patient in welchen Raum soll. Da steht nun mein Name. Und dahinter: “Schockraum”. Ich habe genug Medizindokus gesehen um zu wissen was ein Schockraum ist. Sind die Ergebnisse so besorgniserregend? Mit meinem ganzen Zeug im Schlepptau trete ich durch die Tür. Große Erleichterung, ich werde nicht von 5 Ärzten erwartet, die sich auf mich stürzen, mir die Kleider vom Leib reißen und mich an irgendwelche Geräte anschließen. Der Arzt, der im Raum ist, wirkt sympathisch und gut gelaunt, ihn könnte ich vielleicht rumkriegen, das merke ich gleich. “Wir haben die Ergebnisse aus dem Labor, das Kalium ist nun bei 2,8. Sehen Sie, die Sache ist die, wir sind eigentlich keine Spezialisten für Essstörungen, wir haben eigentlich eine Vereinbarung mit der Psychiatrie, in der Sie eh schon mal waren, Essstörungspatienten sobald es ihr Zustand zulässt dorthin zu verlegen.” Ich bin erleichtert. Immerhin wurde ich dort das letzte Mal nach 2,5 Wochen rausgeworfen- und wenn ich es darauf angelegt hätte, bestimmt schon früher. “Glauben Sie mir, es war nicht meine Idee, hierher zu kommen. Nachdem ich aber vor die Wahl gestellt wurde, freiwillig hierher zu kommen oder in freundlicher Gesellschaft der Polizei habe ich mich dann doch lieber für Ersteres entschieden. ” antworte ich. In dem Moment klopft es und eine Schwester steckt den Kopf zur Tür herein. “Ihre Substitutionsärztin ist da. Dürfen wir sie reinlassen?” fragt sie mich. Du liebe Güte, was macht die denn hier?! Da war ich so froh, dass der Betriebsarzt endlich weg ist und dann kreuzt die auch noch auf. “Ääääh…also von mir aus…” antworte ich überrumpelt. Eine Minute später steht sie in der Tür. “Oh, Gott sei Dank geht es Ihnen gut. Ich hoffe Sie verstehen das, aber nachdem Sie heute nicht zu Ihrem Termin erschienen sind, musste ich handeln.” – “Es tut mir leid, das war keine Absicht, dass ich den Termin versäumt habe, ich habe mir den vermutlich falsch aufgeschrieben.” – “Das sind die ersten Anzeichen, dass die Mangelernährung Ihr Gehirn verändert…” – “Ach, Sie haben sich noch nie einen Termin falsch notiert?” – “Ich habe heute auch auf der Station angerufen auf der Sie wegen der Essstörung in Behandlung waren und mit ihrem behandelnden Arzt gesprochen, der hat auch gesagt dass Sie mit diesem BMI auf keinen Fall arbeitsfähig sind.” – “Sie haben Dr. M. angerufen???!!!” Toll. Nun wissen dort also auch alle, dass ich verkackt habe. Alle Therapeuten und bestimmt auch meine Bezugsschwester. “Wir wollen doch alle nur das Beste für Sie…” fängt sie an, doch den Spruch kann ich mittlerweile nicht mehr hören. “Ich finde es immer wieder spannend, dass soooo viele Leute meinen sie wüssten besser was das Beste für mich sei als ich selbst. Leben Sie mein Leben? Nein? Woher glauben Sie dann zu wissen, was das Beste für mich ist?” Zugegeben, die Frage ist gemein. Aber während der Ansatz, dass eine Behandlung bei manchen Patienten weder Besserung noch Heilung bringt und es daher auch das Ziel sein kann, dem Patienten ein möglichst friedliches und schmerzfreies Ableben zu ermöglichen beispielsweise bei Krebserkrankungen schon Beachtung findet, hat sich diese Ansicht bei psychischen Erkrankungen noch nicht durchgesetzt, es scheint geradezu verpönt überhaupt nur daran zu denken. Meine Frage hängt noch unbeantwortet im Raum. Der Arzt lächelt, ihm scheint mein wacher Geist und mein Wunsch nach Selbstbestimmung zu gefallen. Die Substitutionsärztin sitzt mit hängendem Kopf da und murmelt: “Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.” Fast tut sie mir ein bisschen leid, dennoch bin ich froh, dass meine Botschaft angekommen ist. Der Arzt schlägt vor ein EKG zu machen und die Substitutionsärztin nutzt den Moment um sich zu verabschieden und fluchtartig den Raum zu verlassen. Das EKG ist in Ordnung, dennoch erscheint ein zweiter Arzt, der sich vorstellt und mir erklärt er sei von der Gastro-Station. “Sie kommen dann mit zu uns und bekommen erst mal Infusionen. Und morgen schauen wir uns die Werte nochmal an.” – “Ich muss wirklich bleiben? Nichts zu machen?” frage ich. Doch es hilft alles nichts.

Ich muss mich auf so einen fahrbaren Stuhl setzen, mein Hinweis, dass ich auch ganz gut zu Fuß gehen könne, so sei ich schließlich auch hergekommen, wird ignoriert. Ich werde in einen Wartebereich geschoben, wo auch andere Patienten darauf warten, irgendwo  hin transportiert zu werden. Ein Patient sitzt im Bett und mampft genüsslich  einen belegten Kornspitz, während sein Bettnachbar stöhnend seinen Kopf über eine Nierenschale hält. Nach 10 Minuten kommt ein Mann, geht durch die Reihen und liest die Namen, die auf den Stühlen und Betten stehen, packt schließlich meinen und schiebt ihn Richtung Ausgang, den Stuhl eines anderen Patienten zieht er rückwärts hinter sich her. Nachdem wir aus dem Aufzug gestiegen sind, ändert sich die Reihenfolge und ich fühle mich eher wie ein Stück Fracht und nicht wie ein Mensch. Vor meinem Zimmer angekommen, darf ich endlich aufstehen. Eine Schwester zeigt mir mein Bett und meinen Schrank. “Machen Sie es sich erst mal heimelig, ich komme dann gleich nochmal mit dem Computer vorbei und stelle Ihnen ein paar Fragen.” In dem zweiten Bett im Zimmer liegt eine alte Frau mit geschlossenen Augen. Ich beginne halbherzig, meine Sachen in den Schrank zu räumen; eigentlich nur, um das einfach in Rucksack und Reisetasche gestopfte Zeug zu sortieren, denn ich habe nicht vor, hier Wurzeln zu schlagen.

Eine halbe Stunde später kommt die Schwester wieder und schiebt einen Tisch mit einem Laptop vor sich her. Mit Privatsphäre ist es hier nicht so eng, das merke ich schnell, als ich in Anwesenheit meiner Zimmerkollegin Fragen zu Häufigkeit und Aussehen meines Stuhlgangs gestellt bekomme; im Gegenzug erfahre ich allerdings selbiges auch von ihr, da sie ebenfalls erst heute aufgenommen wurde, wie ich später erfahren soll, und sie somit die gleichen Fragen gestellt bekommt. Die Schwester verschwindet, wenig später kommt eine andere mit einem Infusionsständer und stöpselt zwei Beutel an meinen Zugang. Ich beäuge das ganze kritisch. Das soll alles in mich rein? Und noch dazu in so einem Tempo? Doch Minuten später habe ich ganz andere Sorgen. Nichts, was ich mir jemals selbst gespritzt habe, hat so höllisch in den Venen gebrannt, wie dieses Zeug. Mit zusammengebissenen Zähnen halte ich mit der linken Hand meinen rechten Oberarm fest, doch ich kann nicht verhindern, dass sich das Brennen nach und nach im ganzen Körper ausbreitet. Zusammengekrümmt rolle ich mich auf dem Bett hin und her. “Ist bei Ihnen alles in Ordnung?” krächzt meine Zimmerkollegin besorgt vom Nachbarbett. “Ich bin mir nicht sicher. Ich geh mal fragen, ob das normal ist, dass das so brutal brennt.” antworte ich, rappel mich auf und mache mich mit Infusionsständer im Schlepptau auf den Weg zum Schwesternzimmer. Die erste Schwester, die mir begegnet, spreche ich an: “Entschuldigung, ist das normal,  dass das so brennt?” – “Doch, das kann schon mal vorkommen, aber das wird besser mit der Zeit.” Ich schicke Stoßgebete zum Himmel, dass sie recht behalten möge und gehe zurück ins Zimmer.

Doch statt besser wird es schlimmer. Das Brennen lässt zwar tatsächlich nach, doch dafür gesellt sich eine unglaubliche Übelkeit dazu. Minuten später hänge ich würgend über der Toilette während mein Magen versucht, nicht vorhandenen Inhalt nach draußen zu befördern. Zwischen zwei “Würgeschüben” drücke ich den roten Rufknopf, der neben der Toilette angebracht ist. In weiser Voraussicht habe ich die Tür nicht abgeschlossen und so steht ein paar Minuten später eine Schwester neben mir. Noch immer über die Porzellanschüssel gebeugt, verleihe ich der eigentlich ohnehin offensichtlichen Situation mit den Worten: “Mir ist so schlecht” verbalen Ausdruck, während mir Sabberfäden aus dem Mund laufen. “Setzen Sie sich mal hin, ich bin gleich wieder da.” sagt sie und verschwindet. Ich lasse mich zitternd auf die Fliesen sinken. Sie kommt mit noch einem Infusionsbeutel zurück, macht die beiden anderen ab und hängt den neuen an. “Sollte gleich besser werden.” sagt sie. Tatsächlich lässt der Brechreiz nach. “Gehts wieder?” fragt sie besorgt. Ich nicke, bedanke mich, stehe auf und tapse zurück in mein Bett. Ich bin erledigt und trotzdem innerlich total ruhelos. Da fällt mir die Benzo-Lösung im Schrank ein und ich beglückwünsche mich im Stillen zu der Idee, sie mitgenommen zu haben. Die Entspannung hüllt mich ein wie eine warme, weiche Decke und kurz darauf bin ich weg.

 

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aufgestanden, eingerückt- einkassiert

Nicht mal mit viel Phantasie hätte ich mir ausmalen können, welch überraschende Wendung ein ganz normaler Mittwoch nehmen sollte. Wie immer stand ich auf, bedeckte meinen viel zu dünnen körper mit viel zu großen Oberteilen und Hosen und machte mich auf den Weg in die Arbeit. Der Vormittag verlief auch erst mal weitgehend unspektakulär, bis ich einen Anruf in Abwesenheit von der Substitutionsstelle auf meinem Handy entdeckte. Sofort schoss mir die Blutabnahme von letzter Woche ins Gedächtnis. Waren irgendwelche Werte nicht in Ordnung? Ich hatte mich wohl zurecht zuerst gegen die Blutabnahme gewehrt… aber das würde ich in der Mittagspause in Ruhe im Auto klären.

Um 10:30 stand die allwöchentliche Abteilungsbesprechung auf dem Programm. Zehn Minuten vorher stand die Sekretärin meines Chefs hinter mir. “Fliegermädchen, könntest du mal mitkommen?” Zuerst dachte ich, es ginge um etwas Berufliches und meinte: “Ich kann gerade nicht, wir haben in 10 Minuten Besprechung, ich schaue nachher bei dir vorbei.” – “Nein, du kommst mit. Der Betriebsarzt wartet vorne. Wir müssen reden.” Verdammte Scheiße. Hätte ich die Substitutionsstelle doch gleich zurückgerufen. Ich stand auf und folgte ihr Richtung Besprechungsraum. Wir gingen an meinem kollegen C. vorbei, der mich fragend ansah. Ich zuckte ahnungslos mit den Schultern. Im Besprechungszimmer angekommen, wartete der Arzt schon, die Sekretärin verließ ihn wieder um ein Glas Wasser zu holen. “Habe ich etwas angestellt?” fragte ich. “Nicht dass ich wüsste. Aber warten wir mal, bis k. wiederkommt.” Als wir schließlich vollzählig waren und uns gesetzt hatten, legte er los. “Mich hat vorhin deine Substitutionsärztin angerufen. Zuerst mal, du hättest heute einen Termin gehabt. Wieso bist du da nicht erschienen?” Verdammte Scheiße. Der letzte Termin bei der Sozialarbeiterin ist doch erst 3 Wochen her? (Ein Blick auf mein Privathandy später ergab übrigens: Es ist nicht sehr sinnvoll, sich um 09:00 an einen Termin erinnern zu lassen, den man um 08:00 gehabt hätte). “Das weiß ich nicht, möglicherweise habe ich ihn versehentlich eine Woche später aufgeschrieben. Ich kann nur so viel sagen, dass ich nicht absichtlich nicht gekommen bin. Wenn ich zu einem Termin nicht erscheinen kann, sage ich normalerweise ab.” – “Wie dem auch sei, die Resultate der Blutuntersuchung sind da. Das kalium liegt bei 2,9. Vitamin D bei 4,1. Das sind Werte, da wird es lebensgefährlich. Eigentlich wollte dir die Substitutionsärztin heute ein Rezept für ein kaliumpräparat mitgeben und den Spiegel nächste Woche nochmal prüfen, aber so wie das alles gelaufen ist, sehen wir uns zum Handeln gezwungen. Entweder du gehst noch heute, oder spätestens morgen ins krankenhaus, oder wir müssen den Weg über die Polizei wählen. Du hast die Wahl.”

Ich weiß nicht, wie viele Sekunden ich ihn wortlos anstarrte. Es hätte mir vermutlich weniger ausgemacht, wenn er mir angedroht hätte, mich bei lebendigem Leibe zu verbrennen. Ich bemühte mich, nicht die Fassung zu verlieren. Inzwischen war auch mein Chef zur Tür hereingekommen. “Das ist nicht fair, ich habe den Termin doch nicht absichtlich sausen lassen. Gebt mir doch zumindest die Chance, die Sache selbst wieder in Ordnung zu bringen!” – “Die Substitutionsärztin hat in der Psychiatrie angerufen, in der du damals behandelt worden bist, und hat mit Dr. M. gesprochen. Der hat ihr bestätigt, dass du mit 37 kilo auf keinen Fall arbeitsfähig bist.” Am liebsten wäre ich ihm an die kehle gesprungen. Was geht meinen Chef und seine Sekretärin mein akuelles Gewicht an? Woher nahm er das Recht, die Schweigepflicht mit Füßen zu treten? “Okay, ich gehe freiweillig. Aber erst morgen. Ich kann nicht so einfach alles stehen und liegen lasse und ins krankenhaus fahren, ich habe Haustiere, die ich irgendwo unterbringen muss, ich muss Sachen packen weil ich niemanden habe, der mir auf die Schnelle etwas bringen kann und ich möchte auch gerne noch etwas aufräumen.” stimmte ich um des lieben Frieden Willens zu. Natürlich würde ich nicht ins Spital fahren, ich versuchte nur möglichst viel Zeit herauszuschinden, die ich für meine Flucht nutzen konnte. “Fliegermädchen, begreifst du das nicht?! Du bist kurz davor zu sterben, und denkst allen Ernstes ans Aufräumen?!” rief mein Chef aufgebracht. “Die Blutwerte sind von letzter Woche, und ich lebe immer noch, also wird es so akut lebensbedrohlich nicht sein. Und ich habe doch schon eingewilligt, dass ich morgen gehe, aber bitte gebt mir heute noch die Zeit die Sachen zu regeln, die ich regeln muss.” Sie sahen einander an, als hätte ich komplett den Verstand verloren. “Morgen ist zu spät, Fliegermädchen, du gehst heute noch.” – “Aber vorhin hieß es doch noch heute oder spätestens morgen? Wieso zählt das auf einmal nicht mehr?!” Ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen. Was war das für ein verficktes Spiel, das die hier mit mir spielten? “Ich glaube nicht, dass wir dir trauen können, so wie du dich dagegen wehrst, du wirst die Zeit nützen um dich aus dem Staub zu machen.” – “Ich käme doch gar nicht weit, abhauen ist doch sinnlos. Und wo wehre ich mich denn? Ich habe doch eingewilligt, dass ich morgen gehe, aber bitte gebt mir einfach die Zeit mich seelisch darauf vorzubereiten.” – “Vielleicht solltest du dich gar nicht zu sehr darauf vorbereiten, sondern einfach gleich fahren. Mein Auto steht draußen, ich bringe dich höchstpersönlich hin. Da spricht doch nichts dagegen.” schlug der Betriebsarzt vor. “Doch, nämlich all das, was ich vorhin schon gesagt habe, dass ich vorher noch nach Hause will. Also von mir aus, dann fahre ich halt schon heute Abend. Aber bitte gebt mir einfach noch die paar Stunden Zeit meine Angelegenheiten zu regeln.” – “Wann ist am Abend?” fragte der Betriebsarzt, doch mein Chef fuhr dazwischen. “Wir diskutieren hier nicht mehr, du hattest die Wahl.” sagte er und der Betriebsarzt zückte sein Handy. Ich musste mir etwas einfallen lassen. Schnell. “Das ist doch absurd! Die Polizei würde mich doch gar nicht mitnehmen, wenn ich doch schon sage, dass ich freiwillig gehe!” sagte ich, auch wenn ich mir da nicht so sicher war. “Gut, dann fahren wir etzt sofort zu dir in die Wohnung, du fütterst deine Hasen, packst deine Sachen und machst was auch immer du sonst noch machen musst und dann fahren wir ins krankenhaus.” sagte der Arzt. Ich hatte keine Wahl mehr. “Aber Sie bleiben im Auto sitzen! Ich möchte keine fremden Menschen in meiner Wohnung haben!” – “So wie du gerade drauf bist, lasse ich dich nicht aus den Augen. Entweder ich komme mit rauf, oder wir machen das ganze über die Polizei.” – “Ich finde das gerade richtig ungerecht! Zuerst hieß es noch morgen früh reicht auch, und egal wie sehr ich von meinen Wünschen wegrücke, NIE IST ES GENUG!”. Die letzten Worte hatte ich lauter ausgesprochen als beabsichtigt, doch es war mir egal. Niemand im Raum kommentierte das. “Also, können wir?” fragte der Arzt. “Von mir aus.” antwortete ich patzig, “aber ich brauch noch meinen Mantel und meinen Rucksack aus dem Auto.”  Wir gingen zurück zu meinem Arbeitsplatz, wieder vorbei an C., der mich ansah. Ich machte mit den Händen eine obszöne Geste um ihm ein verstecktes “Ich bin gefickt.” zu senden. Er schien zu verstehen, die Fragezeichen in seinem Blick wichen Mitleid. Sie folgten mir bis zum Auto. Dann gingen wir zum Auto des Arztes, die ganze Fahrt über redete ich kein Wort. An meiner Wohnung angekommen stieg er wie selbstverständlich aus und folgte mir die Treppe nach oben. Ich steckte den Schlüssel ins Schloss, sperrte aber noch nicht auf. Zuerst würde ich die Spielregeln klarstellen. “Ich gehe rein, hole einen Sessel, stelle den ins Vorzimmer und dort können Sie meinetwegen sitzenbleiben und mich beobachten. Ist das klar?!” Unmöglich konnte ich ihn ins Wohnzimmer bitten, wo Verpackungen von Süßigkeiten und Spritzen verstreut lagen. Er nickte. Ich schloss die Tür auf, sprintete ins Wohnzimmer, holte einen Sessel und zog dabei die Wohnzimmertür hinter mir zu. Er setzte sich und ich begann mit der Arbeit.

Fortsetzung folgt….

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Falsch verstanden

Es gibt Tage, die sind einfach nur zum Kotzen. Einer dieser Tage war heute. Genaugenommen begann es eigentlich schon gestern, als ich um 5 Uhr morgens aus dem Bett rollte und mich kurze Zeit später mit 2 Betäubungsmittelrezepten auf den Weg zum Bahnhof machte. Aus dem Zug schrieb ich Nadine noch eine SMS: “Für den unwahrscheinlichen Fall, dass du Zeit hast, ich wäre um 08:30 beim Gesundheitsamt, wenn du magst könntest du mir Gesellschaft leisten” . Gut möglich, dass sie vielleicht in die FH musste und sich eine halbe Stunde früher auf den Weg machen könnte, um noch einen Moment im McDoof zu quatschen, andererseits weiß ich dass sie viel um die Ohren hat und es eher unrealistisch ist, dass sie spontan Zeit hat, aber ich mag es zumindest mal versucht haben. Sagt man nicht “Zeit und Lust”? Hört sich doch besser an , fiel mir dann noch ein und ich tippte noch ein “und Lust” hinter das “Zeit”, unwissend, was das für Auswirkungen haben würde…

Diesmal schienen die ganzen doofen Tussen, die mir letztes Mal im Gesundheitsamt das Leben schwer gemacht hatten, ausgeflogen zu sein. Wenigstens was. Und so hielt ich 10 Minuten später meine gestempelten Rezepte schon wieder in den Händen. Einer der wenigen Erfolgsmomente der Woche. Trotz meines körperlichen Verfalls war es mir gelungen, die Substi-Ärztin davon zu überzeugen, dass ein Ausflug in die Apotheke einmal pro Woche genug ist. Auch der Amtsarzt hatte seinen Segen dazu gegeben. Volltreffer! Endlich wieder ein halbwegs normales Leben. Endlich wieder am Samstag nicht rausmüssen, wenn ich nicht möchte, endlich wieder spontan am Wochenende nach Medan fahren können, ohne mir extra dafür Urlaub nehmen zu müssen. Nun hatte ich aber noch verdächtig viel Zeit. Ich hatte ein Sparticket gekauft, diese Tickets sind aber nur für einen bestimmten Zug gültig und der fuhr erst in über einer Stunde. Ein anderer von einem anderen Bahnhof würde schon in 20 Minuten fahren. Nadine hatte sich auch noch nicht gemeldet, wahrscheinlich war sie arbeiten oder schon in der FH.
‘Ob ich es riskieren sollte? Egal, schlimmstenfalls würde ich eben den Aufpreis auf ein reguläres Ticket zahlen. Trotzdem versuchte ich davor, es am Schalter zurückzugeben. “Tut mir leid, das geht nur online.” – “Okay, das dachte ich mir schon. Aber wenn man es auf ein reguläres Ticket für alle Züge upgraden kann, kann ich es dann auch auf ein normales Ticket für Vorteilskarteninhaber upgraden? Weil die Vorteilstickets sind auch hier in den Shops erhältlich, steht auf dem Fahrplan.” – “Das stimmt schon, aber nicht als Upgrade von einem Sparticket. Ich kann es Ihnen zusätzlich verkaufen, Sie haben noch bis 10:00 Zeit das Sparticket online zu stornieren…” – “Das bringt mir nichts, ich habe keinen Laptop oder sowas mit. Dann zahl ich eben im Zug die 11€ mehr” sagte ich und verabschiedete mich.
Gerade als ich in den Zug stieg, vibrierte mein Handy. Nadine rief an. Doch bevor ich noch rangehen konnte, verabschiedete sich der Akku mit einem letzten, empörten “Piiiiiiiiiiiiiiiiep” ins Nirvana. Einen Moment lang überlegte ich, es auf die Gleise fallen zu lassen, entschied mich dann aber dagegen. 2 Handys in nicht mal 3 Monaten zu zerstören zeugt schließlich nicht von einem sonderlich stabilen Nervenkostüm.

Ich war heilfroh, als ich endlich wieder bei meinem Auto war. Zugegeben, der Weg von meinem Auto zum Bahnhof war schon nicht leicht gewesen, da ich ihn aufgrund des starken morgendlichen Verkehrs rennend zurücklegen hatte müssen, aber da war es wenigstens bergab gegangen – bergauf hängte sich die Strecke noch mehr an und mir tat alles weh. Erst spätabends stöpselte ich mein Handy ins Ladegerät, um gegen halb 12 damit ins Bett zu verschwinden. Als ich es einschaltete, wurde ich mit SMS und unbeantworteten Anrufen überflutet. Alle von Nadine. Sie hatte mir eine lange Sprachnachricht hinterlassen. Hätte ich sie mir bloß nicht an diesem Abend noch angehört… doch ich tat es. Was folgte war eine 10-minütige Flut von Vorwürfen. Dass ich ja so täte als hätte sie nie Zeit für mich, und ich stelle mir das ja auch so einfach vor mit den 2 Jobs, die sie aktuell mache, und vielleicht bald noch einen 3., und dass ich ihr das ja auch früher hätte sagen, können dass ich nach Medan komme und nicht erwarten könne, dass sie sich dauernd Zeit nehmen könne, sie hätte schließlich auch noch ein Leben… so ging es noch eine ganze Zeit lang weiter, und als die Nachricht zu Ende war, war ich durch und an Schlaf war nicht mehr zu denken. Offenbar hatte sie die SMS so verstanden, dass ich ihr unterstellen wollte dass sie keine Lust hätte mich zu sehen, dabei hatte ich das “Für den unwahrscheinlichen Fall” nur auf den zeitlichen Aspekt bezogen. Ich schrieb ihr dann noch eine SMS, dass sie da etwas vollkommen falsch verstanden hätte und ich ihr mit der Redewendung in keinster weise unterstellen hatte wollen, dass sie mich nicht sehen möchte oder nie Zeit für mich hat und dass mein Akku leer geworden war. Die Retourkutsche bekam ich dann am Donnerstag am späten Vormittag. Das mit dem Handy hatte sie sich ja gedacht, aber sie habe sich dann extra, obwohl sie krank war und eigentlich lernen hätte müssen, um halb 11 in die U-Bahn gesetzt und war zum Amt gefahren (über 2 Stunden nachdem ich gesagt habe, dass ich dort sein werde? Und wie zum Geier hätte sie mich dort finden wollen, ohne die Möglichkeit mich anzurufen zu können? Keine Ahnung, das sind eben so typische Nadine-Aktionen) und dass sie es einmal erleben möchte, dass ICH mich so bemühe…
Und mir schoss unwillkürlich die Situation in den Kopf, als sie mich mit 12 panisch in der Schule angerufen hatte und mir gesagt hatte, dass sie sich nicht nach Hause traut und ich Schule geschwänzt hatte und mich 2 Stunden in den Bus gesetzt hatte und zu ihr gefahren war. Reiß dich zusammen, solche Stories aufzuwärmen bringt nichts, versuchte ich mir zu sagen und packte das Handy erst mal wieder weg, aber der Tag war natürlich damit gelaufen. Und als ich es dann am Nachmittag nicht mehr aushielt und antworten wollte, verabschiedete sich der Akku schon wieder. Als dann auch noch in der Arbeit ein Problem nach dem anderen auftauchte, hielt ich es um 16:00 nicht mehr aus, verzog mich ins letzte Eck der Dusche in der Damengaderobe und heulte wie ein kleines Mädchen, ich war einfach durch mit der Welt.

Nun muss ich das heute wohl mal mit Nadine klären und sie fragen, wie ich solche Fragen zukünftig formulieren soll, dass sie sie nicht missversteht. Aber davon wird sie sich wahrscheinlich auch wieder angegriffen fühlen (weil das müsse ich doch selbst wissen). Und was sie mir erzählt, wenn ich ihr sage, dass ich mich definitiv nicht dafür verantwortlich fühle dass sie Stunden später auf Gut Glück durch die Weltgeschichte fährt obwohl sie weiß, dass sie mich am Handy nicht erreichen kann, will ich gar nicht wissen. Und genau deswegen würde ich es am liebsten gleich bleiben lassen.