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Die neue Interpretation der Heisenberg´schen Unschärferelation

Ich sitze auf der Parkbank, die mir der Kerl vorhin zugewiesen hat. Auf der Bank neben mir liegt ein junges Mädchen. Ich lese die Autobiographie von Werner Heisenberg, meine Augen fliegen über die Sätze und doch kommt nichts bei mir an, ich bin unglaublich nervös und gleichzeitig überrascht, wie einfach es bisher war. Aus den Augenwinkeln sehe ich den Typen wieder aus dem Gebüsch hervorkommen. “Psssssst!” macht er, ich blicke zu ihm hinüber, er deutet mir, sitzen zu bleiben. Ein zweiter Mann kommt aus dem Gebüsch, zusammen gehen sie auf mich zu.

Und dann geht alles ganz schnell. Reifen drehen auf dem Schotter durch, ein Polizeiauto kommt ums Eck geschossen. Die zwei Männer verschwinden wieder im Gebüsch, die Polizisten im Auto haben natürlich keine Chance. “Na, keine Angst vor den schwarzen Männern?” ruft der eine aus dem Fenster, als sie an uns vorbeifahren. Seine Frage bleibt unbeantwortet. Sie drehen eine Runde im Park und ich überlege, ob ich den Moment nutzen soll um zu flüchten,doch das würde mich nur noch verdächtiger machen. Das Mädchen neben mir macht auch keine Anstalten, das Weite zu suchen. Knirschend hält das Auto neben uns eine Frau und 2 Männer steigen aus. “Guten Tag, haben Sie einen Ausweis dabei?” fragt die Frau, die zwei Männer stehen schräg links und rechts hinter ihr. “Ja, einen Moment” antworte ich und mache mich an meinem Schuhband zu schaffen. Verdammt, wie könnte ich denen logisch erklären, warum ich fast den kompletten Inhalt meiner Geldtasche in meinem Schuh herumtrage? Sie scheint meine Gedanken lesen zu können und fragt: “Sie haben Ihren Ausweis in Ihrem Schuh?!” – “Ja, man weiß ja nie…” antworte ich, erläutere aber nicht genauer, was man nie weiß. Ich blättere durch den Stoß an Karten auf der Suche nach meinem Führerschein.  “Schon in Ordnung, ich such mir den schon raus.” sagt sie, ich reiche ihr den Stapel und sie breitet ihn auf der Bank neben mir aus, bis sie den Führerschein findet. “Sie einen Ausweis dabei?” fragt sie das Mädchen neben mir. “Nein” antwortet sie. Sie seufzt und wendet sich wieder mir zu. “Darf ich in Ihren Rucksack schauen?” fragt sie. “Klar, soll ich ihn ausräumen, oder wollen Sie?”- “Ich mach das schon” antwortet sie. Ich reiche ihr meinen Rucksack und beglückwünsche mich still zu der Idee von letztem Wochenende, ihn mal gründlich auf den Kopf zu stellen und alles rauszunehmen, was nicht unbedingt hineingehört. Die Notizbücher und der Einkauf im Hauptfach interessieren sie herzlich wenig, doch dann zieht sie die Filter aus der kleinen Tasche vorne. “Was ist das?” – “Augentropfenfilter” antworte ich wahrheitsgemäß. Sie gibt mir meinen Rucksack wieder. “Haben Sie irgendetwas in den Hosentaschen, was da nicht hingehört?” fragt sie. Ohne eine weitere Aufforderung breite ich den kompletten Inhalt meiner Hosentaschen vor ihr aus, Handy, Wohnungsschlüssel, Autoschlüssel, 50€ . “Kennen Sie sich?” fragt die Polizisten und schaut zuerst das Mädchen neben mir, dann mich an. Wir schütteln beide den Kopf. “Und warum sitzen Sie hier?” fragt sie mich. “Ich habe mir auf so einem Online-Flohmarkt Schuhe gekauft und mich mit der Besitzerin für 15:15 verabredet, die wohnt gleich dort drüben, aber ich war zu früh da. Da habe ich mich hierher gesetzt und noch etwas gelesen.” –  “Und wo sind die Schuhe?” – “Na die hole ich ja erst in 10 Minuten, um 15:15” sage ich und nenne ihr auch noch die Adresse. “Wohnen Sie hier in der Nähe? Sind Sie öfter hier?” – “Nein, ich wohne in […] ” – “Aha. Wussten Sie, dass der Park hier ein Drogenumschlagplatz ist?” – “Nein, das wusste ich nicht.” Sie wendet sich dem Mädchen zu. “Haben Sie irgendetwas mit, wo Ihr Name oben steht? E-Card oder so?” – “Nein” – “Darf ich mal in Ihren Sachen nachschauen?” Keine Antwort. Sie scheint deutlich weniger kooperativ. Doch schließlich wird die Polizistin fündig. “Ah, Isabella. Wieso hast du gesagt, du hättest keinen Ausweis mit?” – “Hab ich vergessen” – “Hattest du schon mal mit der Polizei zu tun?” – “Kann sein.” Tatsächlich wirkt sie desinteressiert und gelangweilt, als wäre das alles Routine für sie. Mehr finden sie auch bei ihr nicht. Sie machen sich daran, die Umgebung abzusuchen, schauen in den Müll, etc. “Darf ich gehen?” frage ich. “Ja, Sie dürfen gehen.” Und ich gehe meine Schuhe kaufen. Und ignoriere das “Pssssssst.” aus dem Gebüsch.

Heisenberg sagt, dass zwei komplementäre Eigenschaften wie Impuls und Ort eines Teilchens nicht beliebig genau bestimmbar ist, ihr Produkt immer größer sein muss als das Plank´sche Wirkungsquantum. Genauso verhält es sich mit dem Impuls der Dealer und dem Ort der Konsumenten.

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Wieder vereint

Es ist ziemlich genau Punkt 12, als es letzten Sonntag an meiner Tür klingelt. Ein lächeln huscht über mein Gesicht, als ich sie aufreiße, vor mir steht eine strahlende Nadine. Ich breite die Arme aus, drücke sie an mich und vergrabe mein Gesicht in ihren langen, blonden Haaren. Ihr vertrauter Geruch steigt mir in die Nase. Nachdem ich meine Eltern auch begrüßt habe, schlüpfe ich in meine Schuhe und wir gehen hinunter zum Auto. In dem einzigen Restaurant in der Umgebung, in dem es eine vernünftige Auswahl an vegetarischen und veganen Gerichten gibt, habe ich trotz Anruf eine Woche vorher keinen Tisch mehr bekommen, also muss eine Notlösung her. Österreichische Küche ist nun mal alles andere als vegan, deswegen ist meine Wahl auf eine Trattoria gefallen. Da gibt es zumindest auch Salate und einige wenige vegane Nudelgerichte.

Wir bekommen einen schönen Platz mit Blick zum See. Ich habe mir die Speisekarte in den vergangenen Tagen im Internet schon so oft durchgelesen, dass ich sie fast auswendig kann. Obwohl ich noch ordentlich restdicht bin, nehme ich die Spannung wahr, die in der Luft liegt. “Weißt du schon was du willst?” fragt Mama und ich nicke, obwohl ich es eigentlich nicht weiß. Am liebsten würde ich einfach nur einen Tomatensalat essen, wenns sein muss, mit Pizzabrot- doch mir sitzt noch die Erinnerung an die Wochen, Monate ohne Nadine im Nacken. Ich weiß genau, dass das nicht das ist, was sich meine Familie unter einem vernünftigen Mittagessen vorstellt. Nadine bestellt eine Pizza ohne Käse.  Jetzt bin ich also dran. Drauf geschissen, ich versuche guten Willen zu zeigen. Und irgendwie möchte ich ja Nadine auch beweisen, dass ich ja essen kann, wenn ich nicht das Gefühl habe, dazu gezwungen zu werden. “Eine kleine vegetarische Calzone ebenfalls ohne Käse bitte!”

Nach etwas längerer Wartezeit taucht schließlich ein Kellner erst mit den Gerichten meiner Eltern auf, dann mit zweit weiteren Tellern. Meine Schwester bekommt ihre Gemüsepizza ohne Käse, ich meine zusammengeklappte. Misstrauisch beäuge ich die Größe-  das soll klein sein? Auseinandergeklappt ist die sicher genauso groß wie die von Nadine. Allerdings ist das praktische an Pizza, dass man sie sich relativ leicht einpacken lassen und mitnehmen kann. Ich Steche hinein, möchte das erste Stück schneiden, und entgegen quilt mir… Käse. Ich erstarre. “Oh nein, haben die doch Käse reingegeben?” – “Ich fürchte ja…” sage ich und starre angewidert auf die Pizza vor mir. Alles was ich denken kann ist: Hättest du mal lieber den Salat bestellt… Das Leben kann ein Arschloch sein. Mein Vater winkt den Kellner herbei. “Wir hätten die Calzone eigentlich auch ohne Käse bestellt!” Er entschuldigt sich gefühlte 10 Mal und bietet an, eine neue zu machen, doch ich winke ab. “Schon okay…” . Jetzt noch eine halbe Stunde auf die neue Pizza zu warten, würde meinen Stresslevel nur noch mehr steigern, und dann dasitzen und als Einzige essen zu müssen während mir meine ganze Familie zuschaut ist keine schöne Vorstellung. Ob ich dann noch was essen könnte, weiß ich wirklich nicht. Und so versuche ich einfach, nur auf den See hinauszustarren und nicht daran zu denken, dass ich mir gerade Käse hineinschaufel. Und tatsächlich ist dann irgendwann, während meine Familie schon längst fertig ist, alles in mir verschwunden. Nach dem Bezahlen, gehen wir eine Runde um den See, am liebsten würde ich Rennen, meine Anspannung ist grenzwertig. Ich laufe vorneweg, während meine Eltern und Nadine versuchen mir irgendwie hinterherzukommen und ich bekomme ein schlechtes Gewissen. So hat sich Nadine unser erstes Widersehen bestimmt nicht vorgestellt, dass wir kaum ein Wort miteinander reden. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sie schräg hinter mir geht, und ich strecke meine Hand nach hinten aus. Es dauert ein paar Sekunden, bis sie begreift, was ich von ihr will, doch dann spüre ich, wie sie nach meiner Hand greift und mit ein paar großen Schritten zu mir aufschließt. Sie scheint zu verstehen, wie belastend die Situation gerade für mich ist, denn sie fragt nicht nach, als ich sage: “Bitte, Nadine, erzähl mir was. Irgendetwas, laber mich einfach zu”, sondern legt los. Und tatsächlich schafft sie es, mich wegzubringen von den Gedanken an Calzone und Pizza und Fett, sodass es ist wie vor 10 Jahren, als wir Hand in Hand bei Sonntagsausflügen die Wege entlanggehüpft sind.

Und jetzt sollte ich mal ins Bett. Es ist Samstag, 02:37. Ich bin seit Donnerstag, 04:45 wach.

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König der Welt

Als ich nach einer Nacht komplett auf Sendung die 15,5km-Runde in unter 2 Stunden laufe komme ich mir vor wie der König der Welt. Mein Vermieter schaut mich zwar einigermaßen irritiert an, als ich ihm am Rückweg begegene, während er seinen Gastgarten vorbereitet, aber es ist mir egal, total egal. Ich lege mich hin, ich bin dicht, so verdammt dicht, doch ich kann einfach nicht schlafen. Jezt noch trippen, das wär es, doch der Gedanke an den bevorstehenden Arbeitstag lässt mich vernünftig werden.

Die Freitag Nacht verläuft nicht anders. Samsag Abend kann ich schon nicht mehr sagen, wann ich das letzte Mal länger als 5 Stunden geschlafen habe. Ich kann nur sagen, dass es mindestens eine Woche her sein muss. Und es die vergangenen Tage tendentiell eher 4 als 5 waren. Zumindest an denen, an denen ich am nächsten Tag arbeiten musste… ach, eigentlich hab ich keine Ahnung mehr. Doch egal was und wie viel zu konsumierst, irgendwann kriegst du die Quittung.

Ich bekomme sie Samstag Abend. Bussiness as usual, doch noch während ich abdrücke merke ich, dass irgendetwas nicht stimmt. Mit einem Mal stehe ich komplett neben mir. Am Stoff kanns nicht liegen, das ist der gleiche wie die Tage davor auch. Die Stunden danach entfallen weitgehend in meiner Erinnerung. Ich weiß bloß, dass es richtig, richtig weirde Scheiße war. Dass ich Schatten gesehen habe, als wäre jemand neben mir, obwohl da natürlich niemand war. Dass sich die Buchstaben über den Bildschirm bewegt haben, aus meinem Bildschirm bewegt haben. Dass ich mal ein paar Sekunden/Minuten weg war und dann die Maus am Bildschirm nicht mehr gefunden habe. Klar, manchmal steht die so blöd, dass man sie gerade nicht findet, dann fährt man ein paar Mal hin und her und hat sie- nicht ich, ich saß da bestimmt 5 Minuten, fuhr wie eine Bekloppte mit dem Finger über das Mauspad meines Laptops und suchte den gottverdammten Mauszeiger am Bildschirm. Schlafmangel wird irgendwann ganz, ganz übel, glaubt mir das. Was ich sonst so für Filme geschoben habe, habe ich dann gestern und heute erzählt bekommen. Der Großteil davon wird allerdings für immer in den Untiefen meines Unterbewusstseins verborgen bleiben, da mein Geschreibe am Ende schlicht und einfach nicht mehr zu entziffern war, weshalb ich dann mit der Empfehlung, Benzos zu nehmen und mich mal ordentlich auszuschlafen, ins Off verschwand.

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Kreislauf wird überbewertet

Es ist 9:00. Nur 5 Stunden geschlafen, mal wieder. Ich verfluche mich selbst dafür, nicht mehr Benzos genommen zu haben, als ich mich kurz nach 4 nochmal ins Nirvana geschossen habe. Verflucht, ich habe eine ganze Woche lang keine Nacht mehr als 5 Stunden geschlafen. Meistens waren es 4. Wie lange dauert es, bis man durch Schlafmangel den Verstand verliert?

Ich stehe auf und widme mich eine Zeit lang dem Haushaltskram. Als ich 3 Knollen Knoblauch kleinhacke um ihn einzufrieren, fällt mir auf, dass ich zwischendrin immer mal wieder komplett “weg” bin. Ich fühle mich komisch. Egal. Ich beginne, eine kurze Sporthose zu suchen und stelle fest, dass ich ja gar keine habe, die mir passt. Kein Wunder, habe ich doch diese Woche wieder eine Jeans Größe 152 vom “Passt mir nicht”- Stapel auf den “Kann ich aktuell anziehen”-Stapel gelegt. Fail. Was solls, eine kurze Jeans erfüllt den Zweck auch, ist immer noch besser als eine lange Hose bei über 28 Grad Außentemperatur. Pünktlich mit dem 12-Uhr-läuten der Kirchenglocken betrete ich die Straße. Mein Weg führt mich erst mal zum Friedhof am Ortsrand und ab dort beginne ich zu laufen. Schon nach einem Kilometer merke ich, dass ich lange nicht so leichtfüßig unterwegs bin wie letzte Woche, die 15,5km-Runde werde ich auf keinen Fall schaffen. Doch zumindest 10 will ich doch schaffen. Ich habe vielleicht ein Viertel der Strecke zurückgelegt, als ich mit meinem Fuß an etwas hängenbleibe und fast hinfalle. Die Sohle meines rechten Schuhs hat begonnen, sich vom Schuh zu lösen. Verdammt. Zurück will ich nicht, also trenne ich sie vollständig ab, nehme sie in die Hand und laufe einfach weiter. Obwohl ich fast nichts anhabe, wird mir ordentlich warm, bis mir plötzlich 1km vor meinem “Ziel” Gänsehaut über die Arme und den Rücken kriecht. Ich beginne zu frösteln. Noch während ich mich frage, was zur Hölle hier eigentlich los ist, wird mir unglaublich schlecht. Okay, das hatte ich schon ein paar Mal, ich versuche es zu machen wie bisher auch immer: Tief durchatmen, weiterlaufen, an etwas Anderes denken, dann vergeht die Übelkeit wieder.

Doch diesmal ist es anders. Ich schaffe es gerade noch, mich zur Seite zu drehen, ehe sich mein Magen zusammenzieht und sich ein Schwall grün-braune Flüssigkeit ins Gras ergießt. Immer und immer wieder versucht mein Körper Mageninhalt nach draußen zu befördern und ich muss würgen, doch es kommt nichts mehr, wie denn auch, ich habe ja heute bisher nur ein halbes Glas Wasser zu mir genommen. Ich trete einen Schritt zur Seite, lasse mich auf die Knie fallen, schließe die Augen und presse die Stirn ins Gras. Was zur Hölle passiert hier?! Langsam lässt die Übelkeit nach. Ich richte mich vorsichtig wieder auf und schaue mich um. Zum Glück ist weit und breit kein Mensch zu sehen, der etwas mitbekommen hätte können. Ein ekeliger Geschmack macht sich in meinem Mund breit.

Den letzten Kilometer lege ich dann doch lieber gehend zurück…

 

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Nadine

Letzen Montag habe ich es nicht mehr ausgehalten. Im Telefonbuch meines Handys “Sis” gesucht und auf anrufen gedrückt. Irgendwie hoffte ich, dass sie nicht abheben, würde und zeitgleich wünschte ich mir, die Sache endlich aus der Welt zu schaffen. Nach dem dritten Läuten ging sie ran. “Hallo Fliegermädchen.”. Ich versuchte am Klang ihrer Stimme zu erkennen, mit welchen Emotionen sie in dieses Gespräch ging. Wütend klang sie schon mal nicht, wenigstens Etwas. “Hey, ich glaube wir sollten mal reden. Ich weiß ja nicht, wie es dir geht, ob du glücklich mit der aktuellen Situation bist… ich bin es jedenfalls nicht.”  – “Schön, dass du anrufst. Nein, glücklich bin ich auch nicht, aber ich wollte, dass von dir mal was kommt. ”

Tatsächlich war sie überhaupt nicht mehr sauer. Sie wollte einfach, dass ich den ersten Schritt mache. “…das war früher ständig so, immer wenn ich sauer auf dich war hieß es: Komm, hab Verständnis, sie ist halt krank, gib dir doch einen Ruck und geh auf sie zu. Weißt du, irgendwann hab ich da auch einfach keine Lust mehr drauf.” Das konnte ich zwar durchaus nachvollziehen, andererseits war ich aber nie diejenige gewesen, die das von ihr verlangt hatte, sondern unsere Eltern und unsere Oma.

Und wieso meldest du dich gerade jetz?” wollte sie dann wissen. “Ich bin hier halb verrückt geworden in den letzten 2 Wochen. Jedes Mal, wenn ich aufgestanden bin und dein Foto gesehen habe, das bei mir im Schlafzimmer steht…” – “Du hast ein Foto von mir im Schlafzimmer stehen?!” – “Ja, verdammt, du bist der einzige Mensch, von dem ich überhaupt ein Foto in der Wohnung hängen oder stehen habe. Jedes Mal, wenn ich dieses Foto gesehen habe, jedes Mal, wenn ich den Kalender im Wohnzimmer gesehen habe, den du mir zum Geburtstag geschenkt hast, musste ich an dich denken. Wenn ich dich nicht angerufen hätte, hätte ich die Sachen wegräumen müssen, sonst wäre ich irre geworden. Ich habe dich einfach so unglaublich vermisst.” – “Ich habe dich auch vermisst” antwortete sie mit belegter Stimme und ich wusste, dass sie in dem Moment Tränen in den Augen hatte. Damit war das Eis endgültig gebrochen.

Doch eine Sache hat sie noch immer nicht verstanden. “Weiß du, ich wäre auch mal fast in eine Essstörung gerutscht. Ich hatte schon 5 Kilo abgenommen, der Papa ist draufgekommen als ich einmal beim Laufen mit ihm fast zusammengeklappt bin und dann bin ich in Tränen ausgebrochen und habe ihm alles erzählt. Und dann habe ich wieder angefangen normal zu essen, weil ich mir dachte, dass ich meinem Umfeld das doch nicht antun kann, ich habe ihnen zuliebe wieder angefangen zu essen. Deswegen verstehe ich nicht, dass du das nicht einfach auch machen kannst. ” Ich wusste nicht, wie ich ihr das begreiflich machen soll, dass das nichts mit lieben oder nicht lieben zu tun hat, und dass ich auch mit dem Ganzen glücklich sein kann.

Wir wollen uns jetzt bemühen, mehr Kontakt zu haben, wenn möglich täglich schreiben und einmal die Woche telefonieren. Diese Woche ist es gut gelaufen, ich bin gespannt ob das klappt auf Dauer. Vielleicht finden wir ja doch wieder irgendwie zueinander.

Im Rahmen dessen werde ich auch ihr wohl irgendwann da sagen müssen, dass ich Subsanzen konsumiere, wenn ich wirklich eine ehrliche Beziehung zu ihr haben will. Und ich habe Angst, dass sie dann wieder den Kontakt abbricht oder mir indirekt vorwirft, ich würde sie nicht genug lieben.

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Nicht so

Die Nacht war krass.  Bisher war ich der Meinung gewesen: Ich bin nicht abhängig, ich konsumiere ja nicht die ganze Woche durchgehend die gleiche Substanz. Eventuell auftretende Zweifel hatte ich sofort wieder verdrängt. Ach, und was die Art des Konsums anbelangt- was macht das für einen Unterschied, das Zeug bleibt doch das gleiche. “Wenn du die Wahl hast ob du mit einer knackigen Blondine ins Bett steigst oder mit einer hängebusigen Oma wirst du ja auch die Blondine wählen, oder?” war meine Antwort für jeden, der Zweifel an meiner Konsummethode äußerte. Ich verstand nicht, warum das Thema i. v. selbst in Konsumentenkreisen so verpönt war.

Gestern Abend bekam ich eine Nachricht von jemandem, mit dem ich bisher nur oberflächlich zu tun gehabt hatte. “Ich habe gehört du konsumierst jetzt i. v. ?” Innerlich verdrehte ich die Augen. Kurzzeitig überlegte ich, einfach “Nein” zu antworten, um mir die Moralpredigt zu ersparen. Allerdings wusste ich auch, dass das eigentlich eine rhetorische Frage war, weil er es bestimmt von irgendjemandem erfahren hatte. Und schon ging es los. “Bitte lass das sein. Alle, die ich kenne, die damit angefangen haben, sind komplett drauf abgestürzt.” – “Na dann ist das Kind ja bei mir eh schon in den Brunnen gefallen, oder?”. Egal was er sagte, ich hatte immer ein Gegenargument parat.  Doch er ließ nicht locker. Irgendwann, um 3 in der Früh begann mir zu dämmern, dass ich ein gewaltiges Problem hatte. Das merkte auch er. “Okay, du hast jetzt verstanden, dass du dich die ganze Zeit selbst verarscht hast. Sammel jetzt bitte alle Kanülen ein die du noch hast und wirf sie weg. Bitte versprich mir das, Fliegermädchen!” Ich konnte förmlich spüren, wie sich bei der Vorstellung alle Nackenhaare aufstellten. “Ich kann das nicht versprechen, dass ich das nie wieder mache. Das fühlt sich einfach zu gut an.” – “Du sollst nicht versprechen, dass du nie wieder drückst, du sollst mir nur versprechen, dass du jetzt alle Kanülen wegwirfst.” Ich war hin- und hergerissen. “Ich kann doch eine aufheben für heute Abend. Nur ein allerletztes Mal, zum Abschied. Und alle anderen werf ich weg. Weil dieses Wochenende habe ich ja im Prinzip noch gar nicht, gestern hab ich daneben geballert, das zählt also nicht…” schreibe ich und komme mir im gleichen moment unglaublich dumm und hilflos vor. “Du merkst es grade selbst, ne?” kommt zurück. Ja verdammt, und wie ich es merkte. “Mach es dir nicht schwerer, als es schon ist, Fliegermädchen. Du bist so weit gekommen in den letzten Stunden, verarsch dich nicht selbst mit der “nur noch ein letztes Mal”-Nummer, es wird nicht bei dem letzten Mal bleiben, das weißt du selbst, und mit jedem Mal wirds nur noch schwerer. Drück jetzt nicht nochmal was, nimm die restlichen Kanülen und bring sie weg, am besten gleich, sonst überlegst du es dir wieder anders.”

Es ist 5 Uhr morgens, als er mich endlich so weit hat. “Verfluchte Scheiße. Okay, ich machs. Bin mal ein halbe Stunde weg oder so, muss ein Stück fahren, wenn ich die hier im Ort in einen Mistkübel werfe bringt das nichts, die werden nur alle 3 Wochen ausgeleert.” Unterwegs versuche ich einfach zu verdrängen, was ich hier gerade tue. Was solls, ich kann mir ja in der Apotheke wieder Nadeln holen, wenn ich es gar nicht aushalte. Am Spritzenautomaten sogar rund um die Uhr. Und so versenke ich den Karton in einem öffentlichen Mistkübel in einem Ort 10 Autominuten vom Kaff entfernt. Und habe dabei ein De-ja-vu: wie oft habe ich Rasierklingen weggeworfen, nur um Tage oder Wochen später wieder neue zu kaufen…

“Du bist süchtig”, hat er geschrieben. “aber, bitte, tu mir den Gefallen…. nicht so.

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Es ist raus

Einen ganzen Abend lang war ich mit meiner Mutter alleine. Mit keinem Wort hat sie die SMS erwähnt, die sie mir geschickt hat. Am Samstag nach dem Frühstück im Wintergarten möchte sie gerade aufstehen und das Geschirr in die Küche bringen, da rutscht es mir raus. “Wie kommst du eigentlich darauf, dass ich irgendetwas konsumiere?”

Sie stellt die Teller ab und setzt sich wieder. “Naja, ich arbeite in einem medizinischen Beruf, ich weiß wie Leute aussehen, die auf Drogen sind. Deine Pupillen, dein Verhalten… ” So wie ich vermutet hatte. Auch wenn die Senioren bei ihr auf der Arbeit vermutlich keine Junkies sind, hat sie lange genug in einem normalen Krankenhaus gearbeitet um zu wissen, wie solche Leute aussehen. “Ah, das hatte ich mir schon gedacht. Naja, also du hast ja grundsätzlich recht. Ich habe grundsätzlich kein Problem mit dir darüber zu reden, ich wusste nur nicht wie ich von selbst mit dem Thema anfangen soll. Ich kann ja schwer sagen: Ach, du, Mama, was ich dir noch sagen wollte, ich nehme Drogen!” – “Aber was gibt dir das?” – “Naja, das ist von Substanz zu Substanz unterschiedlich. Manche machen wach, man hat Energie ohne Ende, manche bringen einen in einen schwer zu beschreibenden Zustand zwischen schlafen und wach sein, nach manchen habe ich das Gefühl hinterher meinen Verstand in einem Umkreis von 5 Kilometern einsammeln zu müssen.” – “Aber hast du keine Angst, dass du erwischt wirst?” – “Jein. Natürlich möchte ich nicht erwischt werden, aber selbst wenn mal eine Lieferung von mir abgefangen werden würde, hätte ich keine rechtlichen Konsequenzen zu befürchten, weil der Besitz und Konsum nicht strafbar ist. Sie würden zwar wahrscheinlich meine Wohnung auf den Kopf stellen in der Hoffnung, irgendetwas Illegales zu finden, aber da könnten sie lange suchen.” -“Das was mir am meisten Sorgen macht, ist, dass dir etwas passiert. Dass du in dem Zustand in der Wohnung hinfällst und böse auf den Kopf fällst oder so. Als du noch in der anderen Firma gearbeitet hast, war das etwas Anderes, da wusste ich, wenn du einen Tag nicht zur Arbeit erscheinst und die Chefin dich nicht erreichen kann, ruft sie mich an. Aber jetzt… der Betrieb ist so groß, ich weiß nicht wann jemand auf die Idee kommen würde, dass etwas nicht stimmt. Ich weiß nicht, wie lange es dauern würde, bis… naja…” sie braucht nicht weiterzureden. Bis jemand draufkommen würde, dass ich in meiner Wohnung verreckt bin.“Naja, also ganz so ist es ja jetzt auch nicht, ich denke schon dass die spätestens am zweiten Tag die Polizei rufen würden wenn sie mich nicht erreichen können. Aber ich verstehe deine Bedenken und kann dir nur sagen, dass ich vorsichtig bin und versuche, Risiken soweit es geht zu vermeiden. Für mich ist das halt wie für andere fortgehen und etwas trinken am Wochenende.”  “Hast du denn keine Angst dass du abhängig davon wirst?” – “Genau deswegen mache ich es ja nur am Wochenende. Und selbst da lieg ich ja nicht den ganzen Tag komplett zugedröhnt herum, sondern unternehme auch mal etwas oder treffe mich mit Freunden. Und unter der Woche mit der Arbeit ginge das ja auch gar nicht, ich kann ja nicht komplett dicht arbeiten gehen. Ich mache meinen Job so gern, das würde ich nicht aufs Spiel setzen wollen.” Erst als ich das ausspreche, erinnere ich mich daran, dass ich ja auch unter der Woche konsumiere- aber da die Wirkung so subtil ist und ich das als Morgenritual so fix in meinen Alltag integriert habe, ist es so nebensächlichwie für Andere Zähneputzen oder Kaffee trinken. “Würde es dir helfen, wenn du öfter nach Medan kommst?” – “Das hat doch damit nichts zu tun. Außerdem fühle ich mich so unwohl in der Stadt, ich bin einfach kein Stadtmensch.” Um ein Haar wäre mir rausgerutscht, dass ich doch in Medan genauso konsumiere, teilweise sogar mehr als im Kaff. Denn während ich mir in meiner Wohnung abends die volle Dröhnung verpasse, konsumiere ich in Medan den ganzen Tag vor mich hin. Mal hier 20mg, mal da 30mg, gerade so viel, dass ich eine subtile Wirkung spüre, und am Abend, wenn ich weiß dass ich meinen Eltern nicht mehr über den Weg laufe, ein bisschen mehr. Insgesamt komme ich aber trotzdem auf mehr, als wenn ich mich abends einmal voll abschieße und dann vielleicht in den frühen Morgenstunden nochmal nachlege. Aber das Geheimnis, dass sich in dem mit bunten Katzen bedruckten Kulturtäschchen keine Körperpflegeartikel befinden, behalte ich lieber für mich.Vermutlich ist es auch besser so, dass meine Mutter nicht das ganze Ausmaß kennt. Auch wenn sie erstaunlich gefasst wirkt, weiß ich, dass sie sich Sorgen macht. Und ich bin auch froh darüber, dass sie nicht fragt, wie ich konsumiere, denn auch da hätte ich ihr die Wahrheit nicht ins Gesicht sagen können. Auch wenn ich sonst Apothekenrechnungen immer sammel, um sie meiner Mutter, die netterweise den Steuerausgleich für mich macht, zu übergeben, lasse ich die für die Spritzen, Kanülen und Filter lieber im Altpapier verschwinden.

“Du erinnerst mich an Avici” sagt sie plötzlich und ich bin überrascht über den apruten Themenwechsel. “Wieso? Was war mit dem überhaupt? Ich habe nur so am Rande mitbekommen, dass er tot ist” –  “Das weiß man nicht so genau, wahrscheinlich hat er sich umgebracht. Zerbrochen an seiner Genialität… und das erinnert mich irgendwie an dich. Die Art und Weise wie du denkst, was du denkst, wie du die Dinge angehst… das ist etwas ganz Besonderes, du bist sehr viel weiter als Andere in deinem Alter.” – “Aber genau das ist das Problem, weißt du? Ich lebe seit ich klein bin in einer Welt, in die ich nicht gehöre.” – “Das Gefühl hatte ich manchmal auch, als du ein Baby warst. Du hast so viel geschrien… es hat fast 2 Jahre gedauert bis du zum ersten Mal eine Nacht durchgeschlafen hast. Und ich bin einfach nicht draufgekommen, warum du weinst.” sagt sie und schaut nachdenklich hinaus in den Garten. Dieser Fakt ist mir neu, passt aber in meine Theorie, dass ich mich noch nie richtig auf dieser Welt gefühlt habe und das alles vielleicht weniger mit meinen Eltern zu tun hat, als ich immer dachte. “Wahrscheinlich habe ich damals schon gefühlt, dass ich hier nicht hingehöre.” – “Glaubst du man weiß das in dem Alter schon?” – “Wissen und fühlen sind ja zwei ganz verschiedene Dinge. Ich habe es vielleicht nicht gewusst, aber gefühlt dass etwas nicht stimmt. Und Babys fühlen ja, wenn etwas nicht richtig ist, wenn sie Hunger haben oder ihnen kalt ist. ” Das scheint ihr einzuleuchten und wir sitzen ein paar Minuten schweigend da. “Hättest du das eigentlich von dir aus nochmal angesprochen, oder hast du darauf gewartet, dass ich auf dich zukomme und das Thema auf den Tisch bringe?” frage ich dann.  “Nein, nach der SMS war das Thema für mich erledigt und ich habe gewartet, dass du von dir aus damit anfängst. Wenn du nichts gesagt hättest, wäre ich davon ausgegangen, dass du nicht darüber reden möchtest und hätte nicht weiter nachgefragt.” – “Okay, dann habe ich richtig vermutet. Ich wusste halt nicht, wann der richtige Zeitpunkt für so ein Gespräch ist, und hatte gehofft, dass du vielleicht mal fragst, ob ich die SMS bekommen habe und was ich dazu sage oder so. Hast du noch irgendwelche Fragen? Irgendetwas, was du wissen möchtest?” – “Nein, eigentlich nicht. Aber danke, dass du mit mir darüber geredet hast. Aber glaub jetzt auf keinen Fall, dass ich in irgendeiner Art und Weise gutheiße, was du da tust!” – “Ja, schon klar. Aber wenn dir noch irgendetwas einfällt, was du wissen möchtest, kannst du mich gerne auch von dir aus darauf ansprechen” sage ich und stehe auf, um ihr beim Abräumen des Tisches zu helfen.