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Fassade

Mal wieder steht der Betriebsarzt neben mir. “Du kommst doch eigentlich ganz gut klar, mit der Substitution, oder?” – “Eigentlich schon, aber ich bin doch auch schon mehr als 12 Monate im Programm.” – “Am Anfang hattest du noch Sehnsucht nach Spritzen, ist das immer noch so?” Ich lache. “Um Gottes Willen, Nein. Das ist schon so weit weg, dass es sich fast anfühlt, als wäre es nicht mein Leben gewesen.” Ich lüge ihm eiskalt ins Gesicht und habe nicht mal ein schlechtes Gewissen. Doch die Wahrheit ist zu unangenehm. Besonders, weil der Winter kommt, wo der Nadelverbrauch enorm steigt. Normal reicht eine Flasche Mundspülung genausolange wie eine 100er-Packung Nadeln, sodass ich beides zeitgleich in der Online-Apotheke nachbestellen kann. Gestern habe ich die letzten 5 Nadeln aus der Schachtel genommen, aber die Mundspülung ist noch zu einem Viertel voll. Dabei versuche ich doch eh, die Venen mit allen Mitteln an die Oberfläche zu kitzeln- ich mache Liegerstütze, kreise mit den Armen, kuschel mich mit dem heißen kirschkernkissen in die Decke, trinke heißes Wasser… doch manchmal hilft alles nichts. Das sind dann die Tage, wo man nach dem dritten Versuch so verzweifelt und frustriert ist, dass man einfach subkutan danebenknallt.

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Arbeitswahnsinn

In der Arbeit geht es derzeit ziemlich zur Sache. Mein Arbeitskollege liegt seit Dienstag mit einer eitrigen Nebenhöhlenentzündung flach,  mein Chef ist dauernd unterwegs (ergo schmeiße ich die Abteilung mehr oder weniger alleine) und dazu kommt, dass das Werk am anderen Ende der Welt zugesperrt hat und wir dessen Aufträge übernehmen müssen. Das Problem ist allerdings, dass sich dort nie wer darum gekümmert hat, dass eventuelle Stücklistenfehler ausgebessert werden. Was stattdessen zu verwenden ist, wurde per Mund-zu-Mund-Propaganda unter den Mitarbeitern weitergegeben, was uns nur leider nicht viel bringt. Es gibt kaum einen Auftrag, bei dem nicht irgendetwas unklar ist. Eigentlich sollte ich Urlaubstage und Überstunden abbauen, allerdings habe ich die 2 Tage Urlaub, den ich letzte Woche gehabt hätte, verschoben, damit zumindest irgendwer aus der Abteilung anwesend ist, und was die Überstunden betrifft, kratze ich an der Maximalgrenze, die wir Ende 2019 haben dürfen. Bisher hieß es allerdings auch, dass die Firma wegen der Auftragslage die 2 Wochen um Weihnachten bzw. Silvester geschlossen wird, weshalb ich mir über meine Überstunden bisher keine Sorgen gemacht habe, den die würde ich da abbauen können. Das wurde nun aber wieder aufgehoben, unser Chef will, dass zumindest ein Mitarbeiter von uns da ist. Das Problem ist allerdings, dass die einzige, die sich freiwillig für diese Dienste melden würde, ich bin, nur ich bin gleichzeitig die, die am Dringendsten Urlaubstage und Überstunden abbauen muss. Unterm Strich: Die, die arbeiten wollen, sollten nicht, und die, die arbeiten sollten, wollen nicht.

Am Dienstag war ich kurz davor, einfach nach Hause zu gehen. Am Vormittag stand ein Termin auf dem Plan, dem ich schon seit 3 Monaten entgegenfiebere und der schon 4 mal verschoben wurde. Es geht um die systemtechnischen Bestände auf dem Lagerplatz uunserer Abteilung, weil dort alle möglichen Leute Material hinbuchen, aber nicht mehr bereinigen, sodass der Bestand innerhalb von 5 Monaten auf über 120 Positionen angewachsen ist. Das macht regelmäßig enorme Probleme, da das Material dann systemtechnisch als lagernd gilt und nicht automatisch nachbestellt wird. Nun stand aber endlich der Termin an, bei dem mein Arbeitskollege und ich, unser Chef, der Chef der Logistik, der Proektmanager und der Lagerleitstandsbetreuer anwesend sein sollten, da 60% der Positionen von der Logistik umgebucht worden waren. Ich hatte davor mehrere Stunden in eine genaue Auswertung und die Erstellung einer Powerpointpräsentation investiert, aber ich wollte genug Daten und Fakten haben, die ich den Verantwortlichen um die Ohren knallen könnte. Denn das Bereinigen des Lagerplatzes kurz vor der Inventur war bisher immer an meinem Arbeitskollegen oder mir hängen geblieben, was ziemlich ungerecht ist, wenn man bedenkt, dass 90% der Buchungen nicht von uns stammen.

Um 11:00 betrat ich den reservierten Besprechungsraum. Eine halbe Minute später kam mein Arbeitskollege herein. “Du siehst aber nicht gut aus!” sagte ich. “Ich fühl mich auch elendig, aber ich wollte unbedingt bei der Besprechung dabei sein, sonst wär ich schon in der Früh zum Arzt gefahren. Aber glaub mir, sobald das hier vorbei ist, bin ich weg.” In dem Moment stolperte der Leitstandsbetreuer hinein. “Tut mir leid, dass ich zu spät bin” – “Ach, kein Problem, du siehst doch wie wichtig dieses Thema ist” meinte ich mit einem sarkastischen Unterton und deutete auf die nicht besetzten Plätze am Besprechungstisch.

Es wurde 11:05. Noch immer keine Spur von den 3 fehlenden. “[unser Chef] hat gerade eine E-Mail geschrieben und den Termin abgesagt, er hängt noch in einem Skype-Termin fest” ließ uns der Lagerleitstandsbetreuer wissen. Na super. Aber die anderen beiden würden doch noch kommen, das konnte doch nicht sein, dass ihnen das so scheißegal war, dass sie einfach, ohne abzusagen, nicht auftauchen. Es wurde 11:10. “Also ich würde sagen, wenn um Viertel keiner da ist, brechen wir die ganze Sache ab und gehen.” meinte ich. Die anderen beiden stimmten zu. Es wurde 11:15. Ungläubig packte ich meinen Laptop und meine Unterlagen zusammen. Einfach nicht aufzutauchen ohne abzusagen, das hatte ich ihnen wirklich nicht zugetraut. Am liebsten hätte ich einfach die Powerpointpräsentation ausgeschickt mit den Worten: “Bitteschön, das sind die Fakten, und nur dass ihr es wisst, im April müsst ihr euch einen anderen Trottel als [meinen Arbeitskollegen] oder mich suchen, der den Bestand bereinigt, denn wir machen das sicher nicht mehr, wir reden uns die ganze Zeit den Mund fusselig dass das so nicht weitergehen kann, aber keinen interessiert es”. Aber ich wollte nicht, dass sie wussten, wie sehr mich dieses Verhalten verletzt hatte.

Doch das Schicksal sorgte nur einen Tag später bereits für ausgleichende Gerechtigkeit. Ich bekam eine als wichtig markierte E-Mail von der Fertigungssteuerung- man sei auf der Suche nach den 70 Zahnrädern, die auf unserem Lagerplatz liegen, das seien die einzigen, die noch im Haus seien. Ich warf einen Blick auf meine Auswertungsliste vom Vortag und sah, dass diese Zahnräder bereits im Mai von unserem Chef dorthin gebucht worden waren. Mit großer Genugtuung schrieb ich genau das, weshalb sie sich an meinen Chef wandten, der daraufhin wieder mir schrieb, dass die im Wareneingang sein müssten, ich solle dort nachschauen. Ich brauchte nicht mal nachschauen um zu wissen, dass sie dort nicht waren, tat es aber natürlich trotzdem und fragte auch die Mitarbeiter, ob wem 70 Zahnräder untergekommen waren- Fehlanzeige. In der Haut von meinem Chef wollte ich in dem Moment echt nicht stecken, aber so sah er wenigstens mal, dass ich nicht zum Spaß so viel Wirbel um diess Thema mache.

Ich bin gespannt, wie es weitergeht…

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Zu früh gefreut

Nach meiner unbeabsichtigten Fahrerflucht  im Sommer hatte ich ein paar Wochen lang auf die von der Polizei angekündigte Strafe gewartet. Doch nichts war passiert. Ledglich der kaputte Spiegel, den ich mir aus Beweisgründen noch aufgehoben hatte, erinnerte mich immer wieder daran, bis ich ihn vor 2 Wochen dann ebenfalls entsorgte, um die 220€, die mich der Spaß gekostet hatte, zu verdrängen. Obwohl es natürlich  auch schlimmer kommen hätte können, mit Strafe wäre das empfindlich teurer geworden.

Am Sonntag Abend rief mich meine Mutter an. Merkwürdig, wo wir doch am Nachmittag erst telefoniert hatten. “Du, Fliegermädchen, ich muss dir was sagen…” – “Was ist denn?” – “Wir räumen gerade auf, weil nächste Woche [eine Freundin meiner Schwester] 3 Tage bei uns ist. Und da habe ich einen Brief an dich gefunden.” – “Aha, und von wem?”  – “Es stand Land […] drauf, und sah aus wie Werbung, deswegen habe ich ihn aufgemacht”  Da dämmerte es mir. “Achsoooo… das ist bestimmt die Strafe, stimmts?” Ich weiß nicht, was meine Mutter erwartet hatte, aber sie wirkte erleichtert, dass ich relativ gelassen reagierte. “Genau. Nun ist es aber so, der ist wohl wo druntergerutscht und wir haben den übersehen, und der lag da wohl einige Zeit…” Ich ahnte Böses. “Was steht denn für ein Datum und für eine Frist drauf?” – “Das Schreiben ist vom zweiten August. Und du solltest es innerhalb von 2 Wochen einzahlen.” – “Boah, Mama!” entfuhr es mir. Ich war richtig sauer.

Meine Eltern und ihr Chaos. Die ganze unwichtige Post, die Zeitschriften vom Automobilclub, die Handyrechnungen, die automatisch abgebucht werden, legen sie mir doch auch zuverlässig in mein ehemaliges Zimmer oder bringen sie mir mit, wenn sie mich besuchen fahren. Aber dann bekomme ich ausnahmsweise mal wichtige Post- und promt verschwindet  sie unter irgendeinem Papierberg.

“Das ist weil wir uns so selten sehen!” verteidigte sich meine Mutter. Ich musste mir verkneifen, darauf zu antworten. Nein, der Grund für das Chaos in eurer Wohnung ist nicht, dass wir uns so selten sehen.  Seit dem zweiten August war sie zweimal bei mir gewesen und einmal war ich zuhause gewesen. Definitiv genug Möglichkeiten, mir den Brief zu geben. Oder hin und wieder, wenn sie sich nicht sicher war, ob es etwas Wichtiges/Dringendes ist, hat sie mich angerufen und ich habe ihr dann die Erlaubnis gegeben den Brief aufzumachen und sie hat mir gesagt, was drinsteht. Meist war es dann eh nicht so wichtig. Aber wie gesagt, es ist typisch, dass die wichtigen Dinge verschwinden. Ich hasse es einfach, Fristen zu versäumen, ich habe dann immer Angst, dass die Leute, die das mitbekommen, dann schlecht von mir denken. Und dabei kann ich in diesem Fall nicht mal etwas dafür.

Wenigstens haben sie den Brief wiedergefunden, bevor mich die Polizei zur Ersatzhaft abgeholt hat….

450€ macht die Strafe übrigens aus. Fast 700€ hat der Spaß dann also in Summe gekostet.

 

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Haariges Missverständnis

Zugegeben, der Vorfall ist schon ein paar Wochen her und ich habe mir erst eingeredet, dass er nicht wichtig sei. Nur ein Missverständnis, wie s unter Menschen eben manchmal vorkommt. Und ich schäme mich irgendwie dafür, obwohl ich gar nicht genau festmachen kann wieso eigentlich.

Es begann wie immer alles ganz harmlos. Es war Abend, ich hatte mir mit klopfendem Herzen (wegen der Angst, erwischt zu werden) mein abendliches Ritual abgehalten und wollte eigentlich nur noch schnell mein Kirschkernkissen warm machen gehen, bevor ich mich ins Bett verkriechen wollte. Am Weg in die Küche kam ich am Zimmer von meiner Schwester vorbei, die die Tür offen stehen hatte. Sie saß zusammen mit meiner Mutter am Boden und unterhielt sich mit ihr. Ich weiß nicht mehr genau um was es ging, auf alle Fälle lehnte ich mich in den Türrahmen und beteiligte mich am Gespräch. “Setz dich doch zu uns, du musst doch nicht die ganze Zeit stehen!” sagte meine Mama nach ein paar Minuten. “Stimmt eigentlich” antwortete ich und ließ mich am Boden an die offene Zimmertür gelehnt nieder. Nadine stand auf, kletterte in ihr Hochbett und begann wortlos, Polster und Decken herunterzuwerfen. “Was machst denn du da?” wollte ich wissen. “Na damit du nicht am harten Boden sitzen muss und nicht frierst” erklärte sie, während sie wieder herunterkletterte. “Oh danke, das ist lieb von dir” sagte ich, schob mir den Polster unter den Popo und legte mir die Decke um die Schultern.

Wenig später kam mein Vater von seinem Abendspaziergang zurück. Er stellte sich in die Tür,nur ene Armlänge von mir entfernt, sodass ich den Kopf in den Nacken legen musste um ihn ansehen zu können. Irgendwann kam das Thema auf, was meine Eltern vor ihrem Urlaub noch alles erledigen mussten. “Eigentlich sollte ich vorher noch zum Frisör gehen, meine Haare sind schon wieder viel zu lang.” sagte er.

Nur ein paar Stunden zuvor hatte ich meiner Mutter auf ihren Wunsch hin die Spitzen geschnitten. “Bist du sicher?” hatte ich sie mindestens dreimal gefragt. “Bin ich, du machst das schon, es geht nur darum, dass das Kaputte unten weg ist, ich komm da so schwer durch mit der Bürste.”- Nagut, auf eigene Gefahr…” hatte ich schließlich eingewilligt und gute 2cm abgeschnitten.

“Wieso hast du das nicht früer gesagt? Dann hätte ich meinen Haarschneider mitgenommen, den hättest du dir ruhig ausborgen können.” sagte ich. “Ich will doch nicht so aussehen wie du!” meinte er empört. Erst hielt ich die Empörung noch für gspielt und dachte, er spielt nur auf meine Haarlänge der kurzen Seite meines Sidecuts an, die deutlich kürzer ist als seine Haare. “Den Aufsatz kann man verstellen, ich verwende immer die kleinste Einstellung oder gebe ihn ganz runter. Ich hätte dir auch helfen können.” – “So weit kommts noch, dass ich mir von meiner Tochter die Haare schneiden lasse! Wo sind wir denn hier?” Da wurde mir bewusst, dass er das ernst meinte und irgendetwas wohl gewaltig in den falschen Hals bekommen hatte. “War doch nur ein Angebot, weil sich das so angehört hat als hättest du gerne kürzere Haare, hättest aber keine Zeit vor dem Urlaub zum Frisör zu gehen.” versuchte ich ihn zu beschwichtigen. Meine Mutter und meine Schwester schienen von seiner Reaktion ähnlich irritiert und saßen nur stumm da. Er schüttelte nur den Kopf, warf mir vernichtende Blicke zu und sagte: “Absurd ist sowas, einfach absurd…” Danach herrschte peinliches Schweigen, das durch das Piepsen der Waschmaschine unterbrochen wurde. Erleichtert, einen Grund zu haben die Situation unauffällig auflösen zu können rief meine Mutter: “Endlich, die Wäsche ist fertig, die häng ich noch schnell auf und dann geh ich ins Bett”, rappelte sich auf und ging ins Badezimmer. Mein Vater verschwand Richtung Wohnzimmer, ich warf meiner Schwester ihre Bettwäsche zurück ins Bett und machte mir mein Kirschkernkissen endlich warm. Ich war verwirrt. Wieso nahm mich diese Situation wieder so mit? War es die mittlerweile ungewohnte Position gewesen, dass ich zu ihm aufschauen musste, die mich an früher erinnerte? Auf alle Fälle waren es genau diese unvorhersehbaren Situationen, die als Kind immer am Schlimmsten für mich waren. Wenn ich zu spät nach Hause kam, konnte ich mir vorher ausmalen, dass er an die Decke gehen würde. Wenn ich eine schlechte Note nach Hause brachte, konnte ich mir vorstellen, dass er an Decke gehen würde. Aber wenn man einem anderen Menschen anbietet,ihm zu helfen, ist so eine Reaktion so ziemlich das Letzte, das man erwartet. Genau das war eben das Zermürbende, selbst wenn man dachte, etwas Richtig zu machen, konnte es falsch sein, und wenn ich mir dann sicher war einen Fehler gemacht zu haben und schon den Kopf einzog und mich auf das Schlimmste gefasst machte, passierte manchmal auch einfach gar nichts.

Eigentlich hatte ich den Vorfall vergessen wollen. Immerhin bin ich erwachsen, wenn er mein Angebot ausschlägt, soll er doch machen was er will. Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht, ob er sich in seiner Ehre gekränkt gefühlt hat oder was auch immer- wenn er mir das nicht direkt sagt, damit ich weiß mit welchen Formulierungen in welchem Zusammenhang  ich aufpassen muss, kann ich ihm auch nicht helfen. Das ist das, was mich an meiner Familie so nervt. So etwas wird dann nicht aufgearbeitet, es redet keiner drüber und sagt: “Hey, bei mir ist das so und so angekommen und hat mich an das und das erinnert, war vielleicht etwas überzogen, wie ich da reagiert habe”. Nein, sowas wird und wurde schon immer unter den Teppich gekehrt. Alle sind froh, dass die Situation vorbei ist, peinlich berührt wenn man nur daran denkt und bloß nicht drüber reden, am Besten einfach wieder zur Tagesordnung übergehen.

Vielleicht liegt es auch an mir, es mal anders zu machen. Immerhin bin ich erwachsen. Wenn ich darauf warte, dass meine Eltern mal was Anders machen, da kann ich lang drauf warten. Vielleicht liegt es an mir, beim nächsten Medanbesuch das Gespräch zu suchen und zu sagen: “Mich wurmt das, ich versteh die Reaktion nicht, erkläre mir das bitte!!”. Ob ich den Mut dazu haben werde… ich weiß nicht. Ich glaube nicht.

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Ziel verfehlt

Bald bin ich ein ahr im Programm. Inwiefern hat das meine Lage verbessert? Ich habe nie Straftaten begangen, um mir Drogen zu besorgen, wenn man davon absieht, dass das Besorgen von Drogen ansich eine Straftat dastellt. Ich war immer in der Lage, meinen konsum durch meine Arbeit zu finanzieren. Es ging nicht darum, mich von der Straße wegzubringen oder so, denn ich habe immer in meinen vier Wänden gelebt. Es ging auch nie darum, mich vor Erkrankungen wie Hepatitis oder AIDS zu schützen, ich kannte nie wen persönlich, der intravenös Drogen konsumiert, mit wem hätte ich Spritzbesteck teilen sollen? Beschützen hatte man mich also eigentlich nur vor den gesundheitlichen Folgen von den diversen Streckmitteln müssen, auch wenn ich immer auf Qualität geachtet habe und lieber einen höheren Preis für einen höheren Reinheitsgrad gezahlt habe.

Substitution ist eine Gratwanderung. Man muss es den Leuten so angenehm machen, dass sie die Ruhe der Apotheke der Hektik auf der Straße und der Angst vor dem Erwischtwerden vorziehen und gleichzeitig so unbequem, dass sie sich irgendwann denken: “Scheiß drauf, es ist eh nicht dasselbe wie früher, ich lass mich runterdosieren, dann hab ich wenigstens meine Freiheit wieder”. Natürlich wäre es (m)ein Traum, sich, wie es schon in manchen Versuchsreihen gemacht wurde, unter Aufsicht reines Diamorphin spritzen zu dürfen. Allerdings dürfte wohl auch klar sein, dass die Motivation und der Antrieb, irgendwann wieder damit aufzuhören und aus der Substitution rauszukommen, in dem Fall gegen 0 geht.

Bei mir ist das ganze irgendwie klar am Ziel vorbeigegangen. Anstatt mit Streckmitteln ruiniere ich meine Gefäße nun mit Tablettenfüllstoffen, kann aber nicht mal sagen “Hey, Leute, das funktioniert so bei mir nicht, ich schade mir mehr als vorher!”, weil es zum Einen keine bessere Alternative gibt und ich zum Anderen damit riskieren würde, ganz aus dem Programm zu fliegen.  Natürlich habe ich auch schon mit dem Gedanken gespielt es mal mit Methadon zu versuchen, weil das doch deutlich dichter machen soll und dem wattigen Gefühl, das ich so vermisse, deutlich näher kommt,  aber das intravenös zu konsumieren, wenn es oral nicht den gewünschten Effekt bringt, ist glaube ich fast noch schädlicher. Und dazu gesellt sich dann noch die Gewichtszunahme als mögliche Nebenwirkung und wie ich mich kenne, würde ich zu den “Auserwählten” gehöre, die sich darüber “freuen” dürfen.

Nein, da lasse ich lieber alles wie es ist. Auch wenn das wieder Lügen und Heimlichtuerei bedeutet und ich vermutlich, wenn ich nicht vorher an etwas anderem Verreckt bin, mit 40 an einem Herzinfarkt oder Schlaganfall sterben werde, weil meine Gefäße aussehen wie komplett verkalkte Wasserrohre.

Irgendwie am Ziel vorbei…

 

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die falschen Tipps

Heute in der Substitutionsambulanz. “Wie sieht es aus, Frau Fliegermädchen? Sollten wir nicht mal wieder Blut abnehmen und die Elektrolyte untersuchen lassen?” fragt die Substitutonsärztin. Ich schaue sie skeptisch an. “Und wenn irgendwas nicht passt, werde ich dann wieder eingebuchtet?” – “Nein, ich weiß doch mittlerweile dass Sie kooperativ sind. Aber wenn Sie möchten, können Sie auch zu Ihrem Hausarzt gehen. Ich dachte nur, wenn Sie ohnehin schon da sind können wir das auch gleich machen, dann sparen Sie sich einen Weg.” Ich überlege kurz. So, wie mir die Arzthelferin bei meinem Hausarzt letztes Mal in meinem Arm herumgestochen hat, hatte ich vorerst eigentlich mal genug vom Blutabnehmen. Andererseits, wenn einer Übung hat, zerstochenen Venen noch ein wenig Blut zu entlocken, dann wohl sie. Vermutlich hat sie schon ganz anderen Leuten Blut abgenommen als mir. Also krämpel ich den rechten Ärmel hoch, beglückwünsche mich still, die letzten Tage immer den linken Arm benutzt zu haben, und sage: “Sie können mal schauen, ob sie was finden… die Arzthelferin bei meinem Hausarzt hat letztens ewig in mir herumgestochert. Und dann auch noch gefragt ob das wehtut. Neiiiin, es gibt nichts Schöneres um richtig wach zu werden….” Sie lacht und holt ihre Utensilien. “Na, da ist doch schon eine.” sagt sie, nachdem sie das Stauband angelegt hat. “Das ist zwar eine Rollvene, wenn die einmal weg ist, findet man die so schnell nicht mehr, aber die erwische ich schon.” Ich schaue weg, immer noch, auch wenn ich schon hunderte Male, in denen ich es selbst gemacht habe, genau in dem Moment hinschauen musste. Ich habe kein Problem hinzusehen, wenn die Nadel dann drin ist und das Blut fließt, aber den Moment des Stechens möchte ich nicht sehen. Wenn sie eine vernarbte Stelle erwischt, tut das schon ohne Hinschauen weh genug. Es piekt kurz und ich atme schon mal innerlich auf weil es nicht wehtut, dann ruft sie: “Ha! Getroffen!”. Ich schaue hinunter auf meinen Arm und sehe das Blut in das Röhrchen strömen. “Boah, ich wusste gar nicht, dass ich noch so gute Venen habe! Letztes Mal war das nur ein dünnes Rinnsal…” – “Die Vene ist echt gut, die können Sie sich merken!” sagt sie.

Moment mal. WAS hat sie da gerade gesagt?! 😀

Vermutlich meinte sie nur, ich solle mir die Vene merken um den nächsten, der es versucht, darauf hinweisen zu können, wo etwas zu holen ist. Aber einem (Ex)-IV-konsumenten zu sagen, wo er noch gute Venen hat, ist wie einem Alkoholiker zu sagen, wo der Schlüssel zum Weinkeller versteckt ist…

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“Zwangs-Urlaub”

So, nun habe ich also gute 1,5 Wochen mehr oder weniger unfreiwilligen Urlaub hinter mir und nochmal doppelt so viel bis Weihnachten vor mir. Nach seiner Rückkehr aus dem Urlaub hatte mein Chef kurzfristig eine Besprechung einberufen- “Abbau von Urlaubstagen und Überstunden”. Da ahnte ich schon Böses und so war es dann tatsächlich auch. Ich war die Zweite im Ranking der Mitarbeiter mit den meisten Urlaubstagen und Überstunden (obwohl der Überstundenstand der vor dem Urlaub meines Chefs war, in den 3 Wochen waren nochmal 15 Stunden dazugekommen…), vor mir war nur ein Mitarbeiter, der bereits seit 15 jahren beim Unternehmen ist und so deutlich mehr Zeit hatte, die Urlaubtage aufzubauen. Grund für die Besprechung war eine Anweisung der Geschäftsführung, dass zum Abschluss des Geschäftsjahres maximal 20 Urlaubtage (bzw. der aliquote Wert, wenn der Einstieg in die Firma nicht dem Beginn des Geschäftsjahres entspricht) vorhanden sein dürfen. “Ich hab dir doch schon die ganze Zeit gesagt, nehm dir mal Urlaub…” sagte er zu mir, als wir den Besprechungsraum verließen. Ich biss mir auf die Zunge um nicht die Situation ausgraben zu müssen, die einen Monat davor stattgefunden hatte, als ich nach Medan fahren hatte müssen um das Rezept vidieren zu lassen und ihn gefragt hatte ob ich mir dann gleich den ganzen Tag Urlaub nehmen soll oder nur Zeitausgleich bis Mittag und dann wieder in die Firma kommen soll und er geantwortet hatte: “Wenns geht schau dass du am Nachmittag da bist, es ist so viel zu tun…” Natürlich hatte er nicht gesagt: “Nein, du bekommst nicht den ganzen Tag frei” aber ich bin dann halt auch nicht so egoistisch und denke mir: “Nein, mir scheißegal, ich nehm mir Urlaub” wenn er mich schon darum bittet es nicht zu tun. Und wenn schon ein ganzer Tag zu viel ist, werde ich mir doch erst recht keine ganze Woche nehmen, wenn ich sowieso nichts vorhabe und es mir lieber ist den strukturierten Ablauf eines Arbeitstages zu leben. Ich habe auch nicht das Gefühl, dass mich die Arbeit so auslaugt oder anstrengt, dass ich mich davon erholen müsste.

Nun führte aber kein Weg daran vorbei mal ein paar Urlaubstage zu verballern, und so war ich nun 1,5 Wochen zuhause. Die Zeit habe ich hauptsächlich für Haushaltskram genützt: Zeug ins Altstoffzentrum bringen, Staubsaugen, Auto aussaugen, das Treppenhaus putzen (was der Vollpfosten von Nachbar unter mir schon 3 Tage später wieder zunichte machte, indem er wie schon so oft auf dem Weg vom Geschäftslokal hoch in sein Büro kaffee verschüttete und den Tag darauf denselben Weg mit komplett dreckigen Schuhen zurücklegte und so eine Spur aus getrocknetem Matsch zurückließ, die im Profil seiner Schuhe gesteckt hatte), kurzum, langweilig wurde mir nicht. Zudem sind meine Fellmonster wohl etwas verfrüht im Fellwechsel, mit dem Fell, dass ich denen in 2 Sessions herausbürstete, hätte ich locker ein kleines Stofftierchen füllen können. Undfassbar, dass die danach überhaupt noch welches hatten. Außerdem kam ich endlich dazu, mir ein neues altes Handy zu besorgen, das gleiche Modell, das ich letztes jahr hatte, und nächsten Montag, wenn ich in Medan bin, werde ich beim Türken meines Vertrauens fragen, ob er das Display von dem in mein altes Handy einbauen kann- ich möchte einfach nicht damit leben, dass all meine Telefonnummern weg sind. Auch wenn ich somit gut beschäftigt war und selten an die Arbeit dachte, konnte es mir nicht verkneifen, gelegentlich am Diensthandy meine E-Mails zu checken und ein paar wenige zu beantworten. So bin ich zumindest seelisch mal darauf vorbereitet, was mich morgen erwartet.

Heute komme ich irgendwie überhaupt nicht in die Gänge. Obwohl ich um halb 8 wach war, hab ich mich bis 11 am Sofa rumgewälzt, unfähig aufzustehen oder richtig weiterzuschlafen. Selbst die ganze Palette an Zaubermittelchen, die dem Zustand Abhilfe verschaffen sollten, brachte nichts. Nachdem ich Löwenzahn für die Fellmonster geholt hatte und Haare gewaschen hatte fühlte ich mich zumindest so lebendig, dass ich das zweite Mal diese Woche staubsaugen konnte (Fellwechsel…), aber mittlerweile habe ich schon wieder das Gefühl im sitzen einzuschlafen. Einfach Bäh.