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Time to say goodbye…

Die Entscheidung war mir absolut nicht leicht gefallen. Man legt nicht alle Tage das Todesdatum für ein Lebewesen fest. Doch es hatte sich abgezeichnet, dass es keinen Sinn mehr machte, ich konnte fast nicht mehr hinschauen wenn er sich abmühte auf die Beine zu kommen und eins ums andere Mal wieder umfiel und hilflos im Kreis robbte. Mama hatte sofort angeboten, dabei zu sein. Ich hatte lange überlegt, weil ich es hasse, vor anderen Menschen zu weinen. Und dass Tränen fließen würden, war klar. Schließlich entschied ich mich doch dafür, denn da ich wollte, dass er bei meinen Eltern im Garten begraben wird hätte ich sie sowieso sehen müssen, und sei es nur kurz auf einer Autobahnraststätte um ihr die sterblichen Überreste zu übergeben. Ich hatte ihn die letzten Tage so richtig verwöhnt, hatte die Nacht durchgemacht um ihn im Arm zu halten, und pünktlich um 8:30 klingelte meine Mutter mit einem Schuhkarton unterm Arm. Nach der Begrüßung öffnete sie ihn und breitete einige verschieden gemusterte Stofftücher aus. “Ich habe ein paar Tücher mitgebracht, magst du dir eines aussuchen wo wir ihn dann einwickeln wollen?” Das reichte, um in Tränen auszubrechen. “Bist du sicher, dass du mitkommen willst? Ich kann auch alleine mit ihm fahren.” bot sie mir an. Natürlich wäre das der einfachere Weg gewesen, aber das wollte ich nicht. Er sollte in meinen Armen einschlafen dürfen. Nichtsahnend lag der da, die beiden Mädels schleckten ihm die Ohren ab, genauso ahnungslos, dass das das letzte Mal sein würde. Ich setzte ihn in die Transportbox und wir machten uns auf den Weg. An der Tür zur Tierklinik blitzte uns erst mal ein Schild entgegen: “Nur eine Person pro Tier”. “Das gilt nur für den Behandlungsraum, aber wir haben hinten noch einen extra Raum, da können Sie dann zu zweit zu ihm” klärte uns die Ärztin auf. Also schickte ich meine Mutter hinein. Es folgte ein kurzes Gespräch, viel zu klären schien es nicht mehr zu geben, nur 3 Minuten später öffnete sich hinten eine Türe und ich huschte hinein. Es war eine Art Durchgangsraum zum Kellerabgang mit gefliestem Boden, in dem ein paar wenige Sessel standen. Ich setzte mich zu meiner
‘Mutter und sie stellte mir die Transportbox auf den Schoß. “Er hat jetzt eine Spritze bekommen und in 10-15 Minuten schläft er ein. Und dann, wenn er nix mehr mitkriegt, bekommt er nochmal eine und dann bleibt das Herz stehen.” erklärte sie mir. Ich hatte mir ausgemalt, dass spätestens das der Moment sein würde, in dem ich mich heulend auf dem Boden kringeln würde- doch ich war erstaunlich ruhig und gefasst. Ich kraulte ihn zwischen den Ohren und beobachtete wie sich der Brustkorb hob und senkte. Nach ein paar Minuten begann er komische, grunzende Laute von sich zu geben, auf die ich mir nicht so richtig einen Reim machen konnte. Die Zeit verging unglaublich zäh, gefühlt war eine halbe Stunde vergangen, bis der Tierarzt wieder zur Tür hereinkam und ihn mitnahm in den Nebenraum. Wenige Minuten später holte er uns mit in den Raum. Am Behandlungstisch stand die Transportbox, mit einem Hasen, der sich gar nicht mehr bewegte und die Augen weit geöffnet hatte. “Es kann sein, dass er in der nächsten Stunde noch ein paar Mal zuckt, das sind dann aber nur die Nerven. Das Herz schlägt ganz sicher nicht mehr” ließ er uns wissen. Als wir hinaustraten in den Warteraum, hatte sich da bereits eine große Ansammlung an Tierbesitzern gebildet. So gut es ging versuchte ich mein verheultes Gesicht zu verbergen.”Eigentlich bräuchte man für solche Fälle einen geheimen Hinterausgang, denn für die Wartenden ist es auch nicht gerade erbauend, wenn jemand sein totes Tier durchs Wartezimmer trägt” dachte ich mir. Zuhause angekommen wollte ich auch den beiden anderen die Möglichkeit geben, sich zu verabschieden. “Uahh… pass auf, schnell, wir brauchen irgendwas zum Drunterhalten!” rief meine Mutter und fummelte hektisch das alte Handtuch aus der Transportbox. Ich sah an mir herunter und entdeckte den Pipisee, der sich zu meinen Füßen gebildet hatte. “Oh… er läuft aus.” stellte ich kichernd fest. Während meine Mutter das Missgeschick beseitigte, legte ich den schlaffen Kaninchenkörper ins Gehege. Neugierig kamen die beiden angehoppelt. Es zeriss mir fast das Herz, als sie ihn anstupsten, aber keine Reaktion bekamen. Minutenlang schleckten sie ihn von oben bis unten ab- dann war das Thema für sie erledigt und sie widmeten sich anderen Sachen.
‘Ich holte ihn wieder heraus und trug ihn ins Badezimmer, wo ich ihn untenrum sauber machte – das hatte er in letzter Zeit nicht mehr selbst geschafft- und ihn nochmal ausgiebig bürstete. Es war ein überaus friedlicher Moment und ich war mehr erleichtert, dass er es nun hinter sich hatte und ich ihm nicht mehr jeden Tag zusehen musste wie er sich quälte, als dass ich traurig war. Ich versuchte, seine Augen zu schließen, so wie man es immer in den Filmen sieht, aber das funktionierte nicht, sie gingen immer wieder auf und starrten mit leerem Blick an die Badezimmerdecke. Nachdem er meiner Meinung nach schön genug für seine letzte Reise war, wickelte ich ihn in das Tuch, das ich zuvor ausgesucht hatte, vergrub noch ein letztes Mal mein Gesicht in seinem weichen Fell und legte ihn in den Schuhkarton.
‘Und weil Mama schon mal da war, kümmerten wir uns auch noch um die Krallen der beiden Anderen und wir entfernten den komplett vollgepinkelten Teppich und tauschten ihn gegen einen neuen.
‘Am frühen Nachmittag machte sich meine Mutter dann auf den Heimweg. “Kann ich dich wirklich alleine lassen?” fragte sie prüfend. “Ja klar. Alles in Allem war es eigentlich nicht so schlimm wie ich befürchtet hatte.”

Das alles ist fast 2 Wochen her.Er fehlt mir, natürlich fehlt er mir. Aber es ist okay. Das Leben muss weitergehen.

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Ab wann ein Leben nicht mehr lebenswert ist

“Ich kann ihnen anbieten, ihm eine Spritze mit einem Schmerzmittel zu geben, vielleicht wird es dadurch besser. Falls nicht, würde ich Ihnen raten, ihn einschläfern zu lassen. Er kann seine natürlichen Bedürfnisse gar nicht mehr ausleben, und auf Dauer ist das einfach nur Quälerei für ein Tier.” Auch wenn ich es irgendwie schon befürchtet hatte, ziehen mir die Worte der Tierärztin den Boden unter den Füßen weg. Ich weiß gar nicht mehr, wann ich zuletzt so viel geweint habe wie die letzten 2 Wochen. Und ich habe es noch nicht über mich gebracht, diese letzte Entscheidung für ihn zu treffen. Denn er wirkt absolut nicht so, als ob er schon gehen wollen würde. Er ist alles andere als ein altersschwacher Hase, der nur mehr lethargisch im Eck liegt. Er frisst wie ein Scheunendrescher, er kuschelt mit seinen Mädels, er zerlegt mit Begeisterung den Weidentunnel. Ich habe einfach das Gefühl, ich würde ihn umbringen, wenn ich ihn einschläfern lassen würde. Das einzige Problem ist, dass er seine Hinterläufe nicht mehr richtig bewegen kann und nur mehr vorwärts robbt. Das führt dazu, dass er nicht mehr in den käfig springen kann um sein Geschäft dort zu erledigen. Ich habe aufgehört zu zählen, wie viele Pfützen ich im letzten Monat vom Teppich gewischt habe. Die letzten Tage bin ich dazu übergegangen, ihn alle 4 Stunden in den käfig zu setzen, damit er sein Schwänzchen heben kann. Auch nachts. Mit Schlaf ist sowieso nicht mehr viel los aktuell. Die Nacht von Montag auf Dienstag habe ich durchgemacht, weil ich das ganz ungute Gefühl hatte, dass es bald zu Ende geht mit ihm. Bin die halbe Nacht am Boden gesessen mit ihm auf dem Schoß und hab ihn gestreichelt.

Ich weiß nicht, wie lange ich das noch kann, ich gehe am Zahnfleisch.

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Reißleine oder nicht?

Ich bin haarscharf davor, die berufliche Reißleine zu ziehen. Ein Grund, warum ich in den letzten Wochen nicht geschrieben habe, war, dass ich nach der Areit erledigt war. Aufgrund massiver Qualitätsprobleme müssen wir nun alle fertigen Aufträge überprüfen. Wir tun also den lieben langen Tag nichts, als in gebückter Haltung über Montagewagen zu stehen und Antriebe zu prüfen und die gefunden Fehler zu protokollieren. Wie wir dabei unsere eigentliche Arbeit erledigen sollen, interessiert natürlich keinen. Die Zusammenarbeit mit unserem Chef ist, sagen wir mal anstrengend. Als er mir noch ein paar dringende Tätigkeiten auftrug und ich von ihm wissen wollte, was davon ich zuerst erledigen sollte, durfte ich mich anmaulen lassen, dass ich lernen müsse mich selst zu organisieren (Woher soll ich denn wissen wann er die Dinge braucht?) . Den Vogel schoss er aber am Mittwoch ab. Mein Arbeitskollege war vertretungshalber in die Führungskräftebesprechung geschickt worden und kam stinksauer wieder: “Ich glaubs nicht!! Da machen wir eh schon unter der Woche Überstunden ohne Ende und nun sollen wir auch noch am Samstag kommen!” Insofern waren wir also schon vorbereitet auf das was kommen würde. Auf die Art und Weise allerdings nicht. Wir saßen am Schreibtisch , als wir hörten: “Hey, wie schauts bei euch aus mit Samstag?”. kein “Bitte”, kein “Danke” für die Überstunden, die wir in den letzten Wochen schon gemacht haben, keine Erklärung wieso.

Um es Abzukürzen: wir haben alle 4 Nein gesagt. “Das merk ich mir” hatte unser Chef gesagt und war beleidigt abgezogen.

Ich weiß nicht wie lang ich mir den Irrsinn noch geben will.

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Verschlafene Weihnachten

Die Erleichterung ist groß, dass ich die schwierigste Zeit im Jahr hinter mir habe. Vielleicht hätte es auch schon zur Stimmung beigetragen, wenn ich die Nacht von 23. auf 24. nicht durchgemacht hätte. Im Wochenendhaus angekommen bereitete Mama gerade das Abendessen vor und nachdem ich ihr ein wenig unter die Arme gegriffen hatte, rollte ich mich am Sofa unter der Decke zusammen und schlief erst mal, bis es Essen gab. Nach dem Handy-lastigen Weihnachten letztes Jahr hatte ich eigentlich vorschlagen wollen, dass alle ihre Handys ausschalten, oder zumindest in den Flugmodus stellen, wenn man sie zum Fotografieren benutzen will- doch meine Mutter war mir erstaunlicherweise damit bereits zuvorgekommen. Die Feierlichkeiten gingen gemütlich über die Bühne. Das Highlight war wie immer das Auspacken der Geschenke meiner Mutter, die sie von ihren Mitarbeitern in der Arbeit bekommen hatte. Offenbar dürfte sie eine sehr beliebte Chefin sein- der Geschenkeberg war ungefähr so groß wie der von mir und meiner Schwester zusammen. Gegen 23:00 verkündete ich, Zähneputzen zu gehen. Natürlich ging es nicht nur ums Zähneputzen. Doch ausgerechnet an diesem Abend war einfach der Wurm drin. Obwohl mir nicht kalt war, war einfach nichts zu treffen. Umso öfter ich es versuchte, umso nervöser wurde ich natürlich auch, denn mittlerweile waren schon über 20 Minuten vergangen und langsam würde es meiner Familie komisch vorkommen, dass ich so lange weg war. Nach einer gefühlten Ewigkeit gelang es endlich. Netterweise fragte niemand nach, warum ich so lange weg gewesen war. In den letzten Jahren hatten Nadine und ich noch
ein wenig um Dunkeln geredet, doch diesmal waren wir beide so erledigt, dass wir sofort einschliefen.

Als ich aufwachte, lag Nadine nicht mehr neben mir. Mein unterer Rücken schmerzte höllisch und ich fühlte mich generell unwohl. Kurze Zeit später kam meine Mutter herein um das Frühstück vorzubereiten. Nachdem sich alle um den Tisch versammelt hatten, wollte ich mich dazusetzen- ganz schlechte Idee. Als ich mich aufsetzte, begann sich die Welt um mich zu drehen wie ein Karussel und mir war übel wie schon lange nicht mehr. Erst nach einer halben Stunde fühlte ich mich in der Lage, zum Tisch zu wanken und eine halbe Scheibe Knäckebrot und ein paar Tomaten runterzuwürgen in der Hoffnung, das würde meinen Kreislauf in Ordnung bringen. Diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht.
‘Ich konnte nur tatenlos zusehen, wie meine Familie meine Sachen für mich zusammenpackte, das Bett wieder in ein Sofa zurückverwandelte, während es mich schon alle Kraft kostete, mich umzuziehen. “Bist du sicher dass du fahren kannst?” fragte Mama besorgt. Auch wenn ich nicht sicher war, nickte ich. “Das geht schon, ich brauche euch ja nur nachfahren…” Nadine begleitete mich und erzählte mir unterwegs von ihrem Kampf mit einer Airline, das Geld für ein storniertes Ticket zurückzubekommen. Zuhause angekommen war es Mittag, und ich beschloss mich kurz hinzulegen- vielleicht würde mein Kreislauf dann mit mir aufstehen. Als ich aufwachte, dämmerte es draußen bereits. Verdammt, wie lange hatte ich geschlafen? Ich tappte ins Wohnzimmer und traf dort auf Papa, der ein Buch las. “Mama ist Blumen kaufen gefahren für Oma morgen. Wir haben schon gegessen, Mama war eh dreimal hinten bei dir, aber du hast so tief und fest geschlafen, da wollten wir dich nicht wecken. Aber wir haben dir was mitbestellt, den Reis den du immer isst und so ein Gemüse, steht drüben am Tisch” informierte er mich. Drüben am Esstisch wartete tatsächlich eine Portion chinesischer gebratener Reis mit Gemüse ohne Ei und gebratenes Gemüse. Den Reis kannte ich schon, aber das Gemüse war neu für mich- und zum Eingraben. Ich war echt haarscharf davor, mir eine zweite Portion- wenn man bei meinen Mengen überhaupt von Portion sprechen kann- zu nehmen, aber dann kam Mama schon zurück und wir verbrachten den restlichen Abend mit verschiedenen Spielen. Vor dem Schlafen wollte ich noch für etwas Entspannung sorgen- doch wenn am Vortag der Wurm dringewesen war, waren an diesem Abend mindestens 5 Würmer drin. 2 Fünferstreifen Nadeln hatte ich mir in die Reisetasche geworfen und drei einzelne waren noch drin gewesen- nachdem ich einen ganzen Streifen am wahrsten Sinne des Wortes “verballert” hatte machte ich erst Mal eine halbe Stunde Pause, denn umso mehr Versuche man schon hinter sich hat, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit dass der nächste erfolgreich ist, weil das Gewebe rund um die Fehlversuche anschwillt. Danach ging ich dazu über, auch wenn ich so etwas normalerweise nicht mache, eine Nadel für zwei Versuche zu benutzen aus Angst, dass sie mir sonst ausgehen würden. Der 9. Versuch war ich endlich erfolgreich- ich hatte schon fast nicht mehr daran geglaubt…

Am nächsten Tag fuhren wir wieder zu Oma. “Richtet ihr unfreundliche Grüße von mir aus!” sagte Papa zum Abschied, wie immer. Mama verdreht die Augen, wie immer.” Papa!” sagt Nadine vorwurfsvoll, wie immer. “Na was kann ich denn dafür, wenn sie mich nicht sehen will!” entgegnet er, wie immer. Ich weiß nicht, warum er das Thema immer und immer wieder aufs Tablett bringen muss. Es ist, als würde er indirekt sagen: “Wenn ihr schon unbedingt fahren müsst- dann habt gefälligst zumindest ein schlechtes Gewissen mir gegenüber!” Ich frage mich, ob er nur einmal darüber nachgedacht hat, wie ich mich dabei fühle, wo ich doch quasi der Auslöser dafür war. Unter den Umständen war ich froh, nach dem Oma-Besuch zurück ins kaff zu meinen 3 Fellmonstern fahren zu können…

Im Nachhinein schäme ich mich. Ich weiß genau, dass sich meine Eltern sicher Sorgen gemacht haben, als ichh am 25. so fertig war. Dabei will ich doch eigentlich, dass sie sich möglichst wenige Sorgen machen. Aber das ist wohl gründlich in die Hose gegangen.

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happy (?) new year

Silvester habe ich zum ersten Mal in meinem Leben alleine verbracht. Genau deswegen war es vielleicht das schönste Silvester seit langem. Seit geraumer Zeit hat es mich immer von neuem deprimiert wie sehr sich alle an diesemTag freuen und wie wenig ich mich freuen kann- dieses Problem hatte ich dieses Mal nicht. Den Abend habe ich verbracht wie Jeden anderen auch, der einzige Unterschied war dass ich kurz vor Mitternacht losgefahren bin Richtung Flugplatz, da der auf einer kleinen Anhöhe liegt, und mir von dort aus das Feuerwerk angeschaut habe.

Nadine hatte, anstatt Freundinnen einzuladen, auf eine Skype-Silvesterparty umgestellt. Lediglich unsere Eltern konnten es sich nicht verkneifen, ein befreundetes Ehepaar einzuladen. “Aber A. [die Frau] und ich werden doch eh laufend in der Arbeit getestet, und Papa hat auch Antikörper!” argumentierte Mama, als ich einen Tag später mit ihr telefonierte. Ich verzichtete auf eine Moralpredigt bezüglich der Tatsache, dass ein Test nur eine Momentaufnahme ist und Nadine sicher alles andere als begeistert wäre, zwei Wochen vor ihrer Bachelorarbeitsabgabe von Corona außer Gefecht gesetzt zu werden.

Da soll noch einer sagen, dass es nur die Jugend ist, die unvernünftig ist…

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Welcome home

Der Donnerstag beginnt um 5:00 morgens mit packen und Auto ausräumen. Mama hatte mich gewarnt, dass Nadine 3 Gepäckstücke mitbringen würde. Da ich über die Größe nichts näheres wusste, räumte ich zur Sicherheit alles aus, was ich nicht unbedingt benötigte. Pünktlich um 7 war Abfahrt. Die Autobahnen waren trotz morgendlicher Stoßzeit erstaunlich leer. Als ich gerade in Medan von der Autobahn abgefahren war, bekam ich eine SMS von Mama. “Mein Chef hat gerade angerufen. Bin positiv.”

Auch wenn ich es schon geahnt hatte, hatte ich doch gehofft, dass sich das Ganze als normale Grippe entpuppen würde. Da mir klar war, dass mein Vater nun “mitgefangen” war, fragte ich, ob sie irgendwelche Lebensmittel benötigten, was sie aber dankend verneinte. Dennoch blieb ich kurz beim Supermarkt stehen und besorgte einen Bund Suppengrün. Vermutlich würde Mama nur Tee trinken und Suppe löffeln aber wenn, dann zumindest richtige Suppe mit Vitaminen und nicht aus diesen gruseligen Brühwürfeln. Doch für das Abliefern bei meinen Eltern blieb keine Zeit mehr, ich musste weiter zum Flughafen.

Schon so lange war ich an diesem für mich so bedeutsamen Tag, dem 29.10., nicht mehr am Flughafen gewesen. Deswegen freute ich mich doppelt, als ich auf der Bundesstraße dem Flughafen entgegenfuhr. Doch anders als sonst stiegen nicht vor meinen Augen die Flieger im Minutentakt in den Himmel. Es war so wenig Verkehr wie sonst nur nachts. Im Parkhaus fand ich bereits in der zweiten Etage einen freien Platz, früher hatte ich oft in die 5. fahren müssen. Das Willkommensplakat für meine Schwester klemmte ich mir zusammengerollt unter den Arm und machte mich auf den Weg in die Ankunftshalle. Nadine wartete schon, ihr Flieger war wohl früher gelandet. Während ich auf sie zuging, entrollte ich das Plakat. Sekunden später hatte ich eine schluchzende Nadine im Arm. Den emotionalen Ausbruch konnte ich ihr nicht verübeln; das Nachhausekommen nach fast 9 Monaten im Ausland hatte sie sich wohl auch anders vorgestellt. Als sie im Februar abgereist war, war noch alles in Ordnung gewesen; da hatten sie sogar noch viele für verrückt erklärt nach Südkorea zu fliegen, “dort wo das Virus ist”. Und nun kam sie wieder, kein großes Empfangskomittee am Flughafen, Mama mit Corona zuhause und die erste Nacht im eigenen Bett würde wohl noch 2 Wochen dauern. Sie tat mir unglaublich leid in dem Moment und gleichzeitig war ich froh, dass wenigstens ich für sie da sein konnte. So oft war ich in Momenten, wo sie mich gebraucht hätte, nicht dagewesen; doch diesmal war ich da.

Endlich hatten wir ihr Gepäck ins Auto verfrachtet und nun war zu klären, in welcher Reihenfolge wir weiter vorgehen würden. Wir mussten auf die Post, ich wollte Mama noch den Kürbis vor die Tür legen, Nadine brauchte für die Zeit, die sie nicht zuhause sein würde, einen temporären Internetanschluss und außerdem musste sie nachfragen, wie lange die Reparatur ihres Laptops dauern würde. Ich hatte schon eine Idee, in welcher Reihenfolge ich das alles abarbeiten wollte, um dabei möglichst wenig unnötige Wege zu machen. Nadine hatte jedoch andere Pläne. Ich wollte schon fast anfangen zu diskutieren, da musste ich mich wieder daran erinnern, sie als erwachsenen Menschen zu sehen, der eigene Entscheidungen treffen möchte und nicht als Kind, dem ich meinen Willen überstülpen kann. Und nach so langer Zeit, war ich froh, überhaupt Zeit mit ihr verbringen zu dürfen, und da war es eigentlich egal wo. “Du bist jetzt der Chef, du sagst an wo es hingeht, ich fahre. Einverstanden?” Sie schaute mich mit großen Augen an. “Okay, wenn du das sagst…dann möchte ich bitte gerne zuerst zur Post, damit ich den Schlüssel möglichst schnell los bin.” Während wir über die Autobahn bretterten, erzählte sie mir, warum sie den Schlüssel zu der Dienstwohnung, in der sie gelebt hatte, überhaupt noch hatte.

Ihre Kollegen hatten sie am letzten Abend mit einer Abschiedsfeier überrascht. Um 2 war sie wieder zurück gewesen und hatte schnell den letzten Rest zusammengepackt. Danach hatte sie die Müdigkeit übermannt und sie hatte sich eigentlich nur kurz hinsetzen und ein paar Minuten dösen wollen- dabei war sie tief und fest eingeschlafen. Punkt 4 war die Kollegin, die angeboten hatte sie zum Flughafen zu bringen, vor der Wohnung gestanden und hatte verzweifelt versucht, sie durch Hämmern gegen die Tür und unzählige Anrufe versucht, sie wachzubekommen. Erst 40 Minuten nach der geplanten Abfahrt war Nadine wach geworden und hatte in der Hektik des Aufbruchs komplett vergessen, den Schlüssel wie vereinbart in den Postkasten zu werfen. Nur der Tatsache, dass die Kollegin am Weg zum Flughafen sämtliche Geschwindigkeitsbeschränkungen konsequent ignoriert hatte, war es zu verdanken, dass sie den Flug nicht verpasst hatte. Eine typische Nadine-Aktion eben.

Nachdem wir den Schlüssel zur Post gebracht hatten, fuhren wir noch bei unseren Eltern vorbei. Auch wenn ich Mama nur aus mehreren Metern Entfernung sah, musste ich sorgenvoll feststellen, wie krank sie aussah. Auch unserem Vater, den wir draußen kurz sahen als er am Weg zum Corona-Test war, stand die Sorge ins Gesicht geschrieben, er sah gefühlte 5 Jahre älter aus. Als wir wieder im Auto saßen, brauchte ich Nadine nurz kurz in die Augen zu sehen und wusste sofort wohin sie wollte. “Und jetzt zu Oma?” sie nickte. Ich kämpfte mich also durch den städtischen Nachmittagsverkehr. Auch wenn Oma nicht viel Zeit gehabt hatte, sich auf unser Kommen vorzubereiten, packte sie das volle Verwöhnprogramm aus. Schon vor der Tür roch es verführerisch, und 15 Minuten später saßen wir vor einer leckeren Gemüsereispfanne. Kaum war die – deutlich leerer- in der Küche, folgten selbstgebrannte Mandeln und selbstgemachte Apfelchips. Erst war ich skeptisch, denn aus dem Supermarkt hatte ich die als labbrige Lappen un Erinnerung, die nach nichts schmeckten, aber diese waren knusprig, süß und schmeckten intensiv nach Apfel. Danach schlief Nadine fast am Tisch sitzend ein. Oma merkte das sofort. “Leg dich doch hin, Nadine!” – “Ja, aber wir müssen doch noch das Internet kaufen fahren…” – “Das können wir doch auch später machen” mischte ich mich ein.
Und so wurde Nadine ins Bett verfrachtet und ich blieb mit Oma alleine zurück. Doch auch mir fielen die Augen zu. Oma fackelte nicht lang, packte mich aufs Sofa und das letzte, woran ich mich erinnern konnte, war, dass sie eine flauschige Decke über mich legte.

Ich wurde erst wach, als es draußen bereits dämmerte. “Guten Morgen” sagte Oma. Verschlafen rieb ich mir die Augen. “Denkst du wir sollen Nadine wecken?” wollte sie von mir wissen. “Ja, wäre sicher besser, der Laden wo sie hinwill sperrt um 18:00 zu und wer weiß wie lang wir brauchen im Feierabendverkehr”. Nadine saß senkrecht im Bett als sie realisierte wie spät es war. “Hoffentlich schaff ich es noch rechtzeitig, ich muss ja dreimal umsteigen…” – “Nix mit umsteigen, ich hab doch gesagt, ich bring dich mit dem Auto rüber.” entgegnete ich. Wann hatten wir zuletzt so viel Zeit miteinander verbracht, wie an diesem Tag? Das wollte ich nach der langen Zeit auf alle Fälle ausnutzen, dafür warf ich mich sogar in dein Medaner Feierabendverkehr. Nachdem wir beim türkischen Elektronikshop unseres Vertrauen Ersatzteile für Nadine´s Laptop bestellt und unlimitiertes, 30 Tage nutzbares Internet gekauft hatten und unsere Eltern ein letztes Mal gefragt hatten, ob sie mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt waren, fuhren wir zurück zu Oma. Wir waren gerade 5 Minuten unterwegs gewesen, da leuchtete auf meinem Armaturenbrett plötzlich eine Warnleuchte auf. Na toll, auch das noch. Dabei war ich doch vor 2 Wochen erst beim Service gewesen. Nach 200m kam eine Tankstelle, dort fuhr ich ran. Nadine sah mich fragend an. Ich deutete auf das Warnsymbol. “Da leuchtet etwas, was normalerweise nicht leuchtet. Das ist nicht gut.” – “Und was machen wir jetzt?” – “Nachschauen, was das bedeutet. Im Handschuhfach müsste die Betriebsanleitung sein, kannst du mir die bitte geben?” Wirklich hilfreich war das allerdings nicht, denn von einem Fehler in der Motorelektronik bis zu Problemen im Abgassystem war so ziemlich alles möglich. Daher beschloss ich, die 24- Stunden- Notrufnummer von meiner Werkstatt zu nutzen- “zögern Sie nicht, uns anzurufen, wir sind immer für Sie da!” hatte die Chefin noch gesagt. Na, dann wollen wir mal sehen. Tatsächlich ging wer ran- und 5 Minuten später gab es Entwarnung. Ich durfte erst mal weiterfahren, sollte aber am nächsten Tag vorbeikommen um den Fehlerspeicher auszulesen.

Bei Oma angekommen brachten Nadine und ich das Internet zum Laufen, da sie unbedingt noch an ihrer Bachelorarbeit arbeiten wollte. Diese Zeit nutzte ich um im Bad zu verschwinden und zu tun, wonach die Sucht verlangt. Himmel, wann hatte ich zuletzt bei Oma übernachtet? Das musste mindestens 13 Jahre her sein. Und so hatte ich komplett verdrängt, dass die Badezimmertür so verzogen war, dass sie sich nicht mehr schließen ließ- geschweige denn ABschließen. Oh verdammt. Schon alleine bei der Vorstellung, meine Oma oder meine Schwester würden mich dabei erwischen, bekam ich Gänsehaut. Ich schickte ein Stoßgebet zum Himmel, sie mögen meine Privatsphäre wahren und sich nicht über meinen doch etwas längeren Aufenthalt im Badezimmer und das häufige Nutzen des Wasserhahns wundern, und machte mich an die Arbeit. Ich war heilfroh, als ich trotz Nervosität auf Anhieb traf und ich kurz darauf die verdächtigen Utensilien in meiner Reisetasche verschwinden lassen konnte.

Ziemlich bald danach ging ich ins Bett, sonst wäre ich wohl am Sofa eingeschlafen. Dass Nadine 30 Minuten später folgte, bekam ich schon gar nicht mehr mit.

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…und plötzlich ist es so nah

Eigentlich wollten wir morgen meine Schwester vom Flughafen abholen, nachdem sie nun seit Februar im Ausland war. Also Mama, Papa und ich.

Doch daraus wird nichts. Bei meiner Mutter in der Arbeit sind letzte Woche erste Coronafälle entdeckt worden. Seit gestern Abend liegt Mama selbst mit Fieber im Bett. Sie hat zwar einen Test gemacht, aber das Ergebnis ist noch nicht da. Und verständlicherweise möchte sie auf keinen Fall, dass meine Schwester und ich nach Hause kommen solange sie kein Testergebnis hat. Reicht schon, dass sich mein Vater sicherheitshalber in Eigenquarantäne begeben hat.

Also werde ich morgen um 5 aufstehen, Sachen packen, Auto ausräumen, 2 Stunden nach Medan fahren und meinen Eltern Lebensmittel vor die Tür stellen, eine halbe Stunde zum Flughafen fahren und Nadine aufsammeln, mit Nadine 1 Stunde zu unserer Oma fahren, bei der wir netterweise übernachten dürfen. Danach bin ich hoffentlich so kaputt, dass ich trotz der chaotischen Situation schlafen kann. Wie ich das mit dem Spritzen mache… ich weiß es nicht, echt nicht. Das ist in Medan, wo ich einen Raum für mich habe, schon kompliziert genug, und bei Oma bleibt nur so zu tun als würde ich duschen und es heimlich im Bad zu machen.

Scheiß Corona. Ich mach mir verdammt Sorgen, meine Mutter ist über 50… zwar noch nicht im Risikoalter, aber trotzdem. Ungut.

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Auftrieb

Der gestrige Nachmittag hat mir nach der eher unschönen Woche mal einwenig Auftrieb gegeben- im wahrsten Sinne des Wortes.

Es begann schon mal am Montag damit, dass sich herausstellte, dass es Corona nun auch zu uns in die Firma geschafft hatte. Ein Mitarbeiter, der am Freitag noch dagewesen war, war positiv getestet worden. Das bedeutete: alle, die sich an dem Tag und dieser Schicht ebenfalls in der Montagehalle aufgehalten hatten, ab zum Corona-Test. Obwohl ich mir zu 99% sicher war, dass ich negativ sein würde weil sich meine sozialen kontakte quasi auf 0 beschränken, waren es doch unangenehme 2 Tage, bis das Ergebnis endlich da war. Bis dahin wurden allerdings die Sicherheitsmaßnahmen verschärft. Waren Masken bisher nur bei Unterschreitung des Mindestabstands vorgeschrieben, so wurde nun in der Montagehalle eine generelle Masken- und Handschuhpflicht eingeführt. Versuch mal in Handschuhen am Computer eine E-Mail zu schreiben… ich glaube so oft wie diese Woche habe ich mein Passwort noch nie falsch eingegeben. Das Unfaire war allerdings, dass selbiges für die Mitarbeiter oben in den Büros nicht galt. Die mussten nur eine Maske tragen, wenn sie auf den Gängen unterwegs waren oder in die Halle gehen wollten. Scheinbar ist unsere Geschäftsführung der Ansicht, dass die Infektionsgefahr mit zunehmender Entfernung von der Erdoberfläche abnimmt.

Zudem hieß es, dass, obwohl wir so viele Aufträge haben, dass im Oktober an allen Samstagen montiert wird und wir sogar Aufträge an andere Werke abgeben mussten weil wir das einfach nicht mehr bewältigen können, meine Abteilung weiterhin 80% arbeiten soll. Dabei hängt unser Arbeitsaufwand direkt davon ab, was aus der Montage daherkommt. Wenn mehr montiert wird, haben wir auch mehr Arbeit. Nachdem ich schon aufgehört habe, die Entscheidungen, die da oben getroffen werden, zu hinterfragen, habe ich es einfach mal so hingenommen. Am Donnerstag, also am 1.10. erzählte mir mein kollege, als ich von der Mittagspause kam, dass der Chef gerade dagewesen sei, und uns mitgeteilt habe, wir sollten nun doch 100% arbeiten. Ich weiß nicht, ob es 3 oder 5 Tage sind, die solche Änderungen im Voraus angekündigt werden müssen, ich weiß nur, dass es keine Stunden sind. Mich kotzt dieses ganze hin und her schon so dermaßen an.

Daher war ich froh, dass ich mir Freitag und Montag Urlaub genommen hatte. Mit einem Fluglehrer vom Flugplatz hatte ich vereinbart, dass wir eine Runde fliegen würden. Zumindest einmal pro Saison möchte ich schon in die Luft um es nicht komplett zu verlernen. Für den Fall, dass ich irgendwann wieder die kurve kriege und ein normales Leben führe. Im Reservierungssystem sah ich, dass der Motorsegler gesperrt war- wie ich später erfuhr, hatte es eine sehr unsanfte Landung gegeben. Mit sehr unsanft meine ich: So unsanft, dass ein Fahrwerksbein so verbogen worden war, dass der Propeller versucht hatte, es zu schreddern. So blieb also nur mehr eines der Motorflugzeuge. Mit diesem Flugzeugtyp bin ich allerdings zuletzt bei der Scheinverlängerung geflogen. Aber nicht bei der letzten, sondern bei der vorletzten, das war 2017. Dementsprechend hilflos sah ich ihn an, als wir im Flieger saßen. Die einzelnen Schritte und Punkte der Checks musste er mir alle ansagen, der Flieger ist einfach komplexer als ein Motorsegler. Aber schließlich gab ich Gas und wir waren in der Luft. Bei der ersten Platzrunde half mir der Fluglehrer noch ein bisschen bei den Landevorbereitungen auf die Sprünge. Aufsetzen, durchstarten. Als wir wieder die Platzrundenhöhe erreicht hatten, ließ er mich wissen: “Die Landung hast du ganz alleine gemacht, ich hatte die Arme die ganze Zeit verschränkt. Ich bin nur beim Durchstarten einmal kurz ins Seitenruder gestiegen. Darauf musst du achten, wenn du wieder Gas gibst will er dir durch das Propellermoment nach links abhauen. Aber sonst hast alles du gemacht. Gleich nochmal?” Angespornt durch den Erfolg willigte ich ein. Bei der zweiten Landung machte ich die ganzen Vorbereitungen schon selbstständig und unaufgefordert zum richtigen Zeitpunkt, alles ging schon wieder wie automatisch. Danach flogen wir noch ein wenig ins Alpenvorland, bis es uns aufgrund der Fönwetterlage zu ungemütlich wurde. Bei der letzten Landung war ich über dem Feld vor der Piste etwas zu langsam, also gab ich nochmal Gas und schwebte schön Richtung Schwelle. Auch diese Landung gelang und wir rollten wieder aufs Vorfeld. Beim Flieger putzen erzählte ich dem Fluglehrer, dass ich eigentlich schon überlegt hatte, ob ich den Schein überhaupt noch verlängern lassen sollte. Er war ein wenig fassungslos. “Waaaas? Ernsthaft?! Überleg dir das nochmal. Gerade bei dir… ich meine, selbst wenn du die notwendigen Stunden nicht hast und eine Prüfung fliegen musst, die schaffst du doch locker! Wir sind gerade mal 3 Platzrunden geflogen und du hast das alles schon wieder so drin, dass du ohne weiteres auf der Stelle eine Prüfung fliegen könntest. Es gibt Leute, die plagen sich wirklich, die brauchen Stunden bis sie da wieder reinkommen, aber du hast einfach das Gefühl und die Ruhe dafür. So wie gerade bei der letzten Landung, als du zu langsam geworden bist, da merkt man einfach, dass du das Fliegen total intuitiv machst.”

Okay, vielleicht überleg ich es mir wirklich nochmal…

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freier Fall

Da ich bisher nicht die Gelegenheit gehabt hatte, zumindest einen Teil meines Urlaubsgeldes auszugeben, sah ich nun den richtigen Zeitpunkt gekommen für eine Aktion, die sich schon länger immer wieder in mein Bwusstsein gedrängt hatte. Wer weiß, wie lange mein körper dieses Spiel mit dem Feuer noch mitmacht…dieser Punkt stand ziemlich weit oben auf der Liste, die ich noch getan haben möchte, bevor ich sterbe.

So machte ich mich auf den Weg zu einem nahegelegenen Flugplatz. Was mit dem Flieger gerade mal 20 Minuten dauert, dauerte auf der Straße knapp 45 Minuten. Auf dem Flugplatz war ich schon zweimal gewesen, doch das Zelt vor dem Gebäude war mir neu. Offenbar hatte man Coronabedingt den Wartebereich nach draußen verlagert. An einem Stehtisch stand ein Typ vor einem Laptop. “Bin ich hier richtig bei den Fallschirmspringern?” fragte ich ihn. “Goldrichtig. Für wann hast du denn einen Sprung gebucht?” Ich nannte ihm die Uhrzeit. “Sehr gut, dann füll bitte schon mal das Formular hier aus” sagte er und drückte mir einen Zettel in die Hand. Nach den üblichen persönlichen Angaben war erst mal eine Liste aufgeführt mit Dingen, die man zu melden hatte. “Psychische oder seelische Defekte innerhalb der letzten 10 jahre sind dem Tandemmaster mitzuteilen”. Seriously? Wenn ich das alles aufzähle, was in den letzten 10 jahren alles war, da reichen die 20 Minuten Steigflug nicht aus. Ich entschied mich für die Variante: “Was er nicht weiß, macht ihn nicht heiß.”

Während ich schrieb wurde gerade eine Frau in meinem Alter und eine deutlich ältere, eventuell ihre Mutter, in Gurte gesteckt. Während die Mutter die Ruhe weg hatte, war die Frau in meinem Alter das reinste Nervenbündel. “Was passiert, wenn der Pilot bewusstlos wird?” “Was passiert, wenn der, der mit mir springt, bewusstlos wird?” “Was ist, wenn ich während dem Sprung kotzen muss?” “Wie viele machen im letzten Moment doch noch einen Rückzieher?” wollte sie wissen. Auch wenn der Typ auf alle Fragen beruhigende Antworten geben konnte, war ich froh, nicht gemeinsam mit ihr im Flieger zu sitzen, sie hätte es bestimmt geschafft mich mit ihrer Nervosität anzustecken. Schließlich wurden die beiden aber abgeholt und zum Flieger gebracht und der Fallschirmspringertyp widmete sich mir und einem Mann um die 30, der einen sehr ruhigen, zurückhaltenden Eindruck machte. Das war mir wesentlich lieber als die Labertante von vorhin. Wir wurden nacheinander in Gurte gesteckt und dann gabs eine kurze Einweisung. “Wenn die Tür aufgeht, haltet euch bitte nirgendwo im Flieger fest, nehmt die Hände einfach da an den Gurt und legt den kopf in den Nacken. Die Burschen richten euch schon so wie sie euch brauchen. Wenn ihr dann draußen seid aus dem Flieger macht ihr ein Hohlkreuz und schaut auf den Horizont. Nach ein paar Sekunden klopfen euch die Burschen dann auf die Schulter, dann streckt ihr die Arme leicht angewinkelt nach oben. Beim Landen nehmt bitte die Beine nach oben und versucht nicht mitzulaufen oder so, ihr landet am Hintern, das ist ganz normal. Ach, und wenn ihr das Gefühl habt im freien Fall keine Luft mehr zu bekommen, einfach laut schreien, dann geht das Atmen ganz von alleine.” Auch nach dieser Einweisung war ich noch nicht nervös, das ganze hatte irgendetwas Unrealistisches. Schließlich wurden auch wir von den “Tandemmastern” abgeholt. Aus der Cessna waren alle Sitze bis auf den Pilotensitz entfernt worden. Stattdessen war der Boden mit weichen Matten ausgelegt. Die anderen beiden stiegen zuerst ein, danach setzte ich mich auf den Boden und mein Tandemmaster hinter mich. Es war ziemlich kuschelig da drinnen- aber die beiden erfahrenen Fallschirmspringer strahlten so eine Ruhe und Selbstverständlichkeit aus, dass es trotzdem nicht unangenehm war, einem Fremden so nahe zu sein. Der Start war relativ ungewohnt- normalerweise bin ich es gewohnt, im Flieger angeschnallt zu sein, diesmal war ich das nicht und merkte, wie sehr man da eigentlich durchgeschüttelt wird. Nach dem Start kam eine erste Welle der Nervosität über mich. Scheiße, nun gibts kein zurück mehr. Denn wir saßen an der Tür, wenn wir nicht sprangen, würden die anderen auch nicht springen können. Zum Glück ließ die Nervosität nach, umso höher wir stiegen. Das gleichmäßige Brummen des Motors beruhigte. Gesprochen wurde nicht viel, denn man musste fast schreien um einander zu verstehen. Gerade, als ich so richtig entspannt war, kam wie auf ein geheimes Zeichen hin Leben in die beiden Tandemmaster. “Setz dich auf meine Beine” rief mir meiner von hinten ins Ohr. Ich tat es und er begann, sich mich regelrecht an den Bauch zu binden. Dann zog er mich ein Stück nach vorne, sodass ich nun direkt vor der Tür saß. Dann öffnete er die Tür und ich ließ wie besprochen meine Beine aus dem Flugzeug baumeln, klammerte mich mit den Händen an meinen Schultergurten fest und visierte die Hinterkante der eingefahrenen Landeklappe an. Das nächste, woran ich mich erinnere ist, dass die Landeklappe plötzlich verschwand und ich das Gefühl hatte, wir würden uns vorwärts überschlagen. Erstaunlich schnell stabilisierte sich der Fall aber und die Luft schlug mir nur mehr als kompakte, kalte Wand ins Gesicht. Auf das Schulterklopfen hin streckte ich die Hände aus und versuchte verzweifelt, einen vernünftigen Weg zum Atmen zu finden, denn die Luft fuhr mir mit einer solchen Geschwindigkeit in den Mund, dass weder ausatmen noch schreien irgendwie durchführbar erschien. Erst als ich auf die Idee kam es durch die Nase zu versuchen hatte ich erfolg. Doch ein paar Sekunden später war es auch schon vorbei. “Sanftes Abbremsen von 200 auf 0km/h” hatte im Internet gestanden. Von wegen, es fühlte sich an als würde ich am Schlawittchen gepackt und nach oben gerissen. Dann war es ziemlich ruhig. “Ach du Scheiße” war alles, was ich im ersten Moment herausbrachte. Der Tandemmaster hinter mir lachte. “Nicht erschrecken, ich machs dir mal ein wenig bequemer” und mit einem Ruck hing ich 10cm weiter unten. “Ach, ich fands auch vorhin gar nicht so unbequem.” Ich genoss das Bergpanorama und beglückwünschte mich zu der Entscheidung, diesen Flugplatz ausgewählt zu haben- es hätte noch 2 nähere gegeben, aber eben deutlich weiter im Flachland.

Das einzige, wovor ich noch Schiss hatte, war die Landung. “Sitzfleisch” ist bei mir eher Mangelware und so fürchtete ich um die Unversehrtheit meines Steißbeins. Doch zum Glück setzte mein Tandemmaster zuerst auf und federte so den Großteil der Energie ab. “Du kannst schon mal über den Parkplatz zurückgehen, ich pack noch den Schirm zusammen” sagte er und ich machte mich auf den Weg.

Was für ein Erlebnis… abends war ich so kaputt wie schon lange nicht mehr, das muss man erst mal verarbeiten.

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nächtlicher Horror

Seit der Termin in der Substitutionsambulanz näher rückt, schiebe ich immer größere Panik. Corona sei Dank musste ich seit Monaten nicht mehr persönlich hin, ein Anruf genügte und ich bekam Rezepte für 3 Monate, die direkt an meine Apotheke geschickt wurden. Und wir wissen doch alle, wie das mit Ängsten ist: Um so weniger man sich den Situationen, die einem Angst machen, stellt bzw. stellen muss, umso größer wird die Angst. In meinem kopf geht es hin und her. Was ist, wenn sie auf die Idee kommt, mich in Unterwäsche zu wiegen? Dann bin ich gefickt. Dann geht das ganze Spiel wieder von vorne los. krankenhaus, zuhause versauern, wiegen in Unterwäsche beim Hausarzt wo man nicht mal schummeln kann, weil es mit viel Pech bis zu 1,5 Stunden dauert bis man drankommt…” – “Wieso sollte sie dich plötzlich in Unterwäsche wiegen? Das hat sie doch noch nie gemacht. Die hatte doch eigentlich gar keinen Bock mehr darauf, hat sogar gefragt wie lange das noch gemacht werden muss.” – “Schon vergessen was letztes Jahr passiert ist? Das  hättest du doch auch nie gedacht, oder? Ooooooder…?” Von der Doku, die ich zum Einschlafen angemacht habe, bekomme ich kaum etwas mit, weil ich viel zu sehr damit beschäftigt bin, gegen die hochkommende Vergangenheit zu kämpfen.

Ich sitze mit verschränkten Armen dem Arzt gegenüber. “Sie brauchen Medikamente” sagt er. “Nein, es geht mir gut” erwidere ich. Er steht auf und baut sich bedrohlich vor mir auf. “Ich kann auch anders, wenn Sie sich weigern. Ein Anruf genügt, und ich habe einen vorläufigen Unterbringungsbeschluss. Ich habe die nötigen Kontakte, das können Sie mir glauben”. Gänsehaut macht sich breit. Verdammt, der Typ meint es ernst. “OKay, vielleicht haben Sie Recht und es ist wirklich das Beste.” sage ich und spiele die Einsichtige. “Na geht doch.” sagt er und lächelt zufrieden. Er öffnet seine Schreibtischschublade und holt ein paar Packungen Tabletten heraus. Er drückt eine hellrote, eine hellblaue und eine weiße aus den Blistern und legt sie vor mich auf den Tisch. Ein Glas Wasser steht schon bereit. “Hier, nehmen Sie die.” Kommentarlos tue ich so, als würde ich die Tabletten in den Mund legen und lasse sie dabei in meinen Ärmel rutschen. Dann nehme ich einen Schluck Wasser. “Mund auf” sagt er, überzeugt davon, mich zu ertappen. Ich öffne den Mund. Triumphierend steht er auf und geht zu seinem Drucker, der hinter mir an der Wand steht. Ich nutze die Gelegenheit und versuche, die Korpora delicti in meiner Westentasche verschwinden zu lassen- dabei fällt mir die weiße Tablette hinunter. Verdammter Mist, wie kriege ich die wieder aufgehoben ohne dass er es merkt? Unauffällig versuche ich, sie mit meinem Fuß zu verstecken. Doch als er an mir vorbei zurück zum Schreibtisch geht ändert sich sein Blickwinkel und ich habe keine Chance mehr, das Unausweichbare zu verhindern. Er sieht sie.
Sein Gesicht verzieht sich zu einer Fratze. “Ich wusste es. Na warte…” sagt er, und läuft zu einem Schrank. Sekunden später muss ich, unfähig mich zu bewegen, dabei zusehen, wie er eine Spritze nach der anderen in meinem Arm versenkt und abdrückt. Ich fühle mich schrecklich, als hätte er mich für irgendeine perverse Praktik benutzt. Im Grunde hat er mich auch benutzt, er hat mich benutzt um seine Macht zu demonstrieren. Ein weiteres Mal wurden meine Grenzen niedergetrampelt. Dann wird alles schwarz.

Langsam komme ich zu mir, doch wider erwarten nicht in einem Fixierbett, sondern auf meinem Sofa. Zum Glück bin ich bei Licht eingeschlafen, das beschleunigt das Ankommen in der Realität etwas. Meine Zungenspitze fühlt sich taub an, weil ich mir während des Traumes wohl die ganze Zeit daraufgebissen habe, als hätte etwas in mir laut Schreien wollen und eine andere Kraft versucht es zu verhindern. Alles tut mir weh, weil ich komplett verdreht und gekrümmt daliege. Tränen laufen mir übers Gesicht. Es ist kurz vor 4 und an Schlaf ist nicht mehr zu denken.

Wann wird mich dieser Horror endlich loslassen?