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Tränen, Tränen, Tränen

“So hattest du dir deinen 25. Geburtstag nicht vorgestellt, oder?” fragte Mama, als wir uns verabschiedeten. Nein, hatte ich nicht…

 

Ich erwachte am Samstag und musste feststellen, dass ich am Vorabend eine substanztechnische Fehlentscheidung getroffen hatte. Als ich aufstand, torkelte ich durch die Wohnung wie besoffen. Mir war kotzübelschlecht, aber ich wusste nicht ob es die konsumfolgen waren, die Aufregung, oder beides zusammen. Mein Mund war staubtrocken und ich hoffte, dass mit einem Glas Wasser auch die Übelkeit verschwinden würde, doch das Gegenteil war der Fall. Trotz Gleichgewichtsproblemen versuchte ich, einen Eilsprint zur Toilette hinzulegen, tatsächlich schaffte es aber nur die Hälfte des Glases in die Schüssel. Nachdem ich den Rest von den Fliesen aufgewischt hatte, kroch ich zurück aufs Sofa unter die Decke. Ich hatte zwar einen Haufen Dinge auf der To-Do-Liste, fühlte mich aber beim besten Willen nicht in der Lage irgendetwas zu tun.  Eine Stunde später musste ich mich trotzdem hochkämpfen. Zwar wurde die Übelkeit nach meinem Apothekenbesuch und der allsamstäglichen Buprenorphineinnahme unter Aufsicht besser, aber beim Gedanken an das bevorstehende Gespräch zog sich alles in mir zusammen. Ich fühlte mich wie ein Schwein auf dem Weg zur Schlachtbank. Und selbst wenn sie dir sagt, dass sie und Papa und Nadine dich nie wieder sehen wollen, dann ist es vielleicht wenigstens das, was dir den Anstoß gibt, das ganze hier wirklich endlich zu beenden, versuchte ich mir auf dem Weg zum Treffpunkt zu sagen. Dann ist es endlich vorbei.

Oh Mann, was sind Tränen geflossen. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so viel in Anwesenheit eines anderen Menschen geweint habe. Die ganze Verzweiflung und Hilflosigkeit der letzten Jahre brach aus mir heraus. Zum Glück sind Autobahnraststätten recht groß, sodass wir uns in einen Raum zurückziehen konnten wo außer unserem nur ein anderer Tisch besetzt war, damit nicht alle meine Gefühlsausbrüche mitbekamen. Zuerst versuchte ich noch, mich irgendwie im Griff zu haben, aber als das Gespräch dann auf das Thema kam, was alles nicht mehr geht, war es vorbei. “Ach, komm mir doch nicht mit Radfahren und Snowboarden! Ich hab doch nicht mal mehr die Energie, dass ich öfter als einmal in der Woche  in die Badewanne steige und mich und meine Haare wasche!” und dann legte ich die Arme auf den Tisch, vergrub meinen Kopf darin und heulte die Tischdecke voll. Doch spätestens beim Thema “Nadine”, das dann folgte, wäre es sowieso um meine Beherrschung geschehen gewesen; es gibt eigentlich kein hochemotionaleres Thema als meine Schwester. “Papa und ich werden immer all deine Entscheidungen mittragen, so gut es eben geht. Aber ich weiß nicht, ob Nadine das tun wird. Und wir können sie auch nicht dazu zwingen, sie ist erwachsen, sie ist ein eigenständiger Mensch.”

Es ist traurig zu sehen, wie sehr meine Mutter schon bei manchen Ängsten abgestumpft ist, weil sie sie einfach schon so lange Zeit quälen. Als sie mir sagte: “Jedes Mal, wenn wir uns verabschieden, versuche ich mir alle Einzelheiten an dir einzuprägen, weil ich weiß, dass es das letzte Mal sein könnte, dass ich dich sehe. Wir rechnen zuhause eigentlich jeden Tag mit dem Anruf, dass du tot bist.” , hat sie nicht mal geweint.

Wie lange muss eine Mutter mit der Angst leben, dass ihr Kind stirbt, bis sie bei dem Gedanken daran nicht mehr weinen muss?

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Nicht leicht

Mein Leben macht es mir aktuell nicht gerade leicht, irgendwo ein Fünkchen Motivation aufzutreiben, mich aus dem ganzen kram zu befreien. Der Gedanke ist derzeit eher: Wieso konnte es nicht schon gestern vorbei gewesen sein?

Genau genommen ging alles damit los, dass meine Schwester zu Weihnachten ankündigte, sie würde nicht zu meinem Geburtstag kommen, weil sie so viele Prüfungen hätte. Natürlich bin ich kein kleines Mädchen mehr und muss meinen Geburtstag an diesem Tag feiern, mal abgesehen davon, dass ich ihn sowieso nicht gerne feiere (außer mit meinen Eltern und meiner Schwester gar nicht, Party mit Freunden gibt es nicht), aber es ist dennoch schön zu wissen: Da sind Menschen, die haben sich extra Zeit genommen, um an diesem Tag bei mir sein zu können. Und da Nadine dieses Monat keine Zeit hat, wurde dann der 9.2. dazu bestimmt, das Weihnachtsgeschenk im Escaperoom einzulösen und gleichzeitig meinen Geburtstag und den von Nadine zu feiern, die genau ein Monat nach mir an der Reihe ist.

Als wir uns am 1.1. verabschiedeten, sagte meine Mutter mir noch, sie würde mir Bescheid sagen an welchem Wochenende sie und mein Vater kämen. “Aber ihr braucht wirklich nicht rauskommen, ich möchte doch mit euch allen zusammen feiern! Das ist doch unnötig wenn ihr da zu mir fahrt und dann 2 oder 3 Wochen danach schon wieder. Ich bin immerhin kein kleines Mädchen mehr, das seinen Geburtstag auf den Tag genau feier muss!” entgegnete ich. Damit hielt ich das Thema für geklärt. Eigentlich.

Anfang dieser Woche kam eine SMS, dass sie am Samstag kommen würde und ob ich mit ihr essen gehen wolle oder sie sich etwas mitnehmen solle. Das machte mich wütend. Wie oft wollte sie meinen Willen noch ignorieren?! Ich hatte doch gesagt, dass ich nicht feiern wolle, wenn Nadine nicht dabei ist! Ich tippte zurück: “Was, Papa kommt auch nicht mit? Bei aller Liebe und nichts gegen dich, aber alleine mit dir am Tisch sitzen und Geschenke auspacken ist deprimierend, wenn man weiß, dass die Familie doppelt so groß ist”. Als Antwort kam erst mal nichts. Am Mittwoch war das schlechte Gewissen so groß, dass ich hinterherschickte: “Das war nicht böse gemeint. Aber ich stelle es mir einfach deprimierend vor, mit dir alleine an einem Tisch zu sitzen und Geschenke auszupacken wenn ich weiß, dass da eigentlich noch 2 Personen fehlen. Da ist es mir viel lieber ich warte noch 3 Wochen, aber dafür sind wir dann zu Viert. Das ist mittlerweile schon so selten geworden, dass es das größte Geschenk für mich ist.” Ein paar Stunden später kündigte mein Handy endlich eine eintreffende SMS an. “Tut mir leid, hatte mein Handy vergessen. Papa wäre eh mitgekommen, aber ich möchte mit dir reden und er wollte mir die Möglichkeit geben, das alleine mit dir zu tun.”

Tausend Gedanken schossen mir durch den Schädel. Reden? Worüber? Ich ahnte Böses. Was, wenn sie kommen wollte, um mir zu sagen, dass ich ihnen ihr Silvester versaut habe, sie vor ihren Freunden blamiert habe und sie nicht mehr wollen, dass ich zu Anlässen nach Hause komme?  Oder, dass ich gar nicht mehr nach Hause kommen darf? Diese Gedanken quälten mich so sehr, dass ich es heute nicht mehr aushielt. “Ok, aber wenn du kommen willst um mir zu sagen, dass ihr mich bei solchen Feiern nicht mehr dabei haben wollt weil ich euch die Stimmung versaue, habe ich vollstes Verständnis dafür, aber dann lass uns bitte auf einem Autobahnrastplatz oder so treffen und nicht bei mir in der Wohnung. Meine Wohnung ist mein sicherer Ort und wenn der mit Erinnerungen an solche Gespräche “verseucht” ist, kann ich mich dort nicht mehr wohlfühlen” schrieb ich meiner Mutter. Diesmal kam die Antwort prompt: “Es geht nicht darum, dass wir dich nicht dabei haben wollen. Aber lass uns morgen weiterreden. Vielleicht ist ein neutraler Ort wirklich besser. Wo schlägst du vor?”

Um es kurz zu machen: wir treffen uns morgen am frühen Nachmittag an einer Autobahnraststätte eine halbe Stunde von mir entfernt. Ich fühle mich, als würde ich zu meiner eigenen, seelischen Hinrichtung gehen. So viel Zeit hat es gebraucht, die Gefühle zu meiner Familie zuzulassen, die ich mein halbes Leben lang vergraben hatte, um mich vor Verletzungen zu schützen. Und nun könnte genau das wieder passieren.

Und diesmal könnte es der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Das Ereignis, das mich endgültig in den Abgrund stürzt.

Verdammt, ich will da morgen nicht hin. Bitte nicht.

 

 

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Endlich vorbei

Silvester war schrecklich. Ich hätte heulen können und hab es letztendlich um 02:30 in meinem Bett auch getan. Eigentlich hätte ich hackedicht sein müssen nach dem, was ich mir im Laufe des Abends alles einverleibt hatte, doch ich war es nicht. Es tat so weh zu sehen, wie unbeschwert und glücklich meine Schwester mit ihren Freundinnen Silvester feierte. Nicht, dass ich es ihr nicht gegönnt hätte, aber es tut weh, dass ich das nicht konnte und noch immer nicht kann. Da ist keine Freude auf das neue Jahr, da ist nur Angst. Angst vor dem, was das neue Jahr bereithält, Angst davor, wie tief ich  diesmal fallen werde. Und dazu die ganze Zeit mein alter Name, der am laufenden Band fällt.

Ich möchte die letzten 2 Wochen einfach nur vergessen.

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Goodbye 2018

Wieder ein Jahr um. Hätte mir vor einem Jahr irgendwer erzählt, was alles passieren wird… ich hätte es nicht geglaubt. Und doch sitze ich wieder hier, in meinem alten Zimmer, das so ganz anders aussieht und warte darauf, dass unser Besuch eintrudelt. Mir ist nicht nach feiern. Mir ist nach abschießen, ins Bett legen und den Jahreswechsel verschlafen. “Wir Steinböcke haben ein schwieriges Jahr vor uns, das habe ich im Horoskop gelesen.” hat meine Oma erzählt, als wir am 26. bei ihr waren. Mir bleibt fast die Suppe im Hals stecken. Noch schwieriger als das endende Jahr? wollte ich am liebsten sagen. Na dann kann ich mich gleich eingraben…

Mein körper ist komisch. Ich beobachte ihn mit einer Mischung aus Faszination, Ekel und Entsetzen. Er scheint nicht zu mir zu gehören, wie ein seltsames, fremdartiges Ausstellungsstück in einem Museum. Da ist kein Unterhautfettgewebe mehr, ich kann meine Haut an den Unterarmen und Oberarmen genauso vom knochen wegziehen wie an den Handrücken. Als ich den neuen, großen Teppich und die 2 kleinen für die Hasen hoch in die Wohnung geschleppt habe begann mein Herz zu stechen, ich bekam keine Luft mehr, mir wurde schwarz vor Augen und ich musste mich erst mal 5 Minuten vor meiner Tür hinsetzen, bevor ich aufsperren und meine Wohnung betreten konnte. Ein komisches Gefühl, so am Limit zu sein. Vielleicht werde ich in ein paar Wochen nicht mal mehr die Treppen hoch in meine Wohnung kommen, auch ohne Teppiche. Who knows.

Aber jetzt werde ich mir erst mal bisschen Zeugs in die Blutbahn jagen, das mich lebensfähig macht, und zumindest den Anschein erweckt als würde ich dem Ereignis genauso entgegenfiebern wie Nadine.

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Worst Christmas

Dass das diesjährige Weihnachtsfest  nicht an das letzte herankommen würde, war klar. Aber dass es so elendig werden würde… Fakt ist: Wenn ich meine Emotionen nicht konsequent mit Benzos niedergeprügelt hätte, hätte ich mit Sicherheit gravierenden Blödsinn gemacht.

Genau genommen lief seit Freitag konsequent alles Scheiße. In der Arbeit kam ich durch Zufall einer meiner Meinung nach ungeheuren Verarsche auf die Spur. Vor einem halben Jahr wurde von meinem Chef ein Check eingeführt, der täglich auf der Getriebe- und Motormontagelinie durchzuführen ist. Die Checks führen mein Chef, der Montageleiter, der Fertigungsleiter, ich, mein kollege C. und 2 Mitarbeiter aus dem Servicebereich durch, am Ende jedes Monats wird ein Zeitplan für das Folgemonat ausgeschickt und die Tage einfach in alphabetischer Reihenfolge zugeteilt.

Mein Chef hatte mehrmals betont, wie wichtig diese Checks seien. Dass es konsequezen nach sich ziehen würde, wenn sie nicht gemacht werden und bei Abwesenheit habe man sich selbst um eine Vertretung zu bemühen. Ich habe die Checks sehr ernst genommen, bin einmal sogar länger geblieben weil ich tagsüber in der Hitze des Gefechts darauf vergessen hatte. Und als ich am 8. Dezember nicht da gewesen war, hatte ich den Montageleiter gebeten, meinen Check zu übernehmen.

Da ich das Auswertungsformular für eine andere Auswertung geringfügig abgeändert verwenden wollte, rief ich die Datei auf und klickte auf ein x-beliebiges Tabellenblatt. Zufällig war es gerade das aus der Woche mit dem 8. Dezember und ich sah, dass in der Spalte für den 8. Dezember keine Ergebnisse waren. Geschockt klickte ich mich durch die Blätter anderer Wochen und stellte fest: Mein Chef, der Montageleiter und der Fertigungsleiter hatten alle seit 2 Monaten oder noch länger keinen einzigen Check mehr durchgefürt.

Nicht falsch verstehen, mir ist schon klar, dass es Arbeiten gibt, um die sich Führungskräfte nicht kümmern müssen. Ich hätte auch kein Problem damit gehabt, wenn es von Anfang an geheißen hätte: “Ihr habt die Checks zu machen, wir Führungsräfte haben genug Anderes zu tun”, was mich stört ist dieses erst großspurig behaupten: “Wir machen es alle“, sich dann aber hinterrucks aus der Affaire zu ziehen. Und dann auch noch der Montageleiter, der meinen Check nicht wie abgesprochen übernommen hatte ohne mir das hinterher zu sagen, sodass es offiziell nun so aussieht als hätte ich meinen Check nicht gemacht und es verabsäumt, mir eine Vertretung zu organisieren. So etwas ist einfach unter aller Sau und geht gar nicht.

Zwischen Tür und Angel habe ich dann auch noch erfahren, dass sich für die nächsten 2 Wochen der Monateleiter, der Fertigungsleiter, mein Chef und der einzig fähige Teamsprecher in der Montage alle gleichzeitig Urlaub genommen haben. Ich habe keine Ahnung, welcher Vollpfosten das genehmigt hat, aber Hauptsache C. und ich dürfen  nicht mal einen einzigen Tag gleichzeitig Urlaub haben. Wenn die gesamte Führungsetage der Montage gleichzeitig auf Urlaub geht, ist da aber offenbar ok. Eigentlich hatte ich gehofft, in den 2 Wochen endlich alles aufarbeiten zu können was in letzter Zeit so liegengeblieben ist, aber das kann ich jetzt wohl vergessen, weil die Leute mit allem zu mir kommen werden. Ich möchte jetzt schon schreiend weglaufen.

Eigentlich gab es für Freitag Nachmittag eine Einladung des kantinenchefs auf Würstel, Gebäck und Glühwein, aber ich wäre in dem Zustand vermutlich dem ersten, der irgendeine doofe Meldung geschoben hätte, an den Hals gesprungen, so geladen wie ich war. Alternativprogramm: Nach Hause fahren, Auto aussagen, Tür zu, fressen, kotzen, Substanzen rein, gute Nacht Welt.

Am nächsten Tag wurde das, was ich schon befürchtet hatte, traurige Gewissheit: Mein Wichtelpaket war nicht angekommen und die Lieferung, die die nächsten Tage erträglich hätte machen sollen, auch nicht. Leckt mich doch. Same game, fressen, kotzen, abschießen, gute Nacht Welt. Zumindest hatte ich für die restliche Weihnachtszeit konstruktive Pläne. Am 23. am späten Vormittag nach Wien fahren, am Nachmittag meinen ehemaligen Physiklehrer treffen, am 24. Nachmittags das übliche Treffen mit Emanuel an der Autobahnraststätte und dann ins Wochenendhaus zur Familie.

Ich erwache etwas zermatscht am 23. gegen 8:30. Mein Weg führt mich auf die Waage. Ich wiege keine 40 kg mehr. Und auch keine 39. Ich beginne, die Sachen zusammenzupacken als mich mein Handy am Vormittag aus der Routine reißt. Mein Ex-Lehrer sagt das Treffen ab und unmittelbar danach lässt mich auch Emanuel wissen, dass er mich nicht sehen möchte. Dass ihm die Substanzsache nicht taugt weiß ich, aber dass er mich so hängen lässt? Wie soll ich denn aus der Sache rauskommen wenn alle Leute, von denen ich dachte, dass sie meine Freunde sind, erst dann wieder etwas mit mir zu tun haben wollen, wenn ich clean bin? Gerade zum clean werden brauch ich doch Leute die mir zeigen, dass es anders geht, die mir ein Alternativprogramm zum Dichtsein zeigen…

Genau wie meine Eltern damals, schießt es mir durch den kopf. Wenn ich nicht so bin, wie mich derjenige haben will, gibts eben Zuneigungsentzug. Wutentbrannt schleudere ich mein Handy gegen die Wand. Es zerspringt in seine Einzelteile. Tränen schießen mir in die Augen. Ich will sterben, einfach nur noch sterben. Wie eine Irre schlage ich auf meinen Wohnzimmersessel ein, doch der Schmerz dringt nicht zu mir vor. Nach einer halben Ewigkeit rolle ich mich schluchzend am Boden zusammen und weine nur noch. Ich krieg mich einfach nicht mehr ein. Erst ein beherzter Griff zum Benzo-Notvorrat bringt mich wieder zurück auf den Boden der Realität. Ich kann unmöglich nach Hause fahren, ich bin eine Zumutung für alles und jeden. Aber dann muss ich meiner Mutter Bescheid sagen. Ich setze mein Handy wieder zusammen, will es einschalten- es funktioniert nicht mehr. Übers Diensthandy schreibe ich meiner Mutter eine SMS, dass ich erst am 24. komme- und mehr weiß ich von dem Tag nicht mehr.

Am 24 morgens breche ich auf. Am Weg nach Hause bekomme ich Bauchschmerzen. Zuhause ist kein Mensch, meine Mutter schon im Haus, mein Vater arbeiten, meine Schwester bei meiner Oma. Ich packe mich mit Wärmekissen ins Bett, doch es wird immer schlimmer. Verstopfung vom Feinsten, es fühlt sich an, als würde es mir den Unterleib zerreißen. Gegen 14:00 rufe ich, wimmernd vor Schmerzen, vom Diensthandy aus meine Mutter an. “Mama? Hast du Dulcolax-Zäpfchen zuhause?” Hat sie nicht. Leider auch nichts anderes, was so akut helfen würde. Und sie kennt mich lange genug um zu wissen, dass ich erst dann um Hilfe bitte, wenn ich das Gefühl habe, kurz vorm Verrecken zu sein. Sie ist einfach ein Engel, denn eine halbe Stunde später steht sie mit Ducolax-Zäpfchen aus der Notfallapotheke in der Türe. Ich tue, was ich tun muss und sie beschließt eine halbe Stunde später wieder  ins Haus zu fahren, um das Abendessen weiter vorzubereiten. Ich bin in einen Dämmerzustand verfallen, als sie sich vorher noch kurz zu mir ans Bett setzt. “Fliegermädchen. Ich weiß, Weihnachten ist nicht der richtige Zeitpunkt um darüber zu reden, aber ich muss dir das jetzt sagen. Du wiegst nass vielleicht noch 35 kilo, wenn überhaupt. Wenn du so weitermachst, ist das dein letztes Weihnachten.” Ich habe nicht den Mut ihr zu sagen, dass das genau das ist, was ich mir wünsche. Dass es endlich vorbei ist. Dass ich endlich gehen darf.

Am späten Nachmittag kommen meine Schwester und mein Vater  und ich fahre mit den beiden zum Haus. Ich esse ein paar Alibi-Bissen, aber mein Bauch tut immer noch höllisch weh, viel gebracht hat das Zäpfchen nicht. Bei der Bescherung erwartet mich der nächste Faustschlag. Weil es letztes Mal so lustig war, habe ich meiner Familie auch dieses Jahr wieder einen Escape Room Gutschein geschenkt. “Ich würde vorschlagen, wir machen das einfach wieder, wenn ihr zu meinem Geburtstag kommt…” beginne ich, doch Nadine unterbricht mich. “Das geht nicht, ich hab im Jänner 6 Prüfungen, ich werde diesmal nicht mitkommen!” sagt sie. “Ich geh zu keiner Party von meinen Freundinnen!” fügt sie noch entschuldigend hinzu. Ich möchte am liebsten losheulen. Verdammt, ich bin nicht irgendeine Freundin, ich bin deine Schwester! “Schon okay, dann feiern wir das eben nach, wenn deine Prüfungen vorbei sind”, sage ich, und setze ein tapferes lächeln auf. Vom Abend bekomme ich nicht mehr viel mit, ich schieße mich weg und irgendwann liege ich neben Nadine auf der Ausziehcouch und sie hält meine Hand und wir reden. Was genau weiß ich nicht mehr, ich weiß nur dass sie gesagt hat, dass sie sich Sorgen macht und dass sie nicht weiß, wie ich in dem Zustand arbeiten gehen kann. Ich weiß noch, dass ich ihr gesagt habe, dass mich die Aussage, dass sie nicht zu meinem Geburtstag kommt, total verletzt hat.  Ich weiß aber nicht mehr, was sie darauf geantwortet hat.

Am nächsten Tag besteht meine Mutter darauf, dass wir am Rückweg vom Haus mein Auto bei dem Restaurant stehen lassen, wo wir später zu Mittag essen werden, weil sie nicht möchte, dass ich beide Strecken zu Fuß gehe. Der Rest versinkt im Nebel.

Ich hoffe einfach nur noch aus tiefstem Herzen, dass meine Mutter recht behält und es wirklich bald vorbei ist. Am besten noch vor meinem Geburtstag, damit ich ihn nicht ohne Nadine feiern muss.

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Tok Tok

Es ist Mitternacht, als ich ins Bett gehe. In meinem Schädel dröhnt und rauscht es. Ist es das Blut, das durch meine Adern fließt? Ist es das Herz, das klopft wie wild? Ich versuche meinen Herzschlag zu ertasten, die eiskalten Finger streichen über die Rippen und das Brustbein und über die Stelle, an der irgendwann mal Brüste waren, irgendwann, vor langer, langer Zeit. Die Suche bleibt vergeblich, es scheint nicht mehr viel Leben in mir zu sein, wenn  ich nicht mal mehr meinen eigenen Herzschlag ertasten kann. Nur manchmal fühle ich es, wenn mein Herz vor sich hinstolpert, was es öfter tut in letzter Zeit. Wenn es kurz aussetzt, überlegt und sich letztendlich doch dafür entscheidet, noch ein bisschen weiterzumachen.

Ich wiege nur ein paar 100g mehr als damals, als ich mehr tot als lebendig in die Psychiatrie kam und trotzdem fühlt es sich anders an. Ich beginne zu verstehen, warum man sterbenden Menschen Opioide gibt, denn ich weiß noch, wie sehr mir damals alles wehtat und nun tritt an diese Stelle Ruhe, Entspannung und Frieden. Auch äußerlich hat sich etwas verändert, ich sehe ausgezehrter aus als damals, damals war ich einfach nur mager. Nun ist meine Haut überzogen von einem Geflecht aus Blutgefäßen, ähnlich dem Bild er erleuchteten Straßen einer Stadt bei Nacht von oben.

Ich gebe auf, drehe mich um und kuschel mich in meine Decke. Auch wenn ich es nicht fühlen kann schlägt mein Herz noch, aber ich weiß nicht mehr wie lange.

Tok Tok.

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unnötig (und) kompliziert

Es gibt ja Menschen, die grundsätzlich gegen Substitution sind, weil man ja den Junkies ihre Drogen nicht auch noch in den Arsch schieben soll (wenn die wüssten, dass das eine weit verbreitete Methode unter Usern ist, die keine brauchbaren Venen mehr haben oder welchen, die annähernd gleichwertigen Spaß wollen, ohne sich auf dieses Niveau zu begeben… )Manchmal macht sich in mir der Eindruck breit, dass es Ärzte gibt, die meinen, dem bösen Zeigefinger dieser Leute zu entgehen, indem sie versuchen, den Substitutionspatienten das Leben zumindest so unangenehm wie möglich zu machen.

Als ich 3 Minuten vor meinem Termin die Treppe zur Substitutionsstelle hochhetze, stolpere ich fast über einen Typen, der halbbewusstlos auf der Treppe sitzt. So sehe ich also am Wochenende um 2:00 morgens aus. Ach du scheiße. Auch wenn ich weiß, dass es ihm vermutlich gerade ziemlich gut geht, will ich doch nicht riskieren, einen Halbtoten im Treppenhaus liegen zu lassen. “Hallo, alles klar bei dir?!” Er schaut kurz auf, die Augen auf Halbmast. “Hm… jaaaah….” Ok, er reagiert noch, er ist zwar dicht as f*** , aber zumindest lebt er. Ich gehe weiter, betätige die Glocke und die Sekretärin öffnet. “Ich sags gleich, wir sind ungefähr eine Stunde hinten nach!” warnt sie mich vor. Das volle Wartezimmer schreckt mich ab. Es ist nicht so, dass ich nicht mit diesen Leuten in einem Raum sitzen wollen würde oder so, ich bin ja um nichts besser als sie – und doch  bin ich so anders, bin die “Spießerin” unter ihnen, weil ich ihn Jeans dastehe und nicht in Jogginghose, seit 6:00 auf den  Beinen bin und nicht seit 11:00. Ich gehöre dazu und irgendwie doch nicht. Wie immer. Ich bleibe in der Tür stehen. “Oh. Naja, eigentlich müsste ich ja eh noch einkaufen gehen. Wäre das in Ordnung wenn ich dann einfach etwas später wiederkomme?” – “Ja, kein Problem, schau dass du in ungefähr einer halben Stunde wieder da bist.”. Nachdem ich also die Zutaten für die bevorstehende Weihnachtskeksbacksession besorgt habe, stehe ich wieder vor der Tür. Genau pünktlich, 5 Minuten später bin ich dran.

Der Arzt stellt sich zumindest mal namentlich vor, was ihn deutlich sympathischer macht als Dr. Pissnelke. Nachdem ich mein neues Rezept bekommen habe, bringe ich das Urlaubsthema noch auf den Tisch. In weiser Voraussicht hatte ich vor der letzten Rezeptvidierung ein Schreiben aufgesetzt und ausgerechnet, wie viel Zeit und Geld draufgehen würden, wenn ich zwischen 22.12. und 01.01. an allen notwendigen Tagen in die Apotheke fahren würde. Heraus kamen übrigens unglaubliche zurückzulegende 1620km, 36 Stunden verschwendete Zeit in Zug oder Auto sowie rund 150€ für Sprit oder Zugtickets. Dieses Schreiben hatte ich beim Amtsarzt vorgelegt und die Auskunft erhalten, dass in diesem Fall eine Urlaubsregelung kein Problem sei. Das alles trage ich jetzt auch dem Arzt vor. “Aber Sie sind noch kein halbes Jahr im Programm, da kriegen Sie doch noch gar keinen Urlaub.” Nicht schon wieder die Nummer mit dem halben Jahr, erinnert verdächtig an die Diskussion mit Dr. Pissnelke letztes Mal. “Ich hatte schon nach 3 Wochen das erste Mal über ein langes Wochenende eine Mitgabe, da hat auch einer was gesagt, die haben das einfach abgestempelt und fertig. Außerdem habe ich denen genau deswegen ja letztes Mal extra diesen Zettel vorgelegt und die Amtsärztin dort hat gesagt, dass sie da kein Problem sieht” – “Das mag ja sein, aber was ist wenn der Amtsarzt das dann nicht abzeichnet?” Hörst du mir eigentlich zu?! Ich hab doch gerade gesagt, dass das für die in Ordnung ist?! “Dann muss ich das akzeptieren, aber dann habe ich es zumindest versucht!”

Ich rede gegen Wände. Mehr als eine Mitgabe für 24.12 und 31.12 kann ich nicht herausschlagen.

Ich werde den Betriebsarzt mal fragen, ob es eine bestimmte Zeitdauer gibt, die ich im Programm bleiben muss.

Traurig aber wahr, die Substitution schränkt mein Leben mehr ein als der freie, ungeregelte konsum davor.