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Spiegel

Ich weiß nicht wieso, aber der Spiegel im Tanzsaal ist der einzige Spiegel, in dem ich sehe, dass ich wirklich zu dünn bin. Vielleicht liegt das auch einfach daran, dass ich dort gleichzeitig auch andere Menschen sehe und mich direkt mit ihnen vergleichen kann. Ich versuche zwar noch immer mich so hinzustellen, dass ich mich nicht im Spiegel sehe, aber bei Übungen, bei denen wir einzeln quer durch den Saal irgendwelche Sprünge oder Schrittfolgen machen sollen, lässt sich das nun mal nicht vermeiden. Gestern war auch wieder die Frau da, die ich immer um ihre schmale Figur beneidet habe und mich gefragt habe, wie sie auf dem natürlichen Weg zwei Kinder bekommen hat. Sie dürfte wohl wirklich zu den Menschen gehören, die von Natur aus schmal gebaut sind und gestern ist mir aufgefallen, dass sie eigentlich ganz gesund aussieht. Ich weiß nicht wie ich es beschreiben soll… aber es passt halt alles irgendwie zusammen. Nicht so wie bei mir, wo aus viel zu breiten Schultern irgendwelche dünnen Ärmchen hervorkommen, an denen die Ellenbogengelenke die dicksten Stellen sind. Ich würde also nicht sagen, dass ich permanent ein verzerrtes Selbstbild habe. Sobald irgendjemand neben mir steht, mit dem ich mich vergleichen kann, sehe ich selbst ein, dass ich „zu wenig“ bin. Aber wenn ich alleine zuhause vor dem Spiegel stehe, sehe ich keinen Unterschied mehr im Vergleich zu vor einem Jahr, obwohl ich da über 16kg mehr gewogen habe.

Sonst war das Tanzen eher so lala. Ich habe mich wieder überwunden und nicht nur Gemüse zu Mittag gegessen. Allerdings habe ich nicht damit gerechnet, dass ich mich gar nicht so viel bewegen werde. Es wurden nämlich alle Tänze der letzten Monate durchgemacht und keinen davon kann ich vollständig, daher konnte ich nicht mitmachen. Es gab für mich also nur das „Aufwärmprogramm“ und die restliche Zeit stand ich da und schaute den anderen zu und dachte an die 150g Dinkel mit Tomatenmark, die ich extra gegessen hatte und jetzt nicht verbrennen konnte (übrigens so am Rande: Jedem, dem die „Standardbeilagen“ Nudeln, Reis und Kartoffeln zum Hals raushängen: probiert mal Dinkelkörner. Ihr werdet nie wieder normalen Reis essen wollen). Am Schluss machten wir dann noch die besagten „Quer-durch-den-Saal-Lauf-Übungen“. Das war schon letztes Mal schlimm genug, weil ich das nicht mag, wenn alle anderen gerade „unbeschäftigt“ sind und mir zuschauen können. Aber da waren es zumindest Dinge, die ich konnte. Gestern waren es irgendwelche Schrittfolgen, die mir total neu waren, und dementsprechend hopste ich herum wie eine totale Anfängerin und wäre am liebsten hinausgelaufen und hätte eine Runde geheult. Hinterher war ich angespannt und frustriert.  Hoffentlich wird es nächstes Mal besser. Vielleicht machen wir wieder Ballett, das kann ich wenigstens.

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Therapie Klappe die… ähm

Am Weg zur Therapie überlege ich, die wievielte Therapeutin das eigentlich nun ist. Richtig zusammen bekomme ich es nicht. Irgendwann hört man auf zu zählen. Nachdem ich einen Parkplatz gesucht und gefunden habe, gehe ich zur angegebenen Adresse. Dort finde ich allerdings keinen Hinweis auf die Therapeutin. Ich bin froh, 15 Minuten zu früh gekommen zu sein, denn so habe ich wenigstens noch Zeit, die Adresse zu suchen. Nachdem ich durch einige Hinterhöfe gelatscht bin, entdecke ich, dass das gegenüberliegende Gebäude die gleiche Hausnummer hat- und da steht auch der richtige Text am Türschild. Erstes Problem gelöst. Das zweite beginnt auf der anderen Seite der Türe, denn nirgendwo steht, in welchen Stock ich eigentlich muss. Im ersten Stock kommt mir eine ziemlich fertig aussehende Frau entgegen. „Du willst zu Frau […], oder? Im zweiten Stock rechts, die letzte Türe!“ Ich bedanke mich und gehe noch eine Etage höher. An der besagten Tür erwartet mich eine Frau, die auf den ersten Blick nicht unsympathisch aussieht. Schon bei ihrem Namen hatte ich mir gedacht, dass sie vermutlich etwas älter ist und dieser Verdacht bestätigt sich nun. Sie bittet mich in einen Raum, in dem eine Menge Spielzeug herumsteht. Offenbar werden hier also auch Kinder therapiert. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht, denn in mir schlummert noch so einiges an Kind.

Erstaunlicherweise beginnt es gar nicht mit dem üblichen: „Na dann erzählen Sie mal von sich!“. Sie erklärt kurz die Therapieform, die sie anwendet – Psychodrama- und auch, dass mein früherer Therapeut auch diese Ausbildung gemacht hat. Das erklärt so Einiges, aber das hatte er mir nie erzählt. Danach soll ich ihr sagen, was ich aus meiner letzten Therapie mitnehmen konnte und was ich mir gewünscht hätte und was ich mir von ihr wünsche. Soweit, sogut. Dann ist der Moment gekommen und ich hole meinen 8cm breiten Gesundheits-Ordner aus dem Rucksack und drücke in ihr in die Hand. „Oh. Das ist aber viel.“ – „Sie hatten ja gesagt, ich soll die Befunde mitbringen. Ich wusste nicht, was wichtig ist und was nicht, deswegen habe ich die ganze Mappe mitgenommen.“  – „Wäre es okay für Sie, wenn ich mir den bis zum nächsten Termin behalte? Dann könnte ich mir das in Ruhe durchlesen.“ Zu meinem eigenen Erstaunen stimme ich zu, auch wenn ich es hinterher im Auto etwas bereue. In dem Ordner befindet sich der komplette Akt meines ersten Psychiatrieaufenthalts und da stehen einige Dinge drin, die mir ziemlich peinlich sind. Andererseits glaube ich nicht, dass sie sich die Arbeit machen wird, die Sauklauenschrift des Pflegepersonals zu entziffern, das das alles damals aufgeschrieben hat.

Alles in allem verläuft der erste Termin ganz gut. Ich denke schon, dass ich mit ihr klarkommen könnte.

Zuhause angekommen mache ich mich weiter ans Kofferpacken und ich bin fasziniert davon, wie viel Zeug schon im Koffer ist und wie viel noch hineinsoll. Ich hatte eher Angst gehabt, dass der Koffer so leer ist, dass der Inhalt beim Transport kreuz und quer durch die Gegend fliegt. Immerhin bin ich mit diesem Koffer auch schon 2 Wochen auf Urlaub gefahren, daher sollte man denken, dass man für 5 Tage nur die Hälfte mitbraucht. Dem ist allerdings nicht so, außerdem habe ich mal wieder für alle Eventualitäten vorgesorgt- von Bikini (passt der überhaupt noch?! )  und Badetuch bis Regenjacke und Flauschweste ist alles dabei. Bei der aktuellen Wärmespeicherkapazität meines Körpers packt man lieber einen Pulli zu viel ein als zu wenig. Vielleicht ist es auch ein bisschen übertrieben, länger vorher anzufangen zu packen als der Urlaub tatsächlich dauert. Ich habe durch 5 Jahre Internat so viel Übung im Kofferpacken, dass ein Tag vorher vollkommen reichen würde. Aber wenn ich jeden Tag ein bisschen etwas einpacken kann, steigert das die Vorfreude zusätzlich. Jeden Tag wenn ich aufwache und aufstehe sehe ich den geöffneten Koffer und weiß: Nur mehr ein paar Tage.

Ich habe beschlossen, die Essstörung zuhause zu lassen. Ich will mir den Urlaub davon nicht versauen lassen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es rein physiologisch nicht möglich ist, mehr als 500g pro Tag zuzunehmen. Wenn die Waage trotzdem mehr anzeigt, ist das entweder Wasser oder das Gewicht der Nahrung, die man in sich trägt, aber kein Fett, das man irgendwo ansetzt. Diese Vorstellung beruhigt irgendwie. Eigentlich wollte ich ja auch eine Waage mitnehmen, aber von der Idee bin ich mittlerweile abgekommen. Der Koffer muss nicht schwerer sein als so schon und ich brauche einfach mal Urlaub von der Essstörung.

Vor der Therapie habe ich übrigens einen Burger gegessen. Einen vegetarischen. Muss wohl ziemlich krotesk aussehen, wenn jemand mit einem BMI von 15,5 in ein Fast-Food-Restaurant wankt und einen Burger bestellt, aber mir war es egal. Der Burger war sehr lecker, aber ich hatte nachher trotzdem ein schlechtes Gewissen und habe zuhause nachgesehen, wie viele Kalorien der hatte. Über 500. Das war erst mal ein Schreck, aber wenn man bedenkt, dass ein Mensch mindestens 900 Kalorien am Tag braucht, um nicht zu verhungern und ich bis zum Burger ungefähr 100 gegessen hatte, ist der Burger kein Weltuntergang. Jedenfalls habe ich mir dann noch spaßhalber angesehen, wie viele Kalorien andere Burger haben und dabei festgestellt, dass die in der gleichen Größe mit Fisch oder Fleisch weniger Kalorien haben als der vegetarische Burger. Und zwar nicht um 20 oder 30, sondern um fast 100. Da soll noch einmal jemand sagen, Vegetarier leben gesünder. Vegetarische Ernährung wird ja oft als sehr gesund dargestellt, aber das ist Unfug, es kommt immer auf die Art und Weise an wie man sie praktiziert. Vor meiner Essstörung habe ich mich sicher ungesünder vegetarisch ernährt als so mancher „Fleischesser“. Und wie ich bei den Burgern festgestellt habe, bedeutet „vegetarisch“ nicht automatisch „weniger Kalorien“.

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Auf die Rübe

Heute war ich wieder in der Ambulanz. Die Psychologin war nicht besonders begeistert, dass ich in den letzten 5 Wochen 4kg abgenommen habe. Wenn ich nächstes Mal wieder weniger wiege, muss ich öfter kommen als alle 4-5 Wochen. Das habe ich allerdings nicht vor. Wie das mit dem Zunehmen wird weiß ich nicht, aber weiter abnehmen ist wohl keine gute Idee.

Und die Ärzte von der Borderline-Station sind irgendwie süß. Die haben beide angeboten, dass ich bei ihnen ambulante Therapie machen könnte, wenn ich außerhalb nichts finde. Allerdings habe ich ja morgen schon Erstgespräch bei der neuen Therapeutin. Mal schauen ob ich mit ihr klarkomme. Ich und Frauen… das ist ja immer so eine Sache. Ich möchte ja nichts verschreien, aber die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass ich mit Männern meistens besser zurechtkomme als mit Frauen.

Mit dem Kofferpacken für den Urlaub habe ich auch angefangen. Die Vorfreude wächst und wächst.

 

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Unerwarteter Flug

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Eigentlich war ja geplant gewesen, dass ich bis Sonntag mit Emanuel unterwegs sein würde. Da das aber alles nicht so war, wie wir uns vorgestellt hatten, war ich schon Samstag Mittag wieder zurück. Was also tun mit dem angebrochenen Wochenende?

Am späten Vormittag hatte ich einen Anruf von einer mir unbekannten Nummer erhalten. Den Anrufer hatte ich erst mal weggedrückt. Das Abhören der Sprachnachricht eine Stunde später ergab: Es war der Fluglehrer, den ich im Mai beim Flugtrainingslager kennengelernt hatte. Unsere gemeinsame Leidenschaft für verlassene Orte hatte uns eine Menge Gesprächsstoff beschert. Er hatte mir versprochen, dass er mich mal mit seinem Flugzeug mitnehmen würde, aber so wirklich ernst hatte ich das nicht genommen. “Hallo, Fliegermädchen, ich bins, […]. Wir sind im Mai ja gemeinsam geflogen. Ich mache mich dann auf den Weg nach [Arbeitsflugplatz]. Vielleicht bist du ja dort, dann nehm ich dich eine Runde mit. Bis später vielleicht!”. Ohne ihn zurückzurufen fuhr ich einfach mal auf gut Glück zum Arbeitsflugplatz und tatsächlich: 5 Minuten, nachdem ich dort aufgetaucht war, hörte ich ihn schon am Funk. “Schön, dass es geklappt hat!” sagte er, nachdem wir uns begrüßt hatten. “Ich möchte nach […] fliegen, einen Freund besuchen. Kommst du mit?” – “Ja, gern. Ich habe heut nichts mehr vor.”

Als ich in den Flieger stieg, war ich mehr als überrascht. Anstatt einem Haufen Instrumente war vor mir bloß ein Bildschirm, und nachdem er den Motor gestartet hatte, ging es schon los: “So, ich erklär dir mal wie du den Autopiloten programmierst.” – “Autopilot? Das Ding hat einen Autopiloten?!” – “Ja. Also, wenn du da an dem Knopf links drehst…”. Erstaunlicherweise war es nicht so kompliziert wie befürchtet. Nun ja, und man merkte deutlich, dass dieser Pilot Fluglehrer ist, denn er dachte nicht im Traum daran, mich bloß hinten sitzen und rausschauen zu lassen. “So, am Stick hast du links einen Knopf, das ich der Funk. Links ist der Gashebel. Klappen und Fahrwerk gibt es leider nur bei mir vorne, das mache ich. Die Klappen sind schon auf Startstellung. You have control.” Ich funkte den Betriebsleiter an und rollte zur Startbahn. Einmal durchatmen und Vollgas. Der Flieger flog sich echt gut, nach dem Start stellte ich unter fachmännischer Anleitung den Autopiloten ein und war überrascht von der Geschwindigkeit, die das Flugzeug im Reiseflug erreichte- gute 260km/h. So dauerte es gerade mal 20 Minuten, bis wir landeten. Die Landung machte er selbst, aber nicht ohne zu sagen: “Lass die Hände auf der Steuerung, damit du spürst was ich mache!”. Nach Kaffee und Kuchen für ihn und Wasser für mich flogen wir noch zu einem anderen Flugplatz, ehe wir uns auf den Rückweg machten. Als wir in die Platzrunde des Heimatflugplatzes einflogen, sagte er: “Die Landung machst jetzt du. Ich sage dir nur, was du machen musst.” Na wunderbar. Eine Landung mit einem Flugzeug, auf dem ich keine Stunde Flugerfahrung habe. Aber wenn er meint… ist ja sein Flieger. “Was hat denn der Flieger für eine Anfluggeschwindigkeit?” – “Hundert.” – “Okay…” Im Endanflug nahm er dann die Hände hoch und verschränkte sie hinter dem Kopf. “Das sieht sehr gut aus. Ich habe die Hände hinter dem Kopf, das machst alles du.” (wie beruhigend…). Und dann rumpelte es sanft und wir waren unten. Ich konnte es gar nicht glauben, dass ich da tatsächlich selbst gelandet war.

“So, ich sag noch kurz Tschüss zum Betriebsleiter, dann muss ich auch schon wieder weiter.”- “Was kriegst du denn?” – “Nichts, das passt schon.” – “Wir sind quer durch Österreich geflogen!” – “So weit war das gar nicht. Wirklich, das ist schon okay!” – “Okay…dann vielen Dank!”

Da ich schon am Arbeitsflugplatz war, nutzte ich noch die Gelegenheit und flog eine Runde mit unserem neu hergerichteten Motorflugzeug. Das war etwas irritierend, da es einen neuen Propeller bekommen hat, der ein anderes Geräusch macht als der alte.

Wer hätte gedacht, dass ich dieses Wochenende 4 Flüge in mein Flugbuch eintragen kann.

 

 

 

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Grenzerfahrung

Ich würde sagen, ich bin an meine körperlichen Grenzen gestoßen. Vielleicht wäre es doch kein Fehler, ein bisschen zuzunehmen, denn ich weiß nicht, wie ich sonst den Winter überleben soll…

Es war gerade mal 5:30, als ich Freitag morgen aus dem Bett kugelte und jede Menge warme Kleidung zusammenpackte. Am Vorabend hatte es mich nicht mehr gefreut, aber ich hatte mich mit Emanuel bereits für 12:45 verabredet, um nach der Arbeit zu packen blieb also keine Zeit mehr. Kurzzeitig überlegte ich, ob es nicht doch etwas übertrieben war, Skihose und Winterjacke mitzunehmen. Andererseits liegt die Fotolocation, die ich aus der Luft ausfindig gemacht hatte, doch etwas höher und es hatte diese Woche schon bei uns morgens nur 6°C gehabt. In den Alpen würde es vermutlich noch kälter sein. Besser zu viel zum Anziehen mit, als zu wenig.

Schon als wir in dem kleinen Hotel eincheckten, war mir unglaublich kalt. Es war später Nachmittag, wir wollten uns noch ein wenig ausruhen, denn es würde ein langer Abend und eine kurze Nacht werden. Ich lag im Bett, unter 2 Decken, in voller Montur. Hose, T-Shirt, langärmliges T-Shirt, Pulli, Übergangsjacke, 2 Paar Socken und fror wie bekloppt. Das war der erste Moment, an dem ich mir dachte: “Wie soll das erst in der Nacht werden?!”. Aber ich hatte ja noch 2 Asse im Ärmel: Skihose und Skijacke. Ab 19:00 waren wir draußen. Glücklicherweise passte die Skijacke noch über alles, was ich sonst schon anhatte, die Skihose auch, aber trotzdem war mir unglaublich kalt. Draußen hatte es 13°C, ich fühlte mich, als wäre da noch ein Minus davor. Wenn Emanuel nicht gerade fotografierte, ließ ich mir von ihm die Hände wärmen, was zwar temporär ein bisschen half, aber langfristig nicht. Irgendwann, ich weiß nicht mal mehr wie spät es war, es muss so 21:00 gewesen sein, setzte ich mich ins Auto und zog mir die Decke über den Kopf, weil mir auch im Gesicht unfassbar kalt war. Und dann lernte ich, was Kälte wirklich ist. So etwas habe ich noch nie erlebt. Das Zittern und die Kälterschauer hörten auf, was ja eigentlich ganz angenehm war. Dann breitete sich eine Art Kribbeln im ganzen Körper aus und nachdem das vorbei war, fühlte ich mich, als würde ich mich auflösen. Ich weiß gar nicht wie ich das beschreiben soll… also normalerweise spürt man seine Gliedmaßen ja auch, wenn man sie nicht bewegt. Man weiß, dass sie einfach da sind, man spürt sie. Und das Gefühl fehlte plötzlich. Wenn ich mich nicht bewegte, hatte ich das Gefühl, dass mein Körper einfach weg ist. Ich verlor jegliches Zeitgefühl und dämmerte vor mich hin. Mein Herzschlag kam mir unglaublich langsam vor, ich weiß nicht ob das tatsächlich so war, oder ob sich nur die Zeit so verzerrt anfühlte. Die Kälte tat auch gar nicht mehr weh oder war unangenehm, wie gesagt, ich spürte den Körper nicht mehr. Als ich dann hörte, wie Emanuel den Kofferraum öffnete und begann, seine Ausrüstung einzuräumen, hätte ich nicht sagen können ob 20 Minuten oder 2 Stunden vergangen waren, seitdem ich ins Auto gestiegen war.

Als wir kurz nach 23:00 wieder im Hotel waren, stand ich erst mal eine gefühlte Ewigkeit unter der heißen Dusche. Normalerweise wird einem dann ja warm. Da erlebte ich das nächste Paradoxon, das ich kaum beschreiben kann: Hinterher war mir äußerlich tatsächlich warm, meine Körperoberfläche war warm, die Fingernägel nicht mehr blau, rein äußerlich war alles gut. Aber von innen her war mir noch unglaublich kalt. Auch, als ich irgendwann in der Nacht aufwachte und aufs Klo ging, war mir äußerlich warm, aber innerlich fror ich noch immer. Erst, als um 4:45 der Wecker wieder läutete und ich unter den 2 Decken hervorkroch, war mir wieder “vollständig” warm. Diesmal tauschte ich die Jeans unter der Skihose gegen eine Leggings und 2 Jogginghosen und nachdem ich gefrühstückt hatte (und mich das schlechte Gewissen hinterher fast auffraß), war mir auch weit nicht mehr so kalt wie am Abend zuvor.

Mein Körper zeigt mir langsam wirklich den Stinkefinger.

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Dance Dance Dance

Essen heute war schwierig. Zu Mittag habe ich etwas Couscous mit Tomatenmark gegessen und dabei festgestellt, dass in letzter Zeit alles, was ich bei mir behalte, Obst oder Gemüse ist. Insofern war es eine Aufgabe, nach dem Couscous nicht direkt aufs Klo zu rennen und alles wieder rauszukotzen. Andererseits wusste ich ja, dass es drinnen bleiben muss, weil ich sonst wahrscheinlich nicht tanzen kann.

Meine Schwester hat das Paket noch immer nicht geholt. Ich habe ihr heute Nachmittag mal eine SMS geschrieben, dass sie es möglichst bald „befreien“ soll, weil sie sonst nicht mehr so viel davon hat. Extra mit einem zwinkernden Smiley, damit sie nicht das Gefühl hat ich würde sie irgendwie stressen wollen. Zurück kam nur: „Ich verstehe nicht was du meinst. Ich habe es noch nicht geholt weil ich den Schlüssel noch nicht habe.“

Mittlerweile bereue ich, ihr das Paket geschickt zu haben. Bis sie es auf die Reihe kriegt, den Schlüssel zu holen sind die Cookies wahrscheinlich hart und der Ajvar verschimmelt. Es tut einfach weh. Ich hatte gehofft, dass sie sich freut. Ja, ich war naiv und dachte, sobald sie die SMS von mir bekommt, dass ich ihr ein Paket geschickt habe kann sie kaum erwarten zu erfahren, was darin ist, geht 2 Häuser weiter zur Freundin meiner Eltern um den Schlüssel zu holen (es wäre ja nicht so, als ob sie dafür eine Stunde quer durch die Stadt fahren müsste), holt das Paket aus der Postbox (denn es ist ja nicht mal so, dass sie dafür zur Post gehen müsste- die Postbox befindet sich im Eingangsbereich unseres Wohnhauses), freut sich wie bekloppt über den Inhalt und schickt mir gleich eine SMS: „Danke das ist soooooo lieb von dir!!“. Das alles zusammen wäre eine Sache von 15 Minuten. Bloß 15 Minuten. 15 Minuten, die verhindert hätten, dass ich jetzt hier sitze und Tränen in den Augen habe und mich dafür hasse, dass ich sie so nahe an mich rangelassen habe, dass sie mir wehtun kann. Niemand soll mir wehtun können.

Und mal wieder frage ich mich, wo die Zeiten hin sind, in denen ich ihr so wichtig war. Ich weiß, dass es großteils meine Schuld ist, dass sie sich so von mir abgegrenzt hat. Dieses Wissen macht es nicht besser. Im Gegenteil, es schürt destruktive Gedanken.

Einfach ganz aufhören zu essen. Einfach verschwinden.

Tanzen war schön. Ich habe versucht, das Getuschel zu ignorieren, das entstand, als ich den Saal betrat. Habe wie immer in meiner Ecke gewartet bis es losging und mitgemacht. Erstaunlicherweise war ich fitter als gedacht, was vielleicht an dem Schokodonut gelegen hat, den ich mir vorher reingepfiffen habe. Nächste Woche versuche ich es ohne. Es war schön, mal abschalten zu können. Einfach nur tanzen. Die Tanzlehrerin war nett. Hat mir dreimal oder so gesagt, wie schön sie es findet, dass ich wieder da bin. Mein Gewicht hat sie zum Glück nicht kommentiert.

 

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Ein Tag rinnt in den anderen. Die Nächte sind verwirrend und komisch. Ich nehme Trittico, werde körperlich müde und bin psychisch hellwach. Dann liege ich im Bett, mache Sit-Ups und andere Übungen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt ist, dass mir davon warm wird. Denn das kam in den letzten Tagen selten mal vor.

Es herbstelt in Österreich. Das Thermometer zeigt nur knapp über 10°C. Irgendwie ging das ganz schön schnell. Als ich gestern nach der Arbeit das Paket für Nadine zur Poststelle bringen wollte kam schon fast Weihnachtsstimmung auf. Es war dunkel, kalt, ich hielt abwechselnd die Hände vor die Heizungsschlitze im Auto um meine Fingernägel dazu zu bringen, ihre blaue Farbe zu verlieren.

Ja, Nadine ist seit Sonntag wieder da. Ich habe ihr ein „Welcome-Home“-Paket geschickt, mit veganen Cookies, gerösteten Kichererbsen und Ajvar. Alles selbst gemacht. Was ich allerdings nicht bedacht habe ist, dass unsere Eltern ja nicht da sind. Meine Schwester war nicht da, als der Postbote an der Tür war, also hat er das Paket in die neu installierte Paketbox vor dem Haus eingeschlossen und den Zettel mit dem Zugangscode in den Postkasten geworden. Zu dem hat meine Schwester allerdings keinen Schlüssel. Den Ersatzpostkastenschlüssel hat nämlich die Freundin von meinen Eltern, die letzte Woche, als meine Schwester auch nicht da war, unsere Hasen versorgt und die Post ausgeräumt hat. Irgendwie unpraktisch. Dabei bin ich den ganzen Tag wie auf Nadeln gesessen und habe auf eine Nachricht von meiner Schwester gewartet, ob sie sich über das Paket freut. Ich weiß nicht, wann sie den Schlüssel holt, aber drängen möchte ich sie auch nicht. Also heißt es weiterhin warten.

Wesentlich früher als gedacht habe ich gestern einen Anruf bezüglich der Therapie bekommen. Allerdings stand da gerade der Chef neben mir, also konnte ich nicht rangehen. Die Therapeutin hat mir eine Sprachnachricht hinterlassen, deswegen weiß ich, dass es eine Frau ist. Ich weiß, man sollte nicht von so Dingen wie Name, Stimme, etc. auf irgendetwas schließen, bevor man die Person nicht kennengelernt hat, aber nachdem ich die Nachricht fertig abgehört hatte, dachte ich mir nur: „Auweia. Mit der klappt das nie.“. Heute Nachmittag habe ich dann versucht zurückzurufen, habe sie aber nicht erreicht. Erst Abends hat sie dann angerufen. Das Gespräch war ganz okay, sie klang nicht mehr so komisch wie in der Sprachnachricht. Nächste Woche habe ich einen Termin für ein Erstgespräch. Arztbefunde soll ich mitbringen und ich grinse jetzt schon bei der Vorstellung, wie ich vor ihren Augen meinen 8cm breiten Ordner mit den ganzen Befunden aus dem Rucksack ziehe.

Morgen gehe ich wieder tanzen. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit wieder. Okay, eigentlich ist es eine Ewigkeit. Mehr als ein Jahr. Ich habe Angst davor. Vor den Reaktionen der anderen, wenn sie feststellen, dass ich über ein Viertel meines Ausgangsgewichts verloren habe. Angst davor, dass ich es körperlich nicht schaffe. Dass mich die Tanzlehrerin danach zur Seite nimmt und sagt, dass ich erst wiederkommen soll, wenn ich zugenommen habe. Ich habe mir zwar vorgenommen, zu Mittag statt 200g Tomaten ein bisschen Couscous zu essen und direkt vor dem Tanzen einen Schokoriegel, aber ich habe trotzdem Angst, dass es nicht reicht.