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The will to death is what keeps me alive

Als ich das Schuhband von meinem Arm löse, merke ich schon, dass es verdammt viel war, denn eine Welle der Übelkeit überrollt mich, die nur langsam zurückgeht. Als ich mich so weit wieder gefangen habe, schwanke ich zu DC ins Wohnzimmer und lasse mich neben ihm aufs Sofa fallen. Ich weiß noch, dass er einen Film anmacht. Dann wird alles schwarz.

DCs Stimme dringt gedämpft in mein Bewusstsein wie durch eine dicke Glasscheibe. Ich höre ihn rufen: “Fliegermädchen!!! Alles okay bei dir? HEY! Sag doch was!”, doch ich kann ihm nicht antworten, ich bin viel zu weit weg. Erst nach und nach komme ich wieder zurück und merke, dass er mich schüttelt, während er versucht mich irgendwie wachzukriegen. Endlich schaffe ich es auch, den Mund aufzumachen und ihm zu antworten. “Alles gut, mir geht´s gut”, versuche ich ihn zu beruhigen, “was ist denn los?” – “Verdammt, du hast mir einen Mordsschrecken eingejagt, du hast dagelegen wie im Koma. Ich hab dir die Augen aufgemacht, aber du hast gar nicht reagiert!” erzählt er mir und die Angst steht ihm noch immer ins Gesicht geschrieben.

Okay. Das war nicht der Plan, und doch…

So close.

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Aufgeflogen

In den letzten 2 Tagen habe ich so viel geweint wie vermutlich im ganzen bisherigen Jahr insgesamt.  Die Woche war allgemein beschissen, Überstunden gemacht ohne Ende, so viel unnötige Arbeit durch Unfähigkeit anderer Leute gehabt, dass man ihnen fast schon unterstellen könnte sie hätten es mit Absicht gemacht,  weil man so dumm doch eigentlich gar nicht sein kann, und dann ein Chef der einerseits sagt: “Wenn irgendwas ist, sag mir das sofort!”, dann aber nie erreichbar ist und wenn ich dann mal was sage, kommt: “Aaaach… über sowas darfst du dich nicht aufregen!” und es passiert weder nichts. Naja, Donnerstag war ich dann einfach so weit, dass ich keinen Bock mehr hatte. Aber ich hatte mich wenigstens für Nachmittag mit Flausch verabredet, die aktuell hier in der Nähe auf einem Bauernhof aushilft und beschloss, meinen Chef zu fragen, ob ich früher gehen darf, denn immerhin hatte ich ja dieses Monat bisher knapp 20 Überstunden gesammelt. In der Früh winkte er mir nur kurz zu und meinte, er würde gleich wiederkommen. Tat er nicht. Am Vormittag rief ich ihn an. Sekunden später bekam ich eine SMS aufs Handy: “Kann ich dich später zurückrufen?” – “Klar” schrieb ich, unwissend, wann für ihn “später” war. Als ich nach der Mittagspause noch immer nichts von ihm gehört hatte, schrieb ich ihm mein Anliegen per SMS. Es wurde 15:00, da hätte ich eigentlich gehen wollen. Es wurde 16:00. Und schließlich 16:30, reguläres Dienstende. Die letzte halbe Stunde musste ich mich eisern bemühen, nicht loszuheulen, ich fand das so himmelschreiend ungerecht. Ich bin jetzt fast ein Jahr da, war keinen einzigen Tag in Krankenstand, noch während der  Dienstzeit beim Arzt, habe zwischen Weihnachten und Neujahr gearbeitet, war nie länger als eine Woche durchgehend auf Urlaub… und dann will ich einmal früher gehen, weil ich einfach fertig bin und nicht mehr kann, und dann? Arschkarte.

Aber als ich dann im Auto saß, brach alles aus mir heraus. Die ganze Fahrt zu Flausch heulte ich wie ein Schlosshund. Den Weg hatte ich mir am Vorabend noch auf google maps angeschaut. Sollte nicht schwierig zu finden sein, weil direkt an der Hauptstraße. Kürzen wir das ganze ab: Ich fand ihn nicht. Und Flausch ging auch nicht an ihr Handy. Das passte einfach so richtig in den Tag. Also heulte ich auch die ganze Fahrt nach Hause, wo ich mir Abends erst mal ordentlich die Kante gab. Scheiß auf alles. Ich finde das Desinfektionsmittel nicht? Egal, mach ich eben ohne. Destruktivität wie aus dem Bilderbuch.

Doch obwohl ich einigermaßen dicht war, kam ich nicht zur Ruhe. Bis 2 wälzte ich mich hin und her, kramte immer wieder mein Handy unter dem Polster hervor, um zu überprüfen, ob ich mir eh auch wirklich den Wecker für 4:40 gestellt hatte. Ja, hatte ich. Das ist das letzte, woran ich mich erinnern kann.

Das nächste was ich registrierte war, dass die Sonne zum Fenster hereinscheint. Eigentlich ein Ereignis, über das man sich freuen könnte, wäre da nicht die Tatsache, dass Ende September in Österreich um 4:40 die Sonne nicht scheint. Ein Blick aufs Handy bestätigte die üble Vermutung, es war nicht 4:40, sondern 7:26.

Ich war kurz davor, durchzudrehen. Ich war keine 2 Minuten wach, und heulte mir schon wieder die Augen aus dem Kopf. Ich wählte die Nummer unserer Personalkrambeauftragten, aber weinte so heftig, dass ich mehrere Minuten brauchte, um ihr überhaupt begreiflich machen zu können, was vorgefallen war. “Okay, Fliegermädchen, du beruhigst dich jetzt mal, ja? Setz dich hin, trink einen Kaffee, iss irgendwas, und dann kommst du.” Da wenige Minuten später in meiner Wohnung auch noch der Strom ausfiel, hätte ich mir nicht mal ein Frühstück zubereiten können, wenn ich überhaupt eines essen würde. Beruhigen musste ich mich allerdings trotzdem, denn ich hatte zu wenig Zeit, die Substanz meiner Wahl auf dem Lieblingsweg zu konsumieren, denn das benötigt etwas Vorbereitung- also mussten meine Nasenschleimhäute herhalten. Du merkst wo das Problem ist? Richtig, man kann nix ziehen, wenn einem die Rotze läuft. Als alles erledigt war, stand ich in Rekordzeit in der Werkshalle und versuchte so zu tun, als sei nichts gewesen. Natürlich hatte die Personalbeauftragte meinem Chef über meinen Zustand am Telefon berichtet. “Alles in Ordnung bei dir? K. hat gesagt, du hast total geweint am Telefon! Du kannst immer mit mir reden, das weißt du, ja? Und iss mal mehr, du wirst immer weniger!” meinte er am Vormittag zu mir.

Aber da hatte ich mich schon längst wieder gefangen, lächelte souverän und erledigte meine Arbeit, als wäre nie etwas gewesen. Ich weiß auch nicht, wo die 3,5kg schon wieder hin sind.

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Atmen

Es ist mitten in der Nacht und ich bin mörderdicht. Als wäre ich das nicht vorhin schon gewesen, doch der überzählige Punkt in meiner Armbeuge beweist, dass ich auch noch nachgelegt habe. Dass ich überhaupt getroffen habe grenzt ja eigentlich schon an einem Wunder, denn ich kann nicht mal mehr soweit fokussieren, dass ich die Uhrzeit auf meinem Laptopbildschirm ablesen kann.

Ich beginne zu überlegen, ob das nicht zu viel war. Was passiert dann? Achja, richtig, man hört auf zu atmen. Als Kind habe ich es geliebt, im Schwimmbad weite Strecken unter Wasser zurückzulegen, so lange unten zu bleiben, bis die Lungen schmerzten, ein leichtes Gefühl von Panik aufkam und der Drang zu atmen kaum noch zu unterdrücken war. Jedes mal nahm ich mir vor, langsam und elegant aufzutauchen, doch kaum hatte ich den anderen Beckenrand erreicht, stieß ich mich vom Boden ab und schnappte unwillkürlich nach Luft sobald mein Gesicht die Wasseroberfläche durchbrach. Ob sich das in diesem Fall auch so anfühlt?

Ich atme noch einmal ein und halte die Luft an. Ich warte auf den Schmerz in meiner Brust, doch er kommt nicht. Ganz im Gegenteil, ich bin unglaublich entspannt und drifte wieder ab in meine Traumwelt. Irgendwann komme ich wieder zu mir, unwissend ob Sekunden oder Minuten vergangen sind, ich kann nicht mal mehr die größeren Ziffern auf meinem Handy lesen. Mir fällt ein, dass ich ja die Luft angehalten habe und warte darauf, dass der Atemreflex einsetzt und sich mein Brustkorb von selbst hebt und senkt, doch das tut er nicht. Da ist kein Schmerz, keine Panik, da ist nur die nackte, bewertungsfreie Erkenntnis: Oh. Ich atme nicht. Und ich weiß nicht mal, wie lange schon nicht. Erst, nachdem ich bewusst wieder einen Atemzug genommen habe, beginnt sich der Vorgang wieder zu verselbstständigen.

Es ist beruhigend zu wissen, dass es nicht wehtun wird, wenn es dazu kommen sollte.

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Stadt, Land, Droge

Eigentlich wollte ich das Wochenende mal wieder nutzen, um ein wenig zu schlafen. Ich hätte es auch fast geschafft, ich wollte nur noch schnell eine Nachricht an den Typen von der Drogenberatung schreiben, was aufgrund akuter Dichtheit ein langwieriges Unterfangen wurde, als mich gegen 1:00 morgens ein “Pling” aus meinem Dämmerzustand riss, das den Erhalt einer neuen Nachricht anzeigte. Komm mal online, wir spielen ein paar Runden Stadt, Land, Droge.

Neugierig folgte ich der Aufforderung und aus ein paar  Runden wurden ungefähr 50, denn als wir einvernehmlich beschlossen, ins Bett zu gehen, war bereits die Sonne wieder aufgegangen. Eigentlich wollte ich auch ins Bett gehen, so zumindest der Plan, doch nach ein paar Dehnübungen war mein Kreislauf wieder so in Schwung, dass ich keine Lust mehr darauf hatte und stattdessen den Enthusiasmus der frühen Stunde nutzte, um einen Großputz in meiner Wohnung zu veranstalten.

Zweite Nacht, zweiter Versuch, es ist 23:00. Nachdem ich meine zwei Lieblingsvenen am Vorabend ziemlich beleidigt habe (den rechten Arm kann ich noch immer nicht ganz ausstrecken, ohne dass es wehtut), muss eine selten benutzte dran glauben, aber trotzdem treffe ich auf Anhieb. Wuuuuuuuuusssccchhhh macht es in meinem Kopf und ich denke mir noch Boooaaah, das knallt diesmal. Mit dem Aufräumen will ich noch ein paar Minuten warten, in dem Zustand könnte ich vermutlich gar nicht stehen. Ich lehne mich zurück und schließe die Augen.

Als ich wieder zu mir komme, ist es kurz nach Mitternacht. Altaaaaah, was zum F… ?! Wo ist die letzte Stunde hin? Ich sitze noch orginal so da, wie vor einer Stunde, in der linken Hand die Spritze, deren blanke Nadel gefährlich in die Luft ragt, in der rechten ein Taschentuch, das ich in meine linke Armbeuge drücke. Erst mal Werkzeug sichern. In meinem Schoß finde ich schließlich die Schutzkappe, will sie auf die Nadel stecken, verfehle sie und pieke mich in den Finger. Im zweiten Anlauf klappt es.  Zähneputzen will nicht so richtig hinhauen, vor dem Spiegel stehend penne ich fast im Stehen weg. Schnell krieche ich wieder zurück unter die Decke und schlafe erst mal bis um 8. Tief und traumlos. Wirklich lebendig fühle ich mich da noch immer nicht, ich mache eine Doku an, dämmere wieder weg und schlafe weiter bis um 13:30. Erst da kann ich wieder behaupten, dass ich unter den Lebenden bin. Ich erkläre das Schlafdefizit für aufgeholt.

Morgen habe ich einen Termin bei Dr. Hexe. Ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll und was lieber verschweigen, das werde ich spontan entscheiden.

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Familienbesuch

Zum ersten Mal seit Langem waren wir alle 4 ein ganzes Wochenende zusammen. Es hat sich komisch angefühlt, Nadine und meine Eltern wirken so vertraut und eingespielt, wer wann ins Bad geht, wann gegessen wird, wer kocht… ich komme mir vor wie ein Fremdkörper. Mein Zimmer ist nun endgültig nicht mehr mein Zimmer sondern wurde neu ausgemalt, die Möbel wurden umgestellt und  es ist nun offiziell das Lernzimmer von Nadine. Ein kleines, ausziehbares Schlafsofa steht auch drinnen, damit ich wo schlafen kann wenn ich auf Besuch komme. Endlich sind die schwarzen Streifen von der Wand verschwunden, die das Legoauto hinterlassen hat, als… ach, es ist alles so lange her und ich möchte eigentlich nicht daran denken. Ich finde es jedenfalls gut, dass das Zimmer nicht mehr mein Zimmer ist.

Am Sonntag regnet es in Strömen. Ein kurzes Regenfenster nutze ich um mit meiner Mutter in den Garten zu fahren um Gemüse zu holen. Am Rückweg nicke ich weg, ich fühle mich total energielos. Ich erwache erst wieder, als wir durch die Garageneinfahrt fahren. Als ich aussteigen will, sagt meine Mutter: “Warte, bleib noch.” Ich bleibe brav sitzen. “Fliegermädchen, du schaust wirklich schlecht aus.” – “Inwiefern schlecht?” – “Total fertig. Ich habe eine medizinische Ausbildung, und ich sehe jeden Tag die Leute bei mir in der Arbeit. Bevor die sterben, schauen die alle so aus.” Ich kann es mir gerade noch verkneifen zu fragen, wie lange es ab dem Zeitpunkt, wo man so aussieht wie ich mittlerweile offenbar aussehe, dauert, bis man tatsächlich das Zeitliche segnet. Aber es wäre vermutlich nicht besonders taktvoll, weil sie schon wieder ganz glasige, rote Augen bekommt. “Aber es geht mir gut, Mama, wirklich. Ich fühle mich nicht schlecht. Klar gab es auch schon mal bessere Phasen, aber ich fühle mich wesentlich besser als letztes Jahr.” – “Das mag ja sein, dass du dich besser fühlst, wenn du dir irgendwas einwirfst, aber dein Körper macht das nicht mehr lange mit. Ich war erst am Freitag auf einem Begräbnis und habe gesehen, wie das für eine Mutter ist, wenn sie ihr eigenes Kind beerdigen muss. Ich möchte so etwas nicht erleben. Bitte pass auf dich auf.”

Sie hat es noch immer nicht verstanden, denke ich. Trotz dem Brief, den ich ihr vor 2 oder 3 Monaten mal geschrieben habe. Vielleicht kann man es auch nicht verstehen. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, kann man es vermutlich wirklich nicht verstehen. Denn wieso sollte jemand wie ich sterben wollen, ich habe doch alles, eine Familie, einen liebevollen Partner, Freunde, einen Job, Hobbies, Haustiere, eine Wohnung. Und ich weiß das alles zu schätzen und bin wirklich glücklich darüber, ich betrachte das nicht als selbstverständlich. Aber ich bin einfach müde, so verdammt müde, ich habe einfach keine Kraft mehr.

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Anders

Das letzte Wochenende war anders als die bisherigen, die ich mit DC verbracht habe. Es war normaler. Kein sinnloses Dauerdruffen, wo ich am Ende von dem Wochenende mit viel Glück noch die Hälfte weiß. Gerade das, was man als Süchtiger eben braucht um zu funktionieren, aber sonst ganz normaler Pärchenalltag. Aneinandergekuschelt aufwachen, zusammen kochen, Arbeitsteilung im Haushalt (während ich für ihn Frühstücksgebäck holen war, hat er das Bett gemacht, aufgeräumt und die Wäsche zusammengelegt), spazieren gehen, Ausflüge machen…

Ich habe ein paar Dinge von meiner Sommer-To-Do-Liste erledigt. Ich war wandern, schwimmen (auch wenn es nur ein Sprung vom Tretboot ins Wasser war und zurück zum Boot) und bin barfuß gegangen (vom Bootsverleih zurück zum Auto).

Es war teilweise unglaublich emotional. Als wir zusammen diesen Berg bestiegen, uns an in den Fels gehauenen Drahtseilen entlanghangelten und ich mich irgendwann komplett erschöpft an einer etwas flacheren Stelle hinsetzte in der festen Überzeugung, niemals oben anzukommen und ich weinen musste vor Wut auf mich selbst, weil es sogar 7-jährige Kinder dort hochschafften (was im Nachhinein betrachtet doch irgendwie unverantwortlich von den Eltern erscheint, denn ein falscher Schritt kann dort wirklich den Tod bedeuten), und ich es vor 2,5 Jahren wahrscheinlich auch relativ leicht geschafft hätte, Trauer, Enttäuschung, Hilflosigkeit, alles brach aus mir heraus. DC setzte sich neben mich, nahm hielt mich fest, bis ich mich wieder halbwegs beruhigt hatte, fütterte mich mit Trauben, reichte mir die Hand, und Himmel, ich weiß nicht wie ich es da rauf geschafft habe, aber irgendwann standen wir da am Gipfel auf 1300m und konnten es selbst kaum glauben. Der Anblick, der sich uns bot, war magisch, der strahlend blaue Himmel, rundherum die fast schon surreal türkis-blauen Seen, in der Ferne im Süden die schneebedeckten Gipfel der Alpen… ich bin immer wieder beeindruckt von der Schönheit des Landes, in dem ich lebe und auch DC war tief bewegt.

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Auch woher ich die Kraft für den Abstieg genommen habe, kann ich nicht sagen. Einmal kamen wir vom Weg ab und krochen mehr auf allen Vieren über ein Feld aus losem Geröll, als dass wir aufrecht gingen. Bei jedem Schritt war ich überzeugt, dass mir beim nächsten einfach das Bein wegknicken würde, und trotzdem setzte ich einen Fuß vor den anderen und schaffte es irgendwie, mein Gewicht abzufedern.

Am Rückweg überraschte ich DC noch mit einer kurzen Tretboottour auf einem dieser wunderbaren Seen. Ich hatte heimlich eine meiner alten, großen Männerbadeshorts eingepackt, Badeklamotten für mich und Handtücher für uns beide. Die Badeshort passte ihm tatsächlich, und so trieb das Tretboot ein paar Minuten lang führerlos am Wasser.

Am Abend waren wir einigermaßen erledigt. Trotz des eigentlich schönen Tages hatte ich gute Lust, mich komplett abzuschießen oder mir eine Klinge in den Arm zu rammen. Zweiteres wollte ich DC nicht zumuten, Ersteres wollte mir mangels Material nicht wirklich gelingen und so lag ich einfach nur neben DC am Sofa und versuchte, nicht durchzudrehen. Irgendwann fiel mir im Halbdunkeln auf, dass er sich immer wieder mit dem Handrücken über Augen und Nase wischte- und zwar verdächtig oft. “Weinst du?” fragte ich ihn irgendwann. Er nickte nur. Ach du Scheiße. Innerhalb von Sekunden hatte ich meine eigenen düsteren Gedanken vollkommen vergessen, es gab nur noch DC, der mir seine verletzliche Seite zeigte wie noch nie zuvor. “Warum denn?” – “Weil ich morgen schon wieder fahre…” Ich zog ihn an mich heran, drückte ihn fest an mich, und dann lag er sicher 10 Minuten schluchzend in meinem Arm, während ich ihm über den Rücken streichelte und den Kopf kraulte. “Aber wir sehen uns doch wieder” versuchte ich ihn zu trösten. “Oder ist dir das schon mal passiert, dass du jemanden dann nicht mehr wiedergesehen hast und du hast deswegen so Angst davor, morgen zu fahren?” – “Nein, aber ich habe Angst, dass du irgendwelchen Mist baust.” – “Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nichts tue, was mich gefährdet, aber ich habe es doch bisher immer in einem Rahmen gehalten, in dem mich der Mist, den ich gebaut habe, nicht umgebracht hat. Oder habe ich irgendetwas gesagt, was dich zu der Annahme bringt, dass ich vorhabe ernsthaft Scheiße zu bauen?” – “Nein, es war einfach nur so ein Gedanke…”

Wir redeten noch eine Weile, dann beschlossen wir zu schlafen, weil uns die Erschöpfung des Tages übermannte. “Oh Mann, jetzt kann ich nicht schlafen, weil ich eine total verstopfte Nase habe und überhaupt keine Luft mehr bekomme.” sagte DC. “Das kenne ich, das hatte ich früher auch immer, wenn ich versucht habe, leise zu weinen. Dann ist die Nase irgendwann einfach dicht und es geht weder vor noch zurück. Leg dir noch einen von den kleinen Polstern unter, umso senkrechter der Kopf ist, umso besser kriegst du Luft.” Er befolgte meinen Ratschlag. “Ahja, das funktioniert tatsächlich, so ists schon viel besser.” stellte er fest. Ich lachte. “Tja, ich hab mich auch schon genug Nächte in den Schlaf geheult. Aber das Luft-Bekommen war bei mir nie das größte Problem, sondern ich habe nach dem Weinen immer unglaublichen Hunger bekommen, aber ich konnte ja nicht mitten in der Nacht aufstehen und anfangen in der Küche zu kramen, meine Eltern hätten mir den Kopf abgerissen.” – “Jetzt, wo du es sagst… ich habe tatsächlich Hunger. ” – “Soll ich die restlichen Trauben holen?” – “Ja, das wäre lieb… ”

Und dann sitzen da zwei Suchtis, füttern sich gegenseitig mit Trauben und starren hinaus in die Nacht. Und irgendwie sind sie doch einfach nur zwei Menschen, die sich lieben.

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verkackt

Es gibt Situationen, die passieren normalerweise nur in Filmen, möchte man meinen. Die eine heute Abend war erschreckend real.

DC hat in den letzten Wochen in einem Affenzahn Benzos runterdosiert. Dementsprechend entzügig ist er. Kontakt mit ihm ist seitdem schwierig. Er verdreht mir manchmal jedes Wort im Mund, auf Fragen bekomme ich keine oder pampige Antworten, und wenn ich dann, vor lauter Angst wieder irgendetwas zu sagen, das er falsch versteht, gar nichts schreibe, wirft er mir am nächsten Tag vor mir würde nichts an unserer Beziehung liegen.

Beim Schreiben mit Flausch kotzte ich mich darüber aus. Nachdem ich die Nachricht abgeschickt hatte und das Fenster minimiert hatte, öffnete ich es nochmal und fügte noch den Satz: “Wenn ich auf Benzoentzug auch so anstrengend war, steinigt mich bitte!” hinzu.

10 Sekunden später begann meine Unterhaltung mit DC in der Taskleiste zu blinken. Ich öffnete sie. “Was genau meinst du damit?” hatte er geschrieben. Mein Herz begann zu rasen. Ich hatte doch nicht etwa…?! Doch, hatte ich. Anstatt den Satz in der Unterhaltung mit Flausch zu posten, hatte ich die mit DC erwischt. Nun blieb mir nichts anderes übrig, als ehrlich zu sein, denn würde ich irgendeine lahme Ausrede erfinden, würde das alles noch schlimmer machen. DC ist zwar entzügig, aber nicht dumm. “Der letzte Satz war eigentlich nicht für dich bestimmt, ich habe das falsche Fenster erwischt. Ich habe einfach in letzter Zeit das Gefühl alles falsch zu machen, wenn ich etwas schreibe, kommt das bei dir komplett falsch an und wenn ich nichts schreibe (dann kann ich zumindest nichts Falsches schreiben), hast du das Gefühl, mir würde nichts an dir liegen.” 3 Minuten später ging er wortlos offline.

Noch dazu wollte er morgen Nacht eigentlich zu mir fahren und bis Dienstag bleiben. Ich bin gespannt, ob ich morgen umsonst auf ihn warte. Es klingt zwar jetzt sehr gemein, aber ein bisschen hoffe ich insgeheim, dass er nicht kommt, und das war auch vor der fehlgeleiteten Nachricht so. Ich kann mich dunkel erinnern, wie ich selbst beim Benzoentzug war, und das grenzte schon an “eine Zumutung für meine Mitmenschen”. Ich hätte mit mir definitiv nicht 4 Tage durchgehend mit mir verbringen wollen.