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Dr. Pissnelke

Zum ersten Mal habe ich nachmittags einen Termin in der Substitutionsstelle, sonst war ich immer gleich morgens um 8 da. Und jetzt ist es deutlich voller. Es ist mir unangenehm und ich bin froh, dass ich in meinem übergroßen Mantel geradezu versinke. Später wird mir die Sekretärin auch erklären, warum: “Die Acht-Uhr-Termine möchte nie jemand haben. Um Acht machen die meisten Apotheken auf, und da stehen die meisten schon davor und warten”. Das würde ich schon aus Prinzip deswegen nicht tun, um den Apothekern nicht den Eindruck zu vermitteln, auf sie angewiesen zu sein, auch wenn ich zumindest die Hälfte meiner Dosis auch morgens nehmen werde, sobald ich Take-Home bekomme. Vielleicht lege ich mir die Tabletten ins Auto und nehme sie immer am Weg zur Arbeit, das sollte sich genau ausgehen, dass sie sich aufgelöst haben bis ich da bin, sodass ich dort dann etwas trinken kann um den Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Ist zwar etwas makaber, während dem Fahren an Opioiden zu nuckeln, aber es würde zumindest zur Tatsache passen, dass ich meinen Substitutionsausweis aufgrund seiner Größe in derselben Schutzhülle wie meinen Zulassungsschein aufbewahre.

Aber zurück zum Termin. Hinter einer Frau kommt eine weitere Frau aus dem Arztzimmer. Sie sieht aber nicht aus wie die Ärztin, die die letzten beiden Male hier war. Man hätte mich doch zumindest mal vorwarnen können, dass jemand anders anwesend sein wird, vor dem ich mich psychisch nackig machen muss? Gerade bei diesem Thema habe ich da noch nicht so routiniert. Noch dazu ist mir die Frau auf Anhieb unsympathisch. Die Ärztin ist geschätzt Ende 30, die dunkelbraunen Haare hängen typisch glätteisenglatt von ihrem Kopf und auf ihrer Nase sitzt eine eckige Brille. “Wer ist denn der nächste?” Die Frau, die neben mir gesessen ist, ist gerade vor wenigen Minuten runtergegangen um die Parkuhr nachzustellen. Das sage ich auch. “Ok, und wer ist dann dran? Ich hab nicht ewig Zeit…”. Der Typ gegenüber von mir erhebt sich und folgt ihr schlurfend. Aaaalter… wie ist die denn drauf?! Leicht unentspannt, die Gute… ich beginne zu erahnen, dass es kein angenehmes Gespräch wird.

Nachdem auch die Parkuhrfrau an der Reihe war, bin ich dran. “Wie geht es Ihnen?” – “Gut.” – “Gut?!” Sie schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich weiß nicht, wieso manche Ärzte einfach nicht nachvollziehen können, dass man nicht auf Kommando solche doch sehr persönlichen Dinge offenlegen kann oder will, wo sie mir doch noch nicht mal verraten hat, wie sie überhaupt heißt. Aber gut, dann sagen wir ihr halt mal was sie hören will. “Ja, ich habe das Gefühl, dass die Dosis passt, und in der Arbeit läuft es auch gut. Ich kann mich echt nicht beschweren.” Als sie das neue Rezept schreibt, fällt mir noch etwas ein. “Ich wollte noch was fragen. Wäre es vielleicht möglich, dass ich nur einmal in der Woche in die Apotheke gehe? Also ich habe zwar ein Abkommen mit meinem Chef, dass ich am Vormittag mal kurz in die Apotheke fahren kann, aber ich möchte das natürlich nur so kurz wie möglich in Anspruch nehmen.” Das ist natürlich ein bisschen geflunkert, ich gehe in der Mittagspause rüber, aber eigentlich würde ich den Einnahmezeitpunkt lieber auf morgens verlegen. “Nein, also das geht wirklich erst, wenn Sie eine Zeit lang stabil eingestellt sind. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag…” Und dann bringt sie einen Einnahmeplan, den ich bis jetzt nicht verstanden habe und ich bin sehr gespannt, ob ihn der Apotheker versteht, wenn ich ihm dann das Rezept unter die Nase halte (so oft, wie sie ihn wieder gelöscht und neu hingeschrieben hat, habe ich ernsthafte Zweifel, dass sie ihn selbst verstanden hat und mir tun die Apotheker leid, die die aberwitzigen Einnahmeverordnungen dieser Ärztin interpretieren müssen). Ich erwähne  nicht, dass mir Dr. Engel schon letztes Mal Take-Home angeboten hat, falls sie damit gegen irgendwelche Vorschriften verstoßen hat, möchte ich das nicht vor ihrer offenbar deutlich strengeren Kollegin breittreten. Aber den Weihnachtsurlaub möchte ich mir zumindest noch abstecken, das nächste Rezept geht ja bis zum 24.12. “Wie sieht das eigentlich über Weihnachten und Silvester aus, und die Tage dazwischen? Ich habe meinen Hauptwohnsitz ja in Medan und würde die Tage eigentlich gerne dort bei meiner Familie verbringen…” – “Das geht nicht, Urlaub gibt es erst, wenn Sie mindestens ein halbes Jahr im Programm sind und stabil sind.” Jetzt wird es mir aber wirklich zu blöd. “Ich hatte aber sogar schon welchen, an dem einen langen Wochenende im Oktober, und da war ich nicht mal 3 Wochen im Programm.” antworte ich ein wenig patzig. “Dann wird sich die Kollegin wohl geirrt haben und dachte, Sie waren in Medan schon im Programm.” – “Nein, die wusste das, wir haben ja lange an der richtigen Dosis herumgebastelt.” – “Hören Sie, ich habe diese Vorschriften nicht gemacht, aber ich muss mich daran halten. Aber Sie brauchen vor Weihnachten ja eh nochmal einen Termin.” Ich bin versucht, ihr ein “…aber hoffentlich nicht bei Ihnen!” an den Kopf zu werfen, lasse es aber aufgrund potentiell zukünftig notwendiger Zusammenarbeit bleiben und verabschiede mich möglichst höflich.

Dr. Engel hat mir bewiesen, dass die Ärzte sehr wohl einen gewissen Ermessensspielraum in der Auslegung der Regeln haben. Und wenn das so nicht okay gewesen wäre, hätte es der Amtsarzt wohl kaum abgesegnet. Ich hasse es einfach, wenn mir Leute unnötig Steine in den Weg legen. Als ob ich so viel weniger Blödsinn machen würde, wenn ich in der Weihnachtszeit, wo jeder mit Familienkram beschäftigt ist, alleine im Kaff versumpere, anstatt in Medan bei meiner Familie zu sein… mal abgesehen davon, dass ich gerade am 31.12. definitiv Besseres zu tun habe, als mich stundenlang in den Zug oder ins Auto zu hocken. Das ist doch bekloppt hoch 3, da kann ich mir gleich Tank- oder Bahngutscheine zu Weihnachten wünschen..

Da fällt mir gerade ein, dass ich mir den nächsten Termin für ein Datum ausgemacht habe, an dem ich einen Kurs in Medan habe. Das heißt, ich muss diese Woche sowieso nochmal anrufen und den Termin verschieben. Und da werde ich dann denke ich auch explizit sagen, dass ich an einem Tag kommen will, an dem Dr. Engel da ist.

Fazit: Es gibt 2 Arten von Substitutionsärzten. Die, die streng nach Vorschrift handeln und keinen Millimeter davon abweichen und die, die einfach versuchen, einem das Leben nicht noch komplizierter zu machen, als es eh schon ist.

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2. Geburtstag

Heute ist sozusagen mein zweiter Geburtstag. Vor 2 Jahren bin ich aufs Standesamt gepilgert und habe meine neuen Dokumente in Empfang genommen. Ich habe zum ersten Mal meine neue Unterschrift auf ein Blatt Papier gesetzt. Ich habe mich zum ersten Mal jemandem, der mich nicht kannte, mit diesem Namen vorgestellt.

Ich habe es keinen einzigen Tag bereut. Wie oft habe ich schon gehört: “Wooow… das ist aber ein schöner Name!” , teilweise sogar von wildfremden Leuten, zum Beispiel der Sprechstundenhilfe in der Paxis meines Hausarztes. Es macht mich jedes Mal ein bisschen stolz.

Die Sozialarbeiterin von der Suchtberatungsstelle reitet gerne auf dem Thema Namensänderung herum. Ihrer Meinung nach habe ich meinen Namen nur geändert, weil ich unzufrieden mit mir selbst bin. “Aber Sie können nicht vor sich selbst davonlaufen, wissen Sie? Auch wenn Sie Ihren Namen geändert haben, Sie bleiben immer noch die [ mein alter Name ]” und ich würde ihr dafür am liebsten an den Hals springen. Was verdammt nochmal gibt dir das Recht, meinen alten Namen zu benutzen?! Trotz der hochkochenden Emotionen in meinem Inneren versuche ich sachlich zu bleiben. “Das hat doch gar nichts damit zu tun. Mein alter Name hat sich falsch angefühlt seit ich denken kann.” Sie beharrt trotzdem auf ihrer Theorie. Soll sie, ich kenne die Wahrheit.

Die Wahrheit ist, dass ich es gehasst habe, neue Menschen kennenzulernen, weil ich dann diesen Namen nennen musste, der nicht meiner war. Namensschilder waren ein Horror für mich – so konnten noch mehr Menschen diesen Stempel lesen, den ich mit meiner Geburt aufgedrückt bekommen hatte. In solchen Fällen versuchte ich dann, mit einem Schal oder ähnlichem das Schild zu verdecken. Noch heute erinnere ich mich an die Situation, als ich mit meiner Zimmerkollegin im Internat im Studierzimmer beim ersten Treffen der Lerngruppe stand und uns der anwesende Lehrer nach unseren Namen fragte und ich keinen Ton herausbrachte. Meine Zimmerkollegin musste meinen Namen sagen, weil ich nur daneben stand und das Gefühl hatte, ich würde gerade versuchen ein zähes Stück Fleisch hochzuwürgen. So oft haben meine Eltern versucht, mir diesen Namen schmackthaft zu machen, indem sie mir seine Bedeutung erklärten und weshalb sie mich so genannt hatten – schön und gut, das änderte aber nichts an der Tatsache, dass ich nicht diejenige war.

Seit 2 Jahren ist alles anders. Mittlerweile ist es so selbstverständlich. Die meisten Menschen, mit denen ich heute im Alltag zu tun habe, kennen mich nur so. Und doch fühlt es sich jedes Mal so schön richtig an, dass ich lächeln muss. Es war eine der besten, wenn nicht sogar die beste Entscheidung meines Lebens. Nicht mal das Fliegen gibt mir so viel wie die Tatsache, dass ich mich nun so nennen darf, wie ich eigentlich schon mein ganzes Leben lang geheißen habe.

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Normalität

Langsam nimmt alles wieder eine gewisse Normalität an. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas möglich ist, aber tatsächlich waren letzte Woche ein paar Tage dabei, an denen ich nicht einmal daran gedacht habe, mir irgendetwas in die Vene zu jagen. Das Einzige, das mich noch daran erinnert, ist, dass ich meine Mittagspause nicht wie meine Kollegen in der Kantine oder im Aufenthaltsraum verbringe sondern damit, die Apotheke aufzusuchen. Einerseits fühlt es sich befreiend an, und andererseits bin ich trotzdem so unfrei und gebunden. Ich kann nicht einfach so auf Urlaub fahren, oder beschließen, dass ich das nächste Wochenende in Medan verbringen will.

Letzte Woche habe mir eine Leserin einen Link geschickt: https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/depressionen/article/904795/opioid-suizidgefahr-klingt-verrueckt-funktioniert-aber.html

Die etwas stimmungsaufhellende Wirkung, die ich meinte zu beobachten, scheint also keine Einbildung zu sein. Irgendwie makaber, dass ich erst drogenabhängig werden musste, um an etwas ranzukommen, das meine gelegentlichen Anflüge von : “Es hat alles keinen Sinn mehr und ich will nicht mehr leben” abfängt, aber naja. Andersrum ist es sicher nicht zielführend, alle depressiven Menschen opioidabhängig zu machen, wobei eine kontrollierte Abhängigkeit im Niedrigdosisbereich dem Tod sicherlich vorzuziehen ist.

Was dafür nicht klappt, ist das mit dem Gewicht halten. Ich bin nur 2kg von meinem absoluten Tiefstgewicht letztes Jahr im Winter entfernt, und die kalte Jahreszeit, wo der Energieverbrauch um sich warm zu halten grundsätzlich höher ist, fängt ja gerade erst an. Juchu.

 

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Explosions in the sky

Es ist Samstag Abend. Es ist viel zu früh zum Schlafen gehen, doch eigentlich will ich nicht wach bleiben. Was soll ich anfangen mit dieser Zeit, wenn ich sie nicht im Paradies verbringen kann? Sie erscheint mir wie eine Verschwendung. Ich verfluche mich, dass ich letztes Wochenende alles wegkonsumiert habe. Aber naja, auf meiner To-Do-Liste steht eh noch so viel. Ich wollte das Dokument für den Arbeitsflugplatz fertig basteln, ich wollte endlich das neue Klaviercover fertig basteln. Aber  ich will einfach nicht mehr fühlen, nachdem was mir DC wieder an den Kopf geworfen hat. Ich habe gesagt, dass ich ihn verstehe, habe versucht Lösungsvorschläge zu bringen, zurück kamen nur Vorwürfe. “…ich weiß ja gar nicht, warum ich dir das überhaupt erzähle.” – “Was für eine Reaktion hättest du dir denn jetzt von mir gewünscht?” fragte ich. Stille. Vermutlich weiß er es selbst nicht.

Benzos gegen die Gefühle. Upper um zu verhindern, dass ich einschlafe. Einfach zusammenmixen und direkt eine Line Buprenorphin hinterher, ich hab ja heute noch fast nichts genommen. Ich setze mich wieder an den Laptop um mir die Akkorde nochmal anzusehen. Plötzlich überfällt mich ein Kribbeln am ganzen Körper. Mein Herzschlag beschleunigt sich. Wenn ich die Augen schließe, beginnt der Raum zu schwanken. Wenn ich die Arme ausbreite und von links nach rechts und wieder zurück pendel, fühlt es sich an, als könne ich fliegen. Es fühlt sich verdammt geil an, aber… Holy shit, ist das normal? Hab ich irgendwelche Substanzen miteinander vertauscht? Ich checke schnell ab, ob diese Reaktionen bei dieser Kombination normal sind und wie lange der Zustand ungefähr dauert. Ja, alles im grünen Bereich. Okay, dann werde ich das richtig auskosten. Ich schalte das Licht aus und mache Musik an. Noch eine Decke über den Kopf damit es stockfinster ist. Ich hebe ab, die Musik trägt mich fort, meine Reise beginnt.

Es ist unglaublich schwer, das Erlebte in Worte zu fassen. Diese Euphorie übersteigt alles, was ich jemals erlebt habe. Ich reise durch die Tiefen des Universums, danach durch mein Bewusstsein, ich habe so viele wichtige Erkenntnisse die ich festhalten möchte, doch es ist mir unmöglich, denn sobald ich in eine neue Szenerie gelange weiß ich schon nicht mehr wo ich davor gewesen bin und was ich dort erlebt habe. Die Erinnerungen rinnen wie Sand durch meine Finger. Der einzige Moment, der sich in mir eingeprägt hat, ist, dass ich meinen Dämonen gegenübergestanden bin. Ich habe sie gesehen, als ich durch mein Bewusstsein gereist bin, ich habe das gesehen, was mich zerstört. Und auch wenn das jetzt schlimm und beängstigend klingt habe ich zu keinem Zeitpunkt der Reise Angst oder die Sorge, mich selbst zu verlieren. Mir ist die ganze Zeit über bewusst, dass ich im Wohnzimmer auf meinem Sofa liege und ich jederzeit dorthin zurückkehren kann, wenn mir etwas zu viel Angst macht, indem ich einfach nur die Augen aufmache.

Irgendwann schlafe ich ein. Oder kann ich mich an diesen Teil der Reise einfach nur nicht erinnern? Als ich jedenfalls wieder zu mir komme, ist es kurz nach vier Uhr morgens. Mein Körper kribbelt nicht mehr. Es schwankt auch nichts mehr. Alles ist wieder normal. Und trotzdem hat die Reise bleibenden Eindruck hinterlassen.

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Das war´s dann wohl

Tja, das war es dann wohl. Ich meine, was soll ich mir als Frau denken, wenn mein Freund das letzte Wochenende bei einer anderen Frau verbracht hat und sie seit gestern bei ihm ist? Ich will D.C. ja nichts unterstellen, aber er hat bisher eigentlich nur mal ihren Namen erwähnt und dass er Kontakt mit ihr hat – aber wenn sie ihm schon vorher so wichtig war, dass sie einander regelmäßig treffen, hätte er mir das doch erzählt. Und jetzt plötzlich, wo es zwischen uns und beschissen läuft, hängen die zwei ständig aufeinander.

Wie schon in manchen Blogkommentaren angedeutet wurde: Man kann es ihm nicht verübeln. Das was so weh tut ist nicht, dass er sich offenbar jemand Anderen gesucht hat, das verstehe ich und gerade weil er mir wichtig ist wünsche ich ihm, dass ihm jemand das geben kann, das er braucht, sondern dass er mit mir nicht Schluss macht.

Allerdings muss man dazu sagen, dass er in den letzten Wochen in seinem Ausnahmezustand auch einige Aktionen gerissen hat, die mich an seiner Zurechnungsfähigkeit zweifeln haben lassen. Gegipfelt ist das ganze darin, dass ich, als ich vorletztes Wochenende von einem Ausflug mit meinen Eltern zurückkam, ganze 94 Anrufe (!!!) von DC auf meinem Handy fand und einen von meinem Vermieter. DC hatte sich so in die Vorstellung hineingesteigert, dass ich überdosiert halbtot auf meinem Sofa liege, dass er, nachdem ich 50 Mal oder so nicht an mein Handy gegangen war, die Rettung alarmiert und zu mir geschickt hatte. Die kam auch, klingelte, natürlich machte keiner auf (ich war ja wie gesagt nicht da), weshalb sie dann ins Gasthaus zu meinem Vermieter gingen. Der machte sich natürlich auch Sorgen, schnappte sich den Zentralschlüssel und ging zusammen mit den Rettungskräften in meine Wohnung. Wieder einer dieser Momente, in dem ich mehr Glück als Verstand gehabt hatte… wären meine Eltern davor nicht bei mir gewesen sondern hätte ich mich irgendwo draußen mit Freunden getroffen, wären meine Konsumuntensilien feinsäuberlich auf dem Wohnzimmertisch verteilt gewesen. Und was dann passiert wäre, möchte ich mir lieber nicht ausmalen.

Was würde ich dafür geben, etwas dazuhaben, mit dem ich mich wegballern könnte. Aber die letzten Reste habe ich letztes Wochenende in einer Exzess-Aktion vernichtet die darin gipfelte, dass ich Sonntag um halb 6 morgens sitzend zu mir kam, den Laptop auf meinem Schoß. Als ich ihn zur Seite stellte, mich hinlegte und zudecken wollte, katapultierte ich dabei eine Spritze durch die Luft, deren Schutzkappe ich erst am Nachmittag nach langer Suche in der Sofaritze fand. Die Nadel aus dem Arm zu ziehen, kriege ich normalerweise noch hin, aber gerade beim Nachlegen passiert es mir regelmäßig, dass ich erst Stunden später mit der “ungesicherten” Spritze in der Hand zu mir komme. Selbstsichernde Spritzen wären mal eine sinnvolle Erfindung.

Aber das alles ist nicht. Das Einzige, womit ich mich halbwegs betäuben kann, sind Benzos.

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10 Jahre

10 Jahre ist es her, dass das kleine Fliegermädchen in den großen Flieger stieg, einen Blick ins Cockpit warf und der Pilot fragte: “Willst du vorne bleiben?”.

Der Anblick dieser kilometerlangen Piste, die vor einem liegt, wie sie auch auf meinem Titelbild zu sehen ist, dieses Gefühl der Beschleunigung… ich brauchte es nur einmal sehen, einmal erleben, um zu wissen, dass es das ist was ich will, und nichts Anderes. Es hat sich angefühlt wie nach Hause kommen, ein Gefühl, das mir bis dahin ziemlich fremd war.

Damals war ich noch voller Hoffnung. Dass das alles nur eine Phase ist. Dass irgendwann alles gut werden wird. Dass ich 10 Jahre später selbst in Uniform dort vorne sitzen werde.

Nie hätte ich gedacht, dass ich jemals dort sein würde, wo ich jetzt bin. Ein körperliches und psychisches Wrack. Vermutlich ist es auch besser, dass ich es nicht gewusst habe, denn vielleicht wäre ich jetzt gar nicht mehr hier, denn was mich jahrelang am Leben gehalten hat, war der Traum von der kilometerlangen Piste.

Ich weiß, dass es nicht so weit kommen hätte müssen, dass ich viele Entscheidungen auf diesem Weg selbst getroffen habe und gleichzeitig weiß ich, dass ein Teil davon notwendig war um zu überleben. Ich weiß nicht, wo der Punkt gewesen wäre, an dem ich ohne Destruktivität überleben hätte können, ich weiß nur, dass ich ihn verpasst habe und das alles was danach kam, meine Entscheidung war.

Zurückrudern ist nicht mehr. Die Narben kann man nicht ausradieren, die Schäden am Körper nicht reparieren, das Verlangen nach den Substanzen, die einem zumindest vorrübergehend den Schmerz nehmen nicht abstellen. Ich habe diesen Weg eingeschlagen und ich muss ihn zu Ende gehen. Ich hoffe nur, dass er bald zu Ende ist, denn ich bin schon viel zu lange unterwegs.

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Lächeln schenken

Letzten Mittwoch im Zug nach Medan. Auf halbem Weg steigt ein Mädchen sein, viuelleicht 18 Jahre alt, das Klischee einer typischen Außenseiterin. Übergewicht, das auch die weiten, sackartigen, farblosen Klamotten, die sie trägt, nicht verstecken können. Brille…. aber diese Haare, oh mein Gott, diese Haare. Lange, kupferrote Haare, wie ich sie immer gerne gehabt hätte. Der Zug ist fast voll, für Menschen wie sie muss das eine Horrorsituation sein. Zögernd kommt sie auf die Reihe zu, in der ich sitze. “Ist da noch frei?” fragt sie und deutet auf den Platz neben mir. “Klar” antworte ich. Kaum hat sie sich hingesetzt, verbarrikadiert sie sich hinter Kopfhörern, die sie erst abnimmt, als wir eine halbe Stunde später in die Station einfahren, in der auch ich einsteigen muss. Als sie ihre Jacke anzieht, treffen sich unsere Blicke kurz. “Du hast wunderschöne Haare!” sage ich zu ihr. Sie schaut auf. Ungläubige Augen blicken mich durch die dicken Brillengläser an. Ich will mir gar nicht ausmalen, was sie alles schon zu hören bekommen hat, da ist viel Schmerz in ihren Augen. “Danke” sagt sie und lächelt unsicher. “Das ist meine Naturhaarfarbe” fährt sie fort, jetzt schon etwas sicherer und ein bisschen Stolz schwingt in ihrer Stimme mit. “Das sieht man, wenn man sich die Haare rot färbt, sieht das trotzdem irgendwie unnatürlich aus. Ich habe es trotzdem lange gemacht. Ich finde das einfach so ästhetisch, wenn jemand von Natur aus solche Haare hat.” sage ich. “Danke.” sagt sie nochmal, und richtet dann ihren Blick nach vorne, wo gerade die Türen aufgehen.

Als wir aussteigen, wirft sie die rote Mähne über ihre Schulter nach hinten, und schreitet mit sicherem, aufrechten Gang davon. Sie wirkt jetzt mindestens 5 Zentimeter größer als vorher, als sie da verloren im Mittelgang des Zuges stand und sich hilflos nach einem Sitzplatz umgesehen hat. Ich schaue ihr nachdenklich hinterher, und frage mich, wieso so wenige Menschen das tun. Man schenkt nicht nur jemand anderem etwas, sondern fühlt sich auch selbst gleich ein bisschen besser.

Ich habe erst vor ein paar Jahren damit angefangen, wildfremden Menschen zu sagen, wenn mir etwas an ihnen besonders gefällt.

Wie viel schöner wäre unsere Welt wohl, wenn das jeder täte?