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Diagnose: ganz normaler Wahnsinn

Eigentlich hatte ich gedacht, es würde ein gemütlicher Termin bei der Ärztin werden. Wie immer eben, reingehen, 10 Minuten lang erklären wie gut es mir nicht geht, rausgehen.
Aber ich hatte die Rechnung mal wieder ohne meinen Betriebsarzt gemacht. Scheinbar in der Hoffnung, dass die mich eher zur Vernunft bringen könnten, hatte er nun die Leute von dort auf mich angesetzt. Nachdem sich die Sozialarbeiterin ja sowieso schon so auf mich eingeschossen hatte, war das natürlich höchst kontraproduktiv, denn so fühlte sie sich in ihrer Annahme nur noch bestätigt. Zuerst versuchte ich die Ärztin alleine davon zu überzeugen, dass eine Behandlung gegen meinen Willen überhaupt keinen Sinn hätte. Schließlich meinte sie, es wäre wohl besser die Sozialarbeiterin dazuzuholen, denn die sei ja schließlich diejenige, die sich Sorgen machen würde.
‘Und dann ging es los, zu zweit redeten sie auf mich ein. “Wir haben doch die Verantwortung für dich! Wenn du noch weiter abnimmst, müssen wir irgendwann handeln!” – “Dann werde ich eben nicht weiter abnehmen, okay?” – “Das kannst du doch gar nicht kontrollieren, das ist Teil des Krankheitsbildes, dass du genau das willst!” – “Na wenn das so ist, wäre es doch sowieso sinnlos, mich zu irgendetwas zu zwingen, was ich nicht möchte, denn sobald ich wieder draußen bin, kann ich eh wieder machen was ich will, und auf Dauer kann mich niemand einsperren.”- “Trotzdem, wenn ich merke, dass du körperlich kurz vor dem Zusammenbruch bist, bin ich gezwungen zu handeln. Der österreichische Staat unterstützt das nicht, wenn sich ein Mensch umbringt” In diesem Moment wurde mir mit einem Schlag bewusst, wie sehr ich sterben möchte. Dass ich diese Entscheidung für mch getroffen habe liegt so weit zurück, dass der Gedanke an einen Tod in naher Zukunft ganz normal geworden ist. Ich versuchte es mt der Beschwichtigungstaktik.  “Ja, das mag sein, aber das bin ich ja jetzt noch nicht. Mir geht es gut. Ich habe keine Kreislaufprobleme, ich kann arbeiten gehen, es ist alles in Ordnung. Wieso sollte ich dann unnötige Energie in etwas investieren, das sich nicht ändern lässt?” – “Wer sagt denn, dass es sich nicht ändern lässt?” – “Ich habe schon so viel versucht, aber dauerhaft geklappt hat es trotzdem nicht. Und ich bin es einfach leid, unnötige Energie in etwas zu investieren, das dann nur in einer riesengroßen Enttäuschung für alle Beteiligten endet.” versuchte ich zu erklären und gleichzeitig wusste ich, dass sie es nie verstehen würden. “Nagut, wenn alles in Ordnung ist, dann haben Sie doch sicher nichst dagegen, wenn wir Ihnen Blut abnehmen und ins Labor schicken, oder?” fragte die Ärztin. Scheiße. Meine Gedanken begannen zu rasen. Würde sie die Einstiche auf meinen Armen sehen? So viel war klar, meine für solche Fälle hübsch zusammengezimmerte Ausrede von wegen “Mir geht dieses Ritual des Spritzens so ab, deswegen spritze ich nun nur mehr Wasser” konnte ich mir bei meiner Substitutionsärztin sparen, das würde sie mir niemals abkaufen. “Und was ist wenn dann doch irgendein Wert nicht passt? Ich will das nicht wissen, es ist total irrelevant für mich.” – “Aber irgendetwas muss ich unternehmen, ich habe schließlich Verantwortung für Sie, sogar der Betriebsarzt hat mich schon angerufen. Und ich will wirklich nicht irgendwann den Polizeiarzt rufen müssen um Sie zwangseinweisen zu lassen.” Nun stellte sich die Sache anders dar- nun ging es darum, hier heute überhaupt wieder rauszukommen. Ich entschied, meinen rechten Arm dafür zu opfern obwohl ich ihn noch immer nicht wieder ganz ausstrecken konnte, den hatte ich Aufgrund der Entzündung die letzten Tage verschont.  Die Stelle war nicht mehr gerötet, aber eine fühlbare Beule war immer noch vorhanden, hoffentlich würde sie nicht genau da reinstechen, das würde sehr unangenehm werden. Doch ich hatte Glück, sie hatte sofort nach dem Anlegen den Staubandes eine schöne, hervorstehende Vene auf meinem Unterarm entdeckt, mit der Nadel angepeilt und traf auf Anhieb. Sie füllte mein Blut in ein paar Gefäße und beschriftete sie. Das Gut verschwand in einer Schublade- und ich wenig später aus der Ambulanz, nachdem wir das abgewickelt hatten, weswegen ich eigentlich gekommen war: meine neuen Rezepte.

Und ich muss nun endlich nur mehr einmal in der Woche in die Apotheke. Das heißt, ich hab nun endlich mein ganz normales Leben wieder und kann übers Wochenende nach Medan fahren, ohne das schon 2 Monate im Voraus planen zu müssen, damit ich mir Urlaub nehmen kann und Samstags nicht in die Apotheke muss.

 

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Anhängliche Sozialarbeiterinnen, ein Programmiermarathon & other news

Ich habe den Winter überlebt, denke ich immer morgens, wenn ich zwischen 05:40 und 06:00 aus dem Haus in die ungewöhnlich milde Morgenluft trete. Mein Auto ist von keiner Eisschicht mehr überzogen, die ich abhängig von der Dicke mit mehr oder weniger Zeitaufwand entfernen muss. So oft habe ich mich gefühlt, als würde ich gleich den Erfrierungstod sterben. Und nun wird es Frühling. Die letzten 2 Nächte bin ich mit nur einem kirschkernkissen ins Bett gegang, aber vermutlich hätte ich nicht mal das gebraucht, weil mir tatsächlich ohne externe Wärmequelle warm war. Ein ganz komisches Gefühl.

Die Entzündung an meinem Arm ist verheilt. Seitdem hatte/habe ich schon wieder 4 neue, ich weiß gar nicht mehr, wann ich meine Arme zuletzt schmerzfrei bewegen konnte. Grundsätzlich entzündet es sich mittlerweile immer, wenn ich die Vene nicht treffe oder zu oft nacheinander dieselbe Stelle benutze- und die Versuchung, letzteres zu Tun ist groß, weil man denkt wenn ich gestern da getroffen habe, dann treffe ich vielleicht heute auch. Spätestens beim dritten Mal entpuppt sich das meistens als böser Trugschluss. Aber die Salbe habe ich, rezeptfrei ist sie auch, somit war ich auch nicht mehr beim Arzt. Einen “Muster-Heilungsverlauf” habe ich nun, also werde ich es genauso machen wie damals be den kälteverbrennungen: Nur dann zum Arzt, wenn irgendetwas davon abweicht.

Eigentlich wäre heute Skitag vom Arbeitsflugplatz gewesen. Eigentlich sollte ich gerade am Snowboard stehen und nicht zuhause sitzen. Ich habe es aber für sinnvoller gehalten, nicht mitzufahren. Das Fahren ansich wäre schon mal eine Herausforderung geworden, da ich die Arme entzündungsbedingt nicht ausstrecken kann, mal abgesehen davon, dass ich einen ganzen Tag auf der Piste wahrscheinlich kräftemäßig gar nicht mehr durchstehen würde. Dazu kommt das Verletzungsrisiko, weil ich nirgendwo mehr richtig gepolstert bin. Ich habe zwar einen Rückenprotektor, trotzdem hat mir nach einem ganzen Tag auf der Piste meistens der Hintern wehgetan, weil man als Snowboarderin doch viel sitzt und der Weg in diese Position, selbst wenn er geplant ist, nicht immer unbedingt der sanfteste ist.

Dazu kommt, dass ich ein bisschen Ordnung machen muss, da morgen Vormittag hier im Haus die Wasserzähler getauscht werden. Alles in allem also genug Ausreden, um wieder ein Wochenende abgeschottet von der Außenwelt in meiner Wohnung zu verbringen.

Letzte Woche hatte ich wieder einen Termin bei der Sozialarbeiterin von der Suchtberatungsstelle. Wenn es nicht in der Verwarnung von meinem Arbeitgeber stehen würde, würde ich dort nicht mehr hingehen, denn langsam wird es anstrengend. Schon beim letzten Termin waren mir die Endlosdiskussionen über mein Gewicht auf die Nerven gegangen. “Und was machst du, wenn du weiter abnimmst?” hatte sie zum gefühlten 10. mal gefragt. “Weiß ich nicht, das kann ich mir doch überlegen wenn es so weit ist.” – “Das ist keine Antwort, mit der ich mich zufrieden gebe. Wenn du nicht ins krankenhaus willst, musst du doch einen anderen Plan haben. Also, was machst du?” – “Okay, dann versuche ich halt wieder mehr zu essen und ein bisschen zuzunehmen. klingt das besser?” – “Viel besser. Wäre es in Ordnung, wenn du bei den Arztterminen gewogen wirst?” – “Wenn es unbedingt sein muss und dir dann leichter ist. Ich hab nix zu verbergen…” Natürlich war mir das in dem Moment total gegen den Strich gegangen, aber das wollte ich ihr nicht zeigen. Ich hatte einfach nur gesagt was sie hören wollte, damit die Diskussionen aufhören.

Bei meinem letzten Termin fragte sie mich nach meinem Gewicht. Ich schummelte einige 100g dazu, hatte aber leider keine Ahnung mehr welches ich beim letzten Termin abgegeben hatte- dummerweise war es mehr gewesen.”Du hast doch gesagt, du isst mehr und nimmst wieder zu, wenn du abnimmst!” sagte sie vorwurfsvoll. “Das habe ich nur gesagt, damit wir aufhören, über das Thema zu diskutieren. Ich war einfach müde davon, da habe ich einfach allem zugestimmt. Zuerst habe ich doch versucht, eine Antwort zu geben, die ich auch so meine, aber du hast keine Ruhe gegeben, bis ich das gesagt habe, was du hören wolltest.” – “Das heißt, das mit dem zunehmen, und dass es okay für dich ist, wenn du gewogen wirst… das hast du nie ernst gemeint?!” – “Nein.” Sie schaute mich ungläubig an, doch ich verzog keine Miene. “Was von dem, was du sagst, kann ich dann überhaupt noch ernst nehmen?” – “Das, was ich antworte, wenn du mich zum ersten Mal etwas fragst. Aber wenn du die Frage noch fünf Mal stellst, in der Hoffnung eine Antwort zu bekommen, die dir besser gefällt, wird mir das irgendwann zu blöd und ich werde genau das antworten, was du hören möchtest, damit das Thema endlich vom Tisch ist.”

Ich merkte schnell, dass ich sie damit ziemlich verunsichert hatte. Die sanfte, freundliche, umgängliche Musterpatientin zeigt plötzlich ihr wahres Gesicht. Aber ich hatte das Gefühl, dass das nötig war, weil sie sich da in etwas hineinsteigert, das über eine gesunde, professionelle Beziehung zwischen einer Fachperson und einer Patientin hinausgeht. Das merkte ich auch, als wir den nächsten Termin ausmachen wollten. “Was hältst du davon, wenn wir uns kürzer sehen, dafür aber öfter? Wenn du gehst, weiß ich nie, ob ich dich das nächste mal noch wiedersehe, und mache mir die ganze Zeit Gedanken…” – “Das möchte ich nicht. Für mich ist es doch ein langer Weg hierher, speziell bei der morgendlichen Verkehrslage.” – “Aber überleg doch mal, wie ich mich fühle! Was würdest du in meiner Situation machen, wenn du dir die ganze Zeit Sorgen um einen Menschen machst und den nur alle 5 Wochen siehst?” Alter Falter, das kann nicht mehr gesund sein. Die steigert sich da viel zu sehr rein. “Ganz ehrlich? Ich würde mir überlegen, ob ich das noch weiterhin auf mich nehmen will, diesen Menschen zu betreuen, wenn mich das so belastet. Also das wäre wirklich kein Problem für mich, wenn du sagst dass du damit nicht klarkommst und dir das zu viel wird und ich lieber zu einem kollegen von dir…” – “Das kommt gar nicht in Frage!” unterbrach sie mich, “Ich habe noch niemanden hängen lassen und ich werde es auch dieses Mal nicht tun!” – “Das hat doch nichts mit hängen lassen zu tun, sondern damit, auf sich selbst und seine Grenzen zu achten”, versuchte ich zu erklären, doch es war zwecklos. Die Rollen von Patient und Behandler begannen sich gerade auf absurde Art und Weise umzukehren. Schließlich hatte sie mich so weit, dass ich einwilligte, mich zwischen unseren Terminen alle 2 Wochen per E-Mail zu melden. Obwohl mir eigentlich auch das zu viel ist und ich finde, dass damit eine Grenze überschritten ist, wenn sie überzeugt ist, es anders nicht mehr auszuhalten weil sie sich sonst zu viele Sorgen um mich macht. Aber was soll ich tun? Die Betreuung durch die Sozialarbeiter dort abbrechen kann ich wegen der schriftlichen Verwarnung nicht und mehr als ihr ans Herz legen, meinen “Fall” einer anderen Sozialarbeiterin zu übergeben, kann ich auch nicht machen. Mir graut schon vor dem nächsten Termin…

Letzte Woche habe ich einen Programmiermarathon eingelegt, der sich gewaschen hat. Am Ende der Vorwoche war ich auf die Idee gekommen, die Checks, die wir regelmäßig an den Fertigungslinien und im Lager durchführen, direkt in ein Excel-Userform einzugeben und in einer Tabelle auswerten zu lassen. Ich öffnete ein neues Dokument, schusterte einen ersten groben Userform-Entwurf zusammen, ging zu ihm nach oben und trug ihm meine Idee vor. “… und damit sparen wir uns die ganze Zettelwirtschaft mit den ausgefüllten Check-Fragebögen und die Sekretärin braucht die dann nicht mehr in die Excel-Tabelle übertragen und wir sind, wie es der Wunsch der Führungsebene ist, wieder ein bisschen papierloser unterwegs.” schloss ich meine Erklärung. “Das ist eine Spitzenidee! Wir könnten das doch über den Laptop machen, der  unten für die 5S-Checks zur Verfügung steht!” – “Stimmt, daran habe ich noch gar nicht gedacht. Dann muss man sich keine Notizen machen, sondern gibt das direkt ein, speichert alles und fertig. Also darf ich die Sache weiterverfolgen?” – “Unbedingt weiterverfolgen!”

Am Nachmittag rief ich ihn dann nochmal an, denn er hatte mir noch eine zweite Aufgabe übergeben und ich war mir nicht sicher, was davon ihm wichtiger war. Aber eigentlich wusste ich, dass er beide Dinge zu gerne am globalen Treffen aller Qualitätsmanager in der darauffolgenden Woche bei uns im Haus präsentieren wollen würde. “Ich wollte mal fragen, was nun eigentlich die höhere Priorität hat, die Auswertung von den Reklamationen oder die Sache mit den Checks?” – “Wie lang glaubst du denn, dass du dafür brauchst? Also grob geschätzt?” Ich überlegte, und traf schließlich eine Entscheidung. “Ich weiß, dass du beides vermutlich bei dem Quality-Metting herzeigen möchtest, stimmts? Also, ich kann dir folgenden Vorschlag machen: Wenn ich Montag und Dienstag nur programmiere und von dir die Erlaubnis habe den ganzen Tag nichts Anderes mache außer mich damit zu beschäftigen und alles andere links liegen lassen darf, dann hast du am Mittwoch beides.” – “Das wäre der Hammer. Ich geh dann gleich runter und sag den Teamsprechern, dass sie dich am Montag und Dienstag in Ruhe lassen sollen und mit allem, was anfällt, zu G. gehen sollen.”

Das klappte erstaunlich gut, obwohl der Zeitplan ziemlich eng war. Aber ich hatte Glück, es ergaben sich keine Probleme, an denen ich mir stundenlang die Zähne ausbeißen hätte müssen und alles war rechtzeitig fertig. Von dem Meeting ansich bekam ich nicht viel mit, da mein Chef weiß wie ungern ich so etwas mache übernahm er es, meine neuen Tools zu präsentieren, lediglich der globale Qualitätschef schaute während des Werksrundgangs einen Sprung bei mir vorbei: “Die Programmierarbeiten sind wieder ganz große klasse! Ich habe das eh auch schon [meinem Chef] gesagt, ich werde für nächste Woche einen Skype-Termin ausschreiben, damit wir besprechen können, wie man das global ausrollen kann…” Ich grinste in mich hinein. In der Tochterfirma, die für den konzern den ganzen IT-kram macht, ist ein ganzes Projektteam seit Monaten mehrere Stunden pro Woche damit beschäftigt, das auf die Beine zu stellen, was ich hier im Werk vor kurzem innerhalb eines Monats alleine neben dem üblichen “Tagesgeschäft” aus dem Boden bzw. aus der Tastatur gestampft habe – ein klassischer Fall von “zu viele köche verderben den Brei”. Andererseits muss man fairerweise auch sagen, dass es wesentlich einfacher ist, eine Lösung für einen Standort zu entwickeln, an dem man sich selbst befindet und somit leicht Änderungen vornehmen kann, wenn zB. mal wer eine Datei unbenennt oder verschiebt und ein Pfad nicht mehr funktioniert,  als wenn man ein Tool entwickeln soll, das in mehreren auf der ganzen Welt verteilten Werken mit verschiedenen Sprachen und Schriften funktionieren soll und wo man auch nicht davon ausgehen kann, dass ein IT-Fachmann vor Ort ist.

Am Freitag kurz vor der Mittagspause tauchte mein Chef dann zu einer Feedbackrunde an meinem Arbeitsplatz auf. “Die waren alle schwer beeindruckt!” erzählte er mir grinsend. Im Gegensatz zu mir ist er ein Mensch, der sehr gerne im Mittelpunkt steht und Dinge präsentiert, da ist er in seinem Element. Er stellte sich vor unser Teamboard und tat so, als würde er Fotos mit einem unsichtbaren Handy machen. “So sind sie die ganze Zeit vor dem Bildschirm gestanden, wie die Chinesen in Wien vor dem Schloss Schönbrunn” fuhr er fort. In dem Moment bog der Geschäftsführer ums Eck, höflich stand ich auf und begrüßte ihn. “Wir machen gerade eine kleine Feedbackrunde” sagte mein Chef. “[Der globale Qualitätschef] war wirklich sehr beeindruckt” sagte der Geschäftsführer, “wir sind dann noch zusammengesessen, er, [mein Chef], und ich, der würde das alles am liebsten sofort weltweit in allen Werken verbreiten. Aber wir haben ihm auch gesagt, dass es nicht sein kann, dass du von anderen Werken und von [der IT-Tochterfirma] keinerlei Unterstützung bekommst, wenn du Hilfe oder Informationen brauchst, aber wenn du dann was auf die Beine stellst, sollen wir alles an die anderen Werke weitergeben, damit alle etwas davon haben.” Yesss. Nichts anderes hätte ich mir wünschen können, denn nach wie vor verweigert die IT-Tochterfirma, die Option in unserem SAP-System freizuschalten, die es möglich macht, dass ich mit Makros SAP-Daten auslesen und in Excel-Tabellen verarbeiten könnte (zuerst wollten sie mir überhaupt weismachen, dass das gar nicht möglich sei). “Das finde ich gut, vielleicht kommen wir so endlich in der SAP-Sache weiter. Ich verstehe auch nicht, wieso die so ein Drama daraus machen, ich möchte doch nur automatisch die Daten auslesen, an die ich sowieso rankomme, wenn ich selbst die Transaktion im SAP aufrufe. Aber ich glaube, die stellen sich das mit der globalen Ausrollung einfacher vor als es ist, manche Daten werden in anderen Werken doch noch gar nicht erfasst und der ganze Programmcode ist auf das Ordnersystem von unserem hausinternen Netzwerk zugeschnitten, da braucht es dann wen, der das alles an die Gegebenheiten im jeweiligen Werk anpasst.” sagte ich. “Das soll nicht unser Problem sein.” meinte mein Chef. Ich nickte zustimmend. “Von mir aus können sie die Codes alle haben, ich mache da kein Geheimnis draus, aber was sie dann damit anfangen, ist ihre Sache.”

Gestern kündigte ein hoher Ton am Firmenhandy das Eintreffen einer neuen E-Mail an. Der globale Qualitätschef hat es wohl nicht länger ausgehalten und gleich für Montag den Skype-Termin angesetzt.

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Phlebitis ahoi

Als ich gegen dreiviertelelf in die Praxis meines Hausarztes schneie, bin ich schon mal erleichtert, denn im Wartezimmer sind noch Stühle frei. Das stellt schon mal eine deutliche Verbesserung verglichen mit der Situation von Samstag dar, aber voll ist es trotzdem. Wie gut, dass ich nach kurzem Überlegen zusätzlich zu dem dünnen Luftfahrt-Cartoon-Buch noch den dicken Wälzer von Richard Bach eingepackt habe, bei dem ich Ende 2018 ungefähr bei der Hälfte stehen geblieben bin. Denn es vergeht eine Stunde. Es vergeht eine weitere Stunde und ich bin immer noch nicht dran. Erst kurz nach 13:00 eilt der Arzt mit schnellen Schritten zur Tür herein und ich muss unwillkürlich in mich hineinlächeln. Obwohl ihm die Leute die Bude einrennen, er seit 6 Stunden in der Praxis ist und vermutlich seitdem weder gegessen oder getrunken hat, geschweige denn auf der Toilette war oder 5 Minuten Pause gemacht hat und dann auch noch Leute wie ich aufkreuzen, die eigentlich nur aufgrund von grob fahrlässiger Dummheit vor ihm sitzen, ist er freundlich, nicht hektisch, nimmt sich Zeit und wäre wahrscheinlich auch für ein Späßchen zu haben, nur dass ich heute nicht zum Herumalbern aufgelegt bin. Ich bewundere diesen Menschen jedes Mal für seine Gelassenheit und die Ruhe, die er ausstrahlt, obwohl er sich vor Patienten kaum retten kann, denn wie mittlerweile in vielen ländlichen Gegenden herrscht auch hier Ärztemangel.

“Grüß dich. Na, was führt dich zu mir?” fragt er und setzt sich schwungvoll an den Schreibtisch. “Das hier” sage ich und krempel den Ärmel hoch. “Was hast du da gemacht?” – “Ich habe die Vene nicht getroffen.” antworte ich wahrheitsgemäß. “Was war das denn? Heroin?” – “Nein, nur Wasser, ich bin doch im Programm. Aber ich vermisse dieses Ritual einfach so, und da fühlt es sich zumindest ein bisschen so an wie früher…” – “Das glaube ich dir nicht.” lässt er mich wissen. Doch er bohrt nicht weiter nach, sondern widmet sich ohne beleidigt zu sein wieder der Sachlage. “Das scheint eine ordentliche Venenentzündung zu sein. Tut das nicht weh? So wie das aussieht, da geht man doch die Wände hoch?” – “Doch, schon. Mittlerweile geht es halbwegs, aber letzten Freitag war es wirklich nicht mehr schön, aber ich hatte auch gar nichts zuhause was ich dagegen nehmen hätte können” gebe ich zu. “Gut, ich schreibe dir eine Salbe auf, die schmierst du zwei bis dreimal täglich schön großzügig da drauf, in Ordnung? Und ein Schmerzmittel, das kannst du auch bis zu dreimal täglich nehmen. Probleme mit dem Magen hast du eh keine?” – “Nein.” – “Sehr gut. Und am Donnerstag sehe ich dich wieder. Und wenn es davor schlimmer wird, komm bitte wirklich her. Damit ist nicht zu spaßen.”

Ich rechne ihm das wirklich hoch an, dass er, egal mit welchem Scheiß ich bei ihm bin, und ich war bisher – traurig aber wahr – nur wegen körperlichen Auswirkungen meiner psychischen Erkrankungen bei ihm, immer respektvoll und wie einen Menschen behandelt. Es gibt so viele Leute da draußen die keinerlei Verständnis dafür hätten, die mich richtig spüren lassen würden wie sehr sie das anwidert, dass ich mir irgendwelches Zeugs in die Arme jage und sie auch noch ihre Zeit dafür opfern müssen, und ich würde hinterher mit eingezogenem kopf und dem Selbstwertgefühl im keller hinausschleichen. Danke, einfach nur danke.

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Fliegermädchen hat Aua

Es ist tatsächlich sehr lange her, dass ich konsumiert habe um Schmerzen erträglich zu machen, aber nun ist es mal wieder so weit.

Es begann harmlos am Donnerstag mit dem abendlichen Ritual. Eigentlich weiß ich mittlerweile, dass Venen das gar nicht gern haben, wenn sie an mehreren Tagen nacheinander an fast derselben Stelle punktiert werden. Und so kam es, wie es kommen musste: es war noch ein halber Milliliter in der Spritze als ich feststellte, dass die Nadel aus der Vene gerutscht war. Ich stocherte noch kurz und versuchte wieder reinzukommen, aber keine Chance. Also machte ich mich auf die Suche nach einer neuen. Schließlich fand ich ein Exemplar, zwar sehr schmal, aber einen Versuch war es wert. Ich stach, es tat weh und ich drückte vorsichtig den kolben ein wenig nach unten. Sogleich bildete sich eine Wölbung, die nichts Gutes verhieß. “Ach, scheiß drauf, subkutan geht nochfalls auch” dachte ich und drückte den Rest auch noch rein.

Hätte ich das mal besser nicht getan. Schon 2 Stunden später breitete sich rund um die Stelle ein unangenehmer Schmerz aus. Wie sollte ich so schlafen? Dann fiel mir auf, dass das warme kirschkernkissen an der Stelle die Schmerzen etwas linderte. Ich legte es auf meinen Arm und schlummerte bald ein, aber es war ein sehr unruhiger Schlaf. Absolut sinnfreie Träume wechselten mit kurzen Wachphasen, in denen ich die Schmerzen zwar bemerkte, aber nicht darüber nachdachte. Erst, als mich um 5:20 der Wecker aus dem Schlaf riss, wurde mir bewusst, dass sich mein Arm anfühlte als würde wer mit einem glühenden Messer darin herumstochern. Ich weiß nicht, ob es am Licht lag oder daran, dass ich noch ziemlich verquollene Augen hatte, oder ob zu dem Zeitpunkt tatsächlich “nur” Schmerzen gewesen waren, aber der Arm sah ganz normal aus. Ich zog mich in Schneckentempo an, weil selbst die zarte Berührung des Pullis unfassbar wehtat, und fuhr zur Arbeit. Die Arbeit erledigte ich möglichst einarmig, aber ich hatte nur einen kurzen Tag zu überstehen.

Als ich am Abend den Ärmel auf der Suche nach einer Vene hochkrempelte, traf mich fast der Schlag. Meine ganze Armbeuge war rot und geschwollen und so warm, dass man die Hitze noch fühlen konnte, wenn man die Hand nur über die Stelle hielt, ohne die Haut zu berühren. Ich beschloss, den Arm diesen Abend in Ruhe zu lassen und suchte mir am anderen eine Vene. Schon lange nicht mehr war ich so froh gewesen, als die Wirkung einsetzte. Es ist echt spannend, welche Auswirkung Opioide auf Schmerzen haben. Man merkt schon noch, dass da Schmerzen sind, aber sie tun nicht weh. So kam ich in der Nacht wenigstens zu etwas Schla,f, aber Samstag war es nicht besser, sondern schlimmer und ich entschied zu meinem Hausarzt zu fahren. Mein Hausarzt hat seine Praxis im Gebäude vom Gemeindeamt, und als ich gehen die große, dunkle Tür drückte hätte ich sie beinahe einem älteren Mann an den Hinterkopf geknallt, der direkt dahinter stand. Wohl Aufgrund der aktuellen Grippewelle standen die Leute fast bis raus auf die Straße an. Schließlich steckte die verzweifelte Sprechstundenhilfe den kopf durch die Tür und teilte mit, dass das Wartezimmer komplett voll sei,  und alle, die irgendwie bis Montag warten könnten, doch bitte am Montag kommen sollten. Verärgert und erleichtert zugleich löste ich mich als eine der wenigen aus der Schlange und ging zurück zum Auto.

Mittlerweile bereue ich es, nicht geblieben zu sein. Die Beule an meinem Arm wird immer dicker, ich kann ihn mittlerweile nicht mal mehr vernünftig anwinkeln,  von den Schmerzen mal ganz zu schweigen.

FAIL.

 

 

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Die Woche begann schon mal mit der unschönen Erkenntnis, dass ein Arbeitskollege von mir mit einer ehemaligen Mitpatientin von mir zusammen ist. Noch dazu ist das einer, von dem ich weiß, dass er sehr gerne quatscht. Insofern bin ich nicht sicher, ob er die Information für sich behält, oder ob das demnächst die ganze Firma weiß, dass ich ehemalige Irrenhauspatientin bin. Auf alle Fälle kam er am Montag gut gelaunt zu mir: “Hey Fliegermädchen! Du warst mit […] auf der Station […], oder? Ich war am Samstag mit ihr was trinken” – “Stimmt. Ist auch schon wieder 2 Jahre her, Wahnsinn wie die Zeit vergeht…” – “Sie hat gesagt, du sollst dich mal wieder bei ihr melden, auch wenns dir nicht so gut geht…” – “Werde ich machen. Und mir geht es gut!” antwortete ich nachdrücklich. Damit ist das Thema hoffentlich erst mal erledigt.

Das nächste Aha-Erlebnis hatte ich Freitag Nacht beim Aufräumen, als mir ein Zettel in die Hände fiel, dass ich am Montag einen Termin bei Dr. Hexe gehabt hätte. Der Termin war natürlich in dem Handy gespeichert gewesen, das kurz vor Weihnachten meinen Emotionen zum Opfer gefallen ist. Im Nachhinein betrachtet ist es wohl gut, dass ich nicht dort war, denn was wäre wohl passiert? Hätte ich die Wahrheit gesagt, wäre ich wohl eingewiesen worden. Hätte ich gelogen, hätte sie mir wohl genau das wieder zum Vorwurf gemacht. Und deswegen werde ich erstmal auch keinen neuen Termin vereinbaren.

Gestern waren meine Eltern und Nadine hier und wir haben unsere Geburtstage gefeiert. Danach waren wir im Escape Room und haben das Rätsel mit knapp 5 Minuten Restzeit und Verwendung von 2 von 5 Jokern gelöst.

Heute ist bäh. Es ist strahlend schön draußen, aber irgendwie will ich nicht so recht in die Gänge kommen.

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Fremd

Ich fühle mich fremd. Fremd in dieser Welt, fremd in diesem Körper. Ich glaube, dass ich nicht mehr in meinem Körper bin, nicht mehr wirklich. Anders ist es nicht zu erklären, dass ich ein körperliches Wrack bin und trotzdem geistige Höchstleistungen vollbringe. Habe eine nette, kleine Benutzeroberfläche programmiert, die sich aus sämtlichen am Server verstreuten Dokumenten kennzahlen rauszieht und darstellt. Das ist das neue Lieblingsspielzeug von meinem Chef, er kann aktuell gar nicht genug davon kriegen, es anderen Leuten zu zeigen. Nächste Woche ist bei uns im Werk globales Meeting aller Qualitätsmanager und ich nehme mal stark an, dass er es auch da vorzeigen wird. Ich habe die Vermutung, dass das die zweite Sache von mir wird, die zum konzerninternen Standard in allen Werken weltweit wird. Das Lustige ist, dass in der Firma, die den ganzen IT-Kram für uns macht (wieso sie dafür eine eigene Firma gegründet haben weiß ich nicht, denn die betreuen nur uns, niemanden sonst), ein Projektteam damit beschäftigt ist, genau das auf die Beine zu stellen, was ich da nebenbei gemacht habe (klassischer Fall von zu viele Köche verderben den Brei. Ich mach kein Projekt darauß, ich mache es einfach.

Dabei dürfte ich dazu gar nicht mehr in der Lage sein. Eigentlich müsste mein körper mittlerweile in seiner Not mein Gehirn verdaut haben. Ich wiege 38,3kg mit Klamotten. Mein Hüftumfang beträgt 75cm. Da ist nichts Menschliches mehr an mir. Meine Armbeugen sind voller Beulen und kaputtgestochen, die halbe Woche war ich unfähig die Arme ganz auszustrecken oder abzuwinkeln. Schmerzen in der Intensität hatte ich zuletzt bei den Kälteverbrennungen. Der Unterschied ist nur der, dass man damals an derHaberfläche gesehen hat  mund nun ist da nichts außer ein paar Beulen und rote Punkte. Aber die Schmerzen, diese verfluchten Schmerzen… aber naja, solange ich Schmerzen empfinde, lebe ich zumindest noch, oder?

Vom Tanzen werde ich mich für das zweite Semester abmelden, es geht einfach nicht mehr. Die letzten zwei Male davor waren nur mehr eine Qual. Es bleibt mir nichts anderes übrig als wieder einen Anker in die Normalität über Bord zu werfen.

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Quarter-Life-Crisis

3 Tage, nachdem ich ein Viertel Jahrhundert alt geworden bin, erwache ich in meinem Bett und hab sofort im Gefühl: Irgendetwas stimmt nicht. Ich war schon mal wach, weil der Wecker geläutet hat. Aber das war nicht vor 2 oder 5 Minuten… Ein Blick aufs Handy bestätigt die böse Vorahnung: es ist 6:11. Gestellt hatte ich ihn für 5:00, weil ich eigentlich den Zug um 6:34 nehmen wollte. Die monatliche Tour nach Medan um mir den Stempel auf meinem Substitutionsrezept abzuholen steht auf dem Programm und das Geburtstagsgeschenk für Nadine hat sich bisher leider auch noch nicht von selbst besorgt.

Nichts macht so schnell und gut wach wie die Erkenntnis verschlafen zu haben. Wofür ich sonst eine halbe Stunde vertrödel, geht auf einmal in 6 Minuten. Zumindest den Zug um 7:04 muss ich erwischen, damit mein Zeitplan nicht total durcheinander gerät. Am Weg zum Bahnhof missachte ich konsequent sämtliche Geschwindigkeitsbeschränkungen und finde zum Glück auch einen Parkplatz. Als ich im Bahnhof die Treppe hochrenne, fährt der Zug gerade ein. Geschafft! Gott sei Dank! Erledigt von dem morgendlichen Sprint schließe ich die Augen und versuche noch ein bisschen zu schlafen. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn hinter mir haben zwei Geschäftsmänner Platz genommen, die sich angeregt unterhalten. Einer von den Beiden hat ein unglaublich nerviges Lachen. Boah, merken die nicht, dass sie die Einzigen sind, die hier Lärm machen? Der ganze Zug will schlafen und die Zwei müssen hier unbedingt Unruhe reinbringen… Ein bisschen dösen kann ich während der etwas mehr als einstündigen Fahrt zwar, aber geschlafen habe ich Dank der zwei Vollpfosten hinter mir nicht. Meine weitere Reise führt mich quer durch Medan bis ans andere Ende, wo ich noch nie zuvor gewesen bin. Es handelt sich um ein riesiges Areal, das bis vor wenigen Jahren noch reines “Brachland” war. Typische österreichische Steppe. Nun wird hier ein ganzer neuer Bezirk aus dem Boden gestampft. Dafür ist sogar eine U-Bahn-Linie verlängert worden, weil das Gebiet hinsichtlich öffentlicher Verkehrsmittel gar nicht erschlossen war. Und mein Vater arbeitet seit ein paar Jahren hier, das weiß ich auch.

Wie geplant kaufe ich hier das Geburtstagsgeschenk für Nadine und muss grinsen, als ich es sehe. Ich habe mir zwar extra eine große Tasche mitgenommen, aber trotzdem ragen die Ohren des hellrosafarbenen Plüschtiers heraus. Und damit muss ich nun wieder eine Dreiviertelstunde quer durch die ganze Stadt zurückfahren. Auf dem Rückweg verliere ich mich in Erinnerungen. Ich komme an der Station vorbei, wo ich bei meinem allerersten Ferialpraktikum immer rausmusste – meine Güte, mein allererster selbst verdienter größerer Geldbetrag. Und an der Station, an der ich immer umsteigen musste, wenn ich zu Flausch gefahren bin. Wie lange ist es eigentlich her, dass ich sie das letzte Mal umarmt habe, mein Gesicht in ihrer Wuschelmähne vergraben habe und diesen wunderbaren Geruch eingeatmet habe…? Wenn ich damals gewusst hätte, dass es das letzte Mal sein wird, hätte ich noch irgendetwas gesagt, irgendetwas anders gemacht…?

Die Zeit vergeht wie im Flug und als die Uhr einer nahegelegenen Kirche 10:00 schlägt, trete ich hinaus ins Sonnenlicht vor der U-Bahn-Station. Den Weg von dort zum Gesundheitsamt kenne ich schon im Schlaf und als ich den Raum mit der Nummer 38 betrete stelle ich verwundert fest, dass er leer ist. Das ist ungewöhnlich, bisher ist da immer zumindest eine Person gesessen, die darauf gewartet hat das Rezept wieder mitnehmen zu können. Ich stelle mich gut sichtbar vor die Glasscheibe in der Wand und warte darauf, dass mich eine der Damen dahinter bemerkt und sich zur Scheibe bequemt. Sich durch Dagegenklopfen bemerkbar zu machen sollte man tunlichst unterlassen, das habe ich das letzte Mal bei einem Typen live miterlebt und selbst muss ich das echt nicht haben. Nach 2 Minuten steht die Kampflesbe auf und schlurft zur Scheibe. “Jaaaaa?” – “Einmal Rezept stempeln bitte” sage ich und packe die Zettel in die Metallschale, die in den Tisch integriert ist. Sie nimmt ihn und lässt mich wissen: “Abolung zwischen 13:00 und 15:00” . WAAS?! “Was? Erst am Nachmittag? Aber da muss ich doch schon wieder in Oberösterreich in der Arbeit sein!” rufe ich entsetzt. Nun packt die kampflesbe die Rolle des gereizten Medaner Beamten aus. “Kennan´s ned lesen?! Des steht do groß und deutlich! Und des is scho seit 6 Joah so, sche langsam kenntn sich des dann olle amal merkn!” fährt sie mich an. Vielleicht ist die Glasscheibe weniger dazu da, die Frauen im Büro vor uns  Junkies zu schützen sondern eher andersrum, denn sie sieht aus, als würde sie mich jeden Moment anspringen. Ja, ich habe auch schon gemerkt, dass hier auch unangenehmere Zeitgenossen auftauchen als ich, denen man vielleicht wirklich manchmal so eine Ansage machen muss – aber dafür kann ich doch nichts?! Ich war stehts freundlich, hatte immer alle erforderlichen Unterlagen mit, habe nie Stress gemacht weil ich irgendetwas wollte, was sie mir nicht geben hätten können. “Hm… dann wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben als zu warten.” sage ich möglichst gefasst und verlasse den Warteraum, denn der wird über die Mittagszeit abgeschlossen und bevor ich mich dann vertreiben lassen muss, suche ich mir lieber gleich einen anderen Platz, wo ich nicht direkt unter den Augen von  Kampflesbe & Co befinde. Draußen am Gang lasse ich mich an der Heizung nach unten sinken und bevor ich noch irgendwie versuchen kann mich zusammenzureißen, rinnen mir die Tränen übers Gesicht. Ich fühle mich ungerecht behandelt. Wie der letzte Dreck, ein Mensch dritter klasse, nur weil ich im Programm bin. Dabei habe ich mit dem, was ich getan habe, nie irgendwem anderen geschadet außer mir selbst; ich habe nie Nadeln auf Spielplätzen oder öffentlichen Toiletten zurückgelassen, nie irgendwen beklaut um mir meinen Konsum finanzieren zu können, ich zahle genauso meine Steuern wie alle anderen auch und vermutlich sogar mehr als die Kampflesbe, weil ich kaum glaube, dass sich die regelmäßig 45-Stunden-Wochen um die Ohren schlägt. Und trotzdem bin ich ein Nichts, ein Niemand, ein Wesen, das man auf dieser Welt nicht mehr haben möchte, abgestempelt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

In den 2 Stunden in denen ich am Boden sitze und weine, gehen unzählige Menschen an mir vorbei, die Frauen aus dem Büro 38 sogar mehrmals. Und ich frage mich, in was für eine Welt ich hier hineingeworfen wurde, wo ein Mensch 2 Stunden weinend am Boden sitzen kann, ohne dass es irgendwen interessiert. Nicht dass ich mit irgendwem Fremden darüber reden hätte wollen, es hätte doch einfach schon gereicht wenn jemand stehen geblieben wäre und gefragt hätte ob ich ein Taschentuch brauche. Nur damit ich das Gefühl habe, ein Mensch zu sein, mehr als der dreckige Junkie, den die Frauen aus dem Büro 38 in mir sehen. Doch niemand bleibt stehen. Und auch, als ich nach 2 Stunden aufhöre zu weinen und einfach nur mehr unendlich erschöpft bin, weil mir mein Kopf und meine Augen höllisch wehtun, und ich nicht mehr weiß wie ich auf dem harten Steinboden noch länger sitzen soll, weil alle Positionen nach kurzer Zeit unaushaltbar werden, geht das Gefühl nicht mehr weg.

Ich bin wertlos. Ein Nichts, ein Niemand. Man möchte mich hier nicht haben.