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Weihnachtsfeiern und andere katastrophen

Ich habe wirklich keinen besonders großen Freundeskreis, allgemein beschränkt sich mein soziales Umfeld auf das Nötigste- und trotzdem habe ich aktuell das Gefühl, an meine Grenzen zu stoßen.

Zumindest eine Sache läuft bei mir endlich wieder – und zwar das Wasser in den Abfluss. Eine Woche lang war nämlich das Abflussrohr verstopft, dass das Abwasser aus küche und Waschbecken im Badezimmer in die kanalisation befördern soll, und ich versuchte alles Erdenkliche, um das Problem zu beheben, ehe ich letzten Sonntag meinen Vermieter einschaltete. Schon mal über die Badewanne gebeugt Geschirr abgewaschen? Glaubt mir, es ist nicht lustig. “kein Problem, ich schau gleich morgen dass das gerichtet wird” sagte mein Vermieter, als ich ihm die Lage schilderte, “Ist eh kein Problem, wenn ich dann mit denen zu dir in die Wohnung gehe, oder?”  – “Nein, kein Problem.” antwortete ich. Doch, das ist ein verdammtes Problem!, dachte ich. Dass ich keine Spritzen oder Tabletten oder so Zeug rumliegen habe, wenn ich weiß, dass jemand Fremdes meine Wohnung betritt, ist klar, aber es gibt einfach so viele kleinigkeiten, an die man nicht sofort denkt. Die Visitenkarte von der Substitutionstelle, oder, oder oder, und dann noch die Vorstellung, die ganze Woche lang jeden Tag aufräumen zu müssen, weil ich ja nicht weiß, wann genau die antanzen werden…

Ich war heilfroh, als ich am Montag von der Arbeit kam und feststellte, dass der Schaden schon behoben war. Zwar hatten die wohl während der Arbeit die Wohnungstür offen stehen lassen, denn ich hatte wieder mindestens 15 Fliegen in der Wohnung, aber es war dennoch lieber, als täglich über die Badewanne gebeugt Zähne zu putzen.

In der Arbeit brach währenddessen das heillose Chaos aus, C. konnte nur noch durch ein 4-Augen-Gespräch mit dem Chef davon abgehalten werden zu kündigen und keinen Fuß mehr in die Firma zu setzen. Und um ehrlich zu sein, ich verstehe ihn. Die Highlights dieser Woche: Seit 2 Wochen steht ein Auftrag bei mir, weil Bremswiderstände für Servomotoren fehlen. Vermutlich von der kommissionierung beim Auspacken versehentlich entsorgt. Also wurden sie nachbestellt. Es gibt auch den Beleg des Paketdienstes, dass das Paket in der letzten Novemberwoche am Donnerstag bei uns zugestellt wurde, mit Name, Unterschrift, Uhrzeit, allem Drum und Dran. Nachdem ich vergebliche Runden im Wareneingang gedreht hatte, gefühlte 5 Mal alle Mitarbeiter gefragt und die Sperrfläche, auf der Teile, die nicht zugeordnet werden können, abgestellt werden, auf links gedreht hatte, sah ich einer Eingebung folgend im System nach und stellte fest, dass die Motoren, die ich aus dem Auftrag ausgebucht und gesperrt hatte, entsperrt und eingelagert worden waren. Das kam mir komisch vor, den physisch lagen die Motoren ja bei mir, ich schlussfolgerte also, dass die Leute vom Wareneingang die Bremswiderstände unter der Materialnummer der Motoren eingelagert hatten und erstellte in Vorfreude, das Problem endlich gelöst zu haben, einen Auslagerungsauftrag. Am nächsten Tag – keine Bremswiderstände bei mir am Platz. Ein Blick ins System ergab, dass der Auftrag mit Differenz quittiert worden war, das wird dann gemacht, wenn im Lager aus welchem Grund auch immer weniger Teile sind, als laut System da sein sollten. Ich druckte den ganzen käse also aus und pilgerte damit zum Lagerstandsleiter. “Die sind ja beim Einlagern nicht mal von der Anlage quittiert worden! Was hat die [Mitarbeiterin vom Wareneingang] denn da wieder aufgeführt?!” Eine Nachfrage bei der betreffenden Mitarbeiterin ergab: Ja, sie habe die Widerstände in der Hand gehabt, das wisse sie noch, aber was sie damit gemacht hatte, daran könne sie sich beim besten Willen nicht mehr erinnern. Ich vermute mal, da sie so schön klein sind, irgendwo unauffällig verschwinden lassen. Aktuell habe ich wirklich den Eindruck, dass die Belegschaft zu 90% aus unfähigen Leuten besteht.

Die zweite Sache, die mich beinahe zum Explodieren gebracht hätte, war folgende: Ich arbeite aktuell gleich an zwei Projekten für einen anderen Mitarbeiter, da ich die Einzige in der Firma bin die VBA programmieren kann. Die Projekte betreffen zwar nicht meine Abteilung, aber er hatte meinen Chef gefragt, ich war auch einverstanden, also habe ich in den letzten Wochen jede halbwegs freie Minute und so gut wie jede Überstunde in diese Projekte investiert. Nun hätte ich auch etwas von diesem Mitarbeiter gebraucht- und zwar, dass er den Link in einer Datei ändert, die alle außer er nur schreibgeschützt öffnen können (sonst hätte ich es ja einfach selbst gemacht). Ich habe ihm den neuen Link geschickt, er hätte die Datei nur aufmachen müssen, den Link reinkopieren, speichern, schließen, fertig. Das sind keine zwei Minuten. Das hat er eine Woche lang nicht zusammengebracht, obwohl ich ihn dazwischen zweimal, als wir uns über den Weg gelaufen sind, darauf angesprochen habe. Am Donnerstag war ich kurz davor ihm zu schreiben, dass ich die Arbeit an seinen Projekten vorrübergehend einstelle und erst wieder aufnehme, wenn er den Link geändert hat. Er ist gerade nochmal davon gekommen weil er eine halbe Stunde, bevor ich die Mail abschicken wollte, bei mir war und sich entschuldigt hat, dass er das noch nicht gemacht hat, aber sollte das noch immer so sein, wenn ich am Donnerstag wiederkomme, dann bekommt er die Mail noch. Vor Allem werden die Leute morgen bei der Montagsbesprechung blöd schauen, wenn sie keine Daten haben, über die sie reden können, weil der Link nicht geht. Und ich werde dasitzen und mir ins Fäustchen lachen, weil ich nämlich bis Mittwoch in Medan auf einem kurs bin.

Am Mittwoch beim Tanzen schaute ich ein wenig blöd aus der Wäsche, als die Tanzlehrerin fragte: “Fliegermädchen, wieso hast du mir letzte Woche eine SMS geschrieben, dass du nicht kommst? Ich hab […] gesagt dass ich krank bin und sie sagte, sie stellt es in die Whatsapp-Gruppe.” – “Ich bin nicht auf Whatsapp.” Nein. Noch immer nicht. Solltet ihr eigentlich wissen. Schon hundertmal gesagt. Werde es in absehbarer Zeit auch nicht sein. “Aja, stimmt ja! Und keiner hat dir Bescheid gesagt?” – “Nein.” Ja, das ist so ein richtiger Anschub für´s Selbstbewusstsein zu wissen, dass man einfach vergessen, einfach übersehen wird. Seht ihr auch diese Schwaden von Sarkasmus über diesem Satz aufsteigen?

Am Freitag standen dann gleich zwei Weihnachtsfeiern bevor. Einerseits die von meiner Ex-Firma am Arbeitsflugplatz, zu der ich netterweise von meiner Ex-Chefin eingeladen worden war, und andererseits die von der jetzigen Firma. Da ich mich schwer zweiteilen kann, verließ ich die Fliegerfeier früher und kam zur Betriebsfeier später. Zumindest kam ich überhaupt, denn C. hatte abgesagt und dafür einen ordentlichen Rüffel von unserem Chef kassiert, weshalb ich froh war, wider Willen zugesagt zu haben. Die Fliegerfeier in einem Lokal und später im Escape Room war auch noch ziemlich cool, auch wenn ich irgendwie enttäuscht war, dass die (zu einem großen Teil freiwillige) Arbeit, die ich im fast vergangenen Jahr geleistet hatte in der PowerPoint-Präsentation, die zu Beginn gezeigt wurde, um das Jahr und die Leistungen der einzelnen Leute revue passieren zu lassen, mit keinem Wort erwähnt wurde. Als die Anderen sich nach der teils mehr, teils weniger erfolgreichen Flucht versammelten um Essen zu gehen, seilte ich mich ab und fuhr zur nächsten Weihnachtsfeier. Nachdem ich erst bei einer falschen gelandet war, fand ich dann doch den für uns reservierten Raum. “Du kommst gerade noch rechtzeitig, geh schnell rein und such dir einen Platz!” Ich betrat den Raum und wäre am liebsten direkt wieder umgedreht. Ein riesiger Raum mit (wie ich später erfahren sollte) über 270 Leuten, alle aufgefädelt an langen Tischen sitzend. So unauffällig wie möglich verdrückte ich mich zu einem Tisch, der nur zur Hälfte besetzt zwar, neben einem Typen, den ich nur vom Sehen kenne. Hauptsache erst mal sitzen und in der Menge untergehen. 10 Minuten später winkte mich dann der Montageleiter hinüber, denn dort war noch ein freier Platz, den ich übersehen hatte. An Tischgesprächen beteiligte ich mich trotzdem nicht wirklich, solche Menschenmassen sind einfach nichts für mich, da bin ich wie weggetreten. Zwischen 19:00 und 19:30 waren die verschiedenen Abteilungen zu Fototerminen eingeteilt und obwohl ich erst um 19:30 dran war, verließ ich schon um 19:15 den Saal. Doch die Ruhe konnte ich nicht lange genießen, denn ein schon etwas angetrunkener Arbeitskollege in meinem Alter fühlte sich genötigt, mich zu unterhalten. “Du kannst doch da nicht so alleine rumstehen!” – “Nicht? Ich fühle mich aber ganz wohl so.” – “Wir gehen dann nachher noch woanders hin, kommst du mit?” – “Danke, ich verzichte. Wo geht ihr denn hin?” fragte ich mehr aus Höflichkeit, als aus ehrlichem Interesse. “Ins […], da spielen die elektronische Musik. Was hörst du eigentlich so? Weißt du, du bist so verschlossen, du bist jetzt schon so lange da und keiner weiß etwas über dich…” Ich war heilfroh, als ich zum Fototermin musste, denn nicht nur, dass ich mich nicht für meine Verschlossenheit rechtfertigen wollte, hatte er auch die für alkoholisierte Menschen typische Angewohnheit, den für mich als aushaltbar empfundenen körperlichen Abstand einzuhalten. Wenn ich einen Schritt wegging um den wiederherzustellen, kam er einen Schritt näher. Nach dem Fototermin zupfte mich die Sekretärin des Chefs am Ärmel. “Du, Fliegermädchen, hast du schon etwas gegessen?” – “Nein” antwortete ich und bereute es sogleich, andererseits hätte sie es 5 Minuten später an dem Vorspeisenbesteck auf meinem Platz sowieso gesehen. “Du isst dann noch was, versprichst du mir das?!” – “Jaaaaaah…” antwortete ich genervt. Vom Hauptspeisenbuffett holte ich mir dann einen klecks Rotkraut, einen Löffel kürbispürree und, damit mir niemand vorwerfen konnte dass ich nichts “Richtiges” sondern nur Gemüse esse, eine Scheibe Serviettenknödel. An dem mümmelte ich noch immer herum, als der Geschäftsführer die Jubiläumsgeschenke verteilte, wo alle anderen längst fertig waren, aber mein Hals war wie zugeschnürt. Nach dem Essen begann sich die Gesellschaft in kleine Grüppchen aufzulösen, nur ich blieb alleine an meinem Tisch sitzen, der Montageleiter hatte sich umgedreht und quatschte mit meinem Chef und ein paar anderen, die eine Reihe weiter saßen. “komm doch rüber zu uns!” rief mein Chef. “Später dann, ich bin jetzt so lange gesessen, ich muss mir mal ein bisschen die Beine vertreten!” schwindelte ich. Ich kam nicht wieder. In einem unbeobachteten Moment stahl ich mich in die Gaderobe, holte meinen Mantel und flüchtete die Treppe abwärts Richtung Parkplatz. “Hey, Fliegermädchen, warte mal!” hörte ich. Oben an der Treppe stand der Sicherheitsverantwortliche, der mit meinem Chef am Tisch saß, offenbar wollte er sein Jubiläumsgeschenk im Auto verstauen. “Verdammt, und ich hatte so gehofft ich könnte mich aus dem Staub machen ohne dass jemand etwas merkt.” sagte ich. “Ich sag keinem dass ich gesehen habe, dass du gehst, keine Sorge.” Ich war verdattert und sagte erst mal nichts. “Wie gehts dir?” wollte er dann wissen. “Gut. Ich bin nur etwas müde, weil ich ja vorher schon auf einer Feier war.” – “Man sieht doch, dass es dir nicht gut geht. Ich habe gesehen, wie du vorher mit dir gekämpft hast beim Essen.” (Danke auch. Jetzt werde ich mich beim Essen in auf Firmenverantaltungen niiiie wieder beobachtet fühlen…) “Wenn du mal wen zum Reden brauchst oder so, du kannst jederzeit zu mir kommen. Ich…” in diesem Moment waren wir im Erdgeschoß angekommen und laut gröhlend kam der Typ, der mich vor dem Fototermin unterhalten wollte, mit ein paar anderen Leuten zur Tür herein. “Waaas, Fliegermädchen, du willst doch nicht wirklich schon gehen??!! Das kannst du doch nicht machen!” – “Doch, ich wollte schon lange nichts mehr so sehr wie das!” und mit diesen Worten war ich endgültig eine Staubwolke.

Nach der Woche war klar, dass das Wochenende auf eine Eskalation hinauslaufen würde. Ich glaube nun zu wissen, dass sich bei einer Überdosierung von Buprenorphin kopfschmerzen einstellen, dass sich einem die Zähennägel aufrollen, aber das ist auch so ziemlich das Einzige, das ich von letzter Nacht weiß. Nach einer halben Stunde war der Spuk zwar wieder vorbei, aber dafür nickte ich alle paar Minuten weg und ab 01:15 war ich nicht mehr in der Lage, sinnvolle Sätze in die Tastatur zu tippen, zumindest fragte ich mich ein paar Stunden später beim Anblick meiner Nachrichtenverläufe auf Skype, was zum Teufel ich damit sagen hatte wollen.( Zur allgemeinen Beruhigung möchte ich hinzufügen, dass das Risiko einer Atemdepression bei Buprenorphin sehr gering ausgeprägt ist (Stichwort “Ceiling-Effekt”) , was mit ein Grund dafür ist, dass es als Substitutionsmittel eingesetzt wird).

Als ich in der Lage war wieder halbwegs geradeaus zu denken, fuhr ich nach Medan. Dort präsentierte mir Nadine die Geburtstagstorte für unseren Vater und ich wäre am liebsten schreiend davongelaufen. Auch wenn vegane Sahne weniger Fett enthält, ist “Sahnetorte” die Horrorvorstellung schlechthin und die Tatsache, dass die Torte in 4 verschiedene Teile mit unterschiedlichen Füllungen geteilt war, machte die Sache viermal so schlimm. Entscheidungen bezüglich Essen zu treffen ist für Magersüchtige der Horror. Wenn es eine einzige, gleiche Torte gewesen wäre, hätte ich halt mein Stück runtergewürgt und fertig- aber so spukte mir die ganze Zeit im Schädel herum, ob ich mich nicht doch für eine andere Füllung entscheiden hätte sollen, ich war mehrmals kurz davor in Tränen auszubrechen und als sich meine Familie durch sämtliche Füllungen gekostet hatte, war ich mit meinem ersten, halben Stück noch nicht fertig.

Ein Grund, warum bei vielen Ex-Magersüchtigen vegane Ernährung so erstaunlich gut funktioniert, ist glaube ich der, dass sie die essgestörten Verhaltensweisen nicht ganz loslassen müssen: Sie können zum Beispiel weiterhin die Lebensmittel in Gut und Böse einteilen. Die zugrundeliegenden kriterien sind zwar ganz Andere, aber trotzdem werden die Lebensmitteln eingeteilt. Damit möchte ich keinesfalls behaupten, dass vegane Ernährung eine Essstörung ist, aber ich kann nachvollziehen, wieso so viele ehemals Essgestörte darauf schwören. Vermutlich würde es genausogut funktionieren mit so irrationalen kriterien wie: “Ich darf keine roten Lebensmittel essen.” oder “Alle Lebensmittel, die mit F anfangen sind Böse”, nur dass die rationale Begründung da deutlich schwieriger wäre, es geht einfach darum, die Auswahl des Essens einzuschränken, denn umso mehr Auswahl man hat, umso schwieriger wird es. Ich war in der klinik heilfroh, Vegetarierin zu sein, sodass schon mal 2 der 3 Menüs von Haus aus wegfielen und wenn dann doch zufällig mal eines der zwei anderen Menüs auch vegetarisch war, brütete ich stundenlang über dem Speiseplan. Im Zweifelsfall isst man lieber gar nichts, bevor man eine Entscheidung trifft, was zuhause recht gut funktioniert, dort aber keine Option war. Nicht auszudenken wie es meinen “allesessenden” Leidensgenossinnen ging, die sich zwischen drei Menüs entscheiden mussten…

So lang hätte es eigentlich nicht werden sollen, aber das ist mein Wort zum Sonntag.

 

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Was eine Woche

Die Woche hatte es in sich. Täglich 1,5 Überstunden und die Arbeit schien trotzdem kein Ende zu nehmen. Dazu kam, dass am Mittwoch mein körper streikte. Am späten Vormittag begann sich ein allgemeines Unwohlsein in mir auszubreiten. Ich dachte, nach der Zuccinicremesuppe zu Mittag würde es besser werden, doch das war ein fataler Irrtum. Danach war mir kotzübelschlecht und ich fühlte mich, als hätte ich 3 Liter flüssigen Beton getrunken. Ich fühlte mich so mies, dass ich sogar Jazzdance ausfallen ließ, es wäre einfach nicht gegangen. Die Fahrt nach Hause war eine einzige Qual, in meiner Wohnung angekommen flüchtete ich noch mit Schuhen aufs klo und war zum Glück knapp schneller als mein Mageninhalt. Den Abend verbrachte ich mehr tot als lebendig am Sofa und auch am Donnerstag fühlte ich mich noch wie durch den Fleischwolf gedreht. Erst am Freitag war ich wieder fit, aber lange war mir dieser Zustand nicht vergönnt. Als am Nachmittag der vorhergesagte, gefrierende Regen einsetzte, war ich gerade am Heimweg von der Arbeit und wollte noch ein paar Besorgungen erledigen. Der Parkplatz des Supermarktes war gestreut. Die Stufen hoch zum Gehsteig neben der Straße auch. Der Gehsteig selbst leider noch nicht. Und da ich wegen Regen+ kalt = bääääääh auch ein ordentliches Tempo draufhatte, legte ich mich mit dementsprechend viel Schwung auf die Fresse. Ergebnis: knie blau, Hüften blau, Ellenbogen blau. Gratulation.

Mal ganz zu schweigen von dem Chaos, das letzte Woche in der Arbeit abging. Aufgrund eines angekündigten Besuchs des globalen Qualitätsmanagers bekamen mein Arbeitskollege C. und ich die Aufgabe, den Sperrbereich aufzuräumen. 2 Stunden lang werkten wir wie die Blöden, am Schluss standen alle Paletten in Reih und Glied nur um am nächsten Tag festzustellen, dass irgendein Depp mit dem Staler dagegengefahren war und alles wieder verschoben hatte. Ich konnte C. nur durch gutes zureden davon abhalten, Amok zu laufen. Auch ganz schön war, als endlich die Magnetteile für die 6 unvollständigen Aufträge auf der Sperrfläche eintrafen. Nachdem ich den buchungstechnischen Vorgang erledigt hatte, brauchte ich eigentlich nur noch darauf warten, dass sie der Transportfahrer der Logistik vom automatischen Lager zu mir brachte. Das tat er auch, allerdings nur die Teile für 5 Aufträge. Mindestens eine Stunde verbrachte ich insgesamt damit, sie an den üblichen verdächtigen Plätzen zu suchen, doch bis ich Feierabend machte, tauchten sie nirgends auf. Am nächsten Tag in der Früh stellte ich fest, dass sie um 22:30 wieder eingelagert worden waren. Und als sie dann endlich bei mir waren und ich das Zeug der Montage übergeben hatte, schafften es ein Genie, die Drähte so kurz abzuzwicken, dass man sie nicht mehr verwenden konnte und ich sie verschrotten und neue auslagern musste. Und wenn ich alles aufzählen würde an eigentlich unnötiger, vermeidbarer Arbeit, die ich erledigt habe, würde ich sicher noch 2 Stunden sitzen. Es ist also kein Wunder, dass ich zu dem, was ich eigentlich tun sollte, nicht wirklich komme.

Auf dass es kommende Woche besser wird…

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Was einmal war, ist nicht mehr

Der letzte Termin für dieses Jahr bei Dr. Hexe. Und ich bin tierisch gernervt,  als ich auf die Uhr schaue und feststelle, dass ich mal schon wieder mal eine knappe Stunde hier sitze. Seit 3 Jahren latsche ich nun zu dieser Frau und noch nie musste ich kürzer als 45 Minuten warten. Warum vergibt sie die Termine überhaupt so eng, wenn sie doch sowieso weiß, dass sie sie nicht halten kann? Dann höre ich sie auch noch mit der Ärztin, mit der sie sich die Praxis teilt, lachen. Am liebsten würde ich gehen.

Aber dann bin ich dran. “So, was war los in der Arbeit, Sie haben vor ein paar Wochen angerufen?” – “Ja, der Betriebsarzt hat ein wenig genervt und ich wollte, dass Sie den beruhigen. Aber ich hab das dann alleine klären können.” Ich habe überhaupt keine Lust, ihr das alles zu erklären, das  merke ich in diesem Moment, doch sie bohrt weiter nach. Auch bezüglich Gewicht. Ich versuche mich daran zu erinnern, wie viel ich beim letzten Termin gewogen habe, doch ich kann es beim besten Willen nicht mehr rekonstruieren. Ich schummel ein paar hundert Gramm dazu und nenne ihr die Zahl. “Letztes Mal haben Sie zwischen 45 und 48kg gewogen!” sagt sie. Oh scheiße, tatsächlich so viel? Ich beschließe, mir das zukünftig aufzuschreiben. “Wie viel war es, als Sie damals auf die Psychosomatik gekommen sind?” Die Befunde hat sie, das weiß ich, wenn ich ihr es nicht sage schaut sie nach. “Ungefähr so viel wie jetzt”. Sie knallt ihren kugelschreiber auf den Tisch. “Sie spielen mit Ihrem Leben, das ist Ihnen klar, ja? Wenn Sie so weitermachen, gibt es keinen nächsten Termin mehr für uns.” – “Ich mache ja nicht so weiter.”, sage ich, ohne es wirklich ernst zu meinen. “Ich kann das nicht mehr verantworten. Sie haben in der Öffentlichkeit gesagt, dass Sie bei mir in Behandlung sind, ich habe Verantwortung für Sie!” Erst jetzt wird mir klar in was für eine Lage ich mich manövriert habe, indem ich zumindest alles in die Wege geleitet habe, um Dr. Hexe mit ins Spiel bringen zu können. Die roten “Achtung, drohende Einweisung!”- Alarmlichter in meinem Gehirn gehen an. “Okay, ichh reiß mich zusammen, ich fahr jetzt nach Hause und esse etwas.” – “Was denn?” – “Gemüse mit kartoffelpürree.” – “Und das soll ich Ihnen glauben?!” – “Ja.” sage ich und lächel siegessicher. Wir beide wissen, dass sie mich unter den Umständen gehen lassen muss. “Schade, bis jetzt hatte ich immer den Eindruck, dass wir ein so gutes Verhältnis haben, dass Sie ehrlich zu mir sein können.” sagt sie zum Abschied.

Tja, bis jetzt.

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Wenn es Winter wird

Es geht mir nicht gut. Samstag bin ich ein wenig durch die Läden bei dem Einkaufszentrum gegangen weil ich mit dem Gedanken gespielt habe, mir eine Hose zu kaufen, die mir passt. In der Erwachsenenabteilung suche ich schon gar nicht mehr, der Weg führt zielstrebig in die kinderabteilung. Größe 152. Eigentlich für Mädels, die halb so alt sind, wie ich. Die Finger meiner beiden Hände berühren sich wieder, wenn ich sie um meinen Oberschenkel lege. Ich kann meinen eigenen Oberarm umfassen, meine Finger berühren sich. Ich friere, manchmal werden meine Fingerspitzen taub. Dabei ist es jetzt gerade mal eine Woche so kalt, der Großteil des Winters liegt noch vor mir.

Ich glaube, die Sache mit DC ist vorbei. Heute Nacht hatten wir noch bis 4 geskyped, eigentlich wollten wir heute auch nochmal kurz reden. Aber dann habe ich auf seine Nachricht, dass es ihn verunsichert, dass ich ihm nicht mehr sage dass ich ihn liebe geantwortet, dass ich meine Gefühle ihm gegenüber irgendwo verbuddelt habe um mich zu schützen und sie jetzt einfach nicht mehr finde. Und dass ich ihn nicht anlügen möchte. “Schick mir meine Sachen, bitte.” kam dann nur. Ich bat nochmal um seine Adresse. Er schrieb sie. und darunter: “F*** dich doch.” – “Weshalb? Weil ich ehrlich war?” – “Halt dein dummes Maul und sprich mich nicht mehr an”. Danach schrieb ich auch nichts mehr.

Ich denke, dass ich das als Beziehungsende interpretieren kann. Und irgendwie bin ich ehrleichert. Er soll mir nicht beim Sterben zusehen müssen. Ich wünsche ihm so sehr, dass er jemanden findet, mit dem er glücklich wird.

Der Wellensittich von einem Freund von mir ist letzte Woche gestorben. “Aber ich habe es irgendwie schon gahnt. Normalerweise ist er ganz zahm, aber an dem Tag hat er sich verkrochen und nach meiner Hand gepickt, wenn ich nach ihm greifen wollte, da habe ich schon vermutet, was kommen wird. Tiere ziehen sich zurück zum Sterben.”

Ich glaube, Menschen auch.

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Dr. Pissnelke

Zum ersten Mal habe ich nachmittags einen Termin in der Substitutionsstelle, sonst war ich immer gleich morgens um 8 da. Und jetzt ist es deutlich voller. Es ist mir unangenehm und ich bin froh, dass ich in meinem übergroßen Mantel geradezu versinke. Später wird mir die Sekretärin auch erklären, warum: “Die Acht-Uhr-Termine möchte nie jemand haben. Um Acht machen die meisten Apotheken auf, und da stehen die meisten schon davor und warten”. Das würde ich schon aus Prinzip deswegen nicht tun, um den Apothekern nicht den Eindruck zu vermitteln, auf sie angewiesen zu sein, auch wenn ich zumindest die Hälfte meiner Dosis auch morgens nehmen werde, sobald ich Take-Home bekomme. Vielleicht lege ich mir die Tabletten ins Auto und nehme sie immer am Weg zur Arbeit, das sollte sich genau ausgehen, dass sie sich aufgelöst haben bis ich da bin, sodass ich dort dann etwas trinken kann um den Geschmack aus dem Mund zu bekommen. Ist zwar etwas makaber, während dem Fahren an Opioiden zu nuckeln, aber es würde zumindest zur Tatsache passen, dass ich meinen Substitutionsausweis aufgrund seiner Größe in derselben Schutzhülle wie meinen Zulassungsschein aufbewahre.

Aber zurück zum Termin. Hinter einer Frau kommt eine weitere Frau aus dem Arztzimmer. Sie sieht aber nicht aus wie die Ärztin, die die letzten beiden Male hier war. Man hätte mich doch zumindest mal vorwarnen können, dass jemand anders anwesend sein wird, vor dem ich mich psychisch nackig machen muss? Gerade bei diesem Thema habe ich da noch nicht so routiniert. Noch dazu ist mir die Frau auf Anhieb unsympathisch. Die Ärztin ist geschätzt Ende 30, die dunkelbraunen Haare hängen typisch glätteisenglatt von ihrem Kopf und auf ihrer Nase sitzt eine eckige Brille. “Wer ist denn der nächste?” Die Frau, die neben mir gesessen ist, ist gerade vor wenigen Minuten runtergegangen um die Parkuhr nachzustellen. Das sage ich auch. “Ok, und wer ist dann dran? Ich hab nicht ewig Zeit…”. Der Typ gegenüber von mir erhebt sich und folgt ihr schlurfend. Aaaalter… wie ist die denn drauf?! Leicht unentspannt, die Gute… ich beginne zu erahnen, dass es kein angenehmes Gespräch wird.

Nachdem auch die Parkuhrfrau an der Reihe war, bin ich dran. “Wie geht es Ihnen?” – “Gut.” – “Gut?!” Sie schaut mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. Ich weiß nicht, wieso manche Ärzte einfach nicht nachvollziehen können, dass man nicht auf Kommando solche doch sehr persönlichen Dinge offenlegen kann oder will, wo sie mir doch noch nicht mal verraten hat, wie sie überhaupt heißt. Aber gut, dann sagen wir ihr halt mal was sie hören will. “Ja, ich habe das Gefühl, dass die Dosis passt, und in der Arbeit läuft es auch gut. Ich kann mich echt nicht beschweren.” Als sie das neue Rezept schreibt, fällt mir noch etwas ein. “Ich wollte noch was fragen. Wäre es vielleicht möglich, dass ich nur einmal in der Woche in die Apotheke gehe? Also ich habe zwar ein Abkommen mit meinem Chef, dass ich am Vormittag mal kurz in die Apotheke fahren kann, aber ich möchte das natürlich nur so kurz wie möglich in Anspruch nehmen.” Das ist natürlich ein bisschen geflunkert, ich gehe in der Mittagspause rüber, aber eigentlich würde ich den Einnahmezeitpunkt lieber auf morgens verlegen. “Nein, also das geht wirklich erst, wenn Sie eine Zeit lang stabil eingestellt sind. Aber ich mache Ihnen einen Vorschlag…” Und dann bringt sie einen Einnahmeplan, den ich bis jetzt nicht verstanden habe und ich bin sehr gespannt, ob ihn der Apotheker versteht, wenn ich ihm dann das Rezept unter die Nase halte (so oft, wie sie ihn wieder gelöscht und neu hingeschrieben hat, habe ich ernsthafte Zweifel, dass sie ihn selbst verstanden hat und mir tun die Apotheker leid, die die aberwitzigen Einnahmeverordnungen dieser Ärztin interpretieren müssen). Ich erwähne  nicht, dass mir Dr. Engel schon letztes Mal Take-Home angeboten hat, falls sie damit gegen irgendwelche Vorschriften verstoßen hat, möchte ich das nicht vor ihrer offenbar deutlich strengeren Kollegin breittreten. Aber den Weihnachtsurlaub möchte ich mir zumindest noch abstecken, das nächste Rezept geht ja bis zum 24.12. “Wie sieht das eigentlich über Weihnachten und Silvester aus, und die Tage dazwischen? Ich habe meinen Hauptwohnsitz ja in Medan und würde die Tage eigentlich gerne dort bei meiner Familie verbringen…” – “Das geht nicht, Urlaub gibt es erst, wenn Sie mindestens ein halbes Jahr im Programm sind und stabil sind.” Jetzt wird es mir aber wirklich zu blöd. “Ich hatte aber sogar schon welchen, an dem einen langen Wochenende im Oktober, und da war ich nicht mal 3 Wochen im Programm.” antworte ich ein wenig patzig. “Dann wird sich die Kollegin wohl geirrt haben und dachte, Sie waren in Medan schon im Programm.” – “Nein, die wusste das, wir haben ja lange an der richtigen Dosis herumgebastelt.” – “Hören Sie, ich habe diese Vorschriften nicht gemacht, aber ich muss mich daran halten. Aber Sie brauchen vor Weihnachten ja eh nochmal einen Termin.” Ich bin versucht, ihr ein “…aber hoffentlich nicht bei Ihnen!” an den Kopf zu werfen, lasse es aber aufgrund potentiell zukünftig notwendiger Zusammenarbeit bleiben und verabschiede mich möglichst höflich.

Dr. Engel hat mir bewiesen, dass die Ärzte sehr wohl einen gewissen Ermessensspielraum in der Auslegung der Regeln haben. Und wenn das so nicht okay gewesen wäre, hätte es der Amtsarzt wohl kaum abgesegnet. Ich hasse es einfach, wenn mir Leute unnötig Steine in den Weg legen. Als ob ich so viel weniger Blödsinn machen würde, wenn ich in der Weihnachtszeit, wo jeder mit Familienkram beschäftigt ist, alleine im Kaff versumpere, anstatt in Medan bei meiner Familie zu sein… mal abgesehen davon, dass ich gerade am 31.12. definitiv Besseres zu tun habe, als mich stundenlang in den Zug oder ins Auto zu hocken. Das ist doch bekloppt hoch 3, da kann ich mir gleich Tank- oder Bahngutscheine zu Weihnachten wünschen..

Da fällt mir gerade ein, dass ich mir den nächsten Termin für ein Datum ausgemacht habe, an dem ich einen Kurs in Medan habe. Das heißt, ich muss diese Woche sowieso nochmal anrufen und den Termin verschieben. Und da werde ich dann denke ich auch explizit sagen, dass ich an einem Tag kommen will, an dem Dr. Engel da ist.

Fazit: Es gibt 2 Arten von Substitutionsärzten. Die, die streng nach Vorschrift handeln und keinen Millimeter davon abweichen und die, die einfach versuchen, einem das Leben nicht noch komplizierter zu machen, als es eh schon ist.

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2. Geburtstag

Heute ist sozusagen mein zweiter Geburtstag. Vor 2 Jahren bin ich aufs Standesamt gepilgert und habe meine neuen Dokumente in Empfang genommen. Ich habe zum ersten Mal meine neue Unterschrift auf ein Blatt Papier gesetzt. Ich habe mich zum ersten Mal jemandem, der mich nicht kannte, mit diesem Namen vorgestellt.

Ich habe es keinen einzigen Tag bereut. Wie oft habe ich schon gehört: “Wooow… das ist aber ein schöner Name!” , teilweise sogar von wildfremden Leuten, zum Beispiel der Sprechstundenhilfe in der Paxis meines Hausarztes. Es macht mich jedes Mal ein bisschen stolz.

Die Sozialarbeiterin von der Suchtberatungsstelle reitet gerne auf dem Thema Namensänderung herum. Ihrer Meinung nach habe ich meinen Namen nur geändert, weil ich unzufrieden mit mir selbst bin. “Aber Sie können nicht vor sich selbst davonlaufen, wissen Sie? Auch wenn Sie Ihren Namen geändert haben, Sie bleiben immer noch die [ mein alter Name ]” und ich würde ihr dafür am liebsten an den Hals springen. Was verdammt nochmal gibt dir das Recht, meinen alten Namen zu benutzen?! Trotz der hochkochenden Emotionen in meinem Inneren versuche ich sachlich zu bleiben. “Das hat doch gar nichts damit zu tun. Mein alter Name hat sich falsch angefühlt seit ich denken kann.” Sie beharrt trotzdem auf ihrer Theorie. Soll sie, ich kenne die Wahrheit.

Die Wahrheit ist, dass ich es gehasst habe, neue Menschen kennenzulernen, weil ich dann diesen Namen nennen musste, der nicht meiner war. Namensschilder waren ein Horror für mich – so konnten noch mehr Menschen diesen Stempel lesen, den ich mit meiner Geburt aufgedrückt bekommen hatte. In solchen Fällen versuchte ich dann, mit einem Schal oder ähnlichem das Schild zu verdecken. Noch heute erinnere ich mich an die Situation, als ich mit meiner Zimmerkollegin im Internat im Studierzimmer beim ersten Treffen der Lerngruppe stand und uns der anwesende Lehrer nach unseren Namen fragte und ich keinen Ton herausbrachte. Meine Zimmerkollegin musste meinen Namen sagen, weil ich nur daneben stand und das Gefühl hatte, ich würde gerade versuchen ein zähes Stück Fleisch hochzuwürgen. So oft haben meine Eltern versucht, mir diesen Namen schmackthaft zu machen, indem sie mir seine Bedeutung erklärten und weshalb sie mich so genannt hatten – schön und gut, das änderte aber nichts an der Tatsache, dass ich nicht diejenige war.

Seit 2 Jahren ist alles anders. Mittlerweile ist es so selbstverständlich. Die meisten Menschen, mit denen ich heute im Alltag zu tun habe, kennen mich nur so. Und doch fühlt es sich jedes Mal so schön richtig an, dass ich lächeln muss. Es war eine der besten, wenn nicht sogar die beste Entscheidung meines Lebens. Nicht mal das Fliegen gibt mir so viel wie die Tatsache, dass ich mich nun so nennen darf, wie ich eigentlich schon mein ganzes Leben lang geheißen habe.

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Normalität

Langsam nimmt alles wieder eine gewisse Normalität an. Ich hätte nicht gedacht, dass so etwas möglich ist, aber tatsächlich waren letzte Woche ein paar Tage dabei, an denen ich nicht einmal daran gedacht habe, mir irgendetwas in die Vene zu jagen. Das Einzige, das mich noch daran erinnert, ist, dass ich meine Mittagspause nicht wie meine Kollegen in der Kantine oder im Aufenthaltsraum verbringe sondern damit, die Apotheke aufzusuchen. Einerseits fühlt es sich befreiend an, und andererseits bin ich trotzdem so unfrei und gebunden. Ich kann nicht einfach so auf Urlaub fahren, oder beschließen, dass ich das nächste Wochenende in Medan verbringen will.

Letzte Woche habe mir eine Leserin einen Link geschickt: https://www.aerztezeitung.de/medizin/krankheiten/neuro-psychiatrische_krankheiten/depressionen/article/904795/opioid-suizidgefahr-klingt-verrueckt-funktioniert-aber.html

Die etwas stimmungsaufhellende Wirkung, die ich meinte zu beobachten, scheint also keine Einbildung zu sein. Irgendwie makaber, dass ich erst drogenabhängig werden musste, um an etwas ranzukommen, das meine gelegentlichen Anflüge von : “Es hat alles keinen Sinn mehr und ich will nicht mehr leben” abfängt, aber naja. Andersrum ist es sicher nicht zielführend, alle depressiven Menschen opioidabhängig zu machen, wobei eine kontrollierte Abhängigkeit im Niedrigdosisbereich dem Tod sicherlich vorzuziehen ist.

Was dafür nicht klappt, ist das mit dem Gewicht halten. Ich bin nur 2kg von meinem absoluten Tiefstgewicht letztes Jahr im Winter entfernt, und die kalte Jahreszeit, wo der Energieverbrauch um sich warm zu halten grundsätzlich höher ist, fängt ja gerade erst an. Juchu.