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zum Glück nur eine kurze Woche

Es gibt verschiedene Arten, eine neue Woche zu beginnen. Auf die Art dieser Woche hätte ich gerne verzichtet. Gleich in der Früh kam eine Mail der Geschäftsführung, dass um 10:30 eine kurzfristige Mitarbeiterversammlung stattfände. Die Versammlung, bei der die Zahlen des letzten Geschäftsjahres bekannt gegeben worden waren, war erst vor 3 Wochen gewesen, das konnte es also nicht sein. Und sonst finden solche Versammlungen nur statt, wenn irgendetwas Schlimmes passiert ist. So war es auch, wie sich herausstellte, war eine Mitarbeiterin, die seit 15 Jahren in der Firma tätig gewesen war, am Wochenende verstorben. Mich persönlich traf das nicht so hart, ich hatte sie zwar ein paar mal gesehen und auch ein oder zweimal mit ihr gemailt, aber sonst nichts mit ihr zu tun gehabt. Aber natürlich ging es vielen, gerade ihren Schreibtischnachbaren, ganz anders und dementsprechend war die Stimmung die ganze Zeit unterschwellig irgendwie gedrückt.

Am Dientag gleich in der Früh bekam ich die nächst Hiobsbotschaft in Form von einer SMS von meiner Mutter. Einer Vorahnung folgend ignorierte ich sie erst mal, sürzte mich in die Arbeit und öffnete sie erst am frühen Nachmittag. Darin kündigte sie an, dass sie am Nachmittag mit meinem Hasen zum Tierarzt fahren würde. “Er frisst nicht mehr und verkriecht sich im Haus.” kein gutes Zeichen. Ich meine, es wäre nicht so, als ob er sich nicht langsam auf den Weg machen dürfte, wird er doch im Herbst 8 Jahre alt. Trotzdem macht es das nicht leichter und ich war den ganzen restlichen Nachmittag höllisch unkonzentriert, bis abends endlich die erlösende Nachricht von Mama kam. Der Tierarzt hatte zumindest nichts gefunden, was als Ursache für die beschwerden herhalten könnte, für sein Alter ist mein Fellmonster in einem außergewöhnlich guten Zustand, aber: “Er ist halt einfach alt. Und da kann man auch nicht mehr viel machen, wenn dann solche Probleme auftreten.” Alles was er tun konnte, war ihm eine Vitaminspritze zu geben, um ihn ein wenig aufzupäppeln, doch wirklich viel schien das nicht zu helfen, denn als ich mich gestern nochmal bei Mama nach seinem Zustand erkundigte, beschrieb sie den mit “weitgehend unverändert”. Ich überlegte kurz, ob ich nicht vielleicht den Feiertag für einen Spontantrip nach Medan nutzen sollte, um ihn vielleicht noch ein letztes al in die Arme nehmen und kraulen zu können, entschied mich dann aber dagegen. Übernächstes Wochenende muss ich wegen eines Zahnarzttermins sowieso nach Medan. Wenn er bis dahin überlebt freue ich mich natürlich und werde mir sicher mehr Zeit für ihn nehmen als sonst und wenn nicht, dann wollte er vielleicht einfach, dass ich ihn so fit und lebendig in Erinnerung behalte, wie er bis zuletzt war. Der munter meine Hand anstupst, wenn ich sie ihm entgegenstrecke und immer noch gelegentlich seine “narrischen 5 Minuten” hat, wo er Haken schlagend über den Balkon oder durchs Wohnzimmer flitzt.

Was es so hart macht, ist, dass er der zutraulichste Hase ist, den ich bisher hatte. Der hätte wahrscheinlich auch nachts bei mir im Bett geschlafen, wenn ich ihn gelassen hätte. Ich weiß noch, als ich ihn im Tierheim gesehen habe und sofort wusste, der ist es und kein anderer. Ich habe ihn ausgesucht und meine Schwester seine Hasenfreundin. Man wusste nicht woher er kam, weil er in einem Müllsack neben einem Müllcontainer gefunden wurde, aber ich habe mich sofort in ihn verliebt und auch wenn ich nicht mehr oft nach Medan komme, habe ich immer das Gefühl, dass er mir bis heute noch dankbar ist, dass ich ihn ausgesucht habe. Eigentlich habe ich immer irgendwie “gehofft”, dass seine Hasenfreundin zuerst stirbt und ich ihn dann ins kaff holen kann und mit meinen beiden vergesellschaften kann, sodass er nicht alleine ist und hier noch eine schöne Zeit hat, aber aktuell sieht es wohl eher danach aus, als wäre er der erste der geht. Das habe ich nicht erwartet, weil er ein richtiges großes kaninchen ist, gute 2-3kg schwer, und seine Hasenfreundin so klein und zart, dass ich sie locker mit einer Hand hochheben könnte.

Also mal abwarten… und hoffen, dass es wieder wird.

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komischer Schlafrhythmus

Bisher hatte es sich irgendwie so eingebürgert dass ich abends, gegen 23:00 nach meinem “Gute-Nacht-knallerchen” auf dem Sofa eingedöst bin und als die angeworfene Doku gegen 0:30 zu Ende war wieder wach geworden bin. Dann gibt es 2 Tassen mit Fortimel-Pulver gepimpten Chai, duschen, Zähne putzen, ab ins Bett.

Letzte Woche war es tatsächlich zweimal so, dass ich um 0:30 einfach nicht wach geworden bin, sondern erst gegen 4:00, als es draußen zu dämmern begann. Das Licht im Wohnzimmer brannte noch und es dauerte erst mal eine Minute bis ich mich orientiert hatte. Das Problem war nur: Das Programm Chai-duschen-Zähneputzen dauert mindestens eine Stunde. Und um 05:30 klingelt der Wecker. Für 30 Minuten ins Bett gehen zahlt sich nicht wirklich aus, also bin ich in beiden Fällen wach geblieben. Meine Halswirbelsäule war von der unnatürlichen Schlafposition weniger begeistert.

Auf dass es diese Woche besser werden möge!

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Die vielleicht wichtigste Erkenntnis seit Langem

So lange schon habe ich mir die Zähne daran ausgebissen, warum ich immer noch so viel Scheiße baue, wo ich doch meine Vergangenheit eigentlich bewältigt habe. Letzte Woche ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Nach dem Vorfall in der Essstörungsabulanz hatte ich lange gebraucht, um wieder runterzukommen, die Panik eingewiesen zu werden hat mich noch lange verfolgt, und diese hässlichen Gefühle von ausgeliefert sein, zu wissen, dass der Arzt machen kann was er will und ich kann mich nicht wehren…

Abends ist mir dann plötzlich schlagartig bewusst geworden, dass das genau die Emotionen sind, die ich als kind hatte und die mich ewig verfolgt haben. Und die Situation in der Essstörungsambulanz war lange nicht das einzige Erlebnis dieser Art- das zieht sich eigentlich seit meiner gerichtlichen Unterbringung inklusive Fixierung vor 10 Jahren bis heute wie ein roter Faden durch mein Leben und beschert mir bis heute Albträume und ich muss noch immer weinen wenn ich an manche Situationen denke. Natürlich sind nicht alle Erlebnisse so extrem, aber auch die Summe der “kleinen” Dinge wie es nicht zu akzeptieren wenn ich sage “ich möchte darüber nicht reden” oder mir meine Gefühle ausreden zu wollen, das sind immer wieder Tropfen in das Fass, das irgendwann überläuft. Mittlerweile habe ich so einen Hass und eine Ablehnung in mir gegen Ärzte, krankenhäuser, Therapeuten, dieses ganze System. Ich weiß, dass es viele nur gut meinen und “mich vor mir selbst” retten wollen- aber es sind trotzdem immer wieder Grenzverletzungen, Grenzüberschreitungen, Eingriffe in meine Freiheit und meine Privatsphäre, die all diese alten Gefühle wieder hochholen und somit letztendlich alles noch schlimmer machen als wenn sie mich einfach in Ruhe lassen würden.

Ich erkenne so viele Parallelen zu früher, als mich meine familiäre Vergangenheit noch belastet hat. Dieser intensive Hass, der sich nun nicht mehr gegen meinen Vater richtet sondern gegen die Ärzteschaft, die Träume, die Gefühle von Ohnmacht, Panik, Hilflosigkeit in gewissen Situationen, das meiden gewisser Orte und Situationen… auf einmal ist alles so offensichtlich, dass ich mich frage, wie ich das nur so lange übersehen konnte.

Was mir diese Erkenntnis bringt, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ich definitiv ohne fremde Hilfe aus der Sache rauskomen muss, weil die Orte und Menschen, die mich gesund machen hätten sollen, letztendlich nur noch kränker gemacht haben.

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gerupftes Huhn

Eigentlich hätte ich den Termin in der Essstörungsambulanz getrost absagen können, denn mit meiner Gesundschreibung durch den Hausarzt hat die krankenkasse Gott sei Dank das Interesse daran verloren, mich zu einer Behandlung zu zwingen. Aber immerhin war es genau dieser Arzt gewesen, der meiner Substitutionsärztin verzapft hatte, ich sei mit dem BMI nicht arbeitsfähig, obwohl er mich zuletzt vor 2 Jahren gesehen hat und bei dem Aufenthalt nicht mal mein behandelnder Arzt war, meinen “Fall” also nur aus den Teambesprechungen kennt. Und bei dem Aufenthalt davor war er zwar mein behandelnder Arzt gewesen, unser kontakt hatte sich aber auf ein paar Minuten Visite einmal in der Woche beschränkt. Mit ihm hatte ich also noch ein Hühnchen zu rupfen- und genau dazu wollte ich diesen Termin nutzen, ich wollte ihn zur Rede stellen und fragen, woher er meint mich so gut zu kennen dass er das beurteilen könnte, vor Allem wo er mich doch 2 Jahre nicht gesehen hat. Dass am Ende ich das gerupfte Hühnchen sein würde, ahnte ich nicht….

Ich war siegessicher. Obwohl er mir nicht die Hand gab und erst mal 5 Minuten wortlos etwas an seinem Computer machte, nachdem er mich hereingebeten hatte, gab ich mich unbeeindruckt. Dann setzte er sich zu mir an den Tisch. “Wessen Idee war es denn, dass Sie sich hier vorstellen?” – “Die von der Chefärztin von der Gebietskrankenkasse. Ich hab der zwar gesagt dass ich schon mal da war und dass das nicht gefruchtet hat und dann wird es beim zweiten Mal wohl auch nicht fruchten… aber darauf wollte sie nicht hören. Aber das hat sich mittlerweile erledigt, ich bin nun wieder gesund geschrieben und daraufhin hieß es, ich müsse zum nächsten Termin nicht mehr dorthin kommen, somit ist alles gut.” – “Das sehe ich anders, es ist definitiv nicht alles gut. Ich bin wirklich betroffen, wenn ich Sie so sehe. Nehmen Sie Drogen? Heroin? Crack?” Das Gespräch begann sich in eine Richtung zu entwickeln, in der er die Oberhand hatte, und das gefiel mir gar nicht. Ich verneinte seine Frage. Dann wollte er wissen, wann mir zuletzt Blut abgenommen worden war, von meinen aus dem Ruder gelaufenen Werten hatte ihm die Ärztin wohl erzählt. “Das war so eine Woche nach meiner Entlassung, aber nachdem da alles wieder halbwegs okay war hat mein Hausarzt gesagt ich brauch nicht mehr kommen”  – “WAS?! Bei solchen Ausgangswerten hat 2 Monate lang niemand mehr Ihr Blutbild kontrolliert?!” – “Nein. Was hätte ich denn Ihrer Meinung nach machen sollen, wenn er sagt für ihn hat sich die Sache erledigt und ich brauch nicht wiederzukommen? Trotzdem vor seiner Tür stehen und ihn mit vorgehaltener Waffe zwingen mir Blut abzunehmen?!” antwortete ich etwas trotzig.

Ich muss da wirklich mal mit Ihrem Betriebsarzt reden, das ist eine kritische Situation, die strenge Maßnahmen erfordert.” erklärte er mir. “Die gibt es doch, ich muss 40kg wiegen, damit ich arbeiten darf, reicht das nicht?” – “Wurden Sie vorhin gewogen?” – Nein” – “Okay, dann werden wir das jetzt nachholen”. Innerhalb von Sekunden beschleunigte sich mein Herzzschlag auf gefühlt das doppelte und ich war froh, dass ich ein Oberteil trug, auf dem man die Schweißflecken unter meinen Armen nicht sehen konnte, die sich dort sogleich ausbreiteten. Ich hatte mir noch überlegt, zur Sicherheit etwas zu trinken mitzunehmen, aber ich war so überzeugt von mir gewesen. In dem Moment verfluchte ich mich für meine Überheblichkeit. Ich würde definitiv unter 40kg wiegen. Was würde er dann tun? Würde er mich einweisen?

Es ist eine Sache, normale, “unwissende” Ärzte zu manipulieren- aber Ärzte die seit Jahren mit Borderlinepatienten arbeiten, sind eine ganz andere Hausnummer. Ich versuchte fieberhaft einen Ausweg zu finden, während ich versuchte Zeit zu schinden. “Und was ist, wenn ich mich weigere? Ich meine, ich finde das echt nicht in Ordnung, dass Sie sich da so einmischen. Das ist doch die Sache meines Betriebsarztes, welche Vorgaben er mir macht und welche nicht. Und abgemacht war eben auch, dass ich bei meinen Terminen in der Substitutionsambulanz gewogen werde und fertig. Und nun kommen Sie da an und Stellen irgendwelche neuen Regeln auf.” – “Das denk ich mir schon, dass Ihnen das nicht passt. Aber ich bin mir sicher, wenn ich Ihren Betriebsarzt anrufe und frage, wird er dem Wiegen durchaus zustimmen.” sagte er lächelnd. Oh ja, da war ich mir auch sicher. Und so stimmte ich wider Willen zu. Wieder eine Grenzverletzung mehr. Wieder ein Stück mehr Hass und Misstrauen gegenüber diesem ganzen beschissenen System.

Er begleitete mich nach vorne zum Empfang. “Warten Sie hier, Frau […] wird gleich zu Ihnen kommen.” sagte er und ging zurück in sein Büro. Sofort sah ich meine Möglichkeit zur Flucht gekommen. Gedanklich wog ich die Möglichkeiten ab. Einerseits gehörten die Termine hier nicht zu dem mir auferlegten Pflichtprogramm um meinen Job zu behalten, andererseits fürchtete ich, er würde mich endgültig für geistesgestört und selbstgefährdend erklären und eine Zwangseinweisung in die Wege leiten, wenn ich abhauen würde. Dann würde schlimmstenfalls bei meiner Rückkehr in die Firma oder abends in die Wohnung schon die Polizei auf mich warten. Bei dem Gedanken lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Nein, ich musste die Nerven bewahren. Los, Fliegermädchen, lass dir was einfallen! Ich zog mein Handy aus der Jackentasche, zog den Schuh aus, schob es im Socken an meine Fußsohle und zog den Schuh wieder an. Da kam auch schon die Schwester vom Empfang ums Eck und führte mich in den zu gut bekannten Raum. “Ziehen Sie sich bis auf die Unterwäsche aus und dann klopfen Sie.” sagte sie und lies mich allein.

Sofort begann ich mich nach weiterem Gut umzusehen, dass ich irgendwo an meinem Körper verstecken konnte. Mein Blick fiel auf die Flasche mit Desinfektionsmittel, die in einem Regal stand, die einzige Flüssigkeit in diesem Raum. Sicher ein halber Liter. Wie lang würde das Gespräch dauern? Würde ich es rechtzeitig schaffen, das Zeug auszukotzen, bevor es mich von innen heraus vergiftete? Nein, zu riskant, wenn das rauskäme würde man es mir am Ende vielleicht noch als Suizidversuch auslegen.
Mein Blick glitt weiter über die Aufkleber an den Schränken – Wolldecken, Igelbälle, Papierhandtücher. Alles nicht brauchbar. Nicht mal Münzen zwischen die Arschbacken klemmen war eine Option- zwischen welche Arschbacken denn? Ich zog sämtliche Kunden- und Visitenkarten aus meiner Geldtasche und steckte sie in den anderen Socken. Ich nahm mir vor, zukünftig immer eine Flasche Wasser in meinem Rucksack mitzuführen, koste es was es wolle. Damit nicht zu viel Zeit verging, klopfte ich schließlich an die Tür und die Schwester kam wieder herein. 39,6 war das Ergebnis. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Würde er mich jetzt einweisen? Unmöglich, man kann mich nicht einsperren, nicht schon wieder, nein, nein, nein. Diesmal würde ich das nicht mit mir machen lassen, da würde ich abhauen, diesmal würden sie mich nicht lebendig in die Finger kriegen.

Ich zog mich wieder an und folgte der Schwester ins Büro des Arztes. Früher hatte ich immer einen Zettel in die Hand gedrückt bekommen und war nach hinten geschickt worden – offenbar galt ich nun als so irre, dass man mir das nicht mehr zutraute.

Als ich in den Raum kam, saß er gerade am Schreibtisch und hatte das Handy am Ohr. Als ich näher hinsah, erkannte ich am Bildschirm die Homepage der Firma, für die ich arbeite. Offenbar wollte er seinen Plan, den Betriebsarzt anzurufen, in die Tat umsetzen. Ich freute mich innerlich diebisch, dass sein Anruf in der Telefonzentrale nicht angenommen wurde, minutenlsng hing er in der Warteschleife ohne dass etwas passierte. “Wieso fragen Sie mich nicht einfach, wenn Sie ihn anrufen wollen? Selbst wenn jemand abhebt, wird Ihnen das nichts bringen, der ist nämlich nur jeden zweiten Dienstag am Vormittag da. Ich kann ihnen seine Handynummer geben.” bot ich an. Bloß die Firma rauslassen, denn wenn der Typ in der Firma anruft, sagt wer er ist, wo er arbeitet und um wen es geht wüsste das am nächsten Tag vermutlich jeder. Er legte auf. “Na dann sagen Sie mir die mal.” Da fiel mir siedend heiß ein, dass das Handy noch in meinem Socken steckte. Ich tat so, als würde ich etwas in meinem Rucksack suchen. “Oh, verdammt, ich hab mein Handy wohl im Auto liegen lassen. kann ich es schnell holen?” – “Na, von mir aus…” Schon wieder musste ich das Bedürfnis, die Flucht zu ergreifen, mit aller Macht niederkämpfen. Nie wieder würde ich auch nur einen Fuß in dieses krankenhaus setzen, das schwor ich mir. Nachdem ich um die Ecke gebogen war und mein Handy aus meinem Socken geholt hatte wartete ich noch 5 Minuten und ging dann zurück. Der Arzt tippte die Nummer in sein Handy und ich schickte Stoßgebete zum Himmel, dass er nicht rangehen möge.

Ich hatte kein Glück. “Hallo, Herr kollege, hier spricht Dr. […], mir gegenüber sitzt gerade Frau Fliegermädchen, sie hört alles mit….”. Er begann meinem Betriebsarzt einen Vortrag darüber zu halten, welche Maßnahmen seiner Meinung nach notwendig seien- regelmäßige Gewichtskontrollen und Blutabnahmen, eine konstante Gewichtszunahme und Psychotherapie… hier warf der Betriebsarzt wohl ein, dass ich ganz klar geäußert hätte, dass ich derzeit keine Therapie möchte und er auch gar nicht wisse, welches Zielgewicht er mir vorgeben sollte, ohne mich so sehr unter Druck zu setzen, dass ich mich weigere und einfach die Firma verlasse, um dem zu entgehen. “Ich weiß, Herr kollege, Frau Fliegermädchen hat sehr genaue Vorstellungen davon was sie will und was nicht. Aber ich sehe das ein bisschen anders, manchmal muss man Menschen eben zu ihrem Glück zwingen. Ziel wäre natürlich das Normalgewicht, aber wir wissen, dass das eine schwierige Sache ist. Wir haben sie übrigens gerade gewogen, da hatte sie 39,6kg. Ich denke sehr wohl, dass man eine konstante Gewichtszunahme zur Bedingung machen könnte. Frau Fliegermädchen hat auch mir gegenüber nochmal betont wie wichtig ihr die Arbeit sei… also ich bin mir sicher, sie würde alles dafür tun, Sie haben also freie Hand, die Spielregeln zu bestimmen, Herr kollege.” sagte er und ich meinte, ein hämisches Lächeln auf seinen Lippen zu erkennen. Ich ballte die Fäuste und hatte das Gefühl vor Wut und Anspannung zu explodieren. Du Arschloch, du verdammtes Arschloch. Das geht dich nichts an, halt dich doch einfach raus. Der Betriebsarzt entgegnete wohl, dass ich, als er mich letztes Mal aufgesucht hatte, nicht besonders kommunikativ gewesen sei und groß mit mir reden lassen hätte. “Ich weiß, Frau Fliegermädchen kann manchmal sehr direkt sein, wenn es darum geht ihren Unmut zu äußern, aber das dürfen Sie nicht persönlich nehmen.” Was? Erklärte er hier gerade einem anderen Arzt, dass er meine Worte nicht ernst nehmen sollte, er, der immer was von Validierung prädigte? “Wie dem auch sei, ich will Sie gar nicht länger aufhalten, Sie sind schließlich unterwegs. Ich schlage vor, Sie setzen sich nächsten Dienstag mal mit Frau Fliegermädchen zusammen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, Herr kollege.” Endlich legte er auf, bevor er noch mehr Schaden anrichtete. “Und, ist Ihnen nun leichter?!” fragte ich feindseelig. “Es geht hier nicht um mich, Frau Fliegermädchen, es geht um Sie. Ich schlage vor, wir machen uns in 2 Monaten wieder einen kontrolltermin aus.” – “Habe ich eine Wahl, ohne dass Sie gleich wieder irgendwo anrufen?” – “Sie waren aber auch schon mal kooperativer.” Alter, was erwartest du denn, nach der Aktion?!

Ich zitterte am ganzen körper, als ich die Ambulanz verließ. Sollte ich den Betriebsarzt anrufen, um meine Sicht der Dinge zu schildern? Und vor allem, sollte ich zurück in die Arbeit fahren? Immerhin wog ich unter 40kg und der Betriebsarzt wusste das. Würde er sofort meinen Chef anrufen, oder ging er davon aus dass ich heute sowieso nicht mehr zurück in die Firma fahren würde und bis morgen warten? Doch immerhin kam auch von ihm kein Anruf, dass ich ab sofort wieder zuhause bleiben müsse. Frechheit siegt, dachte ich und fuhr zurück in die Arbeit, versuchte meinem Chef aber tunlichst aus dem Weg zu gehen. Zum Glück würde er den Rest der Woche auf Dienstreise sein und ich musste nur mehr die 2 Stunden irgendwie überstehen.

Ich kniete gerade vor einer Palette und notierte die Seriennummer eines Motors, als ich hinter mir hörte: “Fliegermädchen, wir müssen kurz reden.” Es war mein Chef. Ach du scheiße. Wieder drohte mein Herz fast meinen Brustkorb zu sprengen. “Was gibts denn?” sagte ich möglichst gelassen. “Ich wollte dir nur noch ein paar Dinge sagen, weil ich die restliche Woche nicht da bin. G. wird dir morgen wahrscheinlich ein Getriebe bringen… ” Den Rest seiner Erläuterung bekam ich vor lauter Erleichterung nur noch halb mit.

Der Termin war am Dienstag gewesen. Bis zum Wochenende war  nichts passiert, der Betriebsarzt hatte tatsächlich dicht gehalten. Warum? War er genervt, weil ein anderer Arzt meinte, alles besser zu wissen als er? Wollte er sich bei mir einschleimen?

Übermorgen werde ich es herausfinden.

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I love to hate the fight

Seit etwas mehr als einer Woche arbeite ich nun wieder. Heute schaut zum ersten Mal der Betriebsarzt bei mir vorbei. “Na, wie gehts?” – “Gut” antworte ich einsilbig. “Wirklich?” – “klar.” – “Ich verstehe, dass das Essen nicht leicht ist für dich, wir haben dich schließlich quasi erpresst. Aber glaub mir, eines Tages wirst du uns dankbar dafür sein, wenn du dann vielleicht einen Mann kennen lernst und kinder hast…es gibt so viele Leute die an einem gewissen Punkt nicht mehr wollen, aber später zurückblicken und dann den Leuten, die sie zu etwas gezwungen haben, das sie nicht wollten, sooo dankbar sind…”

Ich möchte in die Ecke kotzen. Okay, eigentlich möchte ich den Inkrementalgeber, den ich gerade neben mir liegen habe um ihn auszubuchen, am kabel nehmen, dreimal wie ein Lasso über meinen kopf schwingen, um ihn dann dem Betriebsarzt in seine Brillenfresse zu knallen. Du Arschloch hast doch sowas von keine Ahnung von meinem Leben. Merkwürdigerweise war ich weder den Schwestern dankbar, die mich damals ans Bett gebunden haben, noch den Ärzten, die mich gezwungen haben, ewig lang Psychopharmaka zu fressen. Wie soll ich Menschen dankbar sein, die mir meine persönliche Freiheit nehmen?

Heute verstehe ich manche Zusammenhänge besser. Zwangsmaßnahmen bedeuten kontrollverlust. Und die allerallermeisten traumatischen Situationen sind ebenfalls genau damit verbunden. Das heißt: Zwangsmaßnahmen an einem traumatisierten Menschen durchzuführen bedeutet höchstwahrscheinlich ein gewisses Maß an Retraumatisierung. Es gibt mittlerweile zum Glück wirklich wenig, das bei mir alte Emotionen und Erinnerungen triggert- aber es sind genau diese Situationen von absolutem kontrollverlust, die mich enorm ins wanken bringen. Und immer wird meine Abneigung und mein Misstrauen gegen Ärzte, krankenhäuser, Therapeuten und generell Menschen, die mir helfen wollen, nur noch größer.

Mit dem Versuch mir zu helfen, machen sie im Grunde genommen alles nur noch schlimmer. Ich werde gegen meinen Willen kaputttherapiert, aber das begreifen sie nicht.

Ich möchte doch einfach nur in Ruhe und in Würde leben und sterben dürfen. Ist das so viel verlangt?!

Mein Leben hat eine neue musikalische Überschrift:

Rein vom Songtext her konnte ich mir keinen Reim darauf machen, was der Song bedeuten soll, worum es da geht, und auch das Internet schien planlos. Bis ich das erste mal mörderdicht dem 1-hour-Loop lauschte. Und auf einmal ergab alles Sinn. Ich habe schon lang keinen Song mehr entdeckt, zu dem man sich so gut wegträumen kann.

So, where are you?
It’s been a little while…

Sippin’ on straight chlorine
Let the vibe slide over me
This beat is a chemical, beat is a chemical
When I leave don’t save my seat
I’ll be back when it’s all complete
The moment is medical, moment is medical
Sippin’ on straight chlorine

Loving what I’m tasting (ooh)
Venom on my tongue
Dependent at times
Poisonous vibrations (ooh)
Help my body run
I’m running for my li-i-i-i-i-ife
Running for my li-i-i-i-i-ife
Sippin’ on straight chlorine
Let the vibe slide over me
This beat is a chemical, beat is a chemical
When I leave don’t save my seat
I’ll be back when it’s all complete
The moment is medical, moment is medical
Sippin’ on straight chlorine

Fall out of formation (ooh)
I plan my escape
From walls they confined
Rebel red carnation (ooh)
Grows while I decay
I’m running for my li-i-i-i-i-ife
Running for my li-i-i-i-i-ife
Yeah, I’m running for my li-i-i-i-i-ife
Running for my li-i-i-i-i-ife

Hide you in my coat pocket
Where I kept my rebel red
I felt I was invincible
You wrapped around my head
Now different lives I lead
My body lives on lead
The last two lines may read
Incorrect until said
The lead is terrible in flavor
But now you double as a paper maker
I despise you sometimes
I love to hate the fight
And you in my life is like…

Sippin’ on straight chlorine
Let the vibe slide over me
This beat is a chemical, beat is a chemical
When I leave don’t save my seat
I’ll be back when it’s all complete
The moment is medical, moment is medical
Sippin’ on straight chlorine

Let the vibe, let the vibe
Let the vibe, let the vibe
Beat is a chemical, yeah
Let the vibe, let the vibe
Let the vibe, let the vibe
Moment is medical, yeah
Sippin’ on straight chlorine
Let the vibe, let the vibe
Let the vibe, let the vibe
Beat is a chemical, yeah
Let the vibe, let the vibe
Let the vibe, let the vibe
Moment is medical, yeah

I’m so sorry, I forgot you
Let me catch you up to speed
I’ve been tested like the ends of
A weathered flag that’s by the sea
Can you build my house with pieces?
I’m just a chemical
Can you build my house with pieces?
I’m just a chemical
Can you build my house with pieces?
I’m just a chemical
Can you build my house with pieces?
I’m just a chemical

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Fliegermädchen on Air

Am Wochenende hat das Fliegermädchen endlich mal wieder das getan, wozu es eigentlich da ist: Fliegen.

Zugegeben, das Wetter war einigermaßen bescheiden, die Wolken hingen tief und immer wieder regnete es leicht. Doch ich hatte keine Wahl, da ich der Überzeugung war, dass mein Schein in wenigen Tagen ablaufen würde. Eigentlich hatte ich mit dem Oberfluglehrer fliegen wollen, aber da der nur jede zweite Woche zur Verfügung steht
und da auch Einiges um die Ohren hat, war es ein nahezu unmögliches Unterfangen, einen Termin zu finden. Als wir uns vorletzte Woche dann endlich mal verabredet hatten war das Wetter schlecht gewesen, 20 Knoten Wind von der Seite. Also hatte ich schließlich in meiner Not den Fluglehrer angerufen, der mir vor 2 Jahren die praktische Prüfung abgenommen hatte. “Morgen um 9 am Flugplatz? Ich komme mit einem Flugschüler aus […]” – “Alles klar, ich kümmer mich darum dass wir sofort los können nachdem ihr gelandet seid”

Um halb 9 rief der Fluglehrer an und kündigte Verspätung an, aufgrund des schlechten Wetters würden sie woanders noch einige Platzrunden drehen. Ich beschloss trotzdem schon mal loszufahren um alles vorzubereiten, doch der Flugplatz war wie ausgestorben und alles war zugesperrt. Als dann endlich eine Betriebsleitung auftauchte, war meine Begleitung schon im Anflug. Ich schaffte es gerade mal Papiere und Flugzeug zu überprüfen. Zumindest das Tanken konnte ich mir sparen, was leider trotzdem nichts daran änderte, dass der Flieger ganz hinten stand. Nachdem wir ihn endlich am Vorfeld hatten, stiegen wir ein. Es war vertraut und fremd zugleich, das letzte Mal in der Luft war ich… ach Gott, ich weiß gar nicht mehr, irgendwann letzten Sommer. “Wir machen das jetzt ganz gemütlich, ja? Wir müssen eine Stunde fliegen, wegen der Uhrzeit würde ich vorschlagen dass wir ein Touch & Go und eine Zielpunktlandung noch vor 12 machen, und dann noch irgendwo hinfliegen wo wir niemanden stören und ein bisschen Airwork machen, Vollkreise, Strömungsabriss und so. Alles klar?” – “Alles klar.” bestätigte ich. Das Warten hatte sich ausgezahlt, das Wetter war mittlerweile nicht mehr ganz so schlecht.
Wir drehten die erste Runde, starteten durch und der Fluglehrer stellte die Frequenz der Kontrollzone über uns ein. “Soll ich funken oder machst du?” Ich schaute ihn unsicher an. Wie immer hatte ich Schiss, auch wenn ich wusste dass ich es grundsätzlich kann
und immerhin war das hier ja eine Prüfung- dennoch wusste ich, dass er es machen würde sollte ich mich nicht trauen, ohne dass es eine negative Auswirkung auf das Prüfungsergebnis haben würde. “Eigentlich sollte ja ich, oder?” – “Stimmt. Du sagst einfach… ” und dann betete er die ganze Litanei herunter, die ich eh auch gesagt hätte. Ich drückte also den Funkknopf, legte los und war mit meinem Anliegen erfolgreich. “cleared for 3000 feet, QNH one zero zero six” kam zurück. “cleared for 3000 feet, QNH one zero…” ich schaute den Fluglehrer hilfesuchend an. “zero six” flüsterte er mir ein und ich wiederholte das ganze am Funk. Wir schwangen uns auf 3000ft und über dem Platz zog ich den Gashebel in die Leerlaufstellung. “Kennst du den 500-500-500-Trick?” fragte er. “Nein, was ist das?” – “damit kommst du bei ruhigem Wetter normalerweise genau zum Platz. Mit der Geschwindigkeit für das beste Gleiten 500 Fuß sinken, dann fliegst du eine 90 grad-Kurve, wieder 500 Fuß sinken, nächste Kurve, nochmal 500 Fuß, wieder eine Kurve, und dann bist du im Endanflug. Wenn es windstill ist, funktioniert das so gut wie immer.” – “Das probier ich aus” antwortete ich. Bisher hatte ich das immer nach Gefühl gemacht, aber gerade im Notfall, auf den diese Übung eigentlich vorbereiten soll, hat man vielleicht nicht so entspannt um in Ruhe in sich hineinspüren zu können, was einem das Gefühl gerade sagt. Und tatsächlich, ich erreichte eine ideale Ausgangsposition für die Landung. Wie besprochen flogen wir dann über unbebautes Gebiet, damit wir Franz und Susi bei ihrem Mittagsschlaf nicht stören, um das restliche Programm zu absolvieren. “15° nach links. Ich weiß, wir haben keinen künstlichen Horizont, aber schätz es halt ungefähr” war die erste Aufgabe. Ich flog mit sanfter Querneigung einen Vollkreis nach links und machte dasselbe nach rechts, nachdem wir unseren Ausgangspunkt erreicht hatten. “Jetzt hab ich gar nicht gefragt ob ich überhaupt nach rechts soll…” – “Passt schon, das wäre meine nächste Anweisung gewesen. Wenn du meine Gedanken lesen kannst, ist das noch besser!” Danach folgte dasselbe Spiel mit 30 und 45° Querneigung. “Das ist aber etwas mehr als 45 Grad!” meinte der Fluglehrer, als ich den Flieger so schräg legte, dass die Flügelspitze an einem Punkt am Boden festgeklebt schien, während sich der Flieger darum herum drehte. “Ich weiß, aber so machts mehr Spaß, oder?” Wir waren uns einig.
‘Es folgte ein simulierter Strömungsabriss. Bei dem Flieger absolut unaufregend, hier haben die Konstrukteure ganze Arbeit geleistet. Die Überziehwarnung meckert, ein bisschen rüttelts, dann senkt sich die Nase von selbst obwohl man den Steuerknüppel voll durchgezogen hat und das wars. 20 Minuten mussten wir noch fliegen. “Was willst du machen?” fragte er. “Fliegen wir beim Oberfluglehrer vorbei, der hat doch morgen sein Gartenfest, da baut er sicher auf, vielleicht sieht er uns” schlug ich vor. Also zogen wir in Mindestflughöhe ein paar Mal über seinen Garten und winkten. Kurzzeitig hatte ich ja überlegt, den Transponder auszuschalten und ein wenig tiefer zu gehen… aber schließlich war es ja ein Prüfungsflug. Bei der letzten Landung merkte ich dann, warum es derzeit keine gute Idee wäre, alleine zu fliegen- ich hatte einfach nicht genug kraft, den Bremsklappenhebel ganz herauszuziehen. Als wir schließlich landeten, waren wir genau eine Minute länger als notwendig geflogen – perfektes Timing.
‘Während ich meine Lizenzen kopierte, machte der Fluglehrer den Verlängerungsantrag fertig. Danach verabschiedete er sich mit seinem Flugschüler und ich erledigte noch die restlichen Aufgaben. Da wir immer wieder in Regenschauer geraten waren, sparte ich mir so wenigstens die Reinigung des Flugzeugs.

Nun habe ich wieder eine Zeit lang Ruhe.

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Wanted: Osmiumtampon

Langsam ist mir das Ding hier zu steil. Ich weiß nicht mehr wohin.

Am Dienstag hatte ich einen Termin in der Substitutionsambulanz, dort soll ich künftig immer gewogen werden. Das trifft sich natürlich gut, weil die dort im Hinblick auf Essstörungen weitgehend naiv und blauäugig sind. Somit konnte ich natürlich alles an Tricks auspacken, was geht. Angefangen von doppelt Socken und doppelt Unterwäsche über breites Nietenarmband bis hin zu Leggings unter der Hose und doppelt T-Shirt unterm Langarmshirt. Und eine 1,5l-Flasche Wasser zog ich mir davor auch noch rein.

“Ich dachte schon, Sie kommen gar nicht, weil Sie so sauer auf mich sind” meinte die Substitutionsärztin. Ich machte einen auf einsichtig. “Sie können doch gar nichts dafür, wie das gelaufen ist. Es war halt einfach ein blöder Zufall, dass ich den Termin vergessen habe. Und dafür, dass der Betriebsarzt vor meinem Chef die ganzen Sachen, die ich der Sozialarbeiterin im Vertrauen erzählt habe, ausgeplaudert hat, können Sie auch nichts.” Bevor Sie das Rezept schrieb, ging es ans Wiegen. “Moment, ich zieh noch ein bisschen was aus, ich will schließlich nicht schummeln” sagte ich und befreite mich von Schal, Mütze, Schuhen, und der dicken, flauschigen Weste. Ich wartete darauf, dass sie mich aufforderte, den Rest bis auf die Unterwäsche auch noch auszuziehen, doch das tat sie nicht. Da wusste ich schon, dass ich gewonnen hatte. Ich stieg auf die Waage, sie zeigte 40,7kg. “Sehen Sie? Ich habe 40kg, für das Gewand können Sie noch einen halben kilo abziehen, und dann sind es trotzdem noch 40,2.” – “Das ist aber toll Frau Fliegermädchen, wie haben Sie denn das gemacht?” So viel angezogen, dass mir der Schweiß literweise den Buckel runterlaufen würde wenn es heute so heiß wäre wie letztes Wochenende und ich die 1,5l umsonst gesoffen hätte, gute Frau. “Gegessen” antworte ich lächelnd. Ich weiß, eine bescheuerte Antwort, aber die Einzige, die mir in diesem Moment einfiel. “Na dann werde ich Ihrem Betriebsarzt schreiben, dass Sie arbeitsfähig sind. Er hat mir hier eine E-Mail geschrieben, sehen Sie…” sagte sie und schob mir ein Blatt Papier mit einer ausgedruckten E-Mail über den Tisch. Ich überflog es kurz. Der Text stammte tatsächlich von meinem Betriebsarzt. Er bat die Substitutionsärztin darum, die Aufgabe des Wiegens zu übernehmen und schriftlich meine Arbeitsfähigkeit zu bestätigen, wenn ich die 40kg erreicht habe. DING DING DING machte es in meinem Schädel. Einsatz von Borderline-Manipulator 2.1 Arzt gegen Arzt empfehlenswert gemäß erstem Bord´schen Manipulationsgesetz: Sind zwei Ärzte für dich zuständig, versuche grundsätzlich, sie gegeneinander auszuspielen. “Na der will sich aber ganz schön aus der Verantwortung ziehen, nun sollen Sie die Verantwortung für meine Arbeitsfähigkeit übernehmen?!” sagte ich. “Ach, das ist doch kein Problem, aber Sie haben doch in der Firma keine geeigneten Räumlichkeiten und auch keine Waage zur Verfügung, das hat er doch hier geschrieben.” antwortet sie. Ob das auch kein Problem mehr für sie ist, wenn ich tatsächlich eines Tages in der Arbeit tot umfalle und ihre Unterschrift statt der meines Betriebsarztes unter dem Wisch mit der Bestätigung meiner Arbeitsfähigkeit steht, lasse ich hier mal dahingestellt. Ich an ihrer Stelle hätte mir die Sache zumindest nicht umhängen lassen. Ich verließ die Ambulanz also nicht nur mit 2 Rezepten, sondern auch mit der geforderten Bestätigung. Yessssss. Am Donnerstag noch schnell von meinem Hausarzt gesund schreiben lassen, aber der wird mir schon keine Steine in den Weg legen, so oft wie mich der fröhlich wieder nach Hause geschickt hat, wenn ich wegen selbstverschulderter Scheiße mehr oder weniger auf allen Vieren in seine Praxis gekrochen kam, und mein Gewicht hatte er von sich aus auch nie angesprochen, bevor ich es nicht getan hatte. Bei der naiven Tussi von der krankenkasse, die nach über 10 Jahren Behandlungsgeschichte glaubte, dieJenige zu sein, die mich retten wird, indem sie mich einfach nochmal dort hinschickt wo ich eh schon war, brauchte ich es gar nicht erst zu versuchen.

Gestern machte ich mich also auf den Weg zu ihm, mit derselben Ausstattung wie am Dienstag, nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass er mich nochmal wiegen würde. Aber mit dem Schreiben von der Substitutionsärztin sollte die Sache doch eine “gmahte Wiesn” sein, wie man hier so schön sagt. War es zu Beginn auch. “Warst du eigentlich dazwischen nochmal Blut abnehmen?”  – “Nein” antworte ich wahrheitsgemäß. Er zögerte kurz und forderte mich dann auf, ihm in den Raum nebenan zu folgen. Ich war etwas verwirrt, ich wusste dass das der einzige Raum mit einem EkG-Gerät war, aber was das mit meinem Blutbild zu tun hatte, konnte ich mir nicht erklären. Die Arzthelferin kam hereingeschneit. “Ziehen Sie sich bitte aus, ich soll Sie wiegen.” sagte sie. Och nööö, Leute, seriously?! Nun würde es eng werden. Ich schälte mich aus Hose, Langarmshirt und einem T-Shirt, Leggings und das Trägertop behielt ich erst mal an und ging Richtung Waage. “Nein, alles, bis auf die Unterwäsche. Das wollte der Herr Doktor so.” sagte sie. Okay, es würde verdammt eng werden. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich hatte darauf spekuliert zumindest Leggings und T-Shirt anbehalten zu dürfen. Sie starrte mich auffällig unauffällig an. Glotz doch nicht so, noch nie ne Magersüchtige gesehen?! Es kam, wie es kommen musste: 39,4kg. Scheiße. Die Arzthelferin tippte die Zahl in den Computer. “Das sind aber keine 40kg.” stellte sie fest. Das sehe ich auch. Verpiss dich doch einfach. “Sie wiegen doch auch nicht täglich dasselbe, oder?” antwortete ich. Sie verließ den Raum und ich überlegte kurz. Ich steckte in der Rue de la gack, bei einem so großen Gewichtsverlust innerhalb eines Tages würde man mir sofort unterstellen, bei der Substitutionsärztin getrixt zu haben. Mein Blick fiel auf den Computer, sie hatte sich nicht ausgeloggt. Der Arzt war inzwischen im Nebenzimmer bei einem anderen Patienten. Würde er direkt wiederkommen, oder die Arzthelferin nach meinem Gewicht fragen? Ich konnte unmöglich mein Gewicht über 40kg schummeln, da war fast sicher dass das früher oder später rauskommen würde, aber zumindest die kommastelle könnte ich zu meinen Gunsten verschieben und notfalls behaupten, die Arzthelferin hätte sich verschrieben. Zögernd bewegte ich meine Finger Richtung Tastatur, löschte die 4 und schrieb stattdessen eine 8 hin. Ich begann, mich wieder anzuziehen und ein paar Minuten später schneite der Arzt wieder hinein. So kurz wie der Abstand zwischen “Tür des Nachbarzimmers geht auf” und “Tür meines Zimmers geht auf” war, hatte er sich nicht bei der Arzthelferin erkundigt. “Na das geht sich aber nicht ganz aus” stellte er fest, nachdem er die Zahl gesehen hatte. “Das hat man davon, wenn man vorher noch auf der Toilette war” antwortete ich. “Aber ich kann dich so nicht gesund schreiben, 40kg waren die Abmachung” – “Ich weiß. Dann komme ich halt am Montag wieder…” Ich war stinksauer. Auf mich, auf die ganze Welt, und auf ihn, weil es ihm doch bisher auch scheißegal gewesen war, wenn ich wie ein Skelett in seine Praxis gekommen war. Nicht, dass ich gewollt hätte, dass er es kommentiert, genau dafür hatte ich ihn immer geschätzt, dass nur das zur Sprache kommt was ich auch will und er sich in den Rest nicht einmischt, aber als verantwortungsvoller Hausarzt hätte er eigentlich doch mal sagen müssen: “Hey, du bist nur mehr die Hälfte, was ist da los?” . Doch nun sah er offenbar seinen Ruf vor Arztkollegen gefährdet und begann sich in Dinge einzumischen, die ihn vorher nicht ansatzweise interessiert hatten.

Etwas ziellos stand ich Minuten später vor der Praxis und sah mich ratsuchend um. Meinen Tagesplan konnte ich nun getrost über den Haufen werfen. Verdammt, und ich musste meinen Chef anrufen und ihm beichten, dass ich es verkackt hatte. Am liebsten hätte ich behauptet, der Hausarzt hätte mir nochmal Blut abgenommen und wolle die Ergebnisse abwarten, doch die Gefahr war zu groß, dass der Betriebsarzt bei meinem Hausarzt anrufen würde und die Story auffliegen würde. Beim letzten Telefonat am Dienstag hatte sich mein Chef noch groß entschuldigt, dass er letzte Woche keine Zeit gefunden hatte mit mir zu telefonieren, doch ehrlich gesagt war ich froh darüber gewesen, weil ich mich nach allen bisherigen Telefonaten einfach nur elendig gefühlt hatte. Und ich hatte ihm am Dienstag gesagt, dass ich mich am Donnerstag gesund schreiben lassen würde… und nun ging es nicht. DING DING DING…. Einsatz von Borderline- Manipulator 2.2 Arzt gegen Chef empfehlenswert gemäß zweitem Bord´schen Gesetz: Menschen gegeneinander ausspielen durch erzeugen von Mitleid und Mitgefühl. Ich schrieb dem Betriebsarzt eine SMS mit meinem Gewicht und dass ich mich selbst so sehr hasse dass ich es nicht geschafft habe und so große Angst davor habe was mein Chef dazu sagt und ob er das bitte übernehmen könne. Dass das alles andere als erwachsen ist, ist mir auch klar, aber wenn sie mich wie ein kleines Mädchen behandeln, und sämtliche Versuche aus diesen Zwängen auszubrechen mit der Androhung einer Entlassung von meinem Arbeitsplatz bzw. Einweisung in die Psychiatrie im keim ersticken, kann ich mir auch mal das Recht herausnehmen, mich wie ein kleines Mädchen zu benehmen. Außerdem war das alles nicht mal gelogen. Als ich keine Antwort bekam, rief ich um 15:00 meinen Chef an und war heilfroh, als er nicht ranging. Dann schaltete ich mein Handy aus. Gegen 17:00 schaltete ich es nochmal kurz ein, hatte aber keine SMS oder Anrufe in Abwesenheit am Display, also schaltete ich es erleichtert wieder aus. Nach meinen üblichen 2 mit Fortimel-Pulver gepimpten Chai´s um 02:30 wollte ich schlafen gehen und schaltete mein Handy wieder ein. Siehe da, eine Mailboxnachricht von meinem Chef. Um 17:09. Hatte er da erst angerufen? Oder war das der Moment gewesen, in dem ich das Handy kurz angehabt hatte und sie trug deswegen diese Uhrzeit?

Das würde sich klären, wenn ich die Nachricht endlich abhören würde, aber ich traue mich nicht. Stattdessen habe ich schon meine Arme mit der Rasierklinge verschönert. Weils hilft. Und weil sie mir nicht alles verbieten können. Und zusätzliches Gewicht bringen Verbände auch. Wobei da ein aufgeblasener Ballonarm bei einer entzündeten kälteverbrennung sicher noch vorteilhafter wäre…nein, dumme Idee, ganz dumme Idee. Aber was einmal im Schädel ist…

Recherchen im Internet haben außerdem ergeben, dass Osmium das dichteste Element ist. Jemand ne Idee, wo ich einen Osmium-Tampon käuflich erwerben kann?

Und weil ich nicht genug um die Ohren habe, läuft nächste Woche mein Privatpilotenschein ab, sämtliche Flieger samt Fluglehrer sind aber bis Sonntag im Ausland und dann wird es verdammt knapp. Andererseits habe ich mir sowieso überlegt, ob ich den überhaupt verlängern soll, in den vergangenen 2 Jahren habe ich den nicht gebraucht, weil der Segelfliegerschein alles abgedeckt hat, was ich geflogen bin.