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Von wegen Gespräch

Die Nacht war kurz gewesen, als ich Montags um 6:15 in der Firma ankam. Noch zuhause hatte ich meiner Mutter eine SMS geschrieben, wie viel mehr Gehalt sie unter diesen Umständen für angemessen hält. Diese Antwort wollte ich auf alle Fälle noch abwarten. Am späten Vormittag tauchte mein Chef dann von sich aus neben meinem Schreibtisch auf. Da er normalweise von sich aus zu sprechen beginnt, arbeitete ich einfach weiter, doch er blieb stumm. Als die Stille unangenehm wurde, fragte ich: “Ist irgendwas?” Er schien nicht so recht mit der Sache rausrücken zu wollen. “Ja… also wir hatten gerade Jour Fixe, und es gab wohl Bedenken, dass ihr ja quasi die “Infektionsbrücke” zwischen den Schichten seid, weil ihr mit beiden Schichten Kontakt habt. Deswegen müssen wir unsere Arbeitszeiten auch wieder an das Schichtmodell anlehnen. Das heißt, du hast ab morgen Frühschicht. Die 4-Tage-Woche lassen wir so. Aber nur mehr bis Ende Mai, dann ist es wirklich vorbei” sagte er, klang aber nicht sehr überzeugt.

In dem Augenblick wurde ein prsönlicher Alptraum wahr. Wenn etwas für meine psychische Stabilität essentiell ist, dann ist es ein einheitlicher Tagesablauf. Die Frühschicht wich davon zumindest nicht allzu stark ab, aber vor der Spätschicht graute mir. So einen Tagesablauf hatte ich noch nie gehabt. Ich erfreute mich noch an dem Lichtblick, dass ich zumindest 2 der 3 verbleibenden Maiwochen Frühschicht hatte und nicht andersrum, als mich der Chef nochmal in sein Büro winkte. “Fliegermädchen, bleib mal kurz da, ich glaube ich hab dir vorhin einen Blödsinn gesagt. Du wärst diese Woche in der Spätschicht, sonst geht sich das nämlich mit den freien Tagen nicht aus, dass am Montag und Freitag beide Schichten besetzt sind.” Der Super-GAU war Realität geworden. Ich lachte trocken auf. “Ich bin heute um 5 aufgestanden. Wie soll ich innerhalb von 24 Stunden meinen Lebensrhythmus komplett umstellen?!” – “Ich weiß, es ist sehr kurzfristig, ich habe auch gesagt, dass ich das übertrieben finde, vor allem bei dir, wo du doch eh nur oben im Büro bist, aber es war nichts zu machen. Es ist wirklich nur mehr dieses Monat.” Ich seufzte. “Okay, ich habe ja keine Alternativen. Und im Gegensatz zu den anderen ist es eh das erste Mal für mich” – “Danke Fliegermädchen. Aber pass auf deine Gesundheit auf, ja?” Ich musste mir auf die Lippe beißen, um keinen sarkastischen Kommentar abzugeben. Da bin ich um 5 aufgestanden um um 6:15 mit der Arbeit zu beginnen, er erklärt mir dass ich am nächsten Tag zu der Zeit, wo ich mich
am selben Abend ins Bett kuscheln werde 24 Stunden später putzmunter und produktiv in der Firma sitzen soll wobei er weiß, dass ich Stabilität nicht mit Löffeln gefressen habe und dann predigt er was von Gesundheit…
Nach diesem Gespräch war jedenfalls an konzentriertes Arbeiten nicht mehr zu denken, zu viele Fragen schwirrten mir durch den Kopf. Sollte ich direkt nach der Arbeit ins Bett gehen oder lieber noch ein paar Stunden wach bleiben? Würde ich direkt nach der Arbeit überhaupt schlafen können oder würde ich zu aufgewühlt sein? Aber wenn ich die Nacht zum Tag und den Tag zur Nacht machte, wann sollte ich dann einkaufen gehen bzw. Mittwochs in die Apotheke fahren? Punkto Apotheke, wann sollte ich das Buprenorphin nehmen? Um die Zeit, um die ich das normalerweise mache, würde ich noch in der Spätschicht sitzen. Und darauf, die letzten 2 Stunden wie auf Nadeln sitzend (welch Wortwitz, in dem Zusammenhang) zu verbringen, hatte ich beim besten Willen keine Lust. Aber wäre ich in der Lage konzentriert zu arbeiten, wenn ich mir vorher meine gesamte Tagesdosis in die Blutbahn jage? Aber wie sollte ich dann nach der Schicht einschlafen, ganz ohne Buprenorphin? Und könnte ich das vor der Arbeit überhaupt genießen, wenn ich die ganze Zeit die Zeit im Nacken hatte? Wenn ich abends mal etwas länger brauche, weil ich nicht gleich treffe… sei es drum. Aber vor der Arbeit, wenn man die ganze Zeit den Stress im Nacken hat, dass man pünktlich sein muss? Wann soll ich meine ES-Orgie einbauen? Hinterher bin ich doch’viel zu erschöpft, um einen ganzen Arbeitstag durchzustehen. Doch wenn ich das hintendran hänge, so wie jetzt, komme ich vor den frühen Morgenstunden nicht ins Bett und ich habe das, was ich eigentlich nicht wollte – ich verschlafe den ganzen Tag. Wann sollte ich die einzige Mahlzeit des Tages, die meinen Magen nicht sofort wieder verlässt, zu mir nehmen? Das Rad in meinem Hirn drehte und drehte und drehte sich…

Die Nacht war fast nicht als solche zu bezeichnen. Schon lange habe ich mich nicht mehr so nach diesem Brennen auf der Haut gesehnt, das ich verspüre, wenn das scharfe Metall die einzelnen Schichten durchtrennt und nach dieser Wärme und dieser Beruhigung, die sich ausbreitet. Immer wieder laufen mir in dieser Nacht die Tränen übers Gesicht weil ich solche Panik habe, ob ich das alles hinbekomme.

Und mein Gehaltsverhandlungsgespräch rückt in weite Ferne. Denn mein Chef ist in der Gegenschicht, weshalb wir uns bis Ende des Monats nicht mehr sehen werden.

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