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Handywahnsinn

Langsam schwappt der Handywahnsinn auch auf meine Familie über. Es gab Zeiten, da hat es mich genervt, dass meine Eltern so “hinterweltlerisch” eingestellt waren. Dass ich selbst als Zehnjährige nur am Wochenende eine einzige Videokasette anschauen durfte oder eine Stunde Computerspielen, dass Familienurlaube zur Handy- und Computerfreien Zone erklärt wurden, und so weiter. Doch ich muss feststellen, meine Eltern holen auf. Meine Mutter hat sich zwar lange gegen ein Smartphone gewehrt, mir vor einigen Monaten dann erklärt: “Papa und Nadine haben so lange auf mich eingeredet, jetzt habe ich mir auch Eines gekauft!”.

Am heiligen Abend bimmelte alle 30 Minuten irgendein Handy und kündigte eingehende Neuigkeiten an. Irgendwann wurde es dann sogar meiner Schwester zu bunt und sie fragte:” Boah, könnt ihr eure Handys nicht mal auf lautlos schalten? Das nervt langsam…”. Zurück kam nur: “Wieso? Ich schau ja nicht drauf, es piepst ja nur kurz.”. Nur um dann bei der nächsten Gelegenheit, in der sie sich unbeobachtet fühlen, eben DOCH draufzuschauen.

Machen wir eine kleine Zeitreise zurück ins Jahr 2009. Es ist heiliger Abend. Meine Schwester und ich sitzen am Boden und packen Geschenke aus. Mama hat die Videokamera in der Hand und filmt. Papa hat den Fotoapparat in der Hand und fotografiert. Oma und Opa sitzen auf dem Sofa und schauen zu. Alle sind zusammen, alle sind da.

Wieder ein Zeitsprung: Derselbe Tag im Jahr 2019. Ich sitze am Boden und packe Geschenke aus. Meine Schwester auch, und labert dabei unentwegt in ihr Smartphone um ihre Freundin aus Südafrika hautnah teilhaben zu lassen. “Oh my god Alex, look what I´ve got…! Papa, do you want to say something to Alex?” Papa grinst dämlich und winkt. “Hi Alex, merry Christmas!” Ein Mensch,den niemand von uns persönlich kennt, nimmt an einem der intimsten Familienmomente überhaupt teil:Weihnachten. Meine Schwester richtet ihr Handy wieder auf ihre Geschenke. Mein Vater sitzt am Sofa, fühlt sich unbeobachtet und nutzt die Zeit, um seine Whatsapp-Nachrichten zu beantworten. Meine Mutter macht Fotos mit dem Handy, und unter dem Vorwand, sie Oma zu schicken, liest und beantwortet sie auch gleich alle anderen Nachrichten. Ich habe das Gefühl, ich bin die einzige, die so richtig “da” ist. “Ich stell die Fotos in unsere Familiengruppe, dann habt ihr sie alle!” verkündet sie. “Wenn wir wieder zuhause sind, kannst du sie dann vielleicht auf den Computer ziehen? Ich hätte sie nämlich auch gerne…” wage ich einen vorsichtigen Vorstoß. “Boah, Fliegermädchen, willst du dir nicht mal ein vernünftiges Handy kaufen? Das ist doch total umständlich so…” Ich hätte es wissen müssen. Die Fotos habe ich bis heute nicht.

Am 2. Weihnachtstag sind wir bei meiner Oma zu Besuch. Vor ein paar Jahren hat sie noch stolz zu mir gesagt: “Die Frauen beim Seniorenturnen beneiden mich total darum, dass ich mit meiner Enkelin Briefe schreibe!”. Als ich ihr 2019 von den lustigen Metallvögeln in meinem Wohnzimmer erzähle sagt sie: “Schick mir doch mal ein Foto auf Whatsapp!” – “Ich hab kein Whatsapp, Oma. Wenn du magst druck ich die Fotos aus und schick sie dir im nächsten Brief.” – “Aber da sind sie doch nicht so schön und das dauert so lang! Kannst du dir nicht auch mal ein Handy kaufen, wo wir uns Fotos schicken können?”. Natürlich könnte ich, aber ich will nicht, doch das spreche ich nicht laut aus, denn ich bin es leid. Ich bin es leid, mich dafür rechtfertigen zu müssen. Umso mehr Leute in meinem Umfeld so ein Ding haben, umso größer wird meine Abneigung dagegen. Scheinbar lässt es sich nicht verhindern, dass man damit zum willenlosen Zombie wird. Ich traue mich behaupten, dass fast kein Smartphonebenutzer in der Lage wäre, sich 10 Stunden in einen leeren Raum zu setzen, sein Handy neben sich zu legen und es 10 Stunden lang nicht anzufassen, selbst wenn es alle 5 Minuten irgendwelche Geräusche von sich gibt. Wahrscheinlich nicht mal, wenn er Geld dafür kriegen würde, wenn er es durchhält.

Ich habe das Gefühl, ich werde immer mehr zu einer Fremden in meiner eigenen Familie und überhaupt auf der ganzen Welt.

One comment on “Handywahnsinn

  1. Ich finde das schlimmste an dem Smartphone-Wahnsinn ist, dass nicht – wie man meinen müsste – “die Jugend” damit übertreibt, sondern die ältere Generation. Und spricht man sie darauf an, ist ja alles nicht so schlimm. Ich bin selbst Besitzer eines Smartphones, aber selbst mich kotzt es an, wenn die Leute ständig draufglotzen.

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