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highlige Nacht

Den Advent habe ich überlebt. Ein Wochenende davon habe ich in Medan verbracht und das war eine Quälerei. Zu meinem Entsetzen musste ich nämlich feststellen, dass die Heizung in meinem alten Zimmer den Geist aufgegeben hatte. Die Wahrscheinlichkeit, eine Vene zu treffen, sinkt bei mir exponentiell mit der Raumtemperatur. Dazu kommt in Medan noch der ohnehin ständig vorhandene Stress, dabei erwischt zu werden. Mein altes Zimmer ist so aufgebaut, dass man von der Tür aus alles einsehen kann, es gibt keinen toten Winkel, in den ich mich zurückziehen könnte, um ein paar Sekunden zu gewinnen. Im Falle des Falles bleiben mir also nur Sekundenbruchteile, nachdem irgendwer aus meiner Familie an die Tür geklopft hat, um zu reagieren, “Nein!” zu schreien (in der Hoffnung, dass es derenige auch ernst nimmt und nicht direkt nach dem klopfen die Tür aufreißt ohne eine Antwort abzuwarten), die Nadel aus dem Arm zu reißen, das Stauband zu lösen, die Schutzkappe auf die Nadel zu machen, Stauband und Spritze unter der Decke verschwinden zu lassen, den Ärmel runterzumachen und ein entspanntes Gesicht aufzusetzen. Nicht mal die Hälfte davon ist tatsächlich in der kurzen Zeit machbar. Und nie, nie soll mich irgendwer dabei sehen, schon. Somit sind Medanbesuche Stress pur,und das führt zu noch mehr konsum unter ohnehin schon schwierigen Bedingungen.

Und noch schlimmer ist es, wenn Pläne wieder umgeworfen werden. Der Plan war, dass meine Mutter von 23. auf 24. im Wochenendhaus übernachtet, meine Schwester bei unserer Oma, und mein Vater musste am 24.12. noch arbeiten, würde also zuhause sein. Ich sollte dann am 24. am Nachmittag mit dem Auto meinen Vater und Nadine von einem Bahnhof in der Nähe aufsammeln, um dann gemeinsam zum Wochenendhaus zu fahren.

Deswegen entschied ich, bereits am 23.12. am Abend nach Medan zu fahren. Ich hätte genug Zeit, um in Ruhe meine Arme zu piesacken und am 24. noch eine kleine Kotz-Session einzulegen, denn dann musste ich 2 Tage “ohne” auskommen. Doch wie gesagt kam alles anders. Am 23. gegen Mittag bekam ich eine SMS von Mama: “Werde doch zuhause sein, muss morgen nochmal kurz in die Arbeit”. Gut, war zwar nicht schön, aber zumindest morgen sturmfrei, dachte ich mir. Das Problem war nur, dass sie sich echt keinen Stress machte, aus dem Haus zu kommen. Als sie dann um 10:00 endlich weg war, schrieb ich in weiser Voraussicht nochmal Nadine eine SMS, ob ich sie auch vom Bahnhof aufsammeln sollte und tat einfach mal so als hätte mir Mama nur gesagt, dass ich meinen Vater von dort abholen sollte. “Ich komm dann auch zum Bahnhof, aber ich fahr vorher nochmal kurz nach Hause Sachen umpacken” kam zurück. Unter dem Vorwand, ich säße gerade im Wohnzimmer und würde Geschenke einpacken, fragte ich sie, wann sie denn käme- und plötzlich eröffnete mir sie, dass sie gegen 13:00 da sein würde. Mein ganzer Plan war also gewissermaßen für Arsch und Friedrich, es artete mal wieder in purem Stress aus, rechtzeitig alle Spuren meiner Taten zu beseitigen und irgendwie die halbe Tagesdosis in meine Blutbahn zu befördern, um nicht schon vor Beginn der ganzen Zeremonie Amok zu laufen. Dass mein Vater dann rummeckerte, weil ich mich auf die dafür vorgesehenen Abholerparkplatz stellte, der dreißig Meter vom Bahnhofsausgang entfernt ist und nicht direkt vor dem Bahnhof im Halte- und Parkverbot (“Das macht deine Mutter auch immer, wenn sie mich abholt oder aussteigen lässt!”), trug nicht unbedingt dazu bei, meine Stimmung zu verbessern. Nachdem meine Mutter und Nadine 2 Stunden damit verbrachten, sich mit dem Erdäpfelteig für die Gnocci herumzuschlagen, startete ich, auf den eiskalten Badezimmerfliesen hockend, einen Versuch nachzulegen, der gründlich in die Hose ins umliegende Gewebe ging. Mir graute schon vor dem Mal vorm Schlafengehen, das unter noch mehr Stress stattfinden würde.

Das Essen war wahnsinnig lecker und ich hätte so verdammt gerne mehr davon gegessen als 2 Gnocci mit einem Teelöffel Käsesauce und einem Esslöffel Rotkraut, aber in Anbetracht des Maronitiramisu, das als Nachspeise wartete, wollte ich nichts riskieren um zu verhindern dass mir meine Gedanken den Abend und die Nacht zur Hölle machen würden (da soll übrigens noch Einer sagen, veganes Essen bedeutet Verzicht…). Doch als wir dann den Gesang vorm Baum (bei dem ich mich zum ersten Mal, seit wir im Wochenendhaus feiern, zurückhielt) und die Geschenkübergabe hinter uns gebracht hatten und ich nur mehr oder weniger stumm, erledigt und in meinen Gedanken versunken am Tisch saß, entschied meine Mutter, dass es das Beste wäre, das Sofa zum Schlafen fertig zu machen und das Tiramisu zum Frühstück zu essen. Ich war so zerstört vom Energiemangel, dass ich nicht mal die kraft hatte, mich über diese kurzfristige Planänderung aufzuregen, denn ich hatte das Tiramisu schon fest eingeplant. Wenn ich gewusst hätte, dass das Tiramisu ausfällt, hätte ich mehr von der Hauptspeise gegessen. Aber so verschlimmerte das meine Situation nur noch mehr. Da meine Schwester unbedingt noch Haare waschen wollte, hatte ich wenigstens ein akzeptables Zeitfenster für meinen “Gute-Nacht-Knaller”, aber heute war ich trotzdem wie gerädert.

Das Problem ist schlicht und einfach, dass ich regulär nicht ausreichend Nahrung zu mir nehmen kann, um halbwegs bei vollem Bewusstsein zu bleiben. Das funktioniert nur durch das, was bei der Kotzerei ungewollt aufgenommen wird. Wenn ich also, wie es in Medan der Fall ist, keine Gelegenheit dazu habe, verfalle ich in einen gefühlt präkomatösen Dämmerzustand, und da ich körperlich schon so am Limit bin, dauert das keine 24 Stunden, bis ich an dem Punkt bin. Ich bin mir sicher, wenn ich derzeit mit der Kotzerei aufhören würde, wäre ich innerhalb eines Monats tot. Schlicht und einfach verhungert. Da kann ich mir an aktivierenden Substanzen geben was ich will, ich bin schon zu sehr im Arsch, dass das noch etwas bringen würde. Bin beispielsweise heute trotzdem nach dem Frühstück wieder eingeschlafen. Und ich werde wohl nach meiner Abreise aus Medan morgen einen neuen Tiefstgewichtrekord aufstellen können, denn gestern Vormittag habe ich angezogen schon nur mehr so viel gewogen wie bei meinem aktuellen Rekord nackt. Und 1kg weniger ist es wohl mindestens.

Fazit: Meiner Familie wieder mal erfolgeich ein Weihnachtsfest versaut. Gratulation. Irgendwie bin ich froh, dass wir zumindest Silvester getrennt feiern, so können sie wenigstens ein Fest genießen. Und ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich mich dafür hasse, dass ich ihnen das antue und mich nicht einmal zusammenreißen kann.

“Ich wünsche mir so sehr, dass du glücklich wirst.” sagte Nadine, als wir bereits im Dunkeln nebeneinander auf dem Schlafsofa lagen. Ich auch, meine Kleine, glaub mir, ich auch. Aber ich glaube, ich werde es nicht mehr, nicht mehr in diesem Leben.

 

One comment on “highlige Nacht

  1. Gib nicht auf. Glaube an das, was noch nicht ist, damit es werden kann. Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass der Wunsch Deiner Schwester in Erfüllung geht.

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