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Larissa

Gott sei Dank habe ich die Firmenweihnachtsfeier überlebt. “Ich habe wirklich kein Problem damit, wenn irgendwer nicht zur Weihnachtsfeier kommen möchte. Ich mag niemanden dazu zwingen, wenn ein Mensch keinen Spaß an solchen Veranstaltungen hat, soll er nicht nur wegen mir dorthin gehen” ließ mich mein Chef am Donnerstag wissen. Toll, hätte er mir das nicht VOR der Anmeldefrist sagen können? Mal abgesehen davon, dass ich mir nicht sicher bin, wie ernst er das wirklich meint. Aber nun war ich schon angemeldet, also antwortete ich nur: “Gezwungen fühle ich mich nicht, vielleicht wirds eh ganz lustig. Aber ich werde dort sicher keine Wurzeln schlagen. “.

In weiser Voraussicht hatte ich mir Zeitausgleich genommen. Nach einem Arbeitstag abends auch nochmal Leute um mich haben… nein, das war zu viel des Guten. Vorher gönnte ich mir die Hälfte meiner abendlichen Opioid-Dosis in der Hoffnung dadurch ein wenig entspannter zu sein, noch etwas Anderes aus dem Chemiebaukasten um aktiver und kommunikativer zu werden, trotzdem war ich heillos überfordert mit den vielen Menschen. Und dieser Geräuschpegel… wie in einem menschlichen Bienenstock. In meinem Schädel summte und brummte das Stimmengewirr. Ich versteckte mich also hinter einer dicken Säule, zählte die Glühbirnen der Lichterkette an der Wand gegenüber und fragte mich, wie es Menschen geben konnte, die sich hier wohl fühlten. Schließlich sah ich an einer verglasten Bürowand, die mir als Spiegel diente, dass die Menschentraube hinter mir kleiner wurde, der Einlass hatte begonnen. Als eine der Letzten stellte ich mich in die Schlange und entdeckte vor mir einen Servicemitarbeiter, neben dem ich auf der ersten Weihnachtsfeier gesessen war, bei der die Sitzplätze zugelost worden waren. Erleichterung machte sich breit. Als ich noch hin und wieder unten in der Mitarbeiterkantine Suppe gegessen hatte, war er mir oft gegenüber gesessen; in seiner Anwesenheit war die Wahrscheinlichkeit noch am Größten, dass ich etwas Essen würde. Dabei neben meinem Chef oder seiner Sekretärin zu sitzen… da schnürte es mir den Hals zu.

So, wie ich es befürchtet hatte, hatte sie sich ganz außen am Tisch postiert, um mich abzufangen. Als ich vorbeigng, winkte sie mir zu und deutete auf den Sessel neben sich. Das hättest du wohl gerne, du sensationsgeile Hexe. Ich schüttelte den kopf, deutete auf den Servicetypen und folgte ihm zu einem leeren Tisch. Dem Mann rechts von mir schenkte ich zunächst wenig Beachtung, bis er mich ansprach und nach meinem Namen fragte. Es stellte sich heraus, dass er ebenfalls aus der Serviceabteilung stammt, auch wenn ich ihn dor noch nie gesehen hatte. Nachdem wir das geklärt hatten, begann er ein Gespräch mit der Dame rechts von ihm. 10 Minuten später wiederholte er die Frage nach meinem Namen. Ich sagte es ihm nochmal. “Verdammt, ich hatte mir Larissa gemerkt und bring das nicht mehr aus dem kopf! Sei mir bitte nicht böse, wenn ich dich heute hin und wieder Larissa nenne!” Ich grinste in mich hinein. Was für ein schräger Vogel.

Die Geschhäftsführung hielt ihre Ansprache, das Buffett wurde für eröffnet erklärt und während sich die Massen nach draußen wälzten, blieb ich entspannt sitzen.. Suppe gab es keine, das hatte ich schon mit einem  Blick in die Menükarte festgestellt, und das einzige vegetarische Hauptgericht waren käsespätzle. No way. “Isst du gar nichts?” wurde ich von mehreren Seiten gefragt. “Bei den Nachspeisen schlage ich dann zu, wenn ihr alle voll seid, dann bleibt alles für mich!” antwortete ich und grinste frech. Nach dem Essen begann die Vergabe der Auszeichnungen für die Mitarbeiter, die schon besonders lange im Unternehmen waren. Das zog sich unglaublich in die Länge. Immer kam der Vorgesetzte mit raus, erzälte etwas über diesen Mitarbeter und warf mit Anekdoten aus dem Arbeitsalltag um sich, die ich nicht immer verstand. Der Typ rechts von mir hatte keine bessere Idee, als sich in der Zei intensiv  mit seinem Weinglas auseinanderzusetzen. Das merkte man daran, dass seine Bemerkungen immer überlüssiger wurden. Schließlich stupste er mich an und flüsterte: “Hey, Larissa! Darf ich dir ein paar kilo von mir abgeben?”. Dabei klopfte er sich auf seinen Bauch. “klar, mach doch…” antwortete ich teilnahmslos, um im gar keine Fläche für eine weitere Bemerkung zu bieten. Obwohl ich mir eigentlich vorgenommen hatte, bis zur Eröffnung des Nachspeisenbuffets und damit dem Ende des offiziellen Teils der Feier zu bleiben, beschloss ich, dass es nun Zeit war zu gehen, bevor die Stimmung umschlug. Es würde nicht groß auffallen, da inzwischen einige leise den Raum verließen. Vorsichtig schob ich meinen Sessel zurück und stand auf. “Du kommst aber wieder?!” fragte der Servicetyp links von mir. “Natürlich” antwortete ich. Die feine englische Art war es nicht, so abzuhauen, aber ich wollte keine Erklärungen abgeben müssen. Lange würde es ohnehin nicht mehr dauern bis zu den Nachspeisen, ich würde einfach am Montag behaupten ich hätte mich draußen mit wem verquatscht und hätte meine Sitznachbarn dann im Chaos des Nachspeisenbuffets nicht mehr gefunden, um mich zu verabschieden. Ich marschierte geradewegs auf die Gaderobe zu und schlüpfte in meinen Mantel. Da kam eine Frau um die Ecke, die ich vom Sehen kenne und die schräg gegenüber von mir gesessen war. “Alles gut? Ist Ihnen übel?” fragte sie. Ich schaute sie irritiert an. “Mir gehts gut, wieso sollte mir übel sein?” – “Sie sehen so blass aus, und als sie dann aufgestanden sind, dachte ich, ich muss ihnen nachgehen und schauen ob alles in Ordnung ist, nicht dass Sie bewusstlos auf der Toilette liegen…” – “Mit mir ist alles in Ordnung, ich sehe immer so aus, ich bin halt eher ein blasserer Hauttyp.” – “Fahren Sie schon nach Hause?” – “Ich bin ein bisschen müde, deswegen fahre ich schon, aber sonst gehts mir gut.” – “Sie sind mit dem Auto da, oder? können Sie wirklich selbst fahren?” So nett die ganze Aktion gemeint war, langsam begann mir die gute auf den Senkel zu gehen und eine gewisse Grenze zu überschreiten. Die sie im Grunde schon überschritten hatte, als sie mir gefolgt war, denn sowas kann ich gar nicht leiden. “Ich habe weder etwas getrunken, noch ist mir übel, ich sehe keinen Grund, warum ich nicht fahren sollte. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Abend.” sagte ich. “kommen Sie gut nach Hause.” antwortete die Frau und verschwand in der Damentoilette. Nach der Begegnung hätte ich sowieso mehr keine Lust gehabt, länger zu bleiben.

Aber zumindest habe ich fast 3,5 Stunden durchgehalten und bis auf die letzte waren die sogar recht in Ordnung und kurzweilig. Das ist sogar mehr, als ich erwartet hätte. Allerdings zieht nun die “Ich habe mich verquatscht”-Ausrede nicht mehr, denn die Dame hat das bestimmt allen am Tisch erzählt.

One comment on “Larissa

  1. Frohe Weihnachten und ein Gesünderes Neues Jahr!

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