6 Comments

Es geht mich nichts an

Diesen Satz habe ich mantraartig die 2 Tage, die ich in Medan verbracht habe, vor meinem geistigen Auge wie auf so einer Leuchttafel ablaufen lassen. Die küche voller Fruchtfliegen. Schimmlige Zwiebel in der Gemüselade. Eier mit Ablaufdatum 17.01.2018 im kühlschrank. Durchatmen. Nichts sagen. Es bringt nichts. Nur nicht reinsteigern. Als ich den Berg schimmlige Tomaten am Balkon sah, konnte ich dann aber nicht mehr. “Du, Mama, hast du schon gesehen, dass die Tomaten am Balkon Beine bekommen?” – “Ich weiß, die haben schon geschimmelt, als wir sie vom Strauch genommen haben” meinte sie nur lapidar und sah offenbar keine Veranlassung, diese zu entsorgen. Ich fragte gar nicht erst, wieso man Tomaten, die schon schimmeln überhaupt aufhebt und zusammen mit denen, die nicht schimmeln, in einem Papiersack lagert.

Zumindest für das Verhältnis zwischen Nadine und mir war es gut, dass ich da war. Am Freitag waren wir sie an ihrem letzten Arbeitstag im Eisgeschäft besuchen und haben sie am Ende ihrer Schicht mit nach Hause genommen, wo ich ihr den von der Arbeit verspannten Rücken massiert und den kopf gekrault habe. “Du, Fliegermädchen, du hast doch Mama letztes Mal die Haare geschnitten” fing sie währenddessen an. “Stimmt, habe ich. Und?” – “Würdest du das bei mir auch machen? Die sind schon so dünn an den Spitzen, aber ich will nicht zum Frisör, die wollen dann immer gleich so viel wegschneiden. Und ich möchte möglichst lange Haare haben, wenn ich nach Südkorea gehe.” – “Du lässt mich an deine Haare?!” fragte ich ungläubig. Ihre blonden Haare reichen bis zum Po und sind ihr Heiligtum, und dass sie mich da ranlassen will… “Warum denn nicht, Mama sah doch danach auch gut aus!” entgegnete sie. “Nagut, wenn du mir das zutraust…” willigte ich schließlich ein. Und so machte ich mich über ihre Haare her, während wir am Samstag auf die Lieferung vom Chinesen warteten. Mama hatte nämlich vergessen, dass Feiertag war, und eigentlich am Samstag den Großteil des Wochenendeinkaufs erledigen wollen. Zugegebenerweise war ich auch ein bisschen froh, nichts essen zu müssen, was länger in dieser küche gelagert worden war. Nadine war zum Glück erfreut über das Ergebnis der Haarschneide-aktion und vertraute mir währenddessen noch ein Geheimnis an. “Wenn ich in Südkorea bin, lasse ich mir die Haare färben, entweder lila oder rosa. Aber sags Mama und Papa nicht, die stelle ich vor vollendete Tatsachen”. Ich versicherte ihr, nichts zu verraten.

Und auch wenn der Abschied von Nadine etwas schwerer war als sonst, war ich doch irgendwie froh, wieder fahren zu können.

6 comments on “Es geht mich nichts an

  1. Jedes Mal, wenn du sowas beschreibst, denk ich mir, kenn ich nur zu gut. Meine Mutter, die sich über die Lebensmittelmotten beschwert, die ständig von draußen kämen. Sie hat doch extra schon lauter Behälter gekauft – nutzt ja nix, wenn der Deckel offen drauf liegt, statt dass irgendwas dicht verschlossen wäre. Der Kühlschrank vollgestopft, dreckig, kaputt, sie schafft es immer, alles so aussehen zu lassen, als käme es kaputt vom Sperrmüll, das Geschirr klebt vor Schmutz, jedes Teil muss man erst nochmal abspülen, vor man es benutzen möchte. Spült sie ab, dann lässt sie zwischendurch schon mal stundenlang das Wasser oder besser die dreckige Brühe im Becken stehen, Dinge vorher grob säubern oder erst die Gläser, am Schluss die Pfannen, darauf käme sie nie. Und bei meinem Vater ist es nicht besser, einmal konnte ich die Nacht nicht schlafen, das Zimmer war nicht gesaugt, wieso denn, nutzt doch keiner mehr? Hausstauballergie! Und die Decke war voll mit Spinnweben. Sie sehen es einfach nicht und ich frag mich, wie das geht, wie kann man so leben?? Und was soll ich erzählen, wenn Bekannte wissen wollen, warum ich meine Eltern denn nie besuchen fahre.

    • Es ist schön zu hören, dass es nicht nur mir so geht, sondern dass es auch andere Menschen gibt, die disése Wut und die Hilflosigkeit kennen. Hast du Geschwister? Wenn meine Schwester nicht wäre, wüsste ich auch nicht, wie oft ich noch zu meinen Eltern fahren würde.

      • Vor allem frage ich mich immer, wie kann man so leben, sich so noch wohlfühlen in der Wohnung und es einfach nicht sehen, was da schief läuft?? Überfordert sein vom Sauberhalten ist ja das eine, aber Lebensmittel in nicht verschlossenen Gefäßen lagern und sich über Motten wundern oder dein Beispiel mit den Tomaten – ich versteh es einfach nicht 😦
        Ich hab einen Bruder, der macht noch ab und an Besuche und meint, ach, so schlimm ist das doch auch nicht, kennst das doch und wirst es nicht mehr ändern, aber du würdest unserer Mutter eine Freude machen, sie zu besuchen. Wie ist das bei deiner Schwester, hat sie eher resigniert oder kein Problem, so zu wohnen?

      • Vermutlich gewöhnt man sich einfach daran. Ich meine, für mich war das selbst ganz lange normal und ich habe mir nichts dabei gedacht, so richtig bewusst geworden ist mir das erst als ich mit 14 ins Internat gekommen bin und das Chaos nur mehr am Wochenende gesehen habe. Meine Schwester ist da so zwiegespalten- wenn ich mit ihr darüber spreche, ist sie meiner Meinung, sagt, sie redet eh ständig mit meiner Mutter dass sie weniger einkaufen soll und so- aber andererseits lässt sie dann selbst Geschirr mit Essensresten draußen stehen und räumt es nicht weg, fängt eine neue Packung Aufstrich an obwohl noch eine offene mit demselben Aufstrich da ist, etc. Auf alle Fälle scheint es sie nicht so sehr zu stören, dass es ein Grund für sie wäre, auszuziehen.

  2. Wenn dich ihre Wohnung so anekelt (jedenfalls ginge es mir so) – wäre bei einem Elternbesuch ein Hotel/Hostel/Airbnb etc allenfalls eine Lösung? Dann könntet ihr euch auf neutralem Boden treffen für Kaffee, einen Spaziergang etc.
    Und du kannst dich einerseits zurückziehen wenn etwas zu viel ist (ohne nach Hause fahren zu müssen) und du wirst weniger durch ihr ‘sein und ihre Art zu leben’ getriggert…

    • Danke für den Tipp, um ehrlich zu sein habe ich mit dem Gedanken auch schon gespielt. Ich wüsste nur nicht, wie ich ihnen gegenüber das begründen sollte ohne sie zu kränken. Und ich möchte doch auch Zeit mit ihnen verbringen und nicht nur mal eben spazieren oder was trinken gehen, sondern auch den Alltag zusammen leben. Ein weiterer Grund sind unsere kaninchen zuhause (gut, das ist vermutlich auch nicht mehr lange Thema, die sind schon 8 Jahre alt), die würde ich sonst auch nicht mehr sehen.
      Aber ich hoffe einfach, dass bald wieder der Sommer kommt, da sind wir sowieso draußen im Wochenendhaus und da dort die küche viel kleiner ist, hält sich der Ekelfaktor in Grenzen.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: