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Haariges Missverständnis

Zugegeben, der Vorfall ist schon ein paar Wochen her und ich habe mir erst eingeredet, dass er nicht wichtig sei. Nur ein Missverständnis, wie s unter Menschen eben manchmal vorkommt. Und ich schäme mich irgendwie dafür, obwohl ich gar nicht genau festmachen kann wieso eigentlich.

Es begann wie immer alles ganz harmlos. Es war Abend, ich hatte mir mit klopfendem Herzen (wegen der Angst, erwischt zu werden) mein abendliches Ritual abgehalten und wollte eigentlich nur noch schnell mein Kirschkernkissen warm machen gehen, bevor ich mich ins Bett verkriechen wollte. Am Weg in die Küche kam ich am Zimmer von meiner Schwester vorbei, die die Tür offen stehen hatte. Sie saß zusammen mit meiner Mutter am Boden und unterhielt sich mit ihr. Ich weiß nicht mehr genau um was es ging, auf alle Fälle lehnte ich mich in den Türrahmen und beteiligte mich am Gespräch. “Setz dich doch zu uns, du musst doch nicht die ganze Zeit stehen!” sagte meine Mama nach ein paar Minuten. “Stimmt eigentlich” antwortete ich und ließ mich am Boden an die offene Zimmertür gelehnt nieder. Nadine stand auf, kletterte in ihr Hochbett und begann wortlos, Polster und Decken herunterzuwerfen. “Was machst denn du da?” wollte ich wissen. “Na damit du nicht am harten Boden sitzen muss und nicht frierst” erklärte sie, während sie wieder herunterkletterte. “Oh danke, das ist lieb von dir” sagte ich, schob mir den Polster unter den Popo und legte mir die Decke um die Schultern.

Wenig später kam mein Vater von seinem Abendspaziergang zurück. Er stellte sich in die Tür,nur ene Armlänge von mir entfernt, sodass ich den Kopf in den Nacken legen musste um ihn ansehen zu können. Irgendwann kam das Thema auf, was meine Eltern vor ihrem Urlaub noch alles erledigen mussten. “Eigentlich sollte ich vorher noch zum Frisör gehen, meine Haare sind schon wieder viel zu lang.” sagte er.

Nur ein paar Stunden zuvor hatte ich meiner Mutter auf ihren Wunsch hin die Spitzen geschnitten. “Bist du sicher?” hatte ich sie mindestens dreimal gefragt. “Bin ich, du machst das schon, es geht nur darum, dass das Kaputte unten weg ist, ich komm da so schwer durch mit der Bürste.”- Nagut, auf eigene Gefahr…” hatte ich schließlich eingewilligt und gute 2cm abgeschnitten.

“Wieso hast du das nicht früer gesagt? Dann hätte ich meinen Haarschneider mitgenommen, den hättest du dir ruhig ausborgen können.” sagte ich. “Ich will doch nicht so aussehen wie du!” meinte er empört. Erst hielt ich die Empörung noch für gspielt und dachte, er spielt nur auf meine Haarlänge der kurzen Seite meines Sidecuts an, die deutlich kürzer ist als seine Haare. “Den Aufsatz kann man verstellen, ich verwende immer die kleinste Einstellung oder gebe ihn ganz runter. Ich hätte dir auch helfen können.” – “So weit kommts noch, dass ich mir von meiner Tochter die Haare schneiden lasse! Wo sind wir denn hier?” Da wurde mir bewusst, dass er das ernst meinte und irgendetwas wohl gewaltig in den falschen Hals bekommen hatte. “War doch nur ein Angebot, weil sich das so angehört hat als hättest du gerne kürzere Haare, hättest aber keine Zeit vor dem Urlaub zum Frisör zu gehen.” versuchte ich ihn zu beschwichtigen. Meine Mutter und meine Schwester schienen von seiner Reaktion ähnlich irritiert und saßen nur stumm da. Er schüttelte nur den Kopf, warf mir vernichtende Blicke zu und sagte: “Absurd ist sowas, einfach absurd…” Danach herrschte peinliches Schweigen, das durch das Piepsen der Waschmaschine unterbrochen wurde. Erleichtert, einen Grund zu haben die Situation unauffällig auflösen zu können rief meine Mutter: “Endlich, die Wäsche ist fertig, die häng ich noch schnell auf und dann geh ich ins Bett”, rappelte sich auf und ging ins Badezimmer. Mein Vater verschwand Richtung Wohnzimmer, ich warf meiner Schwester ihre Bettwäsche zurück ins Bett und machte mir mein Kirschkernkissen endlich warm. Ich war verwirrt. Wieso nahm mich diese Situation wieder so mit? War es die mittlerweile ungewohnte Position gewesen, dass ich zu ihm aufschauen musste, die mich an früher erinnerte? Auf alle Fälle waren es genau diese unvorhersehbaren Situationen, die als Kind immer am Schlimmsten für mich waren. Wenn ich zu spät nach Hause kam, konnte ich mir vorher ausmalen, dass er an die Decke gehen würde. Wenn ich eine schlechte Note nach Hause brachte, konnte ich mir vorstellen, dass er an Decke gehen würde. Aber wenn man einem anderen Menschen anbietet,ihm zu helfen, ist so eine Reaktion so ziemlich das Letzte, das man erwartet. Genau das war eben das Zermürbende, selbst wenn man dachte, etwas Richtig zu machen, konnte es falsch sein, und wenn ich mir dann sicher war einen Fehler gemacht zu haben und schon den Kopf einzog und mich auf das Schlimmste gefasst machte, passierte manchmal auch einfach gar nichts.

Eigentlich hatte ich den Vorfall vergessen wollen. Immerhin bin ich erwachsen, wenn er mein Angebot ausschlägt, soll er doch machen was er will. Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorgeht, ob er sich in seiner Ehre gekränkt gefühlt hat oder was auch immer- wenn er mir das nicht direkt sagt, damit ich weiß mit welchen Formulierungen in welchem Zusammenhang  ich aufpassen muss, kann ich ihm auch nicht helfen. Das ist das, was mich an meiner Familie so nervt. So etwas wird dann nicht aufgearbeitet, es redet keiner drüber und sagt: “Hey, bei mir ist das so und so angekommen und hat mich an das und das erinnert, war vielleicht etwas überzogen, wie ich da reagiert habe”. Nein, sowas wird und wurde schon immer unter den Teppich gekehrt. Alle sind froh, dass die Situation vorbei ist, peinlich berührt wenn man nur daran denkt und bloß nicht drüber reden, am Besten einfach wieder zur Tagesordnung übergehen.

Vielleicht liegt es auch an mir, es mal anders zu machen. Immerhin bin ich erwachsen. Wenn ich darauf warte, dass meine Eltern mal was Anders machen, da kann ich lang drauf warten. Vielleicht liegt es an mir, beim nächsten Medanbesuch das Gespräch zu suchen und zu sagen: “Mich wurmt das, ich versteh die Reaktion nicht, erkläre mir das bitte!!”. Ob ich den Mut dazu haben werde… ich weiß nicht. Ich glaube nicht.

One comment on “Haariges Missverständnis

  1. uff… Ich hab dich gelesen. Und ich kenne das sehr ähnlich, auf Seiten meiner Mutter. Mehr kann ich gerade nicht dazu schreiben.

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