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Was für eine Woche

Die Woche hat es wirklich in sich gehabt. Täglich habe ich um 6 angefangen und dafür geplant, früher nach Hause zu gehen, allerdings wurde es dann Tag für Tag ein wenig später. Ich glaube mein Chef wird mir den Schädel abreißen, wenn er nach 3 Wochen aus dem Urlaub kommt und sieht, wie viele Überstunden ich angesammelt habe. Alleine diese Woche waren es 9 oder 10. Aber es war definitiv nicht so, dass ich Daumen gedreht hätte, absolut nicht. Es ging alles mögliche schief, das nur schiefgehen konnte. Als ich beispielsweise am Mittwoch um 16:00 nach Hause gehen wollte, rief mich ein Arbeitskollege an. “Fliegermädchen, kannst du mir die zwei Vogelgetriebe auf dem Lagerplatz […] freigeben? Ich brauch die für einen manuellen Auftrag, nur wenn noch das Q danebensteht kann ich die nicht einbuchen und kommissionieren lassen.” Ich buchte also die Getriebe frei und schickte ihm eine kurze Info per Mail. “Und wo sind die Getriebe nun?” kam zurück. Alter Falter. Ich rief ihn nochmal an. “Ich dachte, du weißt wo die sind und brauchst sie nur freigebucht?” – “Nein, ich dachte du weißt das!” – “Nein, wenn ein Q daneben steht, sind die normalerweise noch im Wareneingang, nicht bei mir.” – “Und was mache ich, wenn ich die brauche?” – “Bleib dran, ich geh schnell nach vorne.” Ich ging also zur Sperrfläche des Wareneingangs und sah sofort in einer der Paletten die zwei gesuchten Getriebe. “Bist du noch dran? Ich hab sie, die sind gesperrt weil sie in der falschen Farbe geliefert wurden.” – “Genau, und ich habe einen manuellen Fertigungsauftrag erstellt, um sie hier nachlackieren zu lassen, dann brauchen wir sie nicht zurückschicken. Nur wie kann ich die einbuchen? In der MIGO scheint der Auftrag nicht mehr auf. Und wie kann ich die dann kommissionieren lassen? Es ist voll dringend…” Eigentlich hatte ich mich schon gefreut, nach Hause gehen zu können, aber als er mich zum ersten Mal angerufen hatte, hatte er mich davor bewahrt, mich von einem Monteur vollsülzen lassen zu müssen, und als Dank dafür beschloss ich ihm zu helfen. “komm mal mit dem Auftrag runter in den Wareneingang, dann schnappen wir uns die 2 Getriebe, bringen sie mit dem Hubwagen zu meinem Platz, dann schau ich mir an was mit der Buchung schief gegangen ist und dann bringen wir sie direkt zur Lackiererei, so sind wir glaube ich am schnellsten. ” – “Danke Fliegermädchen, du bist meine Rettung, ich bin gleich da.” Eine Minute später stand er neben mir, ich hatte inzwischen einen Staplerfahrer organisiert und gebeten, die Palette zu meinem Platz zu bringen, der sich praktischerweise direkt vor der Lackiererei befindet. Ich überprüfte noch schnell was bei der Buchung schief gelaufen war und sah auf den ersten Blick dass einfach nur kein Transportauftrag erstellt worden war. Nachdem ich das gemacht hatte, dachte ich, die Getriebe los zu sein, doch es sollte anders kommen…

Am nächsten Tag kam der Teamsprecher der Lackiererei zerknirscht zu mir. “Wir haben da ein Problem… meine Burschen haben vergessen die Typenschilder abzuleben und drüberlackiert. Ich habe zwar versucht den Lack wieder abzukratzen, aber ich konnte sie beim besten Willen nicht mehr retten. Wo darf ich dir die Palette hinstellen?”  Ich warf einen Blick darauf- es waren genau die beiden Getriebe, die ich am Vortrag aus dem Wareneingang geholt hatte und ich ahnte Böses. Vermutlich hatten wir die nicht ohne Grund bei uns im Haus lackieren lassen, anstatt wie in solchen Fällen üblich zum Lieferanten zurückzuschicken. Ich rief also besagten Arbeitskollegen nochmal an. “Ich nehme an, das wird einen Grund gehabt haben, dass wir die Getriebe hier lackiert und nicht zurückgeschickt haben, oder?” – “Richtig, wir brauchen die für einen Eilauftrag, der morgen rausgehen soll. Warum?” – “Weil ich sie bei mir auf der Sperrfläche stehen habe. Mit überlackierten Typenschildern.” – “NEIIIIIIIIIIINNN! Nicht wirklich, oder?” – “Doch. Aber der Teamsprecher hat den Lack so weit abbekommen, dass ich die Seriennummern lesen kann, ich werde sie nachdrucken.” – “Damit würdest du uns einen riesen Gefallen tun!” – “Ich sag dir Bescheid, wenn ich fertig bin.” Doch so einfach wie gedacht war es dann doch nicht. Die Vorlage von meinem Chef war so alt, dass ich sie nicht mehr verwenden konnte, da ich den damals verwendeten Treiber nicht hatte und die Schrift total verzerrt war. Also musste ich mit dem Programm ein neues Layout erstellen, was ich noch nie gemacht hatte, und aus irgendeinem Grund druckte der Drucker meinen Entwurf immer zwischen zwei Etiketten der Rolle und nicht auf eines. Ich bat die EDV-Abteilung, sich das anzusehen, informierte den Vertrieb dass es wohl leider noch dauern würde und hetzte dann zu einer Skype-Besprechung bezüglich eines kundenaudits nächste Woche, an der ich stellvertretend für meinen Chef teilnehmen musste. Ich war schrecklich nervös, zwischen dem globalen Qualitätsmanager, mehreren Mitgliedern der Geschäftsführung und unserem Prozessmanager fühlte ich mich ziemlich klein und verloren.

Vor allem stellte sich im Rahmen des Gesprächs heraus, dass mein Chef bezüglich dieses Audits mehrere Dinge zugesichert, die er aber nicht erledigt hatte. Und die hängte mir nun der Prozessmanager um. “Fliegermädchen, ich brauche Einiges von dir. Ich schick dir die Liste mit den Lagerbeständen für den kunden, schau bei welchen Materialnummern die meisten Reklamationen wegen Ölaustritt waren, schnapp dir einen Ferialpraktikanten und lass den die Paletten stichprobenartig kontrollieren, ob wo offensichtlich Öl ausläuft. Dann brauche ich die Übersetzung von der kundenspezifischen Checkliste. Außerdem eine Auswertung über unsere erfassten Reklamationen im Verhältnis zu den Lieferungen, am besten pro Materialnummer. Und eine Liste mit den Maßnahmen, die [mein Chef] zur Vermeidung zukünftiger Reklamationen zugesagt hat, und seit wann die umgesetzt werden, da fragst du am besten den Montageleiter. Und so viel wie möglich davon soll morgen am Nachmittag fertig sein, damit ich bei der nächsten Besprechung schon was herzeigen kann.” Ich schluckte. Wie in aller Welt sollte ich das alles in 7 oder 8 Stunden, neben meiner normalen Arbeit, schaffen?

Die Checkliste übersetzte ich noch am gleichen Tag, damit ich einen Punkt abgehakt hatte, ich fragte den Montageleiter über die Maßnahmen aus und verschob den Rest auf den nächsten Tag. Da fiel mir auf dass in der Liste mit den Reklamationen, die mir mein Chef immer zuschickt, gerade mal ein Bruchteil derer war, die der kunde seiner Meinung nach übermittelt hatte. Doch fast die gesamte Abteilung, die die eingehenden Reklamationen bearbeitet, war auf Urlaub, sodass mir da niemand helfen konnte und auch der Mitarbeiter, der am Rechner von meinem Chef diesen Broadcast zum automatischen Versenden der Reklamationsliste eingerichtet hatte, war nicht im Haus. Ich machte mich also erst mal daran herauszufinden, von welcher Materialnummer wir wie viel geliefert hatten, was bei 500 Zeilen eine gefühlte Ewigkeit dauerte. Zu Mittag kam der Prozessmanager dann wieder. “Was? Du bist noch nicht weiter?” – “Das dauert halt einige Zeit, herauszufinden, von welchem Material wir wie viel geliefert haben!” Aber das will ich doch gar nicht wissen! Ich hab dir die Tabelle nur geschickt, damit du die Gesamtzahl hast!” Aha. Gestern klang das noch anders… schön, die ganze Arbeit der letzten Stunden umsonst. “Alles klar. Aber was soll ich dann eigentlich auswerten?” – “Unsere Reklamationen, wir haben zwar wahrscheinlich mehr erfasst als der kunde, aber wir beziehen natürlich nur die ein, die er auch hat. Da wären wir blöd, wenn er sagt er hat 20 und wir: Nein, wir haben aber 25! Da sagen wir natürlich auch, dass er nur 20 sind” – “Aber wieso nehmen wir dann nicht gleich die Liste, die uns der kunde geschickt hat?” Um es abzukürzen, er schaffte nicht es mir zu erklären, warum ich all unsere erfassten Reklamationen mit der Liste des kunden vergleichen sollte und nicht direkt die des kunden für die Berechnungen heranziehen durfte. Ich hasse es, so unklar formulierte Aufgabenstellungen zu bekommen.

Nur eine halbe Stunde nach der Mittagspause stand er schon wieder da. Ich hatte ganz provokativ beschlossen, die Auswertung erst mal Auswertung sein zu lassen, denn mein E-Mail-Postfach quoll über, die Paletten mit den zu reklamierenden Teilen auch, und das macht bei einem Audit auch keinen guten Eindruck, wenn lauter als defekt gekennzeichnete Teile herumliegen und gesperrte Aufträge herumstehen. “Wie sieht es aus?”  fragte er. “Weitgehend unverändert, ich musste erst mal ein paar andere Sachen machen, damit hier nicht alles im Chaos versinkt.” – “Aber wir brauchen diese Auswertungen!” – “Nichts für ungut, aber ich kann nicht zaubern. Der Termin für das Audit steht sicher nicht erst seit gestern fest. Schau dich mal um wie es hier aussieht – ich deutete auf die vielen, mit einer roten Sperrkarte versehenen Teile auf meinem Schreibtisch und in den Paletten – ich glaube nicht, dass das der kunde sehen sollte.” – “Es ist nicht mein Problem, wenn [ mein Chef ] seine Arbeit nicht erledigt!” sagte der Prozessmanager. Aha, dachte ich mir. Aber meines offenbar schon, oder was?! Ich war einfach nur mehr stinkwütend auf meinen Chef, dass er sich einfach so für 3 Wochen in den Urlaub verzogen hatte, wohlwissend, dass er Dinge die er tun hätte sollen nicht erledigt hatte, aber es offenbar nicht der Mühe wert fand, mich und meinen Abteilungskollegen vorher darüber zu informieren, was auf uns zukommen würde. Und auf den Prozessmanager, der nicht in der Lage war zu formulieren, was er eigentlich von mir wollte und dann auch noch so tat, als hätte er voll den Durchblick und wüsste alles besser. Beispielsweise gab es eine Reklamation, wo ein Getriebe ohne angezogene Ölschraube und ohne Öl geliefert geworden war. Ich hatte mir den E-Mail-Verlauf der Reklamation durchgelesen, ich hatte die Fotos gesehen, ich wusste, dass sich nie Öl im Getriebe befunden hatte. Somit war es in meinen Augen auch kein Ölverlust, denn verlieren kann man meiner Meinung nach nur etwas, das schon mal dagewesen ist. Das sagte ich ihm auch als er fragte, warum ich auf eine Reklamation wegen Ölverlust weniger kam als er. “Bei der ersten Reklamation war gar kein Öl im Getriebe, deswegen habe ich die nicht mitgezählt.” Er sah mich an als wäre ich ein total unwissendes kleinkind und sagte lächelnd: “Natürlich war kein Öl im Getriebe, wie soll denn eines dringewesen sein wenn die Schraube fehlt und alles rausgeronnen ist?”

Danach hatte ich erst recht keine Lust mehr, auch nur eine Minute in diese Auswertung zu investieren.

Vielleicht sollte ich einfach mal ins nächste Fundbüro gehen und sagen, dass ich eine Million Euro verloren habe. Seiner Logik nach müsste ich die dann doch eigentlich wiederbekommen…

Selten habe ich mich so sehr über das Wochenende gefreut.

 

 

 

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