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gerupftes Huhn

Eigentlich hätte ich den Termin in der Essstörungsambulanz getrost absagen können, denn mit meiner Gesundschreibung durch den Hausarzt hat die krankenkasse Gott sei Dank das Interesse daran verloren, mich zu einer Behandlung zu zwingen. Aber immerhin war es genau dieser Arzt gewesen, der meiner Substitutionsärztin verzapft hatte, ich sei mit dem BMI nicht arbeitsfähig, obwohl er mich zuletzt vor 2 Jahren gesehen hat und bei dem Aufenthalt nicht mal mein behandelnder Arzt war, meinen “Fall” also nur aus den Teambesprechungen kennt. Und bei dem Aufenthalt davor war er zwar mein behandelnder Arzt gewesen, unser kontakt hatte sich aber auf ein paar Minuten Visite einmal in der Woche beschränkt. Mit ihm hatte ich also noch ein Hühnchen zu rupfen- und genau dazu wollte ich diesen Termin nutzen, ich wollte ihn zur Rede stellen und fragen, woher er meint mich so gut zu kennen dass er das beurteilen könnte, vor Allem wo er mich doch 2 Jahre nicht gesehen hat. Dass am Ende ich das gerupfte Hühnchen sein würde, ahnte ich nicht….

Ich war siegessicher. Obwohl er mir nicht die Hand gab und erst mal 5 Minuten wortlos etwas an seinem Computer machte, nachdem er mich hereingebeten hatte, gab ich mich unbeeindruckt. Dann setzte er sich zu mir an den Tisch. “Wessen Idee war es denn, dass Sie sich hier vorstellen?” – “Die von der Chefärztin von der Gebietskrankenkasse. Ich hab der zwar gesagt dass ich schon mal da war und dass das nicht gefruchtet hat und dann wird es beim zweiten Mal wohl auch nicht fruchten… aber darauf wollte sie nicht hören. Aber das hat sich mittlerweile erledigt, ich bin nun wieder gesund geschrieben und daraufhin hieß es, ich müsse zum nächsten Termin nicht mehr dorthin kommen, somit ist alles gut.” – “Das sehe ich anders, es ist definitiv nicht alles gut. Ich bin wirklich betroffen, wenn ich Sie so sehe. Nehmen Sie Drogen? Heroin? Crack?” Das Gespräch begann sich in eine Richtung zu entwickeln, in der er die Oberhand hatte, und das gefiel mir gar nicht. Ich verneinte seine Frage. Dann wollte er wissen, wann mir zuletzt Blut abgenommen worden war, von meinen aus dem Ruder gelaufenen Werten hatte ihm die Ärztin wohl erzählt. “Das war so eine Woche nach meiner Entlassung, aber nachdem da alles wieder halbwegs okay war hat mein Hausarzt gesagt ich brauch nicht mehr kommen”  – “WAS?! Bei solchen Ausgangswerten hat 2 Monate lang niemand mehr Ihr Blutbild kontrolliert?!” – “Nein. Was hätte ich denn Ihrer Meinung nach machen sollen, wenn er sagt für ihn hat sich die Sache erledigt und ich brauch nicht wiederzukommen? Trotzdem vor seiner Tür stehen und ihn mit vorgehaltener Waffe zwingen mir Blut abzunehmen?!” antwortete ich etwas trotzig.

Ich muss da wirklich mal mit Ihrem Betriebsarzt reden, das ist eine kritische Situation, die strenge Maßnahmen erfordert.” erklärte er mir. “Die gibt es doch, ich muss 40kg wiegen, damit ich arbeiten darf, reicht das nicht?” – “Wurden Sie vorhin gewogen?” – Nein” – “Okay, dann werden wir das jetzt nachholen”. Innerhalb von Sekunden beschleunigte sich mein Herzzschlag auf gefühlt das doppelte und ich war froh, dass ich ein Oberteil trug, auf dem man die Schweißflecken unter meinen Armen nicht sehen konnte, die sich dort sogleich ausbreiteten. Ich hatte mir noch überlegt, zur Sicherheit etwas zu trinken mitzunehmen, aber ich war so überzeugt von mir gewesen. In dem Moment verfluchte ich mich für meine Überheblichkeit. Ich würde definitiv unter 40kg wiegen. Was würde er dann tun? Würde er mich einweisen?

Es ist eine Sache, normale, “unwissende” Ärzte zu manipulieren- aber Ärzte die seit Jahren mit Borderlinepatienten arbeiten, sind eine ganz andere Hausnummer. Ich versuchte fieberhaft einen Ausweg zu finden, während ich versuchte Zeit zu schinden. “Und was ist, wenn ich mich weigere? Ich meine, ich finde das echt nicht in Ordnung, dass Sie sich da so einmischen. Das ist doch die Sache meines Betriebsarztes, welche Vorgaben er mir macht und welche nicht. Und abgemacht war eben auch, dass ich bei meinen Terminen in der Substitutionsambulanz gewogen werde und fertig. Und nun kommen Sie da an und Stellen irgendwelche neuen Regeln auf.” – “Das denk ich mir schon, dass Ihnen das nicht passt. Aber ich bin mir sicher, wenn ich Ihren Betriebsarzt anrufe und frage, wird er dem Wiegen durchaus zustimmen.” sagte er lächelnd. Oh ja, da war ich mir auch sicher. Und so stimmte ich wider Willen zu. Wieder eine Grenzverletzung mehr. Wieder ein Stück mehr Hass und Misstrauen gegenüber diesem ganzen beschissenen System.

Er begleitete mich nach vorne zum Empfang. “Warten Sie hier, Frau […] wird gleich zu Ihnen kommen.” sagte er und ging zurück in sein Büro. Sofort sah ich meine Möglichkeit zur Flucht gekommen. Gedanklich wog ich die Möglichkeiten ab. Einerseits gehörten die Termine hier nicht zu dem mir auferlegten Pflichtprogramm um meinen Job zu behalten, andererseits fürchtete ich, er würde mich endgültig für geistesgestört und selbstgefährdend erklären und eine Zwangseinweisung in die Wege leiten, wenn ich abhauen würde. Dann würde schlimmstenfalls bei meiner Rückkehr in die Firma oder abends in die Wohnung schon die Polizei auf mich warten. Bei dem Gedanken lief mir ein eiskalter Schauer über den Rücken. Nein, ich musste die Nerven bewahren. Los, Fliegermädchen, lass dir was einfallen! Ich zog mein Handy aus der Jackentasche, zog den Schuh aus, schob es im Socken an meine Fußsohle und zog den Schuh wieder an. Da kam auch schon die Schwester vom Empfang ums Eck und führte mich in den zu gut bekannten Raum. “Ziehen Sie sich bis auf die Unterwäsche aus und dann klopfen Sie.” sagte sie und lies mich allein.

Sofort begann ich mich nach weiterem Gut umzusehen, dass ich irgendwo an meinem Körper verstecken konnte. Mein Blick fiel auf die Flasche mit Desinfektionsmittel, die in einem Regal stand, die einzige Flüssigkeit in diesem Raum. Sicher ein halber Liter. Wie lang würde das Gespräch dauern? Würde ich es rechtzeitig schaffen, das Zeug auszukotzen, bevor es mich von innen heraus vergiftete? Nein, zu riskant, wenn das rauskäme würde man es mir am Ende vielleicht noch als Suizidversuch auslegen.
Mein Blick glitt weiter über die Aufkleber an den Schränken – Wolldecken, Igelbälle, Papierhandtücher. Alles nicht brauchbar. Nicht mal Münzen zwischen die Arschbacken klemmen war eine Option- zwischen welche Arschbacken denn? Ich zog sämtliche Kunden- und Visitenkarten aus meiner Geldtasche und steckte sie in den anderen Socken. Ich nahm mir vor, zukünftig immer eine Flasche Wasser in meinem Rucksack mitzuführen, koste es was es wolle. Damit nicht zu viel Zeit verging, klopfte ich schließlich an die Tür und die Schwester kam wieder herein. 39,6 war das Ergebnis. Mein Herz schlug mir bis zum Hals. Würde er mich jetzt einweisen? Unmöglich, man kann mich nicht einsperren, nicht schon wieder, nein, nein, nein. Diesmal würde ich das nicht mit mir machen lassen, da würde ich abhauen, diesmal würden sie mich nicht lebendig in die Finger kriegen.

Ich zog mich wieder an und folgte der Schwester ins Büro des Arztes. Früher hatte ich immer einen Zettel in die Hand gedrückt bekommen und war nach hinten geschickt worden – offenbar galt ich nun als so irre, dass man mir das nicht mehr zutraute.

Als ich in den Raum kam, saß er gerade am Schreibtisch und hatte das Handy am Ohr. Als ich näher hinsah, erkannte ich am Bildschirm die Homepage der Firma, für die ich arbeite. Offenbar wollte er seinen Plan, den Betriebsarzt anzurufen, in die Tat umsetzen. Ich freute mich innerlich diebisch, dass sein Anruf in der Telefonzentrale nicht angenommen wurde, minutenlsng hing er in der Warteschleife ohne dass etwas passierte. “Wieso fragen Sie mich nicht einfach, wenn Sie ihn anrufen wollen? Selbst wenn jemand abhebt, wird Ihnen das nichts bringen, der ist nämlich nur jeden zweiten Dienstag am Vormittag da. Ich kann ihnen seine Handynummer geben.” bot ich an. Bloß die Firma rauslassen, denn wenn der Typ in der Firma anruft, sagt wer er ist, wo er arbeitet und um wen es geht wüsste das am nächsten Tag vermutlich jeder. Er legte auf. “Na dann sagen Sie mir die mal.” Da fiel mir siedend heiß ein, dass das Handy noch in meinem Socken steckte. Ich tat so, als würde ich etwas in meinem Rucksack suchen. “Oh, verdammt, ich hab mein Handy wohl im Auto liegen lassen. kann ich es schnell holen?” – “Na, von mir aus…” Schon wieder musste ich das Bedürfnis, die Flucht zu ergreifen, mit aller Macht niederkämpfen. Nie wieder würde ich auch nur einen Fuß in dieses krankenhaus setzen, das schwor ich mir. Nachdem ich um die Ecke gebogen war und mein Handy aus meinem Socken geholt hatte wartete ich noch 5 Minuten und ging dann zurück. Der Arzt tippte die Nummer in sein Handy und ich schickte Stoßgebete zum Himmel, dass er nicht rangehen möge.

Ich hatte kein Glück. “Hallo, Herr kollege, hier spricht Dr. […], mir gegenüber sitzt gerade Frau Fliegermädchen, sie hört alles mit….”. Er begann meinem Betriebsarzt einen Vortrag darüber zu halten, welche Maßnahmen seiner Meinung nach notwendig seien- regelmäßige Gewichtskontrollen und Blutabnahmen, eine konstante Gewichtszunahme und Psychotherapie… hier warf der Betriebsarzt wohl ein, dass ich ganz klar geäußert hätte, dass ich derzeit keine Therapie möchte und er auch gar nicht wisse, welches Zielgewicht er mir vorgeben sollte, ohne mich so sehr unter Druck zu setzen, dass ich mich weigere und einfach die Firma verlasse, um dem zu entgehen. “Ich weiß, Herr kollege, Frau Fliegermädchen hat sehr genaue Vorstellungen davon was sie will und was nicht. Aber ich sehe das ein bisschen anders, manchmal muss man Menschen eben zu ihrem Glück zwingen. Ziel wäre natürlich das Normalgewicht, aber wir wissen, dass das eine schwierige Sache ist. Wir haben sie übrigens gerade gewogen, da hatte sie 39,6kg. Ich denke sehr wohl, dass man eine konstante Gewichtszunahme zur Bedingung machen könnte. Frau Fliegermädchen hat auch mir gegenüber nochmal betont wie wichtig ihr die Arbeit sei… also ich bin mir sicher, sie würde alles dafür tun, Sie haben also freie Hand, die Spielregeln zu bestimmen, Herr kollege.” sagte er und ich meinte, ein hämisches Lächeln auf seinen Lippen zu erkennen. Ich ballte die Fäuste und hatte das Gefühl vor Wut und Anspannung zu explodieren. Du Arschloch, du verdammtes Arschloch. Das geht dich nichts an, halt dich doch einfach raus. Der Betriebsarzt entgegnete wohl, dass ich, als er mich letztes Mal aufgesucht hatte, nicht besonders kommunikativ gewesen sei und groß mit mir reden lassen hätte. “Ich weiß, Frau Fliegermädchen kann manchmal sehr direkt sein, wenn es darum geht ihren Unmut zu äußern, aber das dürfen Sie nicht persönlich nehmen.” Was? Erklärte er hier gerade einem anderen Arzt, dass er meine Worte nicht ernst nehmen sollte, er, der immer was von Validierung prädigte? “Wie dem auch sei, ich will Sie gar nicht länger aufhalten, Sie sind schließlich unterwegs. Ich schlage vor, Sie setzen sich nächsten Dienstag mal mit Frau Fliegermädchen zusammen. Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag, Herr kollege.” Endlich legte er auf, bevor er noch mehr Schaden anrichtete. “Und, ist Ihnen nun leichter?!” fragte ich feindseelig. “Es geht hier nicht um mich, Frau Fliegermädchen, es geht um Sie. Ich schlage vor, wir machen uns in 2 Monaten wieder einen kontrolltermin aus.” – “Habe ich eine Wahl, ohne dass Sie gleich wieder irgendwo anrufen?” – “Sie waren aber auch schon mal kooperativer.” Alter, was erwartest du denn, nach der Aktion?!

Ich zitterte am ganzen körper, als ich die Ambulanz verließ. Sollte ich den Betriebsarzt anrufen, um meine Sicht der Dinge zu schildern? Und vor allem, sollte ich zurück in die Arbeit fahren? Immerhin wog ich unter 40kg und der Betriebsarzt wusste das. Würde er sofort meinen Chef anrufen, oder ging er davon aus dass ich heute sowieso nicht mehr zurück in die Firma fahren würde und bis morgen warten? Doch immerhin kam auch von ihm kein Anruf, dass ich ab sofort wieder zuhause bleiben müsse. Frechheit siegt, dachte ich und fuhr zurück in die Arbeit, versuchte meinem Chef aber tunlichst aus dem Weg zu gehen. Zum Glück würde er den Rest der Woche auf Dienstreise sein und ich musste nur mehr die 2 Stunden irgendwie überstehen.

Ich kniete gerade vor einer Palette und notierte die Seriennummer eines Motors, als ich hinter mir hörte: “Fliegermädchen, wir müssen kurz reden.” Es war mein Chef. Ach du scheiße. Wieder drohte mein Herz fast meinen Brustkorb zu sprengen. “Was gibts denn?” sagte ich möglichst gelassen. “Ich wollte dir nur noch ein paar Dinge sagen, weil ich die restliche Woche nicht da bin. G. wird dir morgen wahrscheinlich ein Getriebe bringen… ” Den Rest seiner Erläuterung bekam ich vor lauter Erleichterung nur noch halb mit.

Der Termin war am Dienstag gewesen. Bis zum Wochenende war  nichts passiert, der Betriebsarzt hatte tatsächlich dicht gehalten. Warum? War er genervt, weil ein anderer Arzt meinte, alles besser zu wissen als er? Wollte er sich bei mir einschleimen?

Übermorgen werde ich es herausfinden.

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