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Wanted: Osmiumtampon

Langsam ist mir das Ding hier zu steil. Ich weiß nicht mehr wohin.

Am Dienstag hatte ich einen Termin in der Substitutionsambulanz, dort soll ich künftig immer gewogen werden. Das trifft sich natürlich gut, weil die dort im Hinblick auf Essstörungen weitgehend naiv und blauäugig sind. Somit konnte ich natürlich alles an Tricks auspacken, was geht. Angefangen von doppelt Socken und doppelt Unterwäsche über breites Nietenarmband bis hin zu Leggings unter der Hose und doppelt T-Shirt unterm Langarmshirt. Und eine 1,5l-Flasche Wasser zog ich mir davor auch noch rein.

“Ich dachte schon, Sie kommen gar nicht, weil Sie so sauer auf mich sind” meinte die Substitutionsärztin. Ich machte einen auf einsichtig. “Sie können doch gar nichts dafür, wie das gelaufen ist. Es war halt einfach ein blöder Zufall, dass ich den Termin vergessen habe. Und dafür, dass der Betriebsarzt vor meinem Chef die ganzen Sachen, die ich der Sozialarbeiterin im Vertrauen erzählt habe, ausgeplaudert hat, können Sie auch nichts.” Bevor Sie das Rezept schrieb, ging es ans Wiegen. “Moment, ich zieh noch ein bisschen was aus, ich will schließlich nicht schummeln” sagte ich und befreite mich von Schal, Mütze, Schuhen, und der dicken, flauschigen Weste. Ich wartete darauf, dass sie mich aufforderte, den Rest bis auf die Unterwäsche auch noch auszuziehen, doch das tat sie nicht. Da wusste ich schon, dass ich gewonnen hatte. Ich stieg auf die Waage, sie zeigte 40,7kg. “Sehen Sie? Ich habe 40kg, für das Gewand können Sie noch einen halben kilo abziehen, und dann sind es trotzdem noch 40,2.” – “Das ist aber toll Frau Fliegermädchen, wie haben Sie denn das gemacht?” So viel angezogen, dass mir der Schweiß literweise den Buckel runterlaufen würde wenn es heute so heiß wäre wie letztes Wochenende und ich die 1,5l umsonst gesoffen hätte, gute Frau. “Gegessen” antworte ich lächelnd. Ich weiß, eine bescheuerte Antwort, aber die Einzige, die mir in diesem Moment einfiel. “Na dann werde ich Ihrem Betriebsarzt schreiben, dass Sie arbeitsfähig sind. Er hat mir hier eine E-Mail geschrieben, sehen Sie…” sagte sie und schob mir ein Blatt Papier mit einer ausgedruckten E-Mail über den Tisch. Ich überflog es kurz. Der Text stammte tatsächlich von meinem Betriebsarzt. Er bat die Substitutionsärztin darum, die Aufgabe des Wiegens zu übernehmen und schriftlich meine Arbeitsfähigkeit zu bestätigen, wenn ich die 40kg erreicht habe. DING DING DING machte es in meinem Schädel. Einsatz von Borderline-Manipulator 2.1 Arzt gegen Arzt empfehlenswert gemäß erstem Bord´schen Manipulationsgesetz: Sind zwei Ärzte für dich zuständig, versuche grundsätzlich, sie gegeneinander auszuspielen. “Na der will sich aber ganz schön aus der Verantwortung ziehen, nun sollen Sie die Verantwortung für meine Arbeitsfähigkeit übernehmen?!” sagte ich. “Ach, das ist doch kein Problem, aber Sie haben doch in der Firma keine geeigneten Räumlichkeiten und auch keine Waage zur Verfügung, das hat er doch hier geschrieben.” antwortet sie. Ob das auch kein Problem mehr für sie ist, wenn ich tatsächlich eines Tages in der Arbeit tot umfalle und ihre Unterschrift statt der meines Betriebsarztes unter dem Wisch mit der Bestätigung meiner Arbeitsfähigkeit steht, lasse ich hier mal dahingestellt. Ich an ihrer Stelle hätte mir die Sache zumindest nicht umhängen lassen. Ich verließ die Ambulanz also nicht nur mit 2 Rezepten, sondern auch mit der geforderten Bestätigung. Yessssss. Am Donnerstag noch schnell von meinem Hausarzt gesund schreiben lassen, aber der wird mir schon keine Steine in den Weg legen, so oft wie mich der fröhlich wieder nach Hause geschickt hat, wenn ich wegen selbstverschulderter Scheiße mehr oder weniger auf allen Vieren in seine Praxis gekrochen kam, und mein Gewicht hatte er von sich aus auch nie angesprochen, bevor ich es nicht getan hatte. Bei der naiven Tussi von der krankenkasse, die nach über 10 Jahren Behandlungsgeschichte glaubte, dieJenige zu sein, die mich retten wird, indem sie mich einfach nochmal dort hinschickt wo ich eh schon war, brauchte ich es gar nicht erst zu versuchen.

Gestern machte ich mich also auf den Weg zu ihm, mit derselben Ausstattung wie am Dienstag, nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass er mich nochmal wiegen würde. Aber mit dem Schreiben von der Substitutionsärztin sollte die Sache doch eine “gmahte Wiesn” sein, wie man hier so schön sagt. War es zu Beginn auch. “Warst du eigentlich dazwischen nochmal Blut abnehmen?”  – “Nein” antworte ich wahrheitsgemäß. Er zögerte kurz und forderte mich dann auf, ihm in den Raum nebenan zu folgen. Ich war etwas verwirrt, ich wusste dass das der einzige Raum mit einem EkG-Gerät war, aber was das mit meinem Blutbild zu tun hatte, konnte ich mir nicht erklären. Die Arzthelferin kam hereingeschneit. “Ziehen Sie sich bitte aus, ich soll Sie wiegen.” sagte sie. Och nööö, Leute, seriously?! Nun würde es eng werden. Ich schälte mich aus Hose, Langarmshirt und einem T-Shirt, Leggings und das Trägertop behielt ich erst mal an und ging Richtung Waage. “Nein, alles, bis auf die Unterwäsche. Das wollte der Herr Doktor so.” sagte sie. Okay, es würde verdammt eng werden. Damit hatte ich nicht gerechnet, ich hatte darauf spekuliert zumindest Leggings und T-Shirt anbehalten zu dürfen. Sie starrte mich auffällig unauffällig an. Glotz doch nicht so, noch nie ne Magersüchtige gesehen?! Es kam, wie es kommen musste: 39,4kg. Scheiße. Die Arzthelferin tippte die Zahl in den Computer. “Das sind aber keine 40kg.” stellte sie fest. Das sehe ich auch. Verpiss dich doch einfach. “Sie wiegen doch auch nicht täglich dasselbe, oder?” antwortete ich. Sie verließ den Raum und ich überlegte kurz. Ich steckte in der Rue de la gack, bei einem so großen Gewichtsverlust innerhalb eines Tages würde man mir sofort unterstellen, bei der Substitutionsärztin getrixt zu haben. Mein Blick fiel auf den Computer, sie hatte sich nicht ausgeloggt. Der Arzt war inzwischen im Nebenzimmer bei einem anderen Patienten. Würde er direkt wiederkommen, oder die Arzthelferin nach meinem Gewicht fragen? Ich konnte unmöglich mein Gewicht über 40kg schummeln, da war fast sicher dass das früher oder später rauskommen würde, aber zumindest die kommastelle könnte ich zu meinen Gunsten verschieben und notfalls behaupten, die Arzthelferin hätte sich verschrieben. Zögernd bewegte ich meine Finger Richtung Tastatur, löschte die 4 und schrieb stattdessen eine 8 hin. Ich begann, mich wieder anzuziehen und ein paar Minuten später schneite der Arzt wieder hinein. So kurz wie der Abstand zwischen “Tür des Nachbarzimmers geht auf” und “Tür meines Zimmers geht auf” war, hatte er sich nicht bei der Arzthelferin erkundigt. “Na das geht sich aber nicht ganz aus” stellte er fest, nachdem er die Zahl gesehen hatte. “Das hat man davon, wenn man vorher noch auf der Toilette war” antwortete ich. “Aber ich kann dich so nicht gesund schreiben, 40kg waren die Abmachung” – “Ich weiß. Dann komme ich halt am Montag wieder…” Ich war stinksauer. Auf mich, auf die ganze Welt, und auf ihn, weil es ihm doch bisher auch scheißegal gewesen war, wenn ich wie ein Skelett in seine Praxis gekommen war. Nicht, dass ich gewollt hätte, dass er es kommentiert, genau dafür hatte ich ihn immer geschätzt, dass nur das zur Sprache kommt was ich auch will und er sich in den Rest nicht einmischt, aber als verantwortungsvoller Hausarzt hätte er eigentlich doch mal sagen müssen: “Hey, du bist nur mehr die Hälfte, was ist da los?” . Doch nun sah er offenbar seinen Ruf vor Arztkollegen gefährdet und begann sich in Dinge einzumischen, die ihn vorher nicht ansatzweise interessiert hatten.

Etwas ziellos stand ich Minuten später vor der Praxis und sah mich ratsuchend um. Meinen Tagesplan konnte ich nun getrost über den Haufen werfen. Verdammt, und ich musste meinen Chef anrufen und ihm beichten, dass ich es verkackt hatte. Am liebsten hätte ich behauptet, der Hausarzt hätte mir nochmal Blut abgenommen und wolle die Ergebnisse abwarten, doch die Gefahr war zu groß, dass der Betriebsarzt bei meinem Hausarzt anrufen würde und die Story auffliegen würde. Beim letzten Telefonat am Dienstag hatte sich mein Chef noch groß entschuldigt, dass er letzte Woche keine Zeit gefunden hatte mit mir zu telefonieren, doch ehrlich gesagt war ich froh darüber gewesen, weil ich mich nach allen bisherigen Telefonaten einfach nur elendig gefühlt hatte. Und ich hatte ihm am Dienstag gesagt, dass ich mich am Donnerstag gesund schreiben lassen würde… und nun ging es nicht. DING DING DING…. Einsatz von Borderline- Manipulator 2.2 Arzt gegen Chef empfehlenswert gemäß zweitem Bord´schen Gesetz: Menschen gegeneinander ausspielen durch erzeugen von Mitleid und Mitgefühl. Ich schrieb dem Betriebsarzt eine SMS mit meinem Gewicht und dass ich mich selbst so sehr hasse dass ich es nicht geschafft habe und so große Angst davor habe was mein Chef dazu sagt und ob er das bitte übernehmen könne. Dass das alles andere als erwachsen ist, ist mir auch klar, aber wenn sie mich wie ein kleines Mädchen behandeln, und sämtliche Versuche aus diesen Zwängen auszubrechen mit der Androhung einer Entlassung von meinem Arbeitsplatz bzw. Einweisung in die Psychiatrie im keim ersticken, kann ich mir auch mal das Recht herausnehmen, mich wie ein kleines Mädchen zu benehmen. Außerdem war das alles nicht mal gelogen. Als ich keine Antwort bekam, rief ich um 15:00 meinen Chef an und war heilfroh, als er nicht ranging. Dann schaltete ich mein Handy aus. Gegen 17:00 schaltete ich es nochmal kurz ein, hatte aber keine SMS oder Anrufe in Abwesenheit am Display, also schaltete ich es erleichtert wieder aus. Nach meinen üblichen 2 mit Fortimel-Pulver gepimpten Chai´s um 02:30 wollte ich schlafen gehen und schaltete mein Handy wieder ein. Siehe da, eine Mailboxnachricht von meinem Chef. Um 17:09. Hatte er da erst angerufen? Oder war das der Moment gewesen, in dem ich das Handy kurz angehabt hatte und sie trug deswegen diese Uhrzeit?

Das würde sich klären, wenn ich die Nachricht endlich abhören würde, aber ich traue mich nicht. Stattdessen habe ich schon meine Arme mit der Rasierklinge verschönert. Weils hilft. Und weil sie mir nicht alles verbieten können. Und zusätzliches Gewicht bringen Verbände auch. Wobei da ein aufgeblasener Ballonarm bei einer entzündeten kälteverbrennung sicher noch vorteilhafter wäre…nein, dumme Idee, ganz dumme Idee. Aber was einmal im Schädel ist…

Recherchen im Internet haben außerdem ergeben, dass Osmium das dichteste Element ist. Jemand ne Idee, wo ich einen Osmium-Tampon käuflich erwerben kann?

Und weil ich nicht genug um die Ohren habe, läuft nächste Woche mein Privatpilotenschein ab, sämtliche Flieger samt Fluglehrer sind aber bis Sonntag im Ausland und dann wird es verdammt knapp. Andererseits habe ich mir sowieso überlegt, ob ich den überhaupt verlängern soll, in den vergangenen 2 Jahren habe ich den nicht gebraucht, weil der Segelfliegerschein alles abgedeckt hat, was ich geflogen bin.

One comment on “Wanted: Osmiumtampon

  1. Hi Fliegermädchen,das sieht alles echt s… aus bei dir zur Zeit! Wie wäre es, sich nach einem neuen Job umzusehen? So nebenbei und sicherheitshalber, falls das procedere noch länger dauert… Jobwechsel auf eigene Initiative sieht eigentlich immer ganz gut aus,wenn es damit begründet wird, daß einem Steine in den Weg gelegt werden in punkto Aufstiegsmöglichkeit etc.!Da fragt auchkeiner,ob du arbeitsfähig bist ,glaub ich zumindest…
    Okay, keine tolle Idee,aber sonst hilft nur essen, und das ist nicht leicht ,I know 😉
    Halt durch,akzeptiere die Situation,als deinen derzeitigen Job solange bis du wieder deinem eigentlichen Job nachgehen kannst!
    Love &peace from Niscayena

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