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aufgestanden, eingerückt- einkassiert Teil II

Ein bisschen komme ich mir vor wie in einem dieser Katastrophenfilme. Ein Waldbrand bewegt sich unaufhaltsam auf dein Haus zu. Du hast 2 Stunden Zeit zum Packen. Was nimmst du mit? Ich hetze von einem Raum in den anderen und werfe Zeugs in meinen Wanderrucksack und meine Reisetasche. In meinem Kopf schießen die Gedanken durcheinander wie Materieklumpen im Universum kurz nach dem Urknall. Noch immer versuche ich einen Weg zu finden, mich dieser Maßnahme zu entziehen, doch ich beginne zu begreifen, dass ich in der Falle sitze. Deswegen entschließe ich mich dazu, das Unausweichliche so aushaltbar wie möglich zu machen. Ich packe in meinen Rucksack…2ml-Spritzen, Rasierklingen, Verbandszeug, das Röhrchen mit der Benzolösung, Abführmittel, eine Notreserve Buprenorphin, falls ich das, aus welchen Gründen auch immer, dort nicht bekomme. Zugegeben, als ich dieses Spiel als Mädchen gespielt habe, sind Badanzug, Sandspielsachen und Sonnenbrille in den Koffer gewandert, aber die Zeiten ändern sich. Die Prioritäten verschieben sich. Quasi zeitgleich neben dem Packen räume ich auf, wasche Geschirr ab, schrubbe wie eine Irre die Toilette, falls der Arzt sie benutzen will und bin irgendwie froh, dass ich so viel zu tun habe, weil das ablenkt von der unterschwelligen Panik, die in mir kocht.

Aus einer gewissen Distanz betrachtet ist es wohl ein ziemlich absurdes Bild. Der Arzt, der seit 2,5 Stunden in meinem dunklen Vorzimmer auf einem Stuhl sitzt während ich von einer Ecke in die andere hirsche und Dinge verschwinden lasse, die niemand sehen soll und meinen Rucksack mit einem Überlebenspaket fülle. Geduld hat er, der Gute, das muss man ihm lassen, erst nach 2,5 Stunden fragt er vorsichtig: “Weißt du schon, wie lang du ungefähr noch brauchst?” – “In einer halben Stunde können wir los.” Ich habe ein mulmiges Gefühl, als ich 30 Minuten später die Tür hinter mir zuziehe. Auch die Fahrt zum Krankenhaus verbringen wir schweigend. Er parkt davor auf einem Kurzzeitparkplatz. “Sie müssen nicht mitkommen, ich bin kein kleines Kind mehr. Wenn Sie hier stehen bleiben, sehen Sie doch sowieso ob ich reingegangen bin oder nicht.” versuche ich meine letzte Chance zu nutzen. “Nein, ich komme mit. Ich habe vorhin mit dem Arzt telefoniert, vielleicht musst du dann nicht so lang warten.” Ich verkneife mir den Kommentar, dass ich kein Problem damit hätte, bis morgen Früh zu warten. Wir werden in die Notaufnahme geschickt. Ich überlasse dem Betriebsarzt das Reden am Schalter und reiche der Schwester lediglich meine e-card durch. Bereits eine halbe Stunde später werde ich zu einem ersten Gespräch gebeten, das wohl eine gewisse Voreinschätzung der Dringlichkeit ermöglichen soll . Ganz selbstverständlich steht der Betriebsarzt auf und kommt mit, ich funkel ihn wütend an, sage aber nichts. Ich fühle mich zu einem unmündigen Mädchen degradiert. Drinnen stellt er sich vor und schildert die Situation: “…Borderline-Symptomatik, Anorexie, sie ist im Substitutionsprogramm, die Ärztin dort hat ihr letzte Woche Blut abgenommen. Das Kalium war bei 2,9, Vitamin D bei 4,1, sie hat einen BMI von 12,9.” Die Schwester schaut mich an. “Möchten Sie auch etwas dazu sagen?” – “Nein. Dass ich nach Hause will, wird vermutlich eh niemanden interessieren.” gebe ich patzig zurück, auch wenn sie eigentlich gar nichts dafür kann. “Wir nehmen Ihnen dann nochmal Blut ab, und dann sehen wir weiter.” beschließt sie. Als das Gespräch vorbei ist geht der Arzt endlich und ich bin froh, alleine zu sein. Ich bin total erschöpft, es ist inzwischen 16:30, ich habe weder etwas gegessen noch etwas getrunken, und einen riesigen Rucksack sowie eine schwere Reisetasche, über die ich falle, als ich zur Blutabnahme aufgerufen werde. Meine Venen wollen nicht so, wie die Ärztin will. Sie trifft zwar auf Anhieb, doch nach dem zweiten Röhrchen kollabiert die Vene und gibt nichts mehr her. Sie muss sich eine Neue suchen, was sich im Nachhinein als glückliche Fügung herausstellt, sie nutzt die Gelegenheit gleich um mir einen Zugang zu legen und Venenzugang in der Armbeuge habe ich als unangenehm in Erinnerung. Die Wartezeit bis die Ergebnisse da sind verbringe ich hinter meinem Buch, von dem ich mich nur abwende um ein paar SMS zu tippen. Meine Mutter bitten, dass sie am Wochenende meine Fellmonster abholt, C. erzählen was passiert ist. “Solche Vollpfosten! So etwas habe ich mir schon gedacht, als ich euch gesehen habe…” schreibt er. Wieder reißt mich zum gefühlten 100. Mal das “Piiiiiing” aus meinen Gedanken, das die Aufmerksamkeit auf den Bildschirm lenken soll auf dem steht, welcher Patient in welchen Raum soll. Da steht nun mein Name. Und dahinter: “Schockraum”. Ich habe genug Medizindokus gesehen um zu wissen was ein Schockraum ist. Sind die Ergebnisse so besorgniserregend? Mit meinem ganzen Zeug im Schlepptau trete ich durch die Tür. Große Erleichterung, ich werde nicht von 5 Ärzten erwartet, die sich auf mich stürzen, mir die Kleider vom Leib reißen und mich an irgendwelche Geräte anschließen. Der Arzt, der im Raum ist, wirkt sympathisch und gut gelaunt, ihn könnte ich vielleicht rumkriegen, das merke ich gleich. “Wir haben die Ergebnisse aus dem Labor, das Kalium ist nun bei 2,8. Sehen Sie, die Sache ist die, wir sind eigentlich keine Spezialisten für Essstörungen, wir haben eigentlich eine Vereinbarung mit der Psychiatrie, in der Sie eh schon mal waren, Essstörungspatienten sobald es ihr Zustand zulässt dorthin zu verlegen.” Ich bin erleichtert. Immerhin wurde ich dort das letzte Mal nach 2,5 Wochen rausgeworfen- und wenn ich es darauf angelegt hätte, bestimmt schon früher. “Glauben Sie mir, es war nicht meine Idee, hierher zu kommen. Nachdem ich aber vor die Wahl gestellt wurde, freiwillig hierher zu kommen oder in freundlicher Gesellschaft der Polizei habe ich mich dann doch lieber für Ersteres entschieden. ” antworte ich. In dem Moment klopft es und eine Schwester steckt den Kopf zur Tür herein. “Ihre Substitutionsärztin ist da. Dürfen wir sie reinlassen?” fragt sie mich. Du liebe Güte, was macht die denn hier?! Da war ich so froh, dass der Betriebsarzt endlich weg ist und dann kreuzt die auch noch auf. “Ääääh…also von mir aus…” antworte ich überrumpelt. Eine Minute später steht sie in der Tür. “Oh, Gott sei Dank geht es Ihnen gut. Ich hoffe Sie verstehen das, aber nachdem Sie heute nicht zu Ihrem Termin erschienen sind, musste ich handeln.” – “Es tut mir leid, das war keine Absicht, dass ich den Termin versäumt habe, ich habe mir den vermutlich falsch aufgeschrieben.” – “Das sind die ersten Anzeichen, dass die Mangelernährung Ihr Gehirn verändert…” – “Ach, Sie haben sich noch nie einen Termin falsch notiert?” – “Ich habe heute auch auf der Station angerufen auf der Sie wegen der Essstörung in Behandlung waren und mit ihrem behandelnden Arzt gesprochen, der hat auch gesagt dass Sie mit diesem BMI auf keinen Fall arbeitsfähig sind.” – “Sie haben Dr. M. angerufen???!!!” Toll. Nun wissen dort also auch alle, dass ich verkackt habe. Alle Therapeuten und bestimmt auch meine Bezugsschwester. “Wir wollen doch alle nur das Beste für Sie…” fängt sie an, doch den Spruch kann ich mittlerweile nicht mehr hören. “Ich finde es immer wieder spannend, dass soooo viele Leute meinen sie wüssten besser was das Beste für mich sei als ich selbst. Leben Sie mein Leben? Nein? Woher glauben Sie dann zu wissen, was das Beste für mich ist?” Zugegeben, die Frage ist gemein. Aber während der Ansatz, dass eine Behandlung bei manchen Patienten weder Besserung noch Heilung bringt und es daher auch das Ziel sein kann, dem Patienten ein möglichst friedliches und schmerzfreies Ableben zu ermöglichen beispielsweise bei Krebserkrankungen schon Beachtung findet, hat sich diese Ansicht bei psychischen Erkrankungen noch nicht durchgesetzt, es scheint geradezu verpönt überhaupt nur daran zu denken. Meine Frage hängt noch unbeantwortet im Raum. Der Arzt lächelt, ihm scheint mein wacher Geist und mein Wunsch nach Selbstbestimmung zu gefallen. Die Substitutionsärztin sitzt mit hängendem Kopf da und murmelt: “Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht.” Fast tut sie mir ein bisschen leid, dennoch bin ich froh, dass meine Botschaft angekommen ist. Der Arzt schlägt vor ein EKG zu machen und die Substitutionsärztin nutzt den Moment um sich zu verabschieden und fluchtartig den Raum zu verlassen. Das EKG ist in Ordnung, dennoch erscheint ein zweiter Arzt, der sich vorstellt und mir erklärt er sei von der Gastro-Station. “Sie kommen dann mit zu uns und bekommen erst mal Infusionen. Und morgen schauen wir uns die Werte nochmal an.” – “Ich muss wirklich bleiben? Nichts zu machen?” frage ich. Doch es hilft alles nichts.

Ich muss mich auf so einen fahrbaren Stuhl setzen, mein Hinweis, dass ich auch ganz gut zu Fuß gehen könne, so sei ich schließlich auch hergekommen, wird ignoriert. Ich werde in einen Wartebereich geschoben, wo auch andere Patienten darauf warten, irgendwo  hin transportiert zu werden. Ein Patient sitzt im Bett und mampft genüsslich  einen belegten Kornspitz, während sein Bettnachbar stöhnend seinen Kopf über eine Nierenschale hält. Nach 10 Minuten kommt ein Mann, geht durch die Reihen und liest die Namen, die auf den Stühlen und Betten stehen, packt schließlich meinen und schiebt ihn Richtung Ausgang, den Stuhl eines anderen Patienten zieht er rückwärts hinter sich her. Nachdem wir aus dem Aufzug gestiegen sind, ändert sich die Reihenfolge und ich fühle mich eher wie ein Stück Fracht und nicht wie ein Mensch. Vor meinem Zimmer angekommen, darf ich endlich aufstehen. Eine Schwester zeigt mir mein Bett und meinen Schrank. “Machen Sie es sich erst mal heimelig, ich komme dann gleich nochmal mit dem Computer vorbei und stelle Ihnen ein paar Fragen.” In dem zweiten Bett im Zimmer liegt eine alte Frau mit geschlossenen Augen. Ich beginne halbherzig, meine Sachen in den Schrank zu räumen; eigentlich nur, um das einfach in Rucksack und Reisetasche gestopfte Zeug zu sortieren, denn ich habe nicht vor, hier Wurzeln zu schlagen.

Eine halbe Stunde später kommt die Schwester wieder und schiebt einen Tisch mit einem Laptop vor sich her. Mit Privatsphäre ist es hier nicht so eng, das merke ich schnell, als ich in Anwesenheit meiner Zimmerkollegin Fragen zu Häufigkeit und Aussehen meines Stuhlgangs gestellt bekomme; im Gegenzug erfahre ich allerdings selbiges auch von ihr, da sie ebenfalls erst heute aufgenommen wurde, wie ich später erfahren soll, und sie somit die gleichen Fragen gestellt bekommt. Die Schwester verschwindet, wenig später kommt eine andere mit einem Infusionsständer und stöpselt zwei Beutel an meinen Zugang. Ich beäuge das ganze kritisch. Das soll alles in mich rein? Und noch dazu in so einem Tempo? Doch Minuten später habe ich ganz andere Sorgen. Nichts, was ich mir jemals selbst gespritzt habe, hat so höllisch in den Venen gebrannt, wie dieses Zeug. Mit zusammengebissenen Zähnen halte ich mit der linken Hand meinen rechten Oberarm fest, doch ich kann nicht verhindern, dass sich das Brennen nach und nach im ganzen Körper ausbreitet. Zusammengekrümmt rolle ich mich auf dem Bett hin und her. “Ist bei Ihnen alles in Ordnung?” krächzt meine Zimmerkollegin besorgt vom Nachbarbett. “Ich bin mir nicht sicher. Ich geh mal fragen, ob das normal ist, dass das so brutal brennt.” antworte ich, rappel mich auf und mache mich mit Infusionsständer im Schlepptau auf den Weg zum Schwesternzimmer. Die erste Schwester, die mir begegnet, spreche ich an: “Entschuldigung, ist das normal,  dass das so brennt?” – “Doch, das kann schon mal vorkommen, aber das wird besser mit der Zeit.” Ich schicke Stoßgebete zum Himmel, dass sie recht behalten möge und gehe zurück ins Zimmer.

Doch statt besser wird es schlimmer. Das Brennen lässt zwar tatsächlich nach, doch dafür gesellt sich eine unglaubliche Übelkeit dazu. Minuten später hänge ich würgend über der Toilette während mein Magen versucht, nicht vorhandenen Inhalt nach draußen zu befördern. Zwischen zwei “Würgeschüben” drücke ich den roten Rufknopf, der neben der Toilette angebracht ist. In weiser Voraussicht habe ich die Tür nicht abgeschlossen und so steht ein paar Minuten später eine Schwester neben mir. Noch immer über die Porzellanschüssel gebeugt, verleihe ich der eigentlich ohnehin offensichtlichen Situation mit den Worten: “Mir ist so schlecht” verbalen Ausdruck, während mir Sabberfäden aus dem Mund laufen. “Setzen Sie sich mal hin, ich bin gleich wieder da.” sagt sie und verschwindet. Ich lasse mich zitternd auf die Fliesen sinken. Sie kommt mit noch einem Infusionsbeutel zurück, macht die beiden anderen ab und hängt den neuen an. “Sollte gleich besser werden.” sagt sie. Tatsächlich lässt der Brechreiz nach. “Gehts wieder?” fragt sie besorgt. Ich nicke, bedanke mich, stehe auf und tapse zurück in mein Bett. Ich bin erledigt und trotzdem innerlich total ruhelos. Da fällt mir die Benzo-Lösung im Schrank ein und ich beglückwünsche mich im Stillen zu der Idee, sie mitgenommen zu haben. Die Entspannung hüllt mich ein wie eine warme, weiche Decke und kurz darauf bin ich weg.

 

3 comments on “aufgestanden, eingerückt- einkassiert Teil II

  1. Früher nahm man Wasserbäder dann gab man der Stadt Brunnen verinnerlicht ist. Heutige Zivilisation Angehörige Stadt Zugehörigkeit über die elektrischen Strom. Lebenspuls sonst pennertime.

  2. Obdachlose sind eben bei häufiger Verfehlung zu anderen auch schon in Wortlaut und außerer Erscheinung nicht mehr Teil der Stadt. Wie wenn jemand im SchloßTheater Ärger tat und noch kam ohne Diadem getragen genauso gegen oder in Politik Stadt gehört war und der crystalhall der Stadthalle nicht zum Wein trinken der Arbeit am Feld war sonder crystal klein gemacht war.

  3. Hey, Du hast die Fürsorge Deiner sozialen und medizinischen Mitmenschen “überlebt”, nutze jetzt die Zeit in der Klinik für Dich, um aus dem “Und-täglich-grüßt-das- Murmeltier”-Karussell auszusteigen und Ruhe zu finden. Ich weiß, es ist schwer, aber ich denke an Dich und drücke Dir die Daumen!

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