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Quarter-Life-Crisis

3 Tage, nachdem ich ein Viertel Jahrhundert alt geworden bin, erwache ich in meinem Bett und hab sofort im Gefühl: Irgendetwas stimmt nicht. Ich war schon mal wach, weil der Wecker geläutet hat. Aber das war nicht vor 2 oder 5 Minuten… Ein Blick aufs Handy bestätigt die böse Vorahnung: es ist 6:11. Gestellt hatte ich ihn für 5:00, weil ich eigentlich den Zug um 6:34 nehmen wollte. Die monatliche Tour nach Medan um mir den Stempel auf meinem Substitutionsrezept abzuholen steht auf dem Programm und das Geburtstagsgeschenk für Nadine hat sich bisher leider auch noch nicht von selbst besorgt.

Nichts macht so schnell und gut wach wie die Erkenntnis verschlafen zu haben. Wofür ich sonst eine halbe Stunde vertrödel, geht auf einmal in 6 Minuten. Zumindest den Zug um 7:04 muss ich erwischen, damit mein Zeitplan nicht total durcheinander gerät. Am Weg zum Bahnhof missachte ich konsequent sämtliche Geschwindigkeitsbeschränkungen und finde zum Glück auch einen Parkplatz. Als ich im Bahnhof die Treppe hochrenne, fährt der Zug gerade ein. Geschafft! Gott sei Dank! Erledigt von dem morgendlichen Sprint schließe ich die Augen und versuche noch ein bisschen zu schlafen. Doch das ist leichter gesagt als getan, denn hinter mir haben zwei Geschäftsmänner Platz genommen, die sich angeregt unterhalten. Einer von den Beiden hat ein unglaublich nerviges Lachen. Boah, merken die nicht, dass sie die Einzigen sind, die hier Lärm machen? Der ganze Zug will schlafen und die Zwei müssen hier unbedingt Unruhe reinbringen… Ein bisschen dösen kann ich während der etwas mehr als einstündigen Fahrt zwar, aber geschlafen habe ich Dank der zwei Vollpfosten hinter mir nicht. Meine weitere Reise führt mich quer durch Medan bis ans andere Ende, wo ich noch nie zuvor gewesen bin. Es handelt sich um ein riesiges Areal, das bis vor wenigen Jahren noch reines “Brachland” war. Typische österreichische Steppe. Nun wird hier ein ganzer neuer Bezirk aus dem Boden gestampft. Dafür ist sogar eine U-Bahn-Linie verlängert worden, weil das Gebiet hinsichtlich öffentlicher Verkehrsmittel gar nicht erschlossen war. Und mein Vater arbeitet seit ein paar Jahren hier, das weiß ich auch.

Wie geplant kaufe ich hier das Geburtstagsgeschenk für Nadine und muss grinsen, als ich es sehe. Ich habe mir zwar extra eine große Tasche mitgenommen, aber trotzdem ragen die Ohren des hellrosafarbenen Plüschtiers heraus. Und damit muss ich nun wieder eine Dreiviertelstunde quer durch die ganze Stadt zurückfahren. Auf dem Rückweg verliere ich mich in Erinnerungen. Ich komme an der Station vorbei, wo ich bei meinem allerersten Ferialpraktikum immer rausmusste – meine Güte, mein allererster selbst verdienter größerer Geldbetrag. Und an der Station, an der ich immer umsteigen musste, wenn ich zu Flausch gefahren bin. Wie lange ist es eigentlich her, dass ich sie das letzte Mal umarmt habe, mein Gesicht in ihrer Wuschelmähne vergraben habe und diesen wunderbaren Geruch eingeatmet habe…? Wenn ich damals gewusst hätte, dass es das letzte Mal sein wird, hätte ich noch irgendetwas gesagt, irgendetwas anders gemacht…?

Die Zeit vergeht wie im Flug und als die Uhr einer nahegelegenen Kirche 10:00 schlägt, trete ich hinaus ins Sonnenlicht vor der U-Bahn-Station. Den Weg von dort zum Gesundheitsamt kenne ich schon im Schlaf und als ich den Raum mit der Nummer 38 betrete stelle ich verwundert fest, dass er leer ist. Das ist ungewöhnlich, bisher ist da immer zumindest eine Person gesessen, die darauf gewartet hat das Rezept wieder mitnehmen zu können. Ich stelle mich gut sichtbar vor die Glasscheibe in der Wand und warte darauf, dass mich eine der Damen dahinter bemerkt und sich zur Scheibe bequemt. Sich durch Dagegenklopfen bemerkbar zu machen sollte man tunlichst unterlassen, das habe ich das letzte Mal bei einem Typen live miterlebt und selbst muss ich das echt nicht haben. Nach 2 Minuten steht die Kampflesbe auf und schlurft zur Scheibe. “Jaaaaa?” – “Einmal Rezept stempeln bitte” sage ich und packe die Zettel in die Metallschale, die in den Tisch integriert ist. Sie nimmt ihn und lässt mich wissen: “Abolung zwischen 13:00 und 15:00” . WAAS?! “Was? Erst am Nachmittag? Aber da muss ich doch schon wieder in Oberösterreich in der Arbeit sein!” rufe ich entsetzt. Nun packt die kampflesbe die Rolle des gereizten Medaner Beamten aus. “Kennan´s ned lesen?! Des steht do groß und deutlich! Und des is scho seit 6 Joah so, sche langsam kenntn sich des dann olle amal merkn!” fährt sie mich an. Vielleicht ist die Glasscheibe weniger dazu da, die Frauen im Büro vor uns  Junkies zu schützen sondern eher andersrum, denn sie sieht aus, als würde sie mich jeden Moment anspringen. Ja, ich habe auch schon gemerkt, dass hier auch unangenehmere Zeitgenossen auftauchen als ich, denen man vielleicht wirklich manchmal so eine Ansage machen muss – aber dafür kann ich doch nichts?! Ich war stehts freundlich, hatte immer alle erforderlichen Unterlagen mit, habe nie Stress gemacht weil ich irgendetwas wollte, was sie mir nicht geben hätten können. “Hm… dann wird mir wohl nichts anderes übrigbleiben als zu warten.” sage ich möglichst gefasst und verlasse den Warteraum, denn der wird über die Mittagszeit abgeschlossen und bevor ich mich dann vertreiben lassen muss, suche ich mir lieber gleich einen anderen Platz, wo ich nicht direkt unter den Augen von  Kampflesbe & Co befinde. Draußen am Gang lasse ich mich an der Heizung nach unten sinken und bevor ich noch irgendwie versuchen kann mich zusammenzureißen, rinnen mir die Tränen übers Gesicht. Ich fühle mich ungerecht behandelt. Wie der letzte Dreck, ein Mensch dritter klasse, nur weil ich im Programm bin. Dabei habe ich mit dem, was ich getan habe, nie irgendwem anderen geschadet außer mir selbst; ich habe nie Nadeln auf Spielplätzen oder öffentlichen Toiletten zurückgelassen, nie irgendwen beklaut um mir meinen Konsum finanzieren zu können, ich zahle genauso meine Steuern wie alle anderen auch und vermutlich sogar mehr als die Kampflesbe, weil ich kaum glaube, dass sich die regelmäßig 45-Stunden-Wochen um die Ohren schlägt. Und trotzdem bin ich ein Nichts, ein Niemand, ein Wesen, das man auf dieser Welt nicht mehr haben möchte, abgestempelt und an den Rand der Gesellschaft gedrängt.

In den 2 Stunden in denen ich am Boden sitze und weine, gehen unzählige Menschen an mir vorbei, die Frauen aus dem Büro 38 sogar mehrmals. Und ich frage mich, in was für eine Welt ich hier hineingeworfen wurde, wo ein Mensch 2 Stunden weinend am Boden sitzen kann, ohne dass es irgendwen interessiert. Nicht dass ich mit irgendwem Fremden darüber reden hätte wollen, es hätte doch einfach schon gereicht wenn jemand stehen geblieben wäre und gefragt hätte ob ich ein Taschentuch brauche. Nur damit ich das Gefühl habe, ein Mensch zu sein, mehr als der dreckige Junkie, den die Frauen aus dem Büro 38 in mir sehen. Doch niemand bleibt stehen. Und auch, als ich nach 2 Stunden aufhöre zu weinen und einfach nur mehr unendlich erschöpft bin, weil mir mein Kopf und meine Augen höllisch wehtun, und ich nicht mehr weiß wie ich auf dem harten Steinboden noch länger sitzen soll, weil alle Positionen nach kurzer Zeit unaushaltbar werden, geht das Gefühl nicht mehr weg.

Ich bin wertlos. Ein Nichts, ein Niemand. Man möchte mich hier nicht haben.

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8 comments on “Quarter-Life-Crisis

  1. Kein richtiges “Gefällt mir”, mehr ein “Ich hab mitgelesen und denk an dich”…ist ja richtig kacke, wie du da behandelt wurdest…ich hoffe, du bist gut heimgekommen und fühlst dich zumindest ein bisschen besser…

  2. Das tut mir sehr, sehr leid. Es sollte überall ein bisschen Mitgefühl geben, gibt es leider nicht.

  3. Was genau hat dich dazu bewogen, die Dame als “Kampflesbe” zu bezeichnen?

    • Ihr Aussehen. Sie erfüllt halt sämtliche klischees in dieser Hinsicht. Ich habe einfach einen Namen gesucht, damit ich nicht immer “die Frau mit den kurzen Haaren” schreiben muss, und das war der erste, der mir eingefallen ist. Sie hat mich diskriminiert, da kann ich auch zurückdiskriminieren. 😉

  4. Fliegermädchen, wie geht’s dir? Mach mir Sorgen, nichts neues zu lesen.

  5. Das ist echt so ein mieses Gefühl, wenn man weint und ignoriert wird.
    Ich kenne das leider nur allzu gut.
    Und genau dieses Gefühl nichts wert zu sein ist so übel.
    Ich verstehe es nicht. Ich selbst könnte niemals dann wegschauen.
    Und wie du schon schreibst: wenigstens ein Taschentuch reichen ist keine große Sache für die gebende Person. Aber für die andere Person so viel wert.

    • Ignoriert werden ist nicht nur ein mieses Gefühl wenn man heulent am Boden hockt. Es ist generell ein eher sehr unangenehmer Gefühlszustand. Leider ist es aber anscheinend in unserer Gesellschaft zum Normalfall geworden Dinge und Menschen die uns nicht in unser Konzept passen eiskalt zu ignorieren. Weiter gehen, Augen und Ohren verschließen ist halt auch viel einfacher als die Augen offen zu halten, stehen zu bleiben und Mitgefühl zu zeigen. Das fängt beim in der Bahn für einen Senioren einen Sitz frei machen an, geht über das weinende Fliegermädchen am Boden und endet irgendwo auf den Straße und Slums dieser Welt. (von Klima, Umwelt, Gewalt, Hunger und Krieg usw. ganz zuschweigen) Ihr müsst mal darauf achten wie viele Menschen einem Straßenzeitungsverkäufer der Obdachlos ist wirklich in die Augen schauen. Ihr werdet sehen das es nur ganz wenige sind. Die meisten Leute werden sich abwenden, werden den Verkäufer ignorieren und so tun als sei er Luft. Vielleicht gibt es vereinzelt Leute die ihn verstohlen von der Seite angucken aber auch diese Menschen werden nichts mit dem Straßenzeitungsverkäufer zutun haben wollen und sind im Geheimen froh wenn der Verkäufer aus ihrem Blickfeld verschwunden ist. Ganz nach dem Motto : Aus den Augen, aus den Sinn.

      Viele Grüße.

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