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Tränen, Tränen, Tränen

“So hattest du dir deinen 25. Geburtstag nicht vorgestellt, oder?” fragte Mama, als wir uns verabschiedeten. Nein, hatte ich nicht…

 

Ich erwachte am Samstag und musste feststellen, dass ich am Vorabend eine substanztechnische Fehlentscheidung getroffen hatte. Als ich aufstand, torkelte ich durch die Wohnung wie besoffen. Mir war kotzübelschlecht, aber ich wusste nicht ob es die konsumfolgen waren, die Aufregung, oder beides zusammen. Mein Mund war staubtrocken und ich hoffte, dass mit einem Glas Wasser auch die Übelkeit verschwinden würde, doch das Gegenteil war der Fall. Trotz Gleichgewichtsproblemen versuchte ich, einen Eilsprint zur Toilette hinzulegen, tatsächlich schaffte es aber nur die Hälfte des Glases in die Schüssel. Nachdem ich den Rest von den Fliesen aufgewischt hatte, kroch ich zurück aufs Sofa unter die Decke. Ich hatte zwar einen Haufen Dinge auf der To-Do-Liste, fühlte mich aber beim besten Willen nicht in der Lage irgendetwas zu tun.  Eine Stunde später musste ich mich trotzdem hochkämpfen. Zwar wurde die Übelkeit nach meinem Apothekenbesuch und der allsamstäglichen Buprenorphineinnahme unter Aufsicht besser, aber beim Gedanken an das bevorstehende Gespräch zog sich alles in mir zusammen. Ich fühlte mich wie ein Schwein auf dem Weg zur Schlachtbank. Und selbst wenn sie dir sagt, dass sie und Papa und Nadine dich nie wieder sehen wollen, dann ist es vielleicht wenigstens das, was dir den Anstoß gibt, das ganze hier wirklich endlich zu beenden, versuchte ich mir auf dem Weg zum Treffpunkt zu sagen. Dann ist es endlich vorbei.

Oh Mann, was sind Tränen geflossen. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt so viel in Anwesenheit eines anderen Menschen geweint habe. Die ganze Verzweiflung und Hilflosigkeit der letzten Jahre brach aus mir heraus. Zum Glück sind Autobahnraststätten recht groß, sodass wir uns in einen Raum zurückziehen konnten wo außer unserem nur ein anderer Tisch besetzt war, damit nicht alle meine Gefühlsausbrüche mitbekamen. Zuerst versuchte ich noch, mich irgendwie im Griff zu haben, aber als das Gespräch dann auf das Thema kam, was alles nicht mehr geht, war es vorbei. “Ach, komm mir doch nicht mit Radfahren und Snowboarden! Ich hab doch nicht mal mehr die Energie, dass ich öfter als einmal in der Woche  in die Badewanne steige und mich und meine Haare wasche!” und dann legte ich die Arme auf den Tisch, vergrub meinen Kopf darin und heulte die Tischdecke voll. Doch spätestens beim Thema “Nadine”, das dann folgte, wäre es sowieso um meine Beherrschung geschehen gewesen; es gibt eigentlich kein hochemotionaleres Thema als meine Schwester. “Papa und ich werden immer all deine Entscheidungen mittragen, so gut es eben geht. Aber ich weiß nicht, ob Nadine das tun wird. Und wir können sie auch nicht dazu zwingen, sie ist erwachsen, sie ist ein eigenständiger Mensch.”

Es ist traurig zu sehen, wie sehr meine Mutter schon bei manchen Ängsten abgestumpft ist, weil sie sie einfach schon so lange Zeit quälen. Als sie mir sagte: “Jedes Mal, wenn wir uns verabschieden, versuche ich mir alle Einzelheiten an dir einzuprägen, weil ich weiß, dass es das letzte Mal sein könnte, dass ich dich sehe. Wir rechnen zuhause eigentlich jeden Tag mit dem Anruf, dass du tot bist.” , hat sie nicht mal geweint.

Wie lange muss eine Mutter mit der Angst leben, dass ihr Kind stirbt, bis sie bei dem Gedanken daran nicht mehr weinen muss?

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3 comments on “Tränen, Tränen, Tränen

  1. Manchmal muss man selbst erst Mutter sein um diese Liebe zu verstehen. Ich wurde selbst erst Mutter, bevor ich alles verstand, was jemals zwischen mir und meinen Eltern vorgefallen ist. Die Mutterliebe ist fast bedingungslos und schon beim letzten Beitrag musste ich mir einen Kommentar verkneifen. Ich hoffe dass du dies nach dem Gespräch etwas mehr “glauben” kannst und sich vielleicht etwas ändert in deinem Inneren. Leben kann auch schön sein, es gibt immer mindestens eine Person, die einen liebt und allein das ist es wert, verdammt nochmal zu kämpfen.

  2. Sie wird niemals aufhören zu weinen, niemals. Ich bin selber Mama und kann es Dir versichern.
    Deiner Familie liegt so unheimlich viel an Dir… sie versuchen sich durch das Verhalten, was du vielleicht als “abweisend” empfindest, noch ein klitzekleines bisschen selbst zu schützen. Sie leiden mit Dir. Gemeinsam.
    Ich wünsche Dir und euch, dass all das eines Tages hinter euch liegt und ihr nach vorne sehen könnt. Es ist nie zu spät. ❤

  3. Ich lese da vor allem heraus, dass du geweint hast wie selten und nicht in den Arm genommen wurdest, dass dir niemand gesagt hat, dass du wertvoll bist und dass es schön wäre, wenn du da bleiben würdest. Das tut mir sehr leid. Ich fände es schön, wenn du bleiben würdest.

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