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Worst Christmas

Dass das diesjährige Weihnachtsfest  nicht an das letzte herankommen würde, war klar. Aber dass es so elendig werden würde… Fakt ist: Wenn ich meine Emotionen nicht konsequent mit Benzos niedergeprügelt hätte, hätte ich mit Sicherheit gravierenden Blödsinn gemacht.

Genau genommen lief seit Freitag konsequent alles Scheiße. In der Arbeit kam ich durch Zufall einer meiner Meinung nach ungeheuren Verarsche auf die Spur. Vor einem halben Jahr wurde von meinem Chef ein Check eingeführt, der täglich auf der Getriebe- und Motormontagelinie durchzuführen ist. Die Checks führen mein Chef, der Montageleiter, der Fertigungsleiter, ich, mein kollege C. und 2 Mitarbeiter aus dem Servicebereich durch, am Ende jedes Monats wird ein Zeitplan für das Folgemonat ausgeschickt und die Tage einfach in alphabetischer Reihenfolge zugeteilt.

Mein Chef hatte mehrmals betont, wie wichtig diese Checks seien. Dass es konsequezen nach sich ziehen würde, wenn sie nicht gemacht werden und bei Abwesenheit habe man sich selbst um eine Vertretung zu bemühen. Ich habe die Checks sehr ernst genommen, bin einmal sogar länger geblieben weil ich tagsüber in der Hitze des Gefechts darauf vergessen hatte. Und als ich am 8. Dezember nicht da gewesen war, hatte ich den Montageleiter gebeten, meinen Check zu übernehmen.

Da ich das Auswertungsformular für eine andere Auswertung geringfügig abgeändert verwenden wollte, rief ich die Datei auf und klickte auf ein x-beliebiges Tabellenblatt. Zufällig war es gerade das aus der Woche mit dem 8. Dezember und ich sah, dass in der Spalte für den 8. Dezember keine Ergebnisse waren. Geschockt klickte ich mich durch die Blätter anderer Wochen und stellte fest: Mein Chef, der Montageleiter und der Fertigungsleiter hatten alle seit 2 Monaten oder noch länger keinen einzigen Check mehr durchgefürt.

Nicht falsch verstehen, mir ist schon klar, dass es Arbeiten gibt, um die sich Führungskräfte nicht kümmern müssen. Ich hätte auch kein Problem damit gehabt, wenn es von Anfang an geheißen hätte: “Ihr habt die Checks zu machen, wir Führungsräfte haben genug Anderes zu tun”, was mich stört ist dieses erst großspurig behaupten: “Wir machen es alle“, sich dann aber hinterrucks aus der Affaire zu ziehen. Und dann auch noch der Montageleiter, der meinen Check nicht wie abgesprochen übernommen hatte ohne mir das hinterher zu sagen, sodass es offiziell nun so aussieht als hätte ich meinen Check nicht gemacht und es verabsäumt, mir eine Vertretung zu organisieren. So etwas ist einfach unter aller Sau und geht gar nicht.

Zwischen Tür und Angel habe ich dann auch noch erfahren, dass sich für die nächsten 2 Wochen der Monateleiter, der Fertigungsleiter, mein Chef und der einzig fähige Teamsprecher in der Montage alle gleichzeitig Urlaub genommen haben. Ich habe keine Ahnung, welcher Vollpfosten das genehmigt hat, aber Hauptsache C. und ich dürfen  nicht mal einen einzigen Tag gleichzeitig Urlaub haben. Wenn die gesamte Führungsetage der Montage gleichzeitig auf Urlaub geht, ist da aber offenbar ok. Eigentlich hatte ich gehofft, in den 2 Wochen endlich alles aufarbeiten zu können was in letzter Zeit so liegengeblieben ist, aber das kann ich jetzt wohl vergessen, weil die Leute mit allem zu mir kommen werden. Ich möchte jetzt schon schreiend weglaufen.

Eigentlich gab es für Freitag Nachmittag eine Einladung des kantinenchefs auf Würstel, Gebäck und Glühwein, aber ich wäre in dem Zustand vermutlich dem ersten, der irgendeine doofe Meldung geschoben hätte, an den Hals gesprungen, so geladen wie ich war. Alternativprogramm: Nach Hause fahren, Auto aussagen, Tür zu, fressen, kotzen, Substanzen rein, gute Nacht Welt.

Am nächsten Tag wurde das, was ich schon befürchtet hatte, traurige Gewissheit: Mein Wichtelpaket war nicht angekommen und die Lieferung, die die nächsten Tage erträglich hätte machen sollen, auch nicht. Leckt mich doch. Same game, fressen, kotzen, abschießen, gute Nacht Welt. Zumindest hatte ich für die restliche Weihnachtszeit konstruktive Pläne. Am 23. am späten Vormittag nach Wien fahren, am Nachmittag meinen ehemaligen Physiklehrer treffen, am 24. Nachmittags das übliche Treffen mit Emanuel an der Autobahnraststätte und dann ins Wochenendhaus zur Familie.

Ich erwache etwas zermatscht am 23. gegen 8:30. Mein Weg führt mich auf die Waage. Ich wiege keine 40 kg mehr. Und auch keine 39. Ich beginne, die Sachen zusammenzupacken als mich mein Handy am Vormittag aus der Routine reißt. Mein Ex-Lehrer sagt das Treffen ab und unmittelbar danach lässt mich auch Emanuel wissen, dass er mich nicht sehen möchte. Dass ihm die Substanzsache nicht taugt weiß ich, aber dass er mich so hängen lässt? Wie soll ich denn aus der Sache rauskommen wenn alle Leute, von denen ich dachte, dass sie meine Freunde sind, erst dann wieder etwas mit mir zu tun haben wollen, wenn ich clean bin? Gerade zum clean werden brauch ich doch Leute die mir zeigen, dass es anders geht, die mir ein Alternativprogramm zum Dichtsein zeigen…

Genau wie meine Eltern damals, schießt es mir durch den kopf. Wenn ich nicht so bin, wie mich derjenige haben will, gibts eben Zuneigungsentzug. Wutentbrannt schleudere ich mein Handy gegen die Wand. Es zerspringt in seine Einzelteile. Tränen schießen mir in die Augen. Ich will sterben, einfach nur noch sterben. Wie eine Irre schlage ich auf meinen Wohnzimmersessel ein, doch der Schmerz dringt nicht zu mir vor. Nach einer halben Ewigkeit rolle ich mich schluchzend am Boden zusammen und weine nur noch. Ich krieg mich einfach nicht mehr ein. Erst ein beherzter Griff zum Benzo-Notvorrat bringt mich wieder zurück auf den Boden der Realität. Ich kann unmöglich nach Hause fahren, ich bin eine Zumutung für alles und jeden. Aber dann muss ich meiner Mutter Bescheid sagen. Ich setze mein Handy wieder zusammen, will es einschalten- es funktioniert nicht mehr. Übers Diensthandy schreibe ich meiner Mutter eine SMS, dass ich erst am 24. komme- und mehr weiß ich von dem Tag nicht mehr.

Am 24 morgens breche ich auf. Am Weg nach Hause bekomme ich Bauchschmerzen. Zuhause ist kein Mensch, meine Mutter schon im Haus, mein Vater arbeiten, meine Schwester bei meiner Oma. Ich packe mich mit Wärmekissen ins Bett, doch es wird immer schlimmer. Verstopfung vom Feinsten, es fühlt sich an, als würde es mir den Unterleib zerreißen. Gegen 14:00 rufe ich, wimmernd vor Schmerzen, vom Diensthandy aus meine Mutter an. “Mama? Hast du Dulcolax-Zäpfchen zuhause?” Hat sie nicht. Leider auch nichts anderes, was so akut helfen würde. Und sie kennt mich lange genug um zu wissen, dass ich erst dann um Hilfe bitte, wenn ich das Gefühl habe, kurz vorm Verrecken zu sein. Sie ist einfach ein Engel, denn eine halbe Stunde später steht sie mit Ducolax-Zäpfchen aus der Notfallapotheke in der Türe. Ich tue, was ich tun muss und sie beschließt eine halbe Stunde später wieder  ins Haus zu fahren, um das Abendessen weiter vorzubereiten. Ich bin in einen Dämmerzustand verfallen, als sie sich vorher noch kurz zu mir ans Bett setzt. “Fliegermädchen. Ich weiß, Weihnachten ist nicht der richtige Zeitpunkt um darüber zu reden, aber ich muss dir das jetzt sagen. Du wiegst nass vielleicht noch 35 kilo, wenn überhaupt. Wenn du so weitermachst, ist das dein letztes Weihnachten.” Ich habe nicht den Mut ihr zu sagen, dass das genau das ist, was ich mir wünsche. Dass es endlich vorbei ist. Dass ich endlich gehen darf.

Am späten Nachmittag kommen meine Schwester und mein Vater  und ich fahre mit den beiden zum Haus. Ich esse ein paar Alibi-Bissen, aber mein Bauch tut immer noch höllisch weh, viel gebracht hat das Zäpfchen nicht. Bei der Bescherung erwartet mich der nächste Faustschlag. Weil es letztes Mal so lustig war, habe ich meiner Familie auch dieses Jahr wieder einen Escape Room Gutschein geschenkt. “Ich würde vorschlagen, wir machen das einfach wieder, wenn ihr zu meinem Geburtstag kommt…” beginne ich, doch Nadine unterbricht mich. “Das geht nicht, ich hab im Jänner 6 Prüfungen, ich werde diesmal nicht mitkommen!” sagt sie. “Ich geh zu keiner Party von meinen Freundinnen!” fügt sie noch entschuldigend hinzu. Ich möchte am liebsten losheulen. Verdammt, ich bin nicht irgendeine Freundin, ich bin deine Schwester! “Schon okay, dann feiern wir das eben nach, wenn deine Prüfungen vorbei sind”, sage ich, und setze ein tapferes lächeln auf. Vom Abend bekomme ich nicht mehr viel mit, ich schieße mich weg und irgendwann liege ich neben Nadine auf der Ausziehcouch und sie hält meine Hand und wir reden. Was genau weiß ich nicht mehr, ich weiß nur dass sie gesagt hat, dass sie sich Sorgen macht und dass sie nicht weiß, wie ich in dem Zustand arbeiten gehen kann. Ich weiß noch, dass ich ihr gesagt habe, dass mich die Aussage, dass sie nicht zu meinem Geburtstag kommt, total verletzt hat.  Ich weiß aber nicht mehr, was sie darauf geantwortet hat.

Am nächsten Tag besteht meine Mutter darauf, dass wir am Rückweg vom Haus mein Auto bei dem Restaurant stehen lassen, wo wir später zu Mittag essen werden, weil sie nicht möchte, dass ich beide Strecken zu Fuß gehe. Der Rest versinkt im Nebel.

Ich hoffe einfach nur noch aus tiefstem Herzen, dass meine Mutter recht behält und es wirklich bald vorbei ist. Am besten noch vor meinem Geburtstag, damit ich ihn nicht ohne Nadine feiern muss.

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2 comments on “Worst Christmas

  1. Kein wirkliches “Gefällt mir”, mehr ein “Gelesen und ich denk an dich”…

  2. Ich wünsche dir ganz viel Kraft!

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