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…denn sie wissen nicht, was sie tun

Am Freitag fängt mich K. am Vormittag ab. “Hey, Fliegermädchen, ich hab dich schon gesucht. Komm mal kurz mit.” Da fällt mir siedend heiß ein, dass ich ihr ja den Zettel für die Datenschutzverordnung noch nicht unterschrieben abgegeben habe. “Ahja, K., sorry, ich hab total auf den Zettel vergessen, es war so viel los diese Woche! Ich bring ihn dir gleich!” – “Nein, darum geht es gar nicht. Komm einfach mal mit.”

Ich folge ihr, aus der Werkshalle hinaus, vorbei am Empfang. Was zum Teufel wollen wir da? K.´s Büro ist doch im Empore über der Halle. Hinter dem Empfang befinden sich nur mehr die Besprechungsräume, und in einen davon gehen wir. Als ich dort unseren Betriebsarzt sitzen sehe, ahne ich schon, worum es gehen wird. Und ich sollte recht behalten. K. seufzt und fängt an: “Okay, Fliegermädchen, bitte raste jetzt nicht aus, ja? Wir sind hier, weil wir mit dir reden wollen. Wir alle- und damit meine ich wirklich alle, sogar der Geschäftsführer hat schon nachgefragt, ob irgendwas los ist mit dir- machen uns Sorgen um dich, weil du immer weniger wirst in letzter Zeit.” Kein anderes Thema hatte ich erwartet. “Ja, das stimmt schon, ich habe etwas abgenommen. Ich hatte letztes Jahr ziemliche Probleme mit einer Essstörung und habe dann auch eine stationäre Therapie gemacht, aber das heißt leider nicht, dass es dann nie wieder Phasen gibt, in denen es mal nicht so gut läuft. Aber dessen bin ich mir ja bewusst und ich achte darauf, dass es nicht noch weniger wird.” – “Bist du denn noch irgendwo in Behandlung?” mischt sich der Betriebsarzt jetzt ein. “Ich bin alle 2 Monate bei meiner Psychiaterin.” – “Und warst du in letzter Zeit mal bei ihr? Was sagt die denn dazu?” – “Die lässt mir eigentlich freie Hand, solange sie nicht das Gefühl hat, dass es lebensgefährlich wird, und akzeptiert, dass ich im Augenblick nicht noch mehr Therapie möchte.” – “Ganz ehrlich, ich denke nicht, dass ein kurzes Gespräch alle 2 Monate ausreicht.” sagt er. “Ja, und wir stehen wirklich alle hinter dir. Also wenn du dir mal eine Auszeit nehmen willst damit du das bearbeiten kannst, du musst wirklich keine Angst haben, dass du rausgeworfen wirst. Du bist so wichtig für die Firma, solche Leute wie dich findet man nicht wie Sand am Meer.” meint K.

Ich versuche es ihnen zu erklären, dass man nach so langer Zeit einfach irgendwann keine Lust mehr hat auf Therapie, doch sie scheinen es nicht zu verstehen. “Das was du tust, ist gefährlich, du willst doch nicht mit 40, 50 Jahren schon sterben, oder?” meint der Betriebsarzt. Ich verkneife mir die ehrliche Antwort, denn das würden sie nicht verstehen.

“Und da ist noch was” fängt K. an. “Ich frag dich jetzt ganz direkt: Nimmst du irgendwas?” Scheiße. Okay, das kommt jetzt unerwartet. “Wie kommst du denn darauf?” frage ich, um Zeit zu gewinnen. “Ich fahre in meiner Freizeit Rettungseinsätze, ich sehe sowas” Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich damit, dass ich nicht sofort widersprochen habe, eigentlich schon alles zugegeben habe. “Hast du das Gefühl, dass meine Arbeit dadurch negativ beeinflusst wird?” – “Nein, darum geht es ja gar nicht, wir sind hoch zufrieden mit dem was du leistest, es geht uns um dich als Mensch, wir wollen dass es dir gut geht.” Wenn meine Arbeit nicht darunter leidet, wo ist dann das Problem? “Okay, dann bin ich schon mal beruhigt.” – “Du musst trotzdem irgendwas tun, Fliegermädchen. [Unser Chef] wird mich danach fragen, der wollte, dass wir dieses Gespräch mit dir führen. Und du solltest am Montag mal mit ihm reden und ihn einweihen. Wenn du möchtest, komme ich auch mit.” Ich überlege kurz, dann treffe ich eine Entscheidung. “Ich hätte ein besseres Gefühl, wenn du dabei bist” Wir vereinbaren eine Zeit, und endlich, nach fast 1,5 Stunden, ist das Gespräch vorbei. Den restlichen Arbeitstag bin ich zu nichts mehr zu gebrauchen. Besonders, nachdem K. kurz nach Mittag nochmal zu mir kommt. “Mir lässt das keine Ruhe. Was auch immer du konsumierst, du musst mir versprechen, dass du jetzt sofort damit aufhörst, ich kann das einfach nicht verantworten!” Auch wenn ich der Meinung bin, dass sie damit jetzt eine Grenze überschreitet- in der Werkshalle, wo jeder das Gespräch mitbekommen könnte, möchte ich nicht ausdiskutieren, dass ich nicht einfach mal eben aufhören kann. Zumindest nicht, wenn ich mich nicht die ganze nächste Woche wegen höllischen Entzugsschmerzen krank schreiben lassen will. Damit sie Ruhe gibt, verspreche ich es, weiß aber genau, dass ich es nicht halten werde.

Nun, ich habe mir etwas überlegt. Ich bin bereit, ihnen einen Schritt entgegenzugehen: Substitution. Dann haben sie ein besseres Gefühl und um ehrlich zu sein, ich hatte die letzten Wochen auch immer wieder mit dem Gedanken gespielt, einfach um aus der Illegalität rauszukommen, aber den Gedanken immer wieder verworfen weil ich nicht wusste, wie ich das auf der Arbeit erklären soll, dass ich jeden Tag zur Apotheke muss. Heute habe ich mit Paulina telefoniert, die ja im Programm ist, gefragt wo sie da ist und ob sie zufrieden ist. Dort werde ich morgen mal anrufen und dann habe ich auch schon etwas, das ich beim Gespräch am Nachmittag mit meinem Chef vorweisen kann. Wenn ihnen das nicht reicht- hm, dann haben wir ein Problem, denn solange meine Arbeit nicht darunter leidet, sehe ich nicht ein, dass ich mich in eine Therapie begeben soll, auf die ich eigentlich überhaupt keine Lust habe und wo mir einfach die Motivation dazu fehlt.

Sie wissen nicht, was sie mir damit antun, wenn sie mich zum leben zwingen wollen.

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