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Familienbesuch

Zum ersten Mal seit Langem waren wir alle 4 ein ganzes Wochenende zusammen. Es hat sich komisch angefühlt, Nadine und meine Eltern wirken so vertraut und eingespielt, wer wann ins Bad geht, wann gegessen wird, wer kocht… ich komme mir vor wie ein Fremdkörper. Mein Zimmer ist nun endgültig nicht mehr mein Zimmer sondern wurde neu ausgemalt, die Möbel wurden umgestellt und  es ist nun offiziell das Lernzimmer von Nadine. Ein kleines, ausziehbares Schlafsofa steht auch drinnen, damit ich wo schlafen kann wenn ich auf Besuch komme. Endlich sind die schwarzen Streifen von der Wand verschwunden, die das Legoauto hinterlassen hat, als… ach, es ist alles so lange her und ich möchte eigentlich nicht daran denken. Ich finde es jedenfalls gut, dass das Zimmer nicht mehr mein Zimmer ist.

Am Sonntag regnet es in Strömen. Ein kurzes Regenfenster nutze ich um mit meiner Mutter in den Garten zu fahren um Gemüse zu holen. Am Rückweg nicke ich weg, ich fühle mich total energielos. Ich erwache erst wieder, als wir durch die Garageneinfahrt fahren. Als ich aussteigen will, sagt meine Mutter: “Warte, bleib noch.” Ich bleibe brav sitzen. “Fliegermädchen, du schaust wirklich schlecht aus.” – “Inwiefern schlecht?” – “Total fertig. Ich habe eine medizinische Ausbildung, und ich sehe jeden Tag die Leute bei mir in der Arbeit. Bevor die sterben, schauen die alle so aus.” Ich kann es mir gerade noch verkneifen zu fragen, wie lange es ab dem Zeitpunkt, wo man so aussieht wie ich mittlerweile offenbar aussehe, dauert, bis man tatsächlich das Zeitliche segnet. Aber es wäre vermutlich nicht besonders taktvoll, weil sie schon wieder ganz glasige, rote Augen bekommt. “Aber es geht mir gut, Mama, wirklich. Ich fühle mich nicht schlecht. Klar gab es auch schon mal bessere Phasen, aber ich fühle mich wesentlich besser als letztes Jahr.” – “Das mag ja sein, dass du dich besser fühlst, wenn du dir irgendwas einwirfst, aber dein Körper macht das nicht mehr lange mit. Ich war erst am Freitag auf einem Begräbnis und habe gesehen, wie das für eine Mutter ist, wenn sie ihr eigenes Kind beerdigen muss. Ich möchte so etwas nicht erleben. Bitte pass auf dich auf.”

Sie hat es noch immer nicht verstanden, denke ich. Trotz dem Brief, den ich ihr vor 2 oder 3 Monaten mal geschrieben habe. Vielleicht kann man es auch nicht verstehen. Jetzt, wo ich darüber nachdenke, kann man es vermutlich wirklich nicht verstehen. Denn wieso sollte jemand wie ich sterben wollen, ich habe doch alles, eine Familie, einen liebevollen Partner, Freunde, einen Job, Hobbies, Haustiere, eine Wohnung. Und ich weiß das alles zu schätzen und bin wirklich glücklich darüber, ich betrachte das nicht als selbstverständlich. Aber ich bin einfach müde, so verdammt müde, ich habe einfach keine Kraft mehr.

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