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Anders

Das letzte Wochenende war anders als die bisherigen, die ich mit DC verbracht habe. Es war normaler. Kein sinnloses Dauerdruffen, wo ich am Ende von dem Wochenende mit viel Glück noch die Hälfte weiß. Gerade das, was man als Süchtiger eben braucht um zu funktionieren, aber sonst ganz normaler Pärchenalltag. Aneinandergekuschelt aufwachen, zusammen kochen, Arbeitsteilung im Haushalt (während ich für ihn Frühstücksgebäck holen war, hat er das Bett gemacht, aufgeräumt und die Wäsche zusammengelegt), spazieren gehen, Ausflüge machen…

Ich habe ein paar Dinge von meiner Sommer-To-Do-Liste erledigt. Ich war wandern, schwimmen (auch wenn es nur ein Sprung vom Tretboot ins Wasser war und zurück zum Boot) und bin barfuß gegangen (vom Bootsverleih zurück zum Auto).

Es war teilweise unglaublich emotional. Als wir zusammen diesen Berg bestiegen, uns an in den Fels gehauenen Drahtseilen entlanghangelten und ich mich irgendwann komplett erschöpft an einer etwas flacheren Stelle hinsetzte in der festen Überzeugung, niemals oben anzukommen und ich weinen musste vor Wut auf mich selbst, weil es sogar 7-jährige Kinder dort hochschafften (was im Nachhinein betrachtet doch irgendwie unverantwortlich von den Eltern erscheint, denn ein falscher Schritt kann dort wirklich den Tod bedeuten), und ich es vor 2,5 Jahren wahrscheinlich auch relativ leicht geschafft hätte, Trauer, Enttäuschung, Hilflosigkeit, alles brach aus mir heraus. DC setzte sich neben mich, nahm hielt mich fest, bis ich mich wieder halbwegs beruhigt hatte, fütterte mich mit Trauben, reichte mir die Hand, und Himmel, ich weiß nicht wie ich es da rauf geschafft habe, aber irgendwann standen wir da am Gipfel auf 1300m und konnten es selbst kaum glauben. Der Anblick, der sich uns bot, war magisch, der strahlend blaue Himmel, rundherum die fast schon surreal türkis-blauen Seen, in der Ferne im Süden die schneebedeckten Gipfel der Alpen… ich bin immer wieder beeindruckt von der Schönheit des Landes, in dem ich lebe und auch DC war tief bewegt.

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Auch woher ich die Kraft für den Abstieg genommen habe, kann ich nicht sagen. Einmal kamen wir vom Weg ab und krochen mehr auf allen Vieren über ein Feld aus losem Geröll, als dass wir aufrecht gingen. Bei jedem Schritt war ich überzeugt, dass mir beim nächsten einfach das Bein wegknicken würde, und trotzdem setzte ich einen Fuß vor den anderen und schaffte es irgendwie, mein Gewicht abzufedern.

Am Rückweg überraschte ich DC noch mit einer kurzen Tretboottour auf einem dieser wunderbaren Seen. Ich hatte heimlich eine meiner alten, großen Männerbadeshorts eingepackt, Badeklamotten für mich und Handtücher für uns beide. Die Badeshort passte ihm tatsächlich, und so trieb das Tretboot ein paar Minuten lang führerlos am Wasser.

Am Abend waren wir einigermaßen erledigt. Trotz des eigentlich schönen Tages hatte ich gute Lust, mich komplett abzuschießen oder mir eine Klinge in den Arm zu rammen. Zweiteres wollte ich DC nicht zumuten, Ersteres wollte mir mangels Material nicht wirklich gelingen und so lag ich einfach nur neben DC am Sofa und versuchte, nicht durchzudrehen. Irgendwann fiel mir im Halbdunkeln auf, dass er sich immer wieder mit dem Handrücken über Augen und Nase wischte- und zwar verdächtig oft. “Weinst du?” fragte ich ihn irgendwann. Er nickte nur. Ach du Scheiße. Innerhalb von Sekunden hatte ich meine eigenen düsteren Gedanken vollkommen vergessen, es gab nur noch DC, der mir seine verletzliche Seite zeigte wie noch nie zuvor. “Warum denn?” – “Weil ich morgen schon wieder fahre…” Ich zog ihn an mich heran, drückte ihn fest an mich, und dann lag er sicher 10 Minuten schluchzend in meinem Arm, während ich ihm über den Rücken streichelte und den Kopf kraulte. “Aber wir sehen uns doch wieder” versuchte ich ihn zu trösten. “Oder ist dir das schon mal passiert, dass du jemanden dann nicht mehr wiedergesehen hast und du hast deswegen so Angst davor, morgen zu fahren?” – “Nein, aber ich habe Angst, dass du irgendwelchen Mist baust.” – “Ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, dass ich nichts tue, was mich gefährdet, aber ich habe es doch bisher immer in einem Rahmen gehalten, in dem mich der Mist, den ich gebaut habe, nicht umgebracht hat. Oder habe ich irgendetwas gesagt, was dich zu der Annahme bringt, dass ich vorhabe ernsthaft Scheiße zu bauen?” – “Nein, es war einfach nur so ein Gedanke…”

Wir redeten noch eine Weile, dann beschlossen wir zu schlafen, weil uns die Erschöpfung des Tages übermannte. “Oh Mann, jetzt kann ich nicht schlafen, weil ich eine total verstopfte Nase habe und überhaupt keine Luft mehr bekomme.” sagte DC. “Das kenne ich, das hatte ich früher auch immer, wenn ich versucht habe, leise zu weinen. Dann ist die Nase irgendwann einfach dicht und es geht weder vor noch zurück. Leg dir noch einen von den kleinen Polstern unter, umso senkrechter der Kopf ist, umso besser kriegst du Luft.” Er befolgte meinen Ratschlag. “Ahja, das funktioniert tatsächlich, so ists schon viel besser.” stellte er fest. Ich lachte. “Tja, ich hab mich auch schon genug Nächte in den Schlaf geheult. Aber das Luft-Bekommen war bei mir nie das größte Problem, sondern ich habe nach dem Weinen immer unglaublichen Hunger bekommen, aber ich konnte ja nicht mitten in der Nacht aufstehen und anfangen in der Küche zu kramen, meine Eltern hätten mir den Kopf abgerissen.” – “Jetzt, wo du es sagst… ich habe tatsächlich Hunger. ” – “Soll ich die restlichen Trauben holen?” – “Ja, das wäre lieb… ”

Und dann sitzen da zwei Suchtis, füttern sich gegenseitig mit Trauben und starren hinaus in die Nacht. Und irgendwie sind sie doch einfach nur zwei Menschen, die sich lieben.

One comment on “Anders

  1. Das klingt nach einem wunderschönen, ganz besonderen Wochenende, ich freu mich grad richtig über diesen Beitrag – dass du so einen besonderen Menschen gefunden hast, dass du barfuß gegangen bist und dass die Trauben gut schmecken durften 🙂

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