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nicht in Worte zu fassen

Die letzten 4 Tage sind kaum in Worte zu fassen. Freitag früh hole ich DC vom Fernbus ab. Minutenlang liegen wir uns in den Armen, links und rechts strömen die Menschen an uns vorbei, doch in diesem Moment gibt es nur uns beide.

Eigentlich wollte ich zumindest diese eine Substanz nicht konsumieren, während er da ist. Zu wenig hatte ich noch davon, für zweimal reichte die verbleibende Menge vielleicht noch. Das ändert sich schlagartig, als ich am Sonntag neben ihm aufwache und mich einfach nur beschissen und krank fühle. Mein Schädel droht zu zerspringen, ich habe keine Stimme, meine Nase läuft und alles in mir schreit nach Konsum. Entzügig aufzuwachen kann gar nichts. DC merkt sofort, dass etwas nicht stimmt. “Hey, was los?” fragt er und streicht mir sanft über die Wange. “Ich fühl mich einfach nur beschissen. Eigentlich wollte ich mir den Rest ja aufheben, aber es geht grade echt nicht.” antworte ich, sammel meine letzten Kraftreserven, krabbel auf dem Schlafsofa nach vorne zum Couchtisch und mache mir schnell eine Dosis fertig. “Machst du das immer im Bad? Ist das nicht unbequem am Boden?” will DC wissen, als ich mit der Spritze in der Hand in Richtung Bad verschwinde. “Nein, eigentlich am Sofa, aber du sollst nicht dabei zugucken müssen.” Auch wenn er meint, es würde ihm nichts ausmachen- nie, niemals soll mich irgendjemand mit der Nadel im Arm dasitzen sehen. Ich möchte nie so tief sinken, dass es mir egal ist, wenn mich jemand so sieht. Klar gäbe es auch andere Konsummethoden, doch in diesem Moment möchte ich einfach nur, dass es so schnell wie möglich aufhört. Am Anfang musste immer alles gleich sein- immer am Sofa, immer mit derselben entspannenden Musik im Hintergrund, immer dasselbe flauschige Shirt an, sonst ging es fast mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit daneben. Mittlerweile hat sich so viel Routine eingeschlichen, dass ich es vermutlich auch auf dem Klo eines fahrenden Zuges zusammenbringen würde, wenn es sein muss. Schon lange war die Erleichterung nicht mehr so groß, als mich diese warme weiche Welle überrollt und ich bleibe erst mal mit geschlossenen Augen an die Heizung gelehnt sitzen und genieße den Moment. Vorsichtig räume ich alle Utensilien weg, tapse wieder zurück ins Wohnzimmer, krabbel wieder zu DC unter die Decke und kuschel mich wieder an seine Brust. “Alles wieder gut?” fragt er und krault mir den Kopf. “Ja, alles gut. Jetzt ist wieder alles gut.”

So viel von dem Wochenende verschwimmt im Nebel. Ich weiß, dass ich irgendwann neben DC liege, der Tränen in den Augen hat. Ich weiß nicht mehr wieso, aus irgendeinem Grund spielt er mit dem Gedanken, seinen Plan, am Abend etwas bestimmtes mit mir zu konsumieren über den Haufen zu werfen. Jetzt liegt es an mir, einfach da zu sein. Ich drücke ihn fest an mich. “Dann nehmen wir das heute nicht, ist doch egal. Lass uns doch einfach mal einen Abend lang nicht komplett dicht sein, grade nur so viel nehmen dass wir nicht entzügig werden und einfach um Mitternacht ins Bett gehen, wie ganz normale Menschen.” schlage ich vor, auch mit dem Hintergedanken, daran, dass diese Beziehung für uns beide langfristig nicht gesund sein kann, wenn wir ständig nur drauf sind wenn wir Zeit zusammen verbringen. Doch er lehnt ab. “Nein, ich hab mich schon die ganze Woche darauf gefreut…” und so verschwimmt der Abend wieder im Nebel.

Er kocht Gemüsecurry für uns. Ganz selbstverständlich wäscht er danach das Geschirr wieder ab. Obwohl ich nur eine kleine Portion esse, fühle ich mich unendlich mies danach, so mies, dass mir fast die Tränen kommen. Er lacht nicht, er redet es nicht klein, er nimmt mich in den Arm, sagt mir dass ich davon bestimmt nicht zunehme, dass das nur eine kleine Portion war und ich mir keine Sorgen machen brauche, bedeckt mein ganzes Gesicht mit Küssen bis ich lachen muss.

Und da sind da die vielen lustigen Momente. Als wir Zwei Stunden lang die Spinne an meiner Zimmerdecke beim Fliegen Fangen anfeuern. Oder, als wir Baden wollen, und aus irgendeinem Grund kein Warmwasser mehr kommt, nachdem die Badewanne gerade mal ein paar Zentimeter gefüllt ist und wir alle 4 Herdplatten anschalten, Wasser aufsetzen und die Badewanne auf diese Art und Weise mit heißen Wasser füllen.

Die Tage sind verflogen und alles, was noch daran erinnert, dass er jemals hier gewesen ist, ist das Hemd, das er mir dagelassen hat und ich kann nicht anders, als immer wieder mein Gesicht darin zu vergraben und diesen Geruch einzuatmen, der in den letzten Tagen so vertraut geworden ist. Es ist so selbstverständlich geworden, neben ihm einzuschlafen,  neben ihm aufzuwachen, ich glaube ich habe in den 4 Nächten so viel geschlafen wie sonst in einer ganzen Woche nicht.

Und auch wenn ich mehr bei mir behalten habe als sonst, habe ich abgenommen. Mittlerweile bin ich nur mehr 1,8kg von dem BMI entfernt, den sie in der Klinik als “lebensgefährlichen Bereich” bezeichnet haben, ab dem es Ausgangsbeschränkungen gab. Ich verstehe das nicht, ich habe ja gegessen, aber ich weiß nicht… vielleicht ist der Körper langsam einfach zu kaputt.

2 comments on “nicht in Worte zu fassen

  1. Oh Fliegermädchen. Irgendwann kommt einfach kein Beitrag mehr und jeder weiß doch was passiert ist.
    Und eine kurze Anmerkung zu einem der “besten” Sätze aus diesem Beitrag (“ich habe ja gegessen”): Etwas essen und AUSREICHEND essen ist ein gewaltiger Unterschied, den du tief in dir drin – sofern nicht von Drogen zerfressen – kennst.

    • nein, so würde es nicht laufen. Für den Fall den du meinst würde trotzdem eine Benachrichtigung hier kommen, damit ist jemand in meinem Umfeld beauftragt. Ich finde es immer ganz schrecklich, wenn ich einen Blog gerne lese und plötzlich einfach nichts mehr kommt und ich nicht weiß, ob die Person einfach ihre Sachen gepackt hat und spontan ausgewandert ist und jetzt ein glückliches Leben führt (den Fall hatte ich tatsächlich mal) oder tot ist (hatte ich auch schon). Deswegen habe ich mir mal geschworen, immer dafür zu sorgen, dass mein(e) Blog(s) “ordentlich” abgeschlossen werden, sollte mir auf welche Art auch immer etwas zustoßen.

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