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Liebe

Nie, nie hätte ich gedacht wie sehr dieses Wochenende mein Leben verändern wird, als ich am Freitag um 5 Uhr morgens – natürlich nach einer durchgemachten Nacht-  in den Fernbus zu D. C. steige. Die Busfahrt zieht sich dahin, aus Angst die Haltestelle zu verpassen traue ich mich nicht, mich zu dicht zu machen. Und dann ist es 9 Stunden später endlich so weit, mit klopfendem Herzen wähle ich seine Nummer. “Hey. Also ich wäre jetzt da…” – “Okay, komm einfach raus, ich warte vorm Bahnhof.” Ich betrete die Straße und da sehe ich ihn schräg gegenüber lässig auf einer Mauer sitzen.

Dennoch sind die ersten Stunden holprig. Ich stehe ziellos bei ihm in der Wohnung und bin überfordert. Darf ich mich zu ihm aufs Bett setzen? Mich an ihn kuscheln, so wie ich es eigentlich gerne tun würde? Erst nachdem ich mir Lorazepam eingeworfen habe, werde ich entspannter. Es muss irgendwann Freitag Nacht gewesen sein, als wir uns näher kommen, und ich seine Hände auf meinen nackten Armen spüre. Er kommentiert die Narben nicht, er sagt nur: “Du hast unglaublich dünne Arme, Fliegermädchen.” Am nächsten Tag weiß ich nicht mehr, ob er das tatsächlich gesagt hat oder ob ich mir das eingebildet habe, besonders nachdem er mir am nächsten Tag lachend erzählt: “Du hast so viel wirres Zeug gelabert bevor du eingeschlafen bist!”  Als ich am Samstag neben ihm im Bett aufwache, fühlt es sich schon ganz natürlich an, ihm so nahe zu sein. Erst am Abend überwinde ich mich, ihn danach zu fragen und erfahre, dass dieses Gespräch tatsächlich stattgefunden hat.

So weit, so normal, doch was Sonntag früh passiert, sprengt meine Erwartungen. Noch nie habe ich einen Menschen so nah an mich herangelassen. Noch nie habe ich es genossen, auf diese Art und Weise berührt zu werden. Und noch nie wollte ich von mir aus einen fremden Körper so genau erforschen. Vielleicht liegt es daran, dass ich endlich jemanden gefunden habe, der sexuell genauso unerfahren wie ich, vielleicht liegt es an dem Zeug, das ich mir die letzten 48 Stunden eingeworfen habe, ich weiß es nicht. In dem Moment ist zwischen uns so viel Vertrauen, ich habe das Gefühl, all meine Unsicherheit, alle meine Zweifel mit ihm teilen zu können. Mindestens 10 Mal frage ich ihn: “Ekelst du dich nicht vor mir?” und er wird nicht müde, mir zu antworten: “Nein, ich ekel mich nicht vor dir. Du bist perfekt so wie du bist.”

Ich weiß nicht ob ich ihn liebe oder die Drogen. Und ich weiß nicht ob er mich liebt oder die Drogen. Und ich weiß nicht ob eine Beziehung zwischen zwei Süchtigen überhaupt gesund sein kann, denn Fakt ist, wir haben beide mehr konsumiert als sonst. Das wirre, stellenweise unleserliche Gekritzel in meinem Tagebuch, das ich auf der Rückfahrt fabriziert habe, bevor ich aufgegeben habe als mein Kopf zum x-ten Mal das Buch berührt hat, ist der beste Beweis dafür.

Ich weiß nur, dass ich ihn unglaublich vermisse und nicht aufhören kann, an unsere gemeinsame Zeit zu denken.

Du und ich wir sind wie Kinder
Die sich lieben wie sie sind
Die nicht lügen und nicht fragen
Wenn es nichts zu fragen gibt
Wir sind zwei und wir sind eins
Und wir sehn die Dinge klar
Und wenn einer von uns gehen muss
Sind wir trotzdem immer da
[Nena- Liebe ist]

One comment on “Liebe

  1. “Ich weiß nicht ob ich ihn liebe oder die Drogen. Und ich weiß nicht ob er mich liebt oder die Drogen.” – Tja, dieses Dilemma ist mir aktuell nicht unvertraut. Ich persönlich denke, man liebt in so einem Kontext in erster Linie die Intensität, die durch die Verbindung von Zuneigung und Chemie entsteht. Und es wird seinen Grund haben, dass man dieses doch irgendwann schal werdende Extrem einer gesunden Beziehung vorzieht. Bewerten muss man das nicht. Ich persönlich stelle mir aber immer häufiger die Frage, inwieweit diese Art von Verbindung mit meinen eigentlichen langfristigen Wünschen und Idealen übereinstimmen kann. Denn die Genussfähigkeit hat leider ein Ablaufdatum. Alles Gute für dich- ich lese deinen Blog sehr gerne.

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