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Ostern

Ostern war verwirrend. Gegen Mittag treffe ich im Haus meiner Eltern ein, mein Vater ist noch unterwegs. Nadine ist natürlich nicht da, das hatte meine Mutter ja schon angekündigt. Wir kochen Kartoffeln. Mit Bärlauchspinat aus dem Bärlauch, den ich mitgebracht hatte. Meine Mutter hat ein Glas Kichererbsen neben dem Herd stehen. Mich macht das nervös.  Will sie die da ernsthaft reingeben? Ich kann doch unmölich Kartoffeln und Kicherersen essen. “Wofür sind denn die?” – “Na die kommen in den Spinat!” – “Aber wieso? Wir haben doch eh die Kartoffeln als Beilage?” – “Soll ich die nicht reingeben?” – “Kannst du schon, wenn du welche haben magst. Ich kann mir ja meinen Teil vom Spinat aus dem Topf nehmen, bevor du sie dazugibst.” – “Nein, nur für mich mach ich das Glas jetzt auch nicht auf, dann esse ich eben mehr Kartoffeln.” sagt sie und tut so, als wäre das alles kein Problem, obwohl ich weiß, dass sie innerlich seufzt und sich an den Kopf greift. Als wir am Tisch sitzen, versuche ich so schnell wie möglich zu checken, welcher der kleinste Kartoffel ist, packe ihn auf meinen Teller und zwei Löffel Spinat dazu.

Danach überrollt mich die Müdigkeit. Ich sitze teilnahmslos am Sofa, sie versucht ein Gespräch mit mir zu führen, aber ich bin nicht in der Lage darauf einzugehen. “Magst du dich hinlegen?” – “Ja…nein… ich weiß nicht… ich glaub ich könnte gar nicht schlafen, mir ist kalt.” – “Hast du deine Kirschkernkissen mit?” – “Ja…” – “Wo sind sie? Dann mache ich sie dir warm.” Obwohl ich komplett fertig bin, kämpfe ich mich vom Sofa hoch. Ich kann sie unmöglich in meinem Rucksack kramen lassen, was sie da alles finden würde…

Ich gebe ihr die Kirschkernkissen mit. Im Haus ist keine Mikrowelle, das heißt wir können sie nur im Ofen wärmen. Ich rolle mich am Sofa zusammen. Ich spüre, wie meine Mama mich vorsichtig zudeckt, aber ich bin nicht mal in der Lage die Augen zu öffnen. Ein paar Minuten später geht sie in die Küche und kommt mit meinen Kirschkernkissen wieder. “Fliegermädchen? Jetzt sind sie warm.” Eines klemme ich zwischen die Füße, das zweite an meine Wange. Achso, ich muss mich noch bedanken. Es dauert unglaublich lange, bis ich in meinem Kopf den Satz formuliert habe und meinen Mund zwingen kann, sich zu öffnen und die Wörter hinauszulassen. “Danke Mama.” Eine Minute später bin ich weg.

Irgendwann komme ich wieder zu mir. Meine Mama sitzt neben mir und liest. Verschlafen reibe ich mir die Augen. “Wie spät ist es?” – “Kurz nach Fünf.” – “Was?! Aber wir wollten ja noch zum Baumarkt damit wir den Rostumwandler und die Drahtbürste kaufen können…” Während dem Kochen hatte ich in meiner Hyperaktivität noch eifrig Pläne geschmiedet, was ich alles noch erledigen wollte: Zum Baumarkt, die genannten Gegenstände besorgen, damit den schmiedeeisernen Blumentisch im Garten restaurieren, die verwelkten Pflanzen aus den Beeten entfernen… doch nach dem Essen, auch wenn es nicht viel gewesen war, hatte mein Körper den Überlebenskampfmodus offenbar vorrübergehend deaktiviert. “Macht doch nichts, das kann ich doch alles nächste Woche besorgen!” – “Ja schon, ober ich wollte dir doch helfen!” Ich ärgere mich über mich selbst, dass ich so schwach war und eingeschlafen bin, wo ich mich doch so gerne handwerklich austobe. Aber es noch vor 18:00 zum Baumarkt zu schaffen, ist ziemlich unwahrscheinlich. Kurze Zeit später kommt auch mein Vater, jetzt bin ich wieder halbwegs fit und in der Lage zu kommunizieren. “Ich freue mich schon soooo aufs Ostersachen suchen morgen, die Verstecke hier kenne ich ja noch gar nicht!” sage ich. Die letzten Jahre haben meine Schwester und ich immer darauf bestanden, die Schokolade suchen zu dürfen, uns teilweise die Sachen auch gegenseitig versteckt, auch wenn sich unsere Eltern augenverdrehend angeschaut haben und grinsend meinten: “Seid ihr nicht schon zu alt dafür?”, was wir aber stets verneint hatten. “Fliegermädchen, das muss jetzt wirklich mal ein Ende haben. Du bist jetzt wirklich zu alt dafür!” sagt meine Mutter. Da ist kein Grinsen, kein Lächeln in ihrem Gesicht wie die Jahre davor. Ein unangenehmer Moment. Ich weiß nicht was ich sagen soll. “Okay, machen wir einen Kompromiss.” schlägt meine Mutter schließlich vor. “Weil das ja das erste Ostern im Haus ist, verstecken wir die Sachen noch ein letztes Mal. Aber danach ist wirklich Schluss.” – “Und wenn sich Nadine und ich die Sachen gegenseitig verstecken?” – “Das müsst ihr euch ausmachen.”

Das Gespräch lässt mich verwirrt zurück. Warum diese Ablehnung? Die paar Süßigkeiten hinter dem Buch im Bücherregal, in dem leeren Topf im Schrank oder so zu verstecken, nimmt nicht viel Zeit in Anspruch. Und ich weiß auch, dass mein Vater das gerne macht. Aber wieso soll es dann ab nächstem Jahr vorbeisein damit? Was will meine Mutter damit bezwecken? Was ist falsch an meinem Bedürfnis, meine Ostersachen zu suchen?

Somit ist es kein Wunder, dass ich in der Nacht kaum zur Ruhe komme und gerädert aufstehe. Obwohl sich alles in mir dagegen wehrt, esse ich ein in Blätterteig eingewickeltes Bärlauchblatt und danach noch eine halbe mit Marmelade gefüllte Blätterteigtasche. Nadine fehlt mir. Ja, es ist nicht das erste Mal, dass Nadine zu Ostern nicht bei uns ist- aber es ist ein Unterschied, ob jemand nicht da ist weil er auf Reisen ist oder ob man weiß, dass dieser Mensch nicht dabei sein will, weil er einen selbst nicht erträgt. Nach dem Frühstück bin ich wieder total kaputt und während sich mein Vater im Wohnzimmer ans Verstecken macht, schlafe ich im Wintergarten. Als er mich weckt, suche ich mein Osternest vielleicht zum letzten Mal. Danach wird gespielt, Mittagessen gekocht und gegessen und dann macht mir meine Mutter vorsichtig klar, dass es Zeit für einen “Schichtwechsel” ist. Hintereinander fahren wir Richtung Stadt, doch während sie am Bahnhof abbiegt um Nadine aufzusammeln fahre ich weiter Richtung Autobahn und komme 2,5 Stunden später im Kaff an. Ich will nur noch dicht sein, vergessen, vergessen.

Als ich mein Werk mit dem neuen Zeug aus der Apotheke vom Vortag vollendet habe, huscht mir doch ein kleines Lächeln übers Gesicht. Ich hatte ihm die Originalverpackung mitgenommen und gesagt, dass ich genau das gleiche wiederhaben möchte. “Diese Größe haben wir gar nicht da. Aber nehmen Sie diese hier, die sind geeigneter.” hatte er gesagt. Und er hatte recht gehabt. Nicht nur, dass er mich behandelt hatte wie einen normalen Menschen, er hatte mir sogar noch Material verkauft, mit dem die ganze Sache sauberer und komplikationsloser vonstatten geht. Und ich möchte ihn nochmal umarmen.

Vom Montag weiß ich nichts mehr.

 

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