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Ich kann das nicht mehr

Nadine habe ich seit gestern Nachmittag nicht mehr gesehen. Irgendwann gegen  18:00 bin ich auf der Matratze am Boden in meinem alten Zimmer eingeschlafen, gegen 21:00 wach geworden, kurz mal ein Lebenszeichen gegeben, nachgelegt und bis heute Früh um 9 nicht mehr viel mitbekommen von der Welt.

Um 9 bewege ich mich mal vorsichtig Richtung Wohnzimmer. Meine Eltern sitzen beim Frühstückstisch, Nadine ist noch nicht da. Ich setze mich dazu und überlege gerade, ob und was ich essen will, als meine Mutter in Tränen ausbricht. “Wir werden das zukünftig so machen, dass wir Geburtstage getrennt feiern. Ich bin einfach schon zu alt dafür, ich kann das einfach nicht mehr, dir dabei zusehen, wie du in deinem Essen herumstocherst.”

Nun ja, wenigstens spricht sie es einmal aus. Was folgt ist ein einstündiges Gespräch, in der ich meine Sicht der Dinge darzulegen versuche. “Weißt du, sie sieht halt bei ihren Freundinnen, wie große Geschwister auch sein können…aber du wirst ihr halt einfach nie das geben können, was andere Schwestern ihren kleinen Geschwistern geben können” erklärt mir meine Mutter. Ich versuche nicht zu zeigen, wie sehr mir das wehtut.

Natürlich war mir klar, dass die Situation für meine Familie nicht einfach ist. Und dennoch habe ich nach dem Gespräch noch mehr den Eindruck, dass es für sie alle eine große Erleichterung wäre, wenn die Polizei eines Tages anrufen würde und sagen würde: “Wir haben Ihre Tochter tot in ihrer Wohnung gefunden.” Ja, es wäre ein Ende mit Schrecken, aber so ist es ein Schrecken ohne Ende, eine ständige Angst um mich, die sich wie ein dunkles Tuch über die ganze Familie legt. Wenn ich tot wäre, könnten sie endlich damit abschließen.

7 comments on “Ich kann das nicht mehr

  1. …oder wenn Du gesund würdest….
    Es ist schwer, jemandem beim Sterben zuzuschauen, den man lieb hat.
    Aber ich kann Dich auch verstehen.
    Du musst ja mit alldem leben, was in Dir ist, und niemand sonst.

    • Ja klar, gesund werden wäre natürlich die beste Alternative. Aber ich hab keine Ahnung ob ich das überhaupt kann, ich habe das Gefühl, bei jedem (Fehl)versuch in die Richtung ist meine Familie hinterher nur noch enttäuschter und das möchte ich ihnen (und mir) auch ersparen.
      Es ist halt aktuell wirklich so, dass sie mehr darunter leiden als ich selbst. Ich für mich habe die aktuelle Situation einfach so akzeptiert wie sie ist, aber – das hat mir meine Mutter heute auc gesagt – sie haben halt den Eindruck, dass mein Leben ja in dieser Situation gar nicht lebenswert sein kann, was halt einfach nicht stimmt.

      • Nun, wenn du dein Leben auch mit Krankheit als lebenswert empfindest, warum magst du dich dann “deiner Familie zuliebe” umbringen? Das verstehe ich nicht so ganz. Letztendlich ist es deine Entscheidung, aber auch ich denke, dass du es nicht deinen Eltern unterstellen sollst, dass sie ohne dich weniger Sorgen hätten.

      • Ja, ich empfinde mein Leben als lebenswert, aber ich habe auch das Gefühl, schon genug gelebt zu haben. Wie so eine alte Frau, die auf ein ereignisreiches Leben zurückblickt und sich denkt: “Es war eine echt geniale Zeit, so viele Höhen und Tiefen… aber ich bin so müde, ich glaube langsam wird es Zeit zu gehen.” Ich bin lebensmüde, aber in einem positiven Sinn. Meistens zumindest.
        Ich habe das auch nicht so gemeint, dass ich mich ihnen zuliebe umbringen will. Aber ich denke dennoch, dass es für sie (zumindest derzeit) langfristig wirklich einfacher wäre, auch wenn es erst mal ein Schock wäre. Und das schreibe ich nicht, weil ich glaube, dass sie mich nicht gern haben und froh wären, mich los zu sein, sondern genau das Gegenteil: Weil sie mich unglaublich lieben. Und ich will mir gar nicht vorstellen, wie schrecklich das ist, jeden Tag den Gedanken im Hinterkopf zu haben, dass 200km entfernt das eigene Kind unglaublich leidet und langsam und qualvoll vor die Hunde geht, aber das ist genau das, was meine Eltern glauben (ich bin gerade dabei, ihnen einen sehr offenen Brief zu schreiben um eben unter Anderem genau das richtigzustellen). Und wenn ich mich in diese Lage versetze, finde ich, dass der Gedanke: “Sie leidet nicht mehr, sie hat ihren Frieden gefunden” auf Dauer emotional sicher weniger belastend ist.

  2. Boah du kreist wirklich permanent um dich selbst. Ernsthaft, die leiden doch jetzt schon unter deiner Krankheit, und du glaubst ernsthaft, es wäre einfacher für sie wenn du tot bist? Red es dir doch nicht schön: vielleicht ist es nur für dich einfacher. Bisschen egoistisch, oder?!

    • Ja, das glaube ich ernsthaft, denn dann müssten sie sich nicht mehr jeden Tag Sorgen um mich machen und ständig in Angst leben, was jetzt wieder kommt.
      Aha, wenn jemand sterben möchte, ist das egoistisch, weil ja die Angehörigen darunter leiden. Und wenn du einem geliebten Menschen sagst, er darf nicht sterben, nur damit es dir nicht schlecht geht, ist das nicht egoistisch? Sorry, der Logik kann ich nicht ganz folgen.
      Zitat aus “Auf der Spur der Schattenschwester”: “Wenn jemand wirklich sterben möchte, kann ihn keiner aufhalten, keiner ist dazu berechtigt, ein anderes Leben zu bestimmen. „Du darfst dich nicht umbringen, ich käme damit nicht klar. Weißt du, was du mir antun würdest?“ Ist diese Einstellung etwa nicht egoistisch? Was hat denn das für einen Sinn, wenn man sich, bloß um die Umwelt zu verschonen, Tag für Tag durchs Leben quält? Da fragt man sich, wer hier wirklich egoistisch ist…”

      • Vorweg: Ich selbst war noch nie ansatzweise suizidal, daher fällt es mir generell schwer nachzuvollziehen, wie jemand “garnicht mehr leben” als bessere Alternative zu “leben” sehen kann und ich kann mich besser in die Seite deiner Familie einfühlen. Trotzdem denke ich, das einzige Leben, für das man verantwortlich ist, ist das eigene (sofern man nicht die Verantwortung für ein Kind oder einen anderen Menschen übernommen hat, der diese nicht selbst tragen kann). Daher ist es natürlich dein gutes Recht, mit deinem Leben zu machen, was du möchtest.
        Was ich aber eigentlich sagen möchte: Ich empfinde es als extrem unfair deiner Familie (und deinen anderen Mitmenschen) gegenüber, wenn du sie als Rechtfertigung benutzt, sterben zu “dürfen”. Als würdest du damit der ganzen Welt einen Gefallen tun, als wärst du nur eine Last und eine Zumutung.
        Es ist gut möglich, dass deine Familie auch mal Erleichterung darüber empfindet, dass sie sich keine Sorgen mehr darum machen müssen, wie es dir geht. Oder darüber, dass sie wissen, dass du jetzt kein Leid und keinen Schmerz mehr empfinden kannst. Aber ich kann dir versichern, es wird auch sehr, sehr, viele Momente geben, in denen sie dir liebend gerne bei jeder Mahlzeit dabei zuschauen würden, wie du deine Essstörung pflegst, wenn sie dafür nur weiter dein Lächeln sehen, deine Stimme hören, dich im Arm halten, mit dir spielen/streiten/diskutieren/Dinge erleben könnten. Du bist schon sehr lange krank und ich glaube das fällt dir schwer zu sehen, aber du bist trotzdem nicht nur deine Krankheit. Und deine engsten Menschen um dich herum sehen auch nicht nur die Krankheit in dir, sondern auch auch die geliebte junge Frau, die einen festen Platz bei ihnen im Herz hat.
        Du hast oben auf den Kommentar geantwortet, dass du nicht weißt, ob du überhaupt gesund werden kannst. Die Frage kann dir natürlich keiner beantworten, ich finde allein schon die Frage “was ist gesund?” schwierig zu definieren. Wo ich mir allerdings sehr sicher bin: Du hast noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, nicht alle Wege ausprobiert. Auch wenn es sich für dich vielleicht so anfühlt, der Weg auf dem du jetzt bist, ist nicht der einzige, der dir noch offen steht. Aber die Entscheidung leben zu wollen, kannst und musst du genauso für dich alleine treffen, wie die Entscheidung nicht mehr leben zu wollen. Nur für andere Menschen kann man nicht gesund werden. Ich würde dir so sehr wünschen, dass du diesen Funken Lebenswillen in dir findest und dich darauf einlässt, ihn wieder größer werden zu lassen und dich den Monstern entgegen zu stellen, die da auf dich warten.
        Aber bitte: “unterstelle” deiner Familie nicht, dass sie froh wären, wenn du tot bist.

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