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Countdown

Heute ist Allerheiligen. Mit diesem Feiertag konnte ich bisher nicht wirklich etwas anfangen. Ich habe mich eigentlich nur gefreut, dass keine Schule ist bzw. dass ich nicht arbeiten muss. Es sind in meiner Umgebung bisher erstaunlich wenige Menschen gestorben, die mir wichtig waren. Für mich hatte der Tag keine Bedeutung.

Dieses Jahr ist es anders. Da mein bisheriges “Stamm-Forum” ziemlich ausgestorben ist und sich meine Problematik ja in eine andere Richtung verlagert hat, bin ich jetzt häufiger in einem anderen Forum unterwegs. Dort gibt es auch einen Gedenk-Thread für verstorbene User. Außerdem gibt es einen entsprechenden Vermerk unter dem Usernamen bzw. dem Avatar, sodass bei alten Beiträgen ersichtlich ist, ob der User schon tot ist.

Irgendwie ist es erschreckend zu lesen, wie viele es erwischt. Teils mit Absicht, teils nicht,aber das Ergebnis ist ja das gleiche, außerdem hätte es die meisten wohl sowieso früher oder später erwischt, wenn sie die Entscheidung nicht selbst getroffen hätten.

Und ich kann auch nicht mehr verdrängen, dass ich sterbe. Jeden Tag ein bisschen mehr. Ich bin an meinen körperlichen Grenzen angekommen. Natürlich war es naiv zu glauben, ich könnte mir abwechselnd die Seele aus dem Leib kotzen, mich halb zu Tode hungern, mich mit irgendwelchen Selbstverletzungen an den Rand einer Blutvergiftung befördern und mir Zeugs in die Blutbahn jagen, das dort in solchen Konzentrationen definitiv nicht hingehört, ohne dass das einen Einfluss auf meine Lebensdauer hätte- aber ich habe das geglaubt, ich habe es wirklich geglaubt. Und das war vielleicht der größte Selbstbetrug, dem ich je auf den Leim gegangen bin.

Ich fühle mich nicht wie 23, ich fühle mich wie 75. Der Körper schmerzt, Krämpfe in den Beinen, nichts funktioniert, man quält sich von Tag zu Tag. Darüber denkst du nicht nach, wenn du 12 bist oder 15 oder 18. Du hältst dich für jung, unbesiegbar, unkaputtbar, aber du bist es nicht, du bist es einfach nicht. Bis du an diesem Punkt bist, diesem verdammten Point of no return, und du merkst: Okay, jetzt geht es los. Und du beginnst zu begreifen, dass du es versemmelt hast, selbst wenn du dein Leben jetzt radikal ändern würdest, es würde den Prozess nicht mehr aufhalten. Wie der Countdown einer Bombe, wenn er einmal läuft kannst du im Dreieck springen, dir mit Lippenstift pinke Herzchen ins Gesicht malen oder dich auch einfach nur heulend am Boden zusammenrollen, der Countdown läuft trotzdem weiter. Als Kind dachte ich immer der Tod ist ein Moment. Und ich fand das auch immer komisch, wenn ich aus Erzählungen gehört habe, dass manche Menschen wissen, wann es mit ihnen zu Ende geht und sich dann noch verabschieden oder so, aber ich glaube, ich bin gerade dabei, es zu verstehen. Der Tod ist kein Moment, der Tod ist ein Prozess, ein Countdown. Und wenn man nicht gerade spontan von einem Blumentopf erschlagen wird, spürt man auch, wenn es soweit ist, das glaube ich mittlerweile.

Ob mir das Angst macht? Ich würde lügen, wenn ich behaupte, dass ich keine Angst hätte. Aber ich glaube, es würde mich verrückt machen, wenn ich mich dieser Angst zu sehr hingebe. Und ich verstehe auch, warum sich manche Menschen dann lieber umbringen als zu warten, bis der Countdown abgelaufen ist. Denn dann haben sie noch ein letztes bisschen Selbstbestimmtheit, ein letztes bisschen Kontrolle über die Situation.

Ich habe nicht das Gefühl, dass ich persönlich zu jung bin, um mit 23 oder 24 zu sterben. Ich habe vermutlich jetzt schon mehr Gefühlsextreme erlebt als so mancher normaler Mensch in einem Durchschnittsleben. Ich habe Träume verwirklicht, geliebt, gehasst, gelernt zwischen den Zeilen zu lesen.  Ich kann mit reinem Gewissen sagen, dass ich alles erledigt habe, viel erlebt habe und dem da oben sicher nicht am Eingang eine klatschen würde, bloß weil er mich ein bisschen früher herausgeholt hat als es heutzutage üblich ist. Ich habe gelebt, in einer Intensität, für die dieser Körper nicht geschaffen ist.

Psychisch war ich schon lange müde, schon lange bereit, aber jetzt spüre ich, dass auch der Körper müde wird. Es hat schon eine gewisse Ironie, dass mich all diese Dinge, die ich getan habe, um mich am Leben zu erhalten, letztendlich umbringen. Aber sie haben mir zumindest Zeit geschenkt.

Ich kann nur wiederholen, was ich schon so oft gesagt habe: Was mich tatsächlich umgebracht hat, ist das Wissen. Ich habe zu früh zu viel über diese Welt gewusst.

Irgendwie ist es auch gut zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin. An all die vorausgegangenen, zerbrochenen Seelen da draußen, wir sehen uns wieder, an dem Platz, wo wir alle hingehören.

There´s a light, there´s the sun

Taking all shattered ones

To the place we belong

(Trading Yesterday- Shattered)

3 comments on “Countdown

  1. Hallo Fliegermädchen, ich habe dich für den Mystery Award nominiert! Ich würde mich freuen, wenn du mitmachst! Die Details findest du hier: https://untertauchen.wordpress.com/2017/10/29/mystery-blogger-award-zum-zweiten/
    Liebe Grüsse,
    Ut

  2. du wirst noch ne weile leben 😉 ich leb auch noch auch wenn ich mich gerade tot fühle unso

    psychisch war ich lange müde
    körperlich kommt langsam

    ja ma springt nichtmehr wie mit 17 jahr
    wie sagte mal mein fahrschulprüfer zu meinem fahrlehrer und ich mein der mann war kein biologe oder so “so ab 17 gehts körperlich nur abwärts” ich seh das au so und weiss es, wir tauschten ja mails, ich muss aus stolz erwähnen meine prüfung dauerte kaum 5 minuten!

    zja, es gibt 2 möglichkeiten, links oder rechts rechts iss der tod und links das überleben
    ich steh gerade ja auch auf der mitte und “befangen” ich hoff ich schaff den absprung vor dem tot
    du wirst das sicher auch schaffen und vieleicht halbwegs normal leben
    glaub mir das iss einfach, ich würg mich nachher irgendwas zu essen rein und damit iss der tag gerettet

    liebe ehrliche grüsse sebastian

  3. da es kein material für ein kommentar ist maile ich
    ja icvh hab grad was gegessen und könnt beinahe kotzen 😛
    ich maile eine weisheit
    am besten tust den kommentar nicht veröffentlichen, einfach weil trigger unso

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