Leave a comment

Schizophren

Umso länger ich über einen gewissen Umstand nachdenke, umso stärker macht sich eine Befürchtung in mir breit.

Schon am ersten oder zweiten Tag lief mir in der Produktionshalle ein Mitarbeiter über den Weg. Das Gesicht kam mir irgendwie bekannt vor, er grinste mich an und grüßte mich, ich grüßte zurück. Kurz überlegte ich, woher ich ihn kennen könnte, mir fiel aber auf die Schnelle nichts ein. Schließlich begnügte ich mich damit, dass er Robert ein bisschen ähnlich sieht und mir sein Gesicht deswegen irgendwie bekannt vorgekommen war. Und vielleicht ist besagter Mitarbeiter ja einfach nur ein freundlicher, fröhlicher Mensch der bemüht ist, dass sich neue Mitarbeiter wohlfühlen. Ist doch auch etwas Schönes.

Heute hatte mich, wie “angedroht”, der Kollege, mit dem ich zukünftig hauptsächlich zusammenarbeiten werde, zum Mittagessen abgeholt. Es war nicht so schlimm wie befürchtet, ich aß einfach nur eine Suppe und fertig. Danach gingen wir raus und redeten, damit wir uns auch mal ein bisschen kennenlernen. Auf diesem Weg erfuhr ich auch, dass es für meine Stelle zahlreiche Bewerbungen gegeben hatte – und jetzt kann ich es noch weniger fassen, dass ausgerechnet ich den Job bekommen habe. ” […] hat schon total viel Druck von oben bekommen, dass er endlich jemanden einstellen soll, aber er hat die ganze Zeit gesagt, er findet niemanden. Er geht da halt nicht nach Qualifikation, sondern hauptsächlich nach der Persönlichkeit.” erzählte er mir. Und den Eindruck hatte ich ja auch- denn für mich hat das Bewerbungsverfahren eigentlich diesen Eindruck hinterlassen: “Scheißegal was du vorher gemacht hast, wieso du ein halbes Jahr lang nicht gearbeitet hast, du bist sympathisch, unkompliziert und kommst mit den Leuten hier klar? Passt, dann hast du den Job.”

Jedenfalls war es dann wieder Zeit für die Arbeit und wir gingen zurück in die Halle, wo uns wieder besagter Grins-Mitarbeiter entgegen kam und das tat, was er am besten kann: Grinsen. “Das ist H., den wirst du sicher auch noch kennenlernen. Der ist ein bisschen schizophren.” Erst mal nahm ich das nicht ernst. “Schizophren” im Volksmund ist ja schnell mal einer, der Stimmungsschwankungen hat und seine Meinung häufig ändert. Ich sagte: “Also ich finde ihn sympathisch, der hat mich gleich am ersten Tag so nett angegrinst.” – “Ich komme auch total gut zurecht mit ihm. Aber das war kein Spaß, der ist wirklich ein bisschen schizophren. Er ist ein sehr nachdenklicher Mensch und denkt über Dinge nach, die die meisten hier merkwürdig finden. Über zwischenmenschliche und emotionale Dinge und so.”

Und schlagartig kam mir ein böser Verdacht. Was ist, wenn ich ihn aus der Psychiatrie kenne? Er war sicher nicht mit mir auf der gleichen Station, so durch den Wind war ich bei keinem Aufenthalt dass ich mich daran nicht erinnern könnte, aber es gibt so viele Stationen. Kann gut sein, dass er auf einer anderen war und wir uns ein paar Mal am Gelände oder im Krankenhaus begegnet sind. Naja, zugegeben, wenn ich ihm während dem Entzug begegnet bin, kann es gut sein, dass ich es einfach vergessen habe, falls er mit mir auf einer Station war. Außer die zwei Mitpatienten, die ich nachher nochmal gesehen habe, würde ich heute vermutlich niemanden mehr auf der Straße erkennen. Oder eben einfach nur dieses: “Hm, von irgendwo her kenne ich den…”

Ja, ich weiß, da ist verdammt viel hineininterpretiert. Robert ist ja auch einer meiner “Psycho-Bekanntschaften”, da ist im Kopf vielleicht schon automatisch die Assoziation dieser Gesichtszüge mit Psychiatrie vorhanden. Und der Beschreibung nah dürfte er ja allgemein ein sensibler, eher “spezieller” Mensch sein, und manche kennen das vielleicht, man sieht jemanden, man schaut sich an und man weiß sofort: Mit diesem Menschen bin ich auf einer Wellenlänge. Vielleicht ist also alles ganz harmlos und ich mache mir schon wieder viel zu viele Gedanken um nichts.

Trotzdem werde ich ihn mal bei Gelegenheit scheinheilig fragen: “Kann es sein, dass wir uns irgendwo schon mal über den Weg gelaufen sind? Dein Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ich habe keine Ahnung woher.” und hoffen, dass er nicht antwortet: “Ja, klar, dieses Jahr im Februar, in der Psychiatrie, weißt du noch? Du warst doch dieses Skelett, das halbtot durch die Gänge getorkelt ist, oder?”

 

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: