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Provokation

“Die Wirtin vom Heurigen bei mir im Ort hat uns zusammen am Stadtfest gesehen.” hatte Ben letzte Woche, als ich bei ihm gewesen war, angefangen. “Und?” – “Sie hat ein bisschen über dich… naja, ich sag mal, gelästert.” – “Was hat sie denn gesagt?” – “Was ich mit dir will. Und dass du so dünn bist. Und wegen deinen Narben. Das ist mir übrigens schon öfter aufgefallen, wenn ich zusammen mit dir unterwegs war, die Leute starren dich an.”

Ich merke manchmal, dass ich auffalle. Allerdings vermutlich wirklich nicht in dem Ausmaß, in dem es anderen auffällt, die mit mir unterwegs sind und nichts an sich haben, was öffentliches Aufsehen erregt. Ich habe mich wohl, gerade jetzt gegen Ende der T-Shirt-Saison einfach daran gewöhnt, dass die Blicke eben länger an mir haften bleiben. Und wenn ich dann mal so Tage habe, an denen ich tatsächlich meine wahrzunehmen, dass mich jeder anglotzt, versuche ich mir meistens einzureden, dass ich mir das einbilde. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

“Na das scheint ja eine sehr sympathische Frau zu sein. Das sind so Leute, wo ich am liebsten ganz provokativ in möglichst kurzer Hose und Trägertop auftauchen würde, damit sie auch ja schön viel zum Glotzen hat”  – “Das würdest du wirklich machen?” – “Ja klar! Die haben ja sowieso schon ihre Überzeugungen und Vorurteile, da ist es auch schon egal.” Und Ben hatte nur noch breit gegrinst.

Und so kam es, dass wir heute gemeinsam zu ebendiesem Heurigen fuhren, nachdem ich ihm geholfen hatte, eine Matratze und einen Lattenrost für sein neues Bett auszusuchen (“Ich hab dich eigentlich deswegen mitgenommen, damit du mir sagst, ob du auf der Matratze auch gut schlafen würdest. Ich habe ja immer noch die Hoffnung, dass das doch irgendwann mal passiert.” – “Das hatte ich schon befürchtet…” – beeindruckte ihn aber kaum). Ich hatte eine Shorts von meiner Schwester an, in der ich mich unglaublich nackt fühlte, aber was tut man nicht alles, um ein bisschen den provokant-rebellischen Teenager raushängen zu lassen. Dann hatte ich noch ein Trägertop mit einem möglichst tiefem Ausschnitt aus meinem Schrank gekramt. Der Wirtin fielen tatsächlich fast die Augen aus dem Kopf und sie konnte es nicht bleiben lassen, meine Figur mehrmals zu kommentieren. Ben hinkte aber kaum hinterher, denn ihm fiel nichts Besseres ein, als mich während dem Essen zu fragen: “Wie schauts denn bei dir mit dem Gewicht aus?” – “Themenwechsel.” – “Komm, sag schon.” – “Nein, das ist meine Sache.” – “Hast du abgenommen?” – “Ich habe keine Lust, über so etwas beim Essen zu reden.” – “Aber nachher hast du Lust?” – “Ääääähm…nein.”

Trotz Allem war Ben hinterher enttäuscht. “Was die normalerweise so raushaut… die war ja echt lieb zu dir!” Aber ich warte erst mal ab. Denn solche Leute sagen es einem meistens nicht direkt, sondern lästern dann eher hinterm Rücken. Ich bin mal gespannt, was mir Ben nach seinem nächsten Besuch dort erzählt.

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