2 Comments

Verboten

Es gibt Tage, die gehören ganz einfach verboten. Der heutige gehört definitiv dazu.

Nachdem ich gestern 2,5 Stunden mit meinen Eltern quer durch die Stadt gelatscht war, dachte ich eigentlich, dass ich so müde sein sollte, dass ich endlich mal zumindest bis 6 schlafen kann. Weit gefehlt. Bis Mitternacht Sudokus gelöst, dann ständig aufgewacht und ab 3:45 ging gar nichts mehr. Einfach nur zermürbend, sich 2 Stunden lang im Bett hin und her zu wälzen bis man endlich aufstehen darf. Denn müde oder so bin ich ja tagsüber nicht obwohl ich so wenig schlafe, die Warterei bis es 6 ist und wir aus den Zimmern dürfen ist einfach nur unglaublich nervig.

Aber schließlich ist es endlich so weit, ich gehe meine 20 Fluchttreppen vor dem Frühstück und setzte mich dann zum Frühstück. Soweit, sogut. Ich bin gerade dabei die obere Rinde von der ersten Scheibe Vollkornbrot zu lösen (das entsprechende Ritual habe ich ja schon eingehend beschrieben), als eine Schwester zu mir kommt. “Frau A.?! Sie haben Blutabnahme!”. Ich bin verwirrt und die Anspannung schießt nur so nach oben. Das hätte mir doch jemand sagen müssen? “Sind Sie sicher, dass Sie mich meinen? Ich habe jetzt ja schon was gegessen, mir hat das niemand gesagt!” – “Doch, das steht in Ihrem Akt. Es geht nur um die Elektrolyte, da ist es egal, ob Sie schon etwas gegessen haben.” Schön für sie. Trotzdem. Wenn es eh egal ist ob ich was gegessen habe, dann kann ich ja wohl auch noch fertig frühstücken?! Ich esse gerade. Hallo?!

Trotzdem bin ich im ersten Moment so perplex, dass ich aufstehe und mitgehe. “Ist das wirklich okay für Sie?” fragt die Schwester nochmal. Ich nehme all meinen Mut zusammen und sage: “Nein, eigentlich nicht. Das hätte mir doch vorher mal jemand sagen können, ich mag das nicht mit solchen Sachen überfallen zu werden- und schon gar nicht während dem Essen.” – “Okay, dann machen wir das eben morgen.” Ich gehe zurück zum Frühstückstisch, aber an entspanntes Essen ist nun nicht mehr zu denken. Die 2 Scheiben Vollkornbrot würge ich irgendwie hinunter, aber der Streichkäse landet in der “Für-Alle-Schublade” im Kühlschrank.

Nach de Frühstück komme ich auch nicht zur Ruhe- Achtsamkeit steht am Programm. Die Übung bringt genau gar nichts, denn meine Konzentration ist weg und ich bin froh, als ich um 8:30 endlich aus dem Gruppenraum darf. Doch weit komme ich nicht, die Schwester fängt mich wieder ab. “Ich glaube, es wäre wirklich besser, wenn wir die Blutabnahme heute machen, nicht, dass Sie dann Ärger bekommen deswegen. Und Drogenharn bräuchte ich auch noch von Ihnen. Das hat man Ihnen angeblich letzten Mittwoch in der Visite gesagt. ” Altaaaaa. Kein Schwein hat mir das gesagt. Wunderprächtig, das wird ja immer schöner. “Häh?! Das wüsste ich dann ja wohl noch, oder? Das hat mir definitiv niemand gesagt. Blut abnehmen können Sie von mir aus jetzt gleich, aber aufs Klo muss ich grade nicht.” Ich lasse mich also pieksen und gehe dann zu Kunst. Dort komme ich wenigstens ein bisschen zur Ruhe, ich lasse mich von der Kunsttherapeutin nicht in den Wahnsinn treiben, auch wenn sie ihr Bestes gibt. Und natürlich muss ich dann während der zweistündigen Kunsttherapie aufs Klo, muss aber die Zähne zusammenbeißen Schließmuskel zusammenpressen. Als die Kunsttherapeutin eine Mitpatientin fragt, ob sie es laufen lassen konnte, und diese verneint, möchte ich am liebsten aufspringen und schreien: “Ich würde aber gerne!”

Nach Kunst gehe ich also zum Stützpunkt um mir den Pinkelbecher zu holen. Doch anders als erwartet kommt die Schwester mit Gummihandschuhen zu mir. “Wo wollen Sie? Im Zimmer oder im Stationsbad?” – “Sie schauen mir zu????!!!!” – “Muss ich, ist leider Vorschrift. Haben Sie noch nie Drogenharn abgeben müssen?” – “Nein. Ich verstehe auch gar nicht, wieso! Bei meinem letzten Aufenthalt musste ich das nie, wenn ich etwas gemacht habe habe ich das gemeldet und fertig!” – “Dazu kann ich leider auch nichts sagen, am besten Sie besprechen das im nächsten Einzel.”  Und ob ich das tun werde. Der Typ kann sich auf was gefasst machen. Ich stehe einfach nur sprachlos da. “Den meisten Patienten ist es im Stationsbad lieber, da ist es nicht so beengt. Sie können auch gerne den Wasserhahn aufdrehen, wenn Ihnen das dann lieber ist.” Obwohl es meine “Drogenharnprämiere” ist, geht es erstaunlich schnell. Trotzdem schäme ich mich in Grund und Boden, es ist einfach so erniedrigend, vor einem fremden Menschen in einen Becher pinkeln zu müssen.

Es ist kurz vor dem Mittagessen, ich foltere noch ein wenig die Fluchttreppe und hole dann mein Essen aus dem Essenswagen. Doch der Anblick ist zu viel. Der Fahrer dürfte unvorsichtig gewesen sein und irgendwo angefahren sein. Die Knoblauchsuppe ist auf dem ganzen Tablett und in der Schüssel mit dem Pfirsichkompott verteilt. Keine Suppe, kein Pfirsichkompott, obwohl ich mich so darauf gefreut hatte.

Ich schwänze die Essbegleitung und verbringe die Zeit damit, mir meine Oberschenkel zu zerschneiden mit dem Ergebnis: Ja, ich kann es noch. Auch gut zu wissen. Und ich bin mal sehr gespannt, wie mir mein Therapeut das morgen erklärt.

2 comments on “Verboten

  1. Ich glaube wenn ich das hätte machen müssen mit den Pipi machen und mir schaut jemand dabei Zu, hätte ich geweint. Ich kann ja nicht mal, wenn meine Mama früher mal im Bad war

    • Danach war mir auch, hätte aber vermutlich an der Situation nichts geändert. Wobei, ob Drogen in Tränen auch nachweisbar sind…? Dann wäre das doch eine deutlich weniger peinliche Alternative 😀

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: