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Zwölf

Schon am Mittwoch war die Schwester zu mir gekommen. “Frau A.  könnten Sie bitte hinunter in die interne Ambulanz gehen?” Häh? Was soll ich in der Internen? War etwas bei der Blutuntersuchung nicht in Ordnung? Aber wieso untersuchen die mich dann erst jetzt, die Ergebnisse sind doch schon seit 3 Wochen da? “Sind Sie sicher, dass Sie mich meinen? Außerdem habe ich in 15 Minuten Einzel, ich kann also jetzt nicht runtergehen.” Die Schwester ging und kam nicht wieder. Ich ging also davon aus, dass tatsächlich eine Verwechslung vorgelegen hatte. Kann ja mal passieren.

Am Freitag dasselbe Spiel. Ich bin gerade am puzzeln, um die Zeit bis Körperwahrnehmung totzuschlagen. “Sind Sie sicher, dass sie mich nicht verwechseln? Ich habe keine körperlichen Beschwerden oder so. Außerdem muss ich in 10 Minuten zur Körperwahrnehmung” sage ich. Normalerweise wird man nur zu den Konsiliarambulanzen geschickt, wenn irgendwelche körperlichen Beschwerden abgeklärt werden müssen. “Ich frage Dr. B. nochmal. Haben Sie dann noch irgendetwas nach der Körperwahrnehmung?” – “Nein, dann habe ich bis zur Stationsrunde nichts mehr”. Nach Körperwahrnehmung kommt die Schwester nochmal zu mir. “Ich habe mit Dr. B. gesprochen, er möchte einfach nur wissen ob körperlich alles in Ordnung ist, reine Routine. Ich gebe Ihnen Ihren Akt, dann können sie gleich runtergehen.” Mit dem Akt unterm Arm verlasse ich die Station Richtung interne Ambulanz. Kaum bin ich ums Eck, bleibe ich erst mal stehen und schlage den Akt auf. Ich finde die Ergebnisse der Blutuntersuchung und verstehe nun die Opiatdiskussion von vor 3 Wochen. Als ich 2015 wegen den Benzos hier war, war der Blutwert um etwas mehr als das doppelte erhöht, was nicht verwunderlich war, bei dem, was ich mir da täglich eingeworfen habe. Und diesmal war der Opiatwert mehr als doppelt so hoch wie er sein sollte, was schon verwunderlich ist, wenn man bedenkt, dass der Konsum da schon mehrere Tage zurücklag. Sonst gibt es aber nichts Aufregendes zu entdecken, die Nierenwerte könnten besser sein, und das altbekannte Leukozytenproblem ist auch noch immer vorhanden. Ich gehe in die Ambulanz und gebe dort meinen Akt ab. Minuten später werde ich zum EKG geholt. Meine Freude hält sich in Grenzen, mir ist sowieso schon eiskalt, und dann werde ich auch noch mit der Salzlösung besprüht. Doch nach dem EKG werde ich nicht wie sonst wieder hochgeschickt, sondern gebeten, noch ein wenig zu warten. Ein paar Minuten später werde ich in ein anderes Zimmer gerufen. Dort sind eine Schwester und ein Arzt. “Haben Sie irgendwelche Beschwerden?” will der Arzt wissen, während er in meinem Akt blättert. Einen Moment lang überlege ich, die Herzprobleme zu erwähnen- allerdings sind die ja seit dem “Ausbruch” der Essstörung weniger geworden. Außerdem ist mein Therapeut auf der Station der Meinung, das Herzrasen sei psychosomatisch. Obwohl mir Hypochondrie in meiner Diagnosensammlung noch fehlen würde, schweige ich also lieber und verneine. “Kreislauf? Verdauung? Verstopfung?” fragt der Azt weiter. “Naja, Verstopfung schon hin und wieder” gebe ich zu. Was ja kein Wunder ist, denn wenn oben nix reinkommt, kann unten nix rauskommen, und das, was nach und nach unten ankommt, hat genug Zeit um richtig hart zu werden, sodass man das Gefühl hat, durch den Hintern ein Kind zu gebären, wenn es dann nach über einer Woche endlich mal wieder so weit ist. Der Arzt scheint zufrieden und nimmt sein Diktiergerät zur Hand. “Obstipation durch Opiatabusus, Punkt.” Spricht er hinein. Zu mir gewandt sagt er: “Das kommt durch die Opiate. Sie sollten damit aufhören.” Ich überlege, ob ich im erklären soll, dass die Verdauungsprobleme eher mit der Essstörung als mit dem unregelmäßigen und derzeit praktisch gar nicht vorhandenen Opiatkonsum zusammenhängen, lasse es dann aber bleiben und nicke einfach nur brav. “Ziehen Sie bitte Socken und Schuhe aus und stellen Sie sich dann auf die Waage. Die bestimmt Fett- , Wasser- und Muskelanteil im Körper, deswegen ist es wichtig, dass sie mit den Füßen genau auf der Markierung stehen, sonst stimmt die Messung nicht.” Ich bin froh, dass ich meine Kleidung anlassen darf und ziehe Schuhe und Socken aus. Danach stelle ich mich auf die Markierungen und umfasse mit den Händen die metallernen Haltegriffe. Nach ein paar Sekunden piepst die Waage und ich darf wieder hinunter. “Ihr Gewicht ist viel zu niedrig.” stellt der Arzt fest. Ach nein. “Ihr Körperfettanteil liegt bei 3%, das ist ziemlich wenig, bei Ihrem Gewicht ist das nur etwas mehr als 1 Kilo Körperfett.” Okay, damit kriegt er mich dann doch. Klar, ich weiß, dass ich wenig Fett am Körper habe. Ich merke das jeden gottverdammten Tag, wenn ich mich auf irgendeine ungepolsterte Fläche setzen soll. Ich meine, mich daran erinnern zu können, dass der gesunde Körperfettanteil einer Frau irgendwo bei 20% liegt. Ich hätte damit gerechnet, dass es bei mir vielleicht 10% oder so sind, aber es sind fucking 3%. Ich stelle mir eine Packung Mehl vor und versuche mir vorzustellen, wie sich die an meinem Körper verteilt. Das reicht ja nicht mal fürs gesamte Unterhautfettgewebe, geschweige denn für das, was der Körper sonst noch an Fett braucht.

“Der Wasseranteil ist zu hoch.” fährt er fort. “Die Blutwerte sind nicht schön, aber zumindest nicht in einem lebensgefährlichen Bereich. Alles in Allem kann man sagen, dass Sie auf dem körperlichen Stand einer Zwölfjährigen sind.” Na das passt dann ja immerhin zu meiner aktuellen Kleidergröße.

Er druckt die Ergebnisse der Zauberwaage aus, legt sie in meinen Akt und schickt mich wieder hoch. Ein ziemlich schräges Bild, die Markierung für das Körperfett ist ganz links, die fürs Wasser ganz rechts, zumindest die Muskelmasse liegt im unteren Normalbereich. Das wundert mich ehrlich gesagt, aber bestärkt mich zumindest in der Vermutung, dass ich vor der Essstörung für eine Frau ungewöhnlich muskulös war. Wenn ich mir überlege, wie viel Kraft (und damit Muskelmasse) ich in den letzten Monaten eingebüßt habe und trotz allem ist der Wert noch im unteren Normalbereich. Dabei bringe ich jetzt keine drei Liegestütze mehr zusammen, es gab Zeiten, da waren 15 kein Problem. Was muss ich da wohl an Muskelmasse gehabt haben?

Nachdenklich gehe ich zurück auf die Station.

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