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Alles Irre da herinnen

Altaaaaa… mir fehlen die Worte, wirklich. Und das will schon etwas heißen, denn normalerweise finde ich für so ziemlich alles Worte. Ich schreibe sie zwar lieber auf anstatt sie auszusprechen, aber normalerweise sind sie da. Aber heute… nein, ich weiß echt nicht, was ich sagen soll.

Nach dem Katastrophenwochenende fehlte mir heute komplett die Motivation und ich schwänzte Frühstück und Morgenrunde. Interessanterweise ohne Konsequenzen. Auch gut. Bin dann einfach um 8:15 direkt runter zur Ergotherapie, die ich lustigerweise zusammen mit Melanie und einem anderen Typen von ihrer Station hatte.

Danach Visite. Heute war ja der Oberarzt da und ich hoffte, ihn dazu bewegen zu können, näheres wegen der Psychosomatikstation herauszubekommen. Er erwartete mich vor der Tür. “Na, trauen Sie sich nicht rein?” fragte er. “Doch, oder habe ich etwas zu befürchten?” antwortete ich. Dann klingelte sein Telefon. “Gehen Sie schon mal rein und reden Sie mit meinem Kollegen!” sagte er. Wenn ich gewusst hätte, was noch auf mich wartet, hätte ich seine Frage definitiv anders beantwortet…

Der andere Arzt war der, der schon bei meinem Anamnesegespräch dabei gewesen war. Ich berichtete von dem verkorksten Wochenende, der Kotzerei, der Selbstverletzung. Als der Oberarzt dazukam, erfuhr er auch davon. “Was habe ich Sie bei der letzten Visite gefragt?” wollte er wissen. “Sie haben Einiges gefragt.” – “Ich habe Sie gefragt, ob Sie sich mal selbstverletzt haben, und Sie haben nein gesagt. Und jetzt sitzen Sie hier mit einer solchen Verletzung.” Häääh? Bitte was? Ich soll behauptet haben, ich hätte mich noch nie selbstverletzt? “Kann es sein, dass Sie mich mit irgendwem verwechseln? Weil…. ” – “Sie wissen schon, dass das ein Entlassungsgrund ist, ja?” – “Nein, das wusste ich bisher nicht, und ich könnte mich nicht daran erinnern behauptet zu haben, dass…” – “Wann wollen Sie gehen?” – “Naja, wenn Sie sagen, Sie entlassen mich jetzt deswegen, dann packe ich meine Sachen, was sollte ich denn sonst machen?” – “Auf die Psychosomatik kommen Sie mit solchen Aktionen gar nicht erst, wenn Sie so etwas machen stufen Sie die als viel zu instabil ein.” – “Also als ich 2015 dort war, war ich ja genau wegen den Selbstverletzungen dort, und damals…” – “Ah, wieder mal jemand, der alles besser weiß. Wieso sage ich überhaupt noch etwas dazu.” …waren solche Verletzungen kein Problem, solange man bereit war, darüber zu reden beendete ich den Satz im Stillen. Wieder klingelte sein Telefon und er verließ den Raum. Ich hätte am liebsten losgeheult, aber das wollte ich nicht, er sollte nicht sehen, wie sehr er mich mit seinen Worten verletzt hatte. Der andere Arzt hatte inzwischen in der Konsiliarambulanz die Dermatologin angerufen, um sie nach Rat zu fragen. Sie wollte sich die Sache selbst ansehen. Nach wenigen Minuten kam der Oberarzt wieder ins Zimmer. Mal sehen, ob er mich jetzt gleich vor die Tür setzen würde oder bis morgen warten würde. “Also den Wochenendausgang für nächstes Wochenende können Sie vergessen.” sagte er zu mir, und zur Schwester: “Und du zeigst ihr mal ein paar Skills.” Ich verstand die Welt nicht mehr. Jetzt plötzlich doch keine Entlassung? Häh?

Und schon stand ich mit meiner Krankenakte vor der Türe. “Wissen Sie, wo der Konsiliarbereich ist, oder soll sie jemand begleiten?” Ich starrte die Schwester nur wortlos an, noch immer leicht geschockt von dem, was gerade passiert war. Ihre Worte sickerten in Zeitlupentempo durch mein Gehirn und ehe ich in der Lage war, eine Entscheidung zu treffen, sagte sie: “Schon in Ordnung, ich schicke Ihnen die Praktikantin, die soll Sie begleiten.” Sie lieferte mich dann in der Konsiliarambulanz ab und ich fragte mich zur Dermatologin durch. Die war zum Glück recht entspannt. Ich versicherte ihr, dass ich das schon mehrmals gemacht hatte, mit einem ähnlichen Ergebnis und dass das bisher immer problemlos abgeheilt war und damit war sie dann auch zufrieden. 5 Minuten später stand ich wieder vor der Tür. Aber wenn ich meine Akte schon mal in der Hand hatte… ich verzog mich in ein Eck und begann zu lesen. Somit weiß ich jetzt, dass ich Lorazepam als Bedarf bei Selbstmordgedanken habe- gut zu wissen. Keine Ahnung, ob die etwas von meiner Benzovergangenheit wissen, aber es ist mir auch egal. Und ganz oben in der Akte lag eine Zusammenfassung des Anamnesegesprächs. Was stand da geschrieben: “Patientin war 2015 wegen Selbstverletzungen auf der psychosomatischen Station in Behandlung.” Aha. Aber Hauptsache, der Oberarzt behauptet, ich hätte Selbstverletzungen abgestritten. Wenn es doch sogar in den Aufzeichnungen vom Anamnesegespräch steht…?!

Danach war es schon Zeit fürs Mittagessen. Das stellte mich heute vor eine besondere Herausforderung, denn das einzige fleischlose Gericht für heute war Nougatknödel und noch dazu hatten die Schwestern bei der Speiseplaneingabe das Minus vor der Menünummer ignoriert und mir zusätzlich Vanillepudding bestellt, obwohl ich den eigentlich nur gestern wollte. Aber in dem Moment ging der Vielfraß an meinem Tisch vorbei und ich sah meine Chance gekommen. “Magst du einen Vanillepudding? Ich wollte eigentlich nur gestern einen, aber die haben mir heute schon wieder einen dazubestellt.” Leider haben die meisten Leute Hemmungen, Lebensmittel von Essstörungspatienten anzunehmen- so auch er. Doch die Magersüchtige, die wie immer wie ein aufgescheuchtes Huhn zwischen Esstisch, Küche und Speiseplan hin- und herrannte, bekam das mit und kam zu meinem Tisch. “Wenn man einmal einen Zusatz bestellt, lassen die das immer drin, du musst dazuschreiben, wenn du das wieder abbestellen magst. Soll ich das mal schnell machen?” Innerlich verdrehte ich die Augen, aber wenn sie unbedingt einen Grund sucht, wieder auf der Bestellliste herumzukritzeln… von mir aus. “Ja, das wäre lieb, danke.”

Den Pudding parkte ich erst mal im Kühlschrank, weil ich zur Entspannungsgruppe musste. Als ich wieder in mein Zimmer kam, fand ich einen Zettel auf meinem Nachttisch: “Das mit der Notiz “Vanillepudding nicht mehr” hab ich doch wieder rückgängig gemacht, weil ich hatte so ein schlechtes Gewissen, weil es ja super wäre wenn du ihn magst und isst. Wenn du ihn aber wirklich nicht mehr bekommen willst, musst du es halt nur einer Schwester kurz sagen, dass sie fürs Mittagessen den Zusatz rausgeben soll. Fühle mich echt mies deswegen, tut mir leid dass ich mich da eingemischt habe. Liebe Grüße [Die Magersüchtige].”

Aaaaaltaaaaah. Diese Frau würde mich irre machen, wenn ich es nicht schon wäre, und so macht sie mich noch irrer. Weil wenn sie an meinem Nachttisch war… hat sie die Schubladen geöffnet? Hat sie in meinem Tagebuch gelesen? Hat sie in meinen Schrank geschaut? Ich darf gar nicht daran denken.

Medikamente wurden übrigens erhöht, nachdem der Oberarzt meine aktuelle medikamentöse Behandlung als insuffizient bezeichnet hat. Diese geringe Dosis könne ja gar nicht wirken. Und ich dachte mir nur, wie schon so oft, dass eine Psychopharmakatestpflicht für Psychiater eingeführt werden sollte. Aber ich versuchte gar nicht erst, zu diskutieren, ob ich abends eine halbe oder eine ganze Tablette in meiner Nachttischlade verschwinden lasse, ist im Grunde genommen egal.

Und jetzt soll mir mal jemand sagen, wie ich nicht kotzen soll, wenn alles hier zum Kotzen ist.

2 comments on “Alles Irre da herinnen

  1. Oh man was für Arschlöcher das alles sind. Tschuldigung aber anders kann man es nicht sagen. Für mich sind das widerliche Sadisten die ihre Macht an Menschen in Not ausleben. Es tut mir so leid für dich, dass du sowas erleben musst. Hättest du irgendeine Chance komplett die Klinik zu wechseln?
    Wünsche dir alles Gute.

  2. Nur mal so, ne dumme Idee:
    Kannst du mal bei so einem Gespräch dein Handy mitlaufen lassen? Dann kannst du dir das Gespräch später nochmal anhören. (Vielleicht klingt es ja nicht akut in der Situation weniger schlimm..) Gegebenenfalls kannst du dann auch mal einige Stellen dem Personal zeigen und sie mit ihren Aussagen konfrontieren/nachhacken, ob das denn so gemeint war, wie du es verstanden hast.
    Oder sag denen gleich, dass du das aufnimmst, vielleicht sind sie dann alle ganz nett plötzlich.
    (Wenn du da mal 1-2 Gespräche gesammelt hast, hast du immerhin Beweise für deine Behandlung, falls die dir einreden wollen, sie seien immer nur lieb und nett gewesen)
    Halt uns auf dem Laufenden!
    Drücke dir die Daumen, dass da bald was angenehmeres passiert, das dich weiterbringt. Keep fighting! (Nicht gegen die anderen/das Personal, sondern für dich und dein Wohlergehen)
    Liebe Grüsse
    Chnopfchopf

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