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Ein Tag in der Anstalt

6:15: Der Schizo läuft den Gang auf und ab. Der Vielfraß bittet die Schwester um die erste Zigarette des Tages und ignoriert ihr: “Herr P., Sie wissen, Sie müssen sich die einteilen!”. Nach und nach begeben sich weitere Patienten, teils im Bademantel, in den Tagraum.

7:00: Die Schwestern machen Dienstübergabe. De Schizo fragt, wann aus dem Embryo ein Fötus wird. Niemand der Anwesenden hat eine Antwort auf die Frage.

7:15: Der Essenswagen wird auf die Station gefahren. Alle Patienten, außer den Essgestörten und mittel bis schwer Depressiven, stellen sich hungrig an und warten darauf, dass die Schwestern ihn öffnen und das Frühstück verteilen.

7:30: Die Magersüchtige verschwindet mit ihrem Frühstückstablett in der Küche. Was auch immer sie dann dort damit macht. Die Schwestern fahren mit einem Wagen herum, verteilen Tabletten und Fresubin an die Magersüchtigen, messen Blutdruck (“Nein, Frau M., Sie müssen sich hier nicht ausziehen”).

7:45: Morgenrunde. Es herrscht Anwesenheitspflicht und ungefähr 2/3 der Patienten ist tatsächlich da. Der Bosnier kommt in Winterjacke herein und reißt das Fenster auf. “Zieh doch erst mal die Jacke aus!” faucht der Bordi und macht das Fenster wieder zu. Die Schwester kommt herein und jeder Patient muss von seinem Therapieplan vorlesen, welche Therapien er heute wann hat. Der Bosnier lässt es sich, wie jeden Morgen, nicht nehmen, zu erwähnen, dass um 7:45 Morgenrunde ist. Nachdem alle Termine besprochen sind, wird die Morgenrunde für beendet erklärt.

9:00: Stationsrunde. Eine Frau der Krankenhausseelensorge zündet eine Kerze an, stellt sie im Fernsehraum auf den Boden und verteilt Luftschlangen darum herum. Die 2-Jährige der Iranerin beäugt das Spektakel fasziniert. Ein Teil der Anwesenden hofft, sie möge die Luftschlangen anzünden. Die Frau verteilt Kopien mit einer Maske, die alle anwesenden Patienten ausmalen sollen. Danach folgt eine Gesprächsrunde über Masken und Identität.

10:00: Die Patienten mit mittelschweren Depressionen begeben sich zum Frühstück. Der Schizo läuft am Gang auf und ab und ruft: ” 7 weiße Osterhasen! Das ist die Prophezeihung!”.

11:00: Die schwer Depressiven begeben sich zum Frühstück.

11:30: Mittagessen. Die Magersüchtige verschwindet mit ihrem Tablett in der Küche. Die Schwestern verteilen Tabletten. Danach kehrt Ruhe auf der Station ein. Nur der Vielfraß fragt immer wieder am Stützpunkt nach Zigaretten (“Herr P., es ist erst Mittag! Sie haben sonst für den restlichen Tag keine mehr!”)

14:30: Leibtherapie für den Großteil der Patienten im Turnsaal. Der Auftrag lautet zuerst, im Raum herumzugehen und mit den Schultern zu kreisen. Der Schizo schlurft durch den Raum, presst dabei die Ellenbogen in die Seiten, rudert mit den Unterarmen und ruft: “Ich kann fliegen wie ein Vogel!”. Nach einigen weiteren aktivierenden Übungen wird die Einheit auf Matten am Rücken liegend mit Körperwahrnehmungsübungen fortgesetzt. Nach kurzer Zeit ist vom Bosnier lautes Schnarchen zu vernehmen. Als die Stunde vorbei ist und er immer noch schlafend am Boden liegt, wird er vorsichtig geweckt. Alle gehen zurück auf die Station. Danach sind auch die schwer Depressiven aufgestanden und haben ihr Mittagessen gegessen.

16:15: Abendessen. Die Magersüchtige verschwindet in der Küche. Der Schizo rupft das innere aus seinem Brot und lässt wie immer die Rinde am Teller zurück. Der Bosnier summt ein Lied und hat ein Glas Saft für eine offenbar nur für ihn sichtbare Person an den Platz gegenüber gestellt.

18:00: Der Vielfraß macht seinen ersten Rundgang und schaut, was von den Abendessen noch übrig ist. Dann geht er auf den Balkon und schnorrt Zigaretten, da er alle für den Tag schon aufgeraucht hat. Der Schizo fragt am Stützpunkt nach seiner Nachtmedikation (“Nein, Herr S., wenn Sie ihre Tabletten jetzt schon nehmen, sind Sie um 4 Uhr wach!”).

20:00: Der Vielfraß fragt am Stützpunkt, ob er die Reste der Abendessen, die die Patienten auf den Wagen mit dem schmutzigen Geschirr gestellt haben, essen darf. Der Nachtdienst erlaubt es. Der Vielfraß ist vorerst glücklich. Der Schizo bekommt endlich seine Medikamente, nachdem er zwischendurch noch dreimal gefragt hat.

22:00: Der Vielfraß macht seinen dritten Rundgang und fragt die anwesenden Mitpatienten, ob die unangetasteten Abendessen, die am Tisch stehen, noch gegessen werden. Die Antwort lautet: “Wissen wir nicht, sind nicht unsere.” Der Vielfraß zuckt mit den Schultern, nimmt den Schinken vom Teller und stopft ihn sich in den Mund. Der Bosnier bereitet zwei Gläser gezuckerte Milch zu, trinkt eines und stellt das andere an den Platz gegenüber.

23:00: Alle noch Anwesenden Patienten (2) werden ins Bett geschickt.

3 comments on “Ein Tag in der Anstalt

  1. Bei “7 weiße Osterhasen das ist die Prophezeiung” konnte ich einfach nicht mehr vor lachen
    Ein sehr amüsanter Tagesablauf

  2. So sieht es bei mir in der Klinik jeweils in etwa auch aus. Auf was für einer Station bist du?

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