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Katastrophentag

Nachdem ich gestern das Abendessen ausfallen hatte lassen, war das was heute kam, eigentlich vorprogrammiert. Ich war ab 5 wegen Hunger wach. Und wegen Bauchschmerzen. Die letzten Tage hatte ich mich ja doch halbwegs normal und mit viel Gemüse und Ballaststoffen ernährt und naja… war das letzte Mal Dienstag “groß” am Klo gewesen. Und ihr könnt euch vorstellen, wie sich das anfühlt, das Essen von 5 Tagen in sich zu haben. Das unpraktische ist: Fressen und Kotzen hilft gegen Verstopfung. Bei mir zumindest. Warum, kann ich selbst nur vermuten, vielleicht einfach deswegen, weil der Darm denkt, er bekommt Arbeit und seine Tätigkeit hochfährt, was sich darin äußert, dass ganz unten eben auch wieder etwas weitergeht. Keine Ahnung, Fakt ist: Fressen hilft bei mir gegen Verstopfung und so plante ich schon gestern Abend, was heute folgte.

Meine Zimmerkollegin war auf Wochenendausgang, ich wusste also, dass ich das Zimmer für mich haben würde. Das Frühstück sparte ich mir auf, ich holte mir noch ein bisschen Brot vom Vorabend, das sonst sowieso im Müll gelandet wäre, am Vormittag pilgerte ich zum Supermarkt, kaufte Fresskram, wartete bis zum Mittagessen (damit ich das wenigstens gleich mit loswerden kann, außerdem musste ich so weniger Fresskram kaufen), aß das Mittagessen, mein Zeug, haute mir dann noch das Fresubin hinterher, dass die Schwestern heute nicht vergessen hatten, und kotzte alles wieder raus. Eine Rolle Kekse blieb zwar übrig, aber die schaffte ich nicht mehr. Danach tat mir das leid, denn es war ja kontraproduktiv gewesen. Laut Behandlungsvertrag sollte ich das melden und ich erhoffte mir, in irgendeiner Form auch diese ganzen Gedanken loswerden zu können. Dass ich mich gestern zu sehr geschämt hatte um nach dem Abendessen zu fragen, das mit der Verstopfung, dass ich alles schon geplant hatte, weil es mir so schwer fällt, zu ertragen, was das Essen mit meinem Körper macht.

Nun ja, weit kam ich damit nicht. Es ging sich alles so perfekt aus, dass kurz vor 14:00 alles draußen war, und um 14:00 hatten wir den einzigen Programmpunkt des Tages: Pflegetherapeutische Gruppe. Die Schwestern, die heute Dienst hatten, machten überhaupt alle einen total demotivierten Eindruck (vielleicht wurden die mittlerweile schon von den depressiven Patienten angesteckt). Den ganzen Tag hockten sie in ihrem Kämmerchen und kamen nur zum Stützpunkt, wenn es unbedingt sein musste. Ein Neuzugang langweilte sich und fand niemanden, der mit ihm Karten, Billiard oder sonst irgendetwas gespielt hätte, aber keine von den 3 (!) diensthabenden Schwestern konnte sich aufraffen, zumindest eine halbe Stunde etwas mit ihm zu machen. In der Pflegetherapeutischen Gruppe, die eine Stunde dauern sollte, machten wir einen zehnminütigen Rundgang durchs Haus, obwohl bereits am Anfang per Handzeichen geklärt worden war, dass das für niemanden von uns der erste Aufenthalt hier ist und sich eigentlich jeder auskennt.

Und nach der Gruppe kam ich dann auch noch und bat um ein Gespräch. Ich erzählte, dass ich nach dem Mittagessen erbrochen hätte. “War das absichtlich?” – “Ja.” – “Das ist nicht gut. Aber das wissen Sie ja bestimmt selbst. Und was soll ich jetzt machen?” – “Keine Ahnung? Ich habe ja bloß unterschrieben, dass ich melde, wenn ich erbreche.” – “Das heißt, sie haben das Mittagessen erbrochen? Das Fresubin auch?” – “Ja. Und am Vormittag war ich einkaufen, und habe Süßigkeiten gekauft. Die auch.” – “Was haben Sie denn gekauft?” – “Einen Mohnstrudel. Und 4 Bananen.” – “Und das haben Sie alles nach dem Mittagessen noch gegessen?! Ich könnte ja nicht mal 4 Bananen auf einmal essen!” Danke. Genau so etwas möchte man in diesem Moment hören, als ob ich mich nicht schon genug schämen würde. Und wenn du es genau wissen willst: Es war noch mehr. “Ich kann halt so viel essen. Es bleibt ja eh nicht drin. Es hat eigentlich schon gestern Abend angefangen, weil ich kein Abendessen gegessen habe. Irgendwie haben die das unten in der Küche vergessen, jedenfalls kam das Tablett mit meinem Namen nicht mit hoch. Aber ich habe mich nicht getraut es zu sagen, weil es mir so peinlich war, dass ich etwas essen wollte” platzte es aus mir heraus. “Doch, das war dabei, ich habe die Tabletts gestern ausgeräumt. Aber Hr. B. ist ein kleiner Vielfraß, der hat alle Abendessen, die noch übrig waren, gegessen.”

Ich konnte nicht glauben, was ich da hörte. Ich meine, okay, dafür, dass irgendein vertrottelter Mitpatient herumgeht und andere Abendessen isst, kann das Personal nichts. Oder zumindest nur begrenzt. Aber das hätte mir doch jemand sagen können?! Es kommt ja von der Küche sowieso immer ein Teller mit zusätzlichem Brot mit hoch. Wo ist das verf…te Problem, dass dann jemand zu mir geht und sagt: “Frau Fliegermädchen, ein Mitpatient hat leider ihr Abendessen gegessen, aber es ist eh noch Brot da” ?! Ich war kurz vorm Explodieren. Mein ganzer gestriger Abend war wegen der Essenssache versaut gewesen, weil ich hin- und hergerissen war zwischen: “Aber ich will doch essen, ich habe Hunger!”  und “Dann denken die anderen du bist verfressen, es wird schon ein Wink des Schicksals sein, dass sie ausgerechnet dein Essen vergessen haben, du bist wohl einfach zu fett”. Die Nacht war auch für die Katz gewesen, weil ich Hunger gehabt hatte, der Vormittag auch, gekotzt hatte ich auch, und alles nur, weil irgendein dahergelaufener Depp mein Abendessen isst und es die Schwestern nicht mal der Mühe wert finden, mich darüber zu informieren.  Mir fiel echt nichts ein, was ich darauf hätte sagen können. Ich meine, wenn sie wussten, dass der Typ mein Abendessen gegessen hat, dann werden sie doch daraus schlussgefolgert haben, dass ich es nicht gegessen habe, oder? Aber es war ihnen einfach egal. Ich war ihnen einfach egal.

“Wäre es in Ordnung für Sie, wenn Sie bis zum Abendessen noch ein Fresubin unter Aufsicht trinken?” – “Ja. ” – “Okay, dann kommen Sie gleich mal mit.” sagte sie, sprang auf, ging zur Tür und ich hatte keine Chance- und ehrlich gesagt auch keine Lust- noch irgendetwas zu erzählen. Das Fresubin unter Aufsicht habe ich ohne Aufsicht getrunken. Weil sie da wieder in ihrem Kämmerchen saßen.

Und jetzt erklärt mir mal bitte einer, wie man hier nicht durchdrehen soll.

PS: Und als kleines “Fuck you” ans Personal habe ich dann noch die übrigen Kekse gegessen, gekotzt, und es ganz demonstrativ nicht gemeldet.

2 comments on “Katastrophentag

  1. Oh neee, ne?
    Das kann ja echt nicht sein… man sollte meinen, dass bei einer Patientin mit Essstörungen doch vor allem auf eins geachtet wird: Das Essen.
    Ich kann voll verstehen, was Du Dir denkst. (Sich für das Nachfragen “schämen”, dass sie kein Interesse zeigen erc.)
    Aber so wie ich das höre, liegt es nicht an Dir – die haben offensichtlich generell keinen Bock auf ihren Job.😔
    Ist dass denn die Station, auf der Du jetzt die ganze Zeit bleiben sollst?

  2. Also, der Kommentar mit dem “Soviel könnte ich nicht essen” war ja voll daneben!!! Das regt mich sehr auf. Und dass sie das wussten, aber nichts für dein Abendessen getan haben – wow.

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