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Der erste Schritt

Die Entscheidung ist gefallen und der erste Schritt getan. Mehr oder weniger. Zumindest war ich gestern Abend noch bei Dr. Hexe und habe mir das Indikationsschreiben geholt und zusammen mit meinem ausgefüllten Fragebogen an die angegebene E-Mail-Adresse geschickt. Dr. Hexe schien irgendwie nicht sonderlich überrascht, mich zu sehen. „Sie werden reifer!“ stellte sie fest. Da das Wartezimmer leer war, blieb auch noch Zeit für Blödeleien. „Aaaaah, ich krieg die Krise!“ rief sie, als sie sich auf dem Indikationsschreiben verschrieb und schnappte sich den Tip-Ex. „Lorazepam hilft ganz gut in Krisen!“ meinte ich grinsend und sie lachte.

Heute Früh habe ich dann auch die Bestätigungsmail erhalten, dass mein Zeug angekommen ist. Wie es jetzt weitergeht? Keine Ahnung, ich hoffe einfach nur, dass es schnell geht, damit ich nicht so viel Zeit habe, darüber nachzudenken. Meine Mutter habe ich darauf angesetzt, die Sozialarbeiterin bei ihr in der Arbeit zu fragen, wie und wann ich das mit Kündigung, Krankschreibung, etc. machen muss, ich hoffe die kriegt da etwas raus. Ich möchte das alles einfach nur so schnell wie möglich hinter mich bringen, bevor ich es mir anders überlege. Wenn ich die Kündigung meiner Chefin übergeben habe, gibt es kein Zurück mehr und dann ist das mit der Klinik nur mehr halb so schlimm, weil ich ja nach Ende Februar sowieso „vor dem Nichts“ stehen würde.

Zumindest kenne ich die Station und den Ablauf schon. Ich weiß, dass ich mir eine Decke zum Drauflegen mitnehmen muss, weil die Matratzen schon mit 18kg mehr auf den Rippen steinhart waren.  Ich weiß, dass ich einen Platz am Essbegleitungstisch bekommen werde und mir einen Sitzpolster mitnehmen muss, weil die Sesseln aus Holz sind. Ich weiß, dass mein Ausgang sich nach meinem BMI richten wird und ich, anders als andere Patienten, grundsätzlich erst ab 17:00 die Station verlassen darf, weil das Abendessen um 16:30 für die Essstörungspatienten Teil der Therapie ist und die therapiefreie Zeit daher nicht schon um 16:00 beginnt. Ich weiß, welche Stationsaufgaben es gibt und werde niemanden danach fragen müssen, wie sie zu erfüllen sind. Ich kenne einen Teil des Personals schon und einen Großteil der Therapieinhalte. Ich bin mir nur nicht sicher, ob ich hoffen soll, dass ich die einzige Essstörungspatientin bin oder nicht. Einerseits stelle ich es mir ziemlich scheiße vor, alleine am Essbegleitungstisch zu sitzen (denn es setzt sich nur mittags eine Schwester dazu, sonst essen die Patienten alleine, aber es gibt für die Essstörungspatienten bestimmte Regeln fürs Essen, deswegen der separate Tisch). Andererseits wäre dann zumindest niemand da, mit dem ich mich vergleichen kann, denn das ist meine absolute Horrorvorstellung: Mir gegenüber jemand, der noch 10kg leichter ist als ich und in seinem Essen rumstochert. Ich weiß nicht ob meine Vernunft und die gesunde Seite am Anfang so stark sind, dass ich dann trotzdem versuche, normal zu essen.

Ich weiß nicht, ob es ein Vorteil oder ein Nachteil ist, dass ich so viel im Voraus schon weiß. Ich hoffe, die Zeit besser nutzen zu können als bei meinem letzten Aufenthalt. Da kam ich ja direkt aus dem Entzug und war die ersten 2-3 Wochen vollkommen damit beschäftigt, mit den Entzugssymptomen klarzukommen und mich in den DBT-Kram einzufinden. Das fällt dieses Mal zum Glück weg, ich bin nicht auf Drogen und weiß, wie Spannungskurven, Diary Cards und Gefühlsprotokolle funktionieren. Diesmal möchte ich mich mehr auf den zwischenmenschlichen Kram konzentrieren. Mich nicht die ganze Zeit im Zimmer verkriechen, sondern draußen bei den Anderen sitzen. Bei den Achtsamkeitsübungen auch mal die Augen zu machen und darauf vertrauen, dass das niemand im Raum ausnutzt um mir zu schaden. So Kram. Andererseits habe ich eben schon „Vergleichswerte“ und ich habe die Sorge, dass das zum Problem werden könnte. Ich habe die Befürchtung, dass ich das Personal und die Mitpatienten mit denen von meinem letzten Aufenthalt vergleiche und dass ich alles hinschmeiße, wenn ich zu dem Schluss komme, dass letztes Mal alles viel besser war, und nach 2 oder 3 Wochen nach Hause gehe.  Oder, dass es mich einfach nur ankotzt, die Inhalte, die ich vor einem Jahr in- und auswendig konnte, nochmal vorgekaut zu bekommen, und deswegen das Handtuch zu werfe. Denn grundsätzlich weiß ich ja, wie es geht, nur an der Umsetzung scheitert es.

Vor Allem will ich aber verstehen. Hätte mir vor einem Jahr jemand gesagt, dass ich jetzt in diesem Zustand an diesem Punkt stehe… ich hätte es nicht geglaubt, niemals. Ich war wirklich der tiefsten, inneren Überzeugung, dass alles okay ist, aber offenbar war es das nicht, denn sonst säße ich nicht hier in einem warmen Raum in Winterjacke und Jeans aus der Kinderabteilung.

5 comments on “Der erste Schritt

  1. Es ist gut dass du diesen Schritt gegangen bist. Damit hast du dir schon geholfen. Du hast den Willen etwas an deiner Situation zu ändern, das ist immer positiv. Ganz loswerden wird man den “Psychoknacks” allerdings nie – zumindest geht es mir so. Ich habe mich nur irgendwann gezwungen, anders damit umzugehen und irgendwann wird es auch leichter. Aber auch die “schlechten” Tage wird es geben. Die Kunst ist es, stark zu bleiben.
    Ich hoffe dass deine Therapie gut “ankommt”. Fühl dich gedrückt und bleib stark – sei es nur für dich ❤

  2. Bei der Skillsgruppe kannst du dein vorhandenes Wissen ja gezielt einsetzen. Ein paar Spässe und etwas Ironie. Bei mir waren sie schnell der Meinung ich kenne ja alles.
    Kennen und Können sind aber doch zwei paar Schuhe. Ein wenig Humor ist da oft gern gsehen, von den Patienten und vom Personal.
    Pass auf dich auf! Dies scheint ein guter Schritt zu sein!
    LG

  3. Waren Glaubenssätze bei euch Thema? Müsste eigentlich, denn ist ja Teil der dbt. Ich glaube, dass du da ganz viel dran arbeiten kannst, denn in den ganzen Jahren, die ich dich nun schon kenne, habe ich oftmals das Gefühl, dass vieles bei dir aus einem “es darf mir nicht gut gehen” resultiert. Immer, wenn du ein Symptom erfolgreich bekämpft hattest kam das nächste.
    Ich freue mich über diesen ersten Schritt liebes fliegermädchen. Und noch mehr würde ich mich freuen, wenn ich dich wieder sehe und du soweit gesund und stabil bist, dass du diese ganze Flucht in Symptome nicht mehr brauchst.

    • Nein, Glaubenssätze waren kein Thema, dazu hat die Zeit nicht gereicht. Das mit dem “es darf mir nicht gut gehen” könnte schon irgendwie stimmen, ich hab nur keine Ahnung wie ich darauf komme.

      • Hab ich bei mir auch keine Ahnung, ist aber so. Vielleicht kannst du die Zeit dann ja nutzen, um an den Dingen zu arbeiten, für die beim letzten Mal keine Zeit war. Bei mir kamen die nach 4 Wochen schon dran, was für ne Reihenfolge haben die da denn? xD

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