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Und wieder ein Jahr vorbei

Und ich würde mir wünschen sagen zu können, dass es ein gutes Jahr war, aber das war es nicht, ganz und gar nicht.

Auch die letzten Tage waren nicht gut. Ich war nur alleine, weil so ziemlich alle Leute, zu denen ich in Medan noch Kontakt habe, arbeiten mussten, krank waren oder verreist sind. Gestern habe ich mich in Arbeit etränkt, sodass meine Mutter, als ich sie um 22:00 fragte, ob ich die Mürbteigschweinchen für Silvester jetzt noch machen soll, oder doch erst am nächsten Tag, sagte: “Fliegermädchen! Du bist seit in der früh nur auf den Beinen! Kannst du dich nicht mal 5 Minuten hinsetzen und Pause machen?!” Da hatte sie recht, aber dafür ist auch viel weitergegangen. Ich habe den Couscoussalat, die Räucherlachsrolle, die gefüllten Weinblätter, die Mürbteigschweinchen und den Grünkernaufstrich für Silvester vorbereitet, den Balkon aufgeräumt und gesaugt, damit unsere Gäste am Samstag ihn überhaupt betreten können, weil der Staubsauger schon hervorgeräumt war, die restliche Wohnung gesaugt, und mir, während meine Mutter im Fitnessstudio war (ja, meine Mutter geht jetzt ins Fitnessstudio), die Küche vorgenommen um den Ursprung des Getiers zu finden, das bei uns in der Küche herumkreucht und fleucht. Das Ergebnis war ein ganzer Müllsack voll von Lebensmittelschädlingen befallenen oder verschimmelten/verfaulten Lebensmitteln. Damit konfrontierte ich meine Mutter, als sie wiederkam, in der Hoffnung, sie würde sich zumindest vor den Maden ekeln, die zwischen ihren Trockenfrüchten krochen, von denen sie sich immer mal wieder beiläufig welche in den Mund schiebt. Weit gefehlt, sie reagierte eher vorwurfsvoll und fragte, wieso ich das denn gemacht hätte- es würde ja nichts bringen, die Viecher kämen ja sowieso wieder. “Ja wenn ihr damit leben könnt und euch so wohl fühlt ist das okay für mich, aber ich ekel mich einfach davor, wenn ich hier bin, etwas essen will, und mir aus nahezu allen Lebensmitteln irgendwelche Schädlinge entgegenkrabbeln!” Ich hatte mich extra auf meine bescheidenen Grundkenntnisse der Rhetorik besinnt und das Problem in einer Ich-Botschaft vermittelt, angegriffen fühlte sich meine Mutter offenbar trotzdem. “Tja, dann sei froh dass du auf keinem Bauernhof wohnst. Da sind nämlich noch mehr Viecher!”

Nun, ich wohne auf keinem Bauernhof, aber am Land. Und ja, natürlich gibt es dort mehr “Viecher” als in der Stadt. Allerdings sind mir in den 3 Jahren, die ich nun schon im Kaff wohne noch nie Lebensmittelmotten oder Speckkäfer durchs Fenster in meine Wohnung geflattert. Unglaublich viele Spinnen gibt es, kleine Fliegen verirren sich im Sommer auch gerne mal durchs Fliegengitter in meine Wohnung, aber das war es auch schon.

Und hier die beliebtesten Ausreden/Erklärungen meiner Familie für das Problem:

1: “Die schleppt man sich immer von irgendwo ein! Die werden in der Fabrik mit abgepackt, dann kauft man sie und sie vermehren sich. Da können wir ja gar nichts dafür!”

Es mag sein, dass das in Einzelfällen vorkommt. Auch ich habe schon Lebensmittelmotten in meiner Wohnung gehabt (die kamen damals aus dem Hasenfutter). Aber dann muss man eben auch demtentsprechend handeln: Nachschauen, wo die herkommen, die Quelle beseitigen, alle anderen Lebensmittel überprüfen, die, die ebenfalls befallen sind, entsorgen, und am besten ein paar Tage später nochmal alle Lebensmittel durchschauen, ob noch irgendwo etwas ist, das man übersehen hat. Und wenn man für Schädlinge anfällige Lebensmittel wie Grieß, Mehl oder Müsli offen herumstehen lässt und nicht in Gläsern aufbewahrt… sorry, dann kann ich nur sagen, selbst Schuld, wenn sich dieses Getier dann rasant vermehrt.

Außerdem erklären Lebensmittelschädlinge nicht, warum bei uns im Kühlschrank Joghurt mit Ablaufdatum 25.12.2015 steht, ich aus der Brotlade eine in Alufolie gewickelte Scheibe Brot gefischt habe, die so grün war, dass ich nur Anhand der Tatsache, dass sie sich in der Brotlade befunden hatte, wusste, dass es wohl mal Brot gewesen war und aus der Obstschale ein schwarzes, steinhartes Etwas, das sich nach eingehender Untersuchung als Zitrone herausstellte.

2: “Das Problem haben alle! Es redet nur niemand darüber. weil es jedem peinlich ist!”

(Bzw, wenn ich dann erwähne, dass ich das Problem aber nicht habe: “Das ist etwas Anderes, du wohnst ja alleine!”)

Natürlich braucht eine dreiköpfige Familie mehr Lebensmittel als ein alleinlebender Mensch. Allerdings bedeutet das auch, dass es drei Menschen gibt, die ein Auge auf die richtige Lagerung und zeitgerechte Verwendung der Lebensmittel haben können- unterm Schnitt bleibt es also gleich. Außerdem bezweifle ich, dass alle Familien das Problem in dem Ausmaß haben, denn bei richtiger Lagerung rechtzeitiger Verwendung tauchen solche Probleme faktisch nicht auf, und wenn doch, sind sie relativ schnell wieder einzudämmen.

Hier im Internet sind wir ja alle anonym. Schreibt doch mal, wie ist das bei euch zuhause so? Ist das wirklich überall so?

3.: Meine Mutter: “Nadine kauft immer so viel ein und lässt alles offen rumstehen! Ich kann doch nicht immer hinter ihr herräumen!”  Nadine: “Die Mama kauft immer so viel ein und sagt es sei für mich, obwohl ich gar nichts brauche, ich kaufe mir meine Sachen eh selbst!”

Stimmen tut in diesem Fall beides. Wieso meine Schwester ein Kilo Sonnenblumenkerne gekauft hat und wir 6 Liter verschiedenste Pflanzenmilch und 5 Kilo Risottoreis in der Speisekammer stehen haben, wo sie in 10 Tagen für mindestens 4 Monate ins Ausland geht? Keine Ahnung. Und wieso sie ihr Zeug nie gut verschließt und wegräumt, kann ich auch nicht sagen, aber da ist es die Aufgabe von meinen Eltern mal auf den Tisch zu hauen. Ganz ehrlich, wenn mein volljähriges Kind so etwas machen würde, würde ich mich mal in Ruhe mit ihm hinsetzen, erklären, wie man Lebensmittel lagern muss um Schädlingsbefall weitgehend auszuschließen und wenn es nicht bereit ist sich daran zu halten, ihm ans Herz legen, sich zeitnah eine eigene Wohnung zu suchen. Denn was ich alleine gestern an Lebensmitteln weggeworfen habe, der entsprechende Geldwert hätte locker gereicht, dass wir alle 4 lecker Essen gehen hätten können.

Meine Schwester hat allerdings auch nicht unrecht: Meine Mutter kauft ständig Zeug ein, ohne nachzuschauen, ob nicht noch was da ist. Dienstag. “Mama, ich geh mal rüber in den türkischen Supermarkt, brauchst du irgendwas?” – “Ja, bring getrocknete Marillen mit!” – “Waren nicht noch welche da?!” – “Weiß nicht, müsstest du nachschauen” (Ich habe nachgeschaut- es waren welche da). Gestern, beim gemeinsamen Einkaufsliste schreiben für Silvester. Mama: “2 große Dosen Bohnen brauchen wir, fürs Bohnengulasch!” Ich: “Habt ihr nachgeschaut, ob wir nicht noch welche haben?” Stille. “Okay, ich gehe nachschauen…”. Und verkünde eine Minute später, dass wir nicht nur 2 Kilo (nein, nicht 2 Dosen, sondern viele Dosen mit einer Gesamtmenge von 2 Kilo) Bohnen haben, sondern schlimmstenfalls, falls das nicht reichen sollte, auch noch ein großes Glas Kichererbsen. Klar, Dosen sind lange haltbar, aber ihr versteht das Grundproblem?! Und so kommt es, dass wir zum Beispiel auch einen ganzen Schrank voll dieser pulverisierten Fertiggerichte haben: angefangen von Saucen über Salatdressings über Suppen, Grießkoch, Milchreis, Nudelgerichte… teilweise seit 2008 oder 2009 abgelaufen, ich darf sie nicht wegschmeißen weil sie originalverpackt und nicht von Schädlingen befallen sind, aber es isst sie auch niemand.

Ja, ich weiß, es kommt ein bisschen komisch, wenn ich mich über die Lebensmittelverschwendung meiner Familie aufrege und selbst regelmäßig etwas esse, nur um es danach wieder im Klo zu versenken. Aber zumindest wird es kurzfristig seinem eigentlichen Zweck zugeführt und ich könnte ehrlich gesagt gar nicht mehr sagen, wann ich bei mir im Kaff Lebensmittel weggeworfen habe, weil sie verschimmelt, verfault oder von Schädlingen befallen waren und es ist nichts, wovor sich andere Leute unmittelbar ekeln. So viel zu meiner Verteidigung, aber ich weiß, wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen.

Trotzdem musste ich mich zur Abwechslung mal nicht nur physisch, sondern auch verbal auskotzen. Jetzt ist mir leichter.

 

 

 

3 comments on “Und wieder ein Jahr vorbei

  1. Also ich habe selbst – mich eingerechnet – eine dreiköpfige Familie. ABER bei uns ist es definitiv nicht normal, dass überall Ungetier drin ist geschweige denn Sachen, die ewig gelagert werden. Klar gibt’s mal Dinge, die länger stehen (Stichwort Konserven), aber auch nicht länger als 6 Monate. Tütengedöns gibt’s bei uns generell nicht (ist günstiger und gesünder selbst gemacht. Alle “offenen” Sachen haben einen verschließbaren Behälter (Glas oder Tupper). Ergo: ich werfe kaum (bzw. eigentlich nie) etwas weg, weil es abgelaufen, verschimmelt oder von Ungeziefer befallen ist. Gerade bei Lebensmitteln sollte da oberste Sauberkeit herrschen.

  2. Woa also das was du da ja auch schon eine Weile berichtest, wenn du bei deinen Eltern bist ist echt ekelig. Ich kann deine Eltern da auch nicht nachvollziehen. Ich würde bei irgendwelchen Käfern oder Maden glaube meine ganze Wohnung ausräuchern. Ich wohne alleine und bei mir sind keine Tiere. Mein Vater wohnt zu viert und auch da ist der Kühlschrank voll, aber dort schimmelt auch nichts oder es gibt dort kein Ungeziefer :/ Ich kann mir vorstellen, das du jedes mal halb stirbst…… Und deine Eltern scheinen es auch nicht einzusehen, das sie, was Lebensmittel angeht, ein kleines “Problem” haben.

    • Hey Fliegermädchen,

      ja, ich kenn das leider auch, bin u.a. deswegen auch die letzten Jahre nicht mehr zu meiner Mutter. Sie kauft sich Dosen, um dann den Deckel nicht zuzumachen und sagen zu können, ich hab’s ja versucht, aber bringt nichts. Ich hab auch jedesmal was weggeschmissen und ekel mich vor dem, was sie für mich backt, weil ich nicht weiß, ob es nicht auch verdorben war. Im Kühlschrank gammelt alles vor sich hin und man findet diverse Jahre abgelaufene Dinge. Dazu hat sie die Gabe, alles kaputtzumachen, sprich die Fächer sind längst herausgebrochen und die Glasplatten liegen auf dem, was da so gestapelt ist. Und das Geschirr ist auch mit einem Fett-/Dreckfilm überzogen, so dass man alles erst nochmal abspülen muss. Kein Wunder, wenn zuerst die Pfanne mitsamt einer Menge Fett und Dreck gespült wird. Das Spülwasser steht dann auch gern mal eine Stunde im Becken vor weitergemacht wird und ist dann eine kalte, eklig braune Brühe, in die ich nicht mal hineinfassen möchte. Spülschwamm wird natürlich auch Jahre derselbe verwendet … Mir ist es peinlich zu sagen, weshalb ich meine Mutter nie besuche, sie kauft dann noch ein Putzmittel oder einen Behälter und hat damit ja alles versucht, nur wird es natürlich nicht besser. Sorry für den Roman, aber jedesmal wenn du davon schriebst, dachte ich mir, wenigstens bin ich nicht die einzige …

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