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Medan-Horror

Was ist schlimmer als Medan? Medan in der Weihnachtszeit. Ich weiß ja, warum ich das normalerweise meide, aber diesmal ließ es sich nicht vermeiden. Nachdem ich am Donnerstag noch die letzten Weihnachtskekse gebacken hatte, machte ich mich am Abend auf den Weg nach Medan. Zuhause war kein Mensch und mir viel erst mal die Decke auf den Kopf. Und an die Decke wäre ich auch gleich mal fast gesprungen, als ich den Kühlschrank öffnete, weil ich die Rumkugeln kühl stellen wollte. Da stand ein Topf mit Nudeln unter einem Glasdeckel.

Schimmelentwicklung geht ja nicht von heute auf morgen. zuerst bilden sich kleine grün-graue Punkte, die immer größer werden, irgendwann verschmelzen sie und bilden Pelz. Also genügend Zeit, den Vorgang irgendwann zu bemerken und das befallene Gut zu entsorgen, bevor es richtig ekelig wird.

So wie diese Nudeln aussahen, haben die schon mindestens eine Woche vor sich hingeschimmelt. Alles war komplett grün, dazwischen hatte sich auch schon roter Schimmel breit gemacht, und über und über mit Pelz bewachsen. In dem Haushalt leben drei Menschen, die alle mehrmals am Tag diesen Kühlschrank öffnen und durch den Glasdeckel ohne Probleme sehen konnten, wie die Nudeln mit jedem Tag schimmeliger werden. Und niemand ist auf die Idee gekommen, die zu entsorgen. Ich verstehe es nicht, ich verstehs einfach nicht. So etwas muss doch echt nicht sein. Ich habe es satt, jedes Mal wenn ich nach Hause komme erst mal die Küche ekelfrei zu machen, aber mir vergeht einfach der Appetit, wenn ich mir etwas zu essen holen will und mich erst mal ein Topf verschimmelter Nudeln anspringt.

Nach einer kurzen Nacht machte ich mich am nächsten Tag auf den Weg zum Verkehrsamt, um meinen Führerschein neu zu beantragen. Den Antrag hatte ich schon zuhause ausgefüllt, alle nötigen Unterlagen hatte ich dabei, ich ging also davon aus, dass das in einer halben Stunde erledigt sein würde. Danach wollte ich wieder zurückfahren, um bei meiner Stamm-Bankfiliale die zwei Fehler zu reklamieren (mein Nachname wurde noch nicht geändert und im Online-Banking ist mein Bausparvertrag verschwunden). Andersrum ging nicht, weil die Bank erst um 9:00 öffnet, ich aber schon um 10:30 beim Treffpunkt für den Betriebsausflug sein musste.

Im Endeffekt saß ich eine geschlagene Stunde am Verkehrsamt, ehe ich mit meinem vorläufigen Führerschein wieder vor der Tür stand. Zu der Zeit wollte ich eigentlich schon bei meiner Bank sein, keine Chance, das noch rechtzeitig zu schaffen. Also machte ich mich zwangsläufig direkt auf den Weg zum Betriebsausflug, machte aber zwischendurch noch bei einer anderen Filiale meiner Bank halt, die am Weg lag. Die sollten mir ja auch helfen können. Dachte ich zumindest. Falsch gedacht. Ohne gültigen, amtlichen Lichtbildausweis könne er da nichts ändern, sagte mir der Mitarbeiter. Und Lichtbildausweis habe ich aktuell keinen, da ich meinen alten Führerschein am Verkehrsamt abgeben hatte müssen (mal abgesehen davon, dass der Name ja sowieso nicht gestimmt hätte). Und der Bausparvertrag… ja, der werde schon irgendwann wieder auftauchen. Manchmal bräuchten solche Änderungen beim Online-Banking eben ein bisschen (ähm… ich habe das vor zwei Wochen bekannt gegeben?!).

Danach war ich endgültig auf der Palme und musste in diesem Zustand auch noch auf den Betriebsausflug. Zuerst stand eine Führung an, danach ein gemeinsames Mittagessen. Horror. Durch die viele Herumlauferei und den Stress hatte ich Hunger ohne Ende (ich hatte außer einer Rumkugel nichts gefrühstückt), traute mich aber nicht, etwas “Richtiges” zu bestellen, weil ich nicht wusste, wie groß die Portionen sind. Also gab es nur einen kleinen gemischten Salat. Beim Nachtisch war es genauso, ich stellte dann zwar fest, dass die Topfenknödel ganz klein waren und ich sie essen hätte können, aber im Nachhinein noch einen Nachtisch zu bestellen wenn alle anderen schon fertig sind, war mir dann auch zu peinlich. Und mir war so kalt, Himmel, war mir kalt. Ich hätte alles für ein Kirschkernkissen gegeben. Aber leider war der Ausflug noch nicht vorbei, es ging weiter in die Innenstadt. Eine weitere Führung stand an, doch den Weg vom Busparkplatz dorthin kannte niemand. Komischerweise ging aber jeder davon aus, dass ich das wissen müsse. Ohne Witz, mindestens 10 mal hieß es: “Fliegermädchen, du bist doch aus Medan. Wie müssen wir gehen?”  und als ich sagte, dass ich es nicht wisse, “Wieso weißt du das nicht?”. Die ersten paar Male schluckte ich eine böse Bemerkung hinunter, aber irgendwann riss bei mir der Geduldsfaden und ich sagte ziemlich unfreundlich: “Wieso glauben eigentlich alle, dass ich jede Straße und jedes Eck in Medan kenne, nur weil ich da aufgewachsen bin?!” Ich meine, Medan hat eine Fläche von über 400km². Meine Eltern haben nie irgendwo anders gelebt und ich weiß, dass es Gegenden in Medan gibt, in denen sie sich auch nicht auskennen….

Und dann die vielen Mensch in der Innenstadt. Ich wollte einfach nur mehr weg, ins Kaff, in die heiße Badewanne und dann mit Kirschkernkissen ins Bett. Und etwas Essen, etwas Sicheres, einfach eine Dose Tomaten, aus einem meiner Gefäße, von denen ich weiß, dass genau 250g hineinpassen.

Nachdem die zweite Führung auch absolviert war, war die restliche Zeit zur freien Verfügung. Da ich ja nicht mit den Anderen zurückfuhr, konnte ich mich von der Gruppe abseilen. Ich besuchte dann noch kurz meine Schwester an ihrem Arbeitsplatz in einer Konditorei in der Stadt (das hatte sie sich gewünscht) und fuhr dann komplett durchgefroren nach Hause. Zuerst gab es 250g gewürfelte Tomaten mit ein paar Kartoffelstücken, dann eine heiße Dusche, warme flauschige Kleidung und Kirschkernkissen und dann war ich wieder unter den Lebenden.

Meine Zimmertür stand offen, ich bekam mit, dass meine Schwester nach Hause kam. Natürlich hatte sie wieder ein paar Überbleibsel aus der Arbeit vor dem Müll gerettet. Ich hörte: “…und das habe ich fürs Fliegermädchen mitgenommen!”. Oh nein. Auch das noch.

Heute früh war ich mal wieder die Erste, die auf den Beinen war. Ich wollte Kekse zusammenpacken für meine Oma und konnte nicht widerstehen, ein paar zu essen. Als dann meine Eltern aufstanden, war es natürlich unmöglich, jetzt noch den Kuchen zu essen, den meine Schwester für mich mitgenommen hatte. Aber offiziell wusste ich ja nicht, dass sie den für mich mitgebracht hatte, meine Mutter hatte nur beiläufig erwähnt: “Nadine hat auch Apfelkuchen mitgebracht!”. Meine Schwester war noch nicht wach, die konnte also nichts sagen. Trotzdem weiß ich, dass sie traurig, wütend und enttäuscht war, als sie später festgestellt hatte, dass ich den Kuchen nicht gegessen hatte. Ich hasse mich so sehr dafür, ich will doch nicht, dass sie wütend auf mich ist, ich liebe sie doch so sehr.

Als ich wieder im Kaff ankam, habe ich erst mal gegessen und gekotzt, um die ganze Anspannung loszuwerden, die sich aufgestaut hatte. Ich habe keine Ahnung, wie ich die eine Woche in Medan zu Weihnachten überleben soll, wenn ich nach nicht mal 48 Stunden schon mit den Nerven am Ende bin. Und heuer wird es sowieso noch schlimmer als sonst. Bisher fuhr mein Vater am 25. immer zu seiner Mutter, während meine Mutter, Nadine, und ich zur “anderen” Oma fuhren (die ja meinen Vater nach meinem Suizidversuch mit 15 nicht mehr sehen will). Nun, aber die Mutter meines Vaters ist ja nun tot. Das heißt, er wird heuer ganz alleine sein, mein schlechtes Gewissen wird noch größer sein, und seine Kommentare, bis wir am 25. die Wohnung verlassen, noch bissiger. Ich möchte jetzt schon weglaufen, wenn ich nur daran denke.

 

 

 

 

 

 

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