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Geschafft

Früher habe ich es vorgezogen, von selbst aufzuwachen, anstatt von meinem Wecker geweckt zu werden. Es ist einfach sanfter, hin und wieder läutet der Wecker ja zu absolut unpassenden Zeitpunkten. Mittlerweile würde ich es mir wirklich mal wünschen, durch den Vibrationsalarm unter meinem Kopfpolster aufzuwachen, denn dann wüsste ich, dass ich endlich mal wieder vernünftig geschlafen habe.

Ich habe wieder bis Mitternacht gelesen. Es ist 4:02, als ich aufwache, den Wecker für 4:30 stelle ich aus. Zumindest bleibt so noch Zeit für ein bisschen Haushaltskram. Als ich mich ins Auto setze, brennt bei uns im Ort noch nicht mal die Straßenbeleuchtung, was das Finden des Schlüssellochs an der Autotür deutlich erschwert (ja, ich habe noch ein Auto mit einem richtigen, mechanischen Schloss an der Tür). 30 Minuten später quetsche ich mich in einen der Parkplätze am Park-and-Ride-Parkplatz. Ich weiß nicht, für welche Fahrzeuge die gemacht sind, aber selbst wenn jedes parkende Auto schön mittig auf seinem Platz steht, bekomme ich die Autotür gerade so weit auf, dass ich mich durch den Spalt zwängen kann. Erstaunlicherweise sind kaum Leute im Zug. Ich hatte sogar kurz mit dem Gedanken gespielt, einen Sitzplatz zu reservieren, doch das wäre definitiv unnötig gewesen. Ich dämmere vor mich hin, bis der Zug gute 80 Minuten später in Medan hält. Mittlerweile ist es hell, zumindest sollte es hell sein, denn es ist 07:15. Noch dazu bin ich ja auch 180km Richtung Osten gefahren, was eigentlich ein paar Minuten mehr Licht bringen sollte. Irgendwie kommt es mir trotzdem viel düsterer vor als die letzten Tage bei mir im Kaff, obwohl die Wetterlage gleich ist. Vielleicht liegt es daran, dass die vielen grauen Häuser zusätzlich Licht verschlingen.

Eine halbe Stunde zu früh bin ich beim Standesamt. Das hatte ich schon gewusst und mir im Internet ein gemütliches Café in der Nähe gesucht. Ich trinke eine heiße Schokolade, natürlich ohne Schlagobers, während ich mein Tagebuch auf den neuesten Stand bringe. Anschließend überquere ich die Straße und klopfe im Inneren des Gebäudes am Anmeldezimmer. Die Dame am Empfang nimmt meine Daten auf und bittet mich zu warten. Ungefähr 20 Minuten später erscheint der Beamte, mit dem ich schon die letzten Male zu tun hatte. Schade eigentlich, die Frau, die das Paar hereingebeten hatte, das neben mir gewartet hatte, scheint deutlich netter und hilfsbereiter zu sein. Aber ich habe wohl keine Wahl, und folge „meinem“ Beamten in sein Büro. Dort drückt er mir zwei Papiere in die Hand. „Oben im 3. Stock ist die Kassa. Bitte bezahlen Sie das und kommen Sie dann wieder.“ Ich bin froh, dass ich endlich das Geld loswerden kann. Ich mag es nicht, so viel Bargeld bei mir zu haben wenn ich in der Stadt unterwegs bin, auch wenn ich es gut versteckt habe. Nach dem Bezahlen klopfe ich wieder an seine Bürotür. „So, dann kommen Sie mal rein und nehmen Sie Platz.“ Ich setze mich auf einen der zwei Sessel neben seinem Schreibtisch. Er kontrolliert die Bezahlungsbestätigungen, dann legt er einen Zettel vor mir auf den Tisch. „Hier ist Ihr neuer Meldezettel. Bitte überprüfen Sie alle Daten.“ Zum ersten Mal lese ich meinen neuen Namen auf einem Dokument. Es sieht gut aus, irgendwie. Auch die restlichen Daten stimmen, Geburtsdatum, Hauptwohnsitz, Nebenwohnsitz. „Ja, stimmt alles“ bestätige ich. Als nächstes muss ich zwei Papiere unterschreiben, eines für die Vornamens- und eines für die Nachnamensänderung. „Muss ich da jetzt mit meinem alten oder meinem neuen Namen unterschreiben?“ – „Mit dem Alten. So, wie Sie den Antrag unterschrieben haben.“ Ich schreibe meinen alten Namen auf die Papiere- es wird vermutlich eines der letzten Male sein. „Sehr gut. Dann sind hier die zwei Bescheide, einer für die Vornamensänderung und einer für die Nachnamensänderung. Bitte prüfen Sie auch hier nochmal Ihre Daten.“ Ich lese alles durch und finde keinen Fehler. „Stimmt alles.“ – „Sehr gut. Im zentralen Melderegister ist schon alles geändert, innerhalb der nächsten 3 Wochen sollten Sie dann Ihre neue E-Card bekommen. Falls Sie die nicht bekommen, rufen Sie bitte bei der Krankenkasse an. Wo sind Sie denn versichert?“ Ich sage es ihm, natürlich ist es die Versicherung eines anderen Bundeslandes. „Oh, okay. Wo arbeiten Sie denn?“ Ich sage es ihm- und plötzlich wird er ganz freundlich. „Ah, keine 10km von dort entfernt wohnt mein Schwager! Er wohnt in […], kennen Sie das?“ Vielleicht hätte ich ihm schon vorletzten Sommer erzählen sollen wo ich arbeite, dann wäre er vielleicht von Anfang an hilfsbereiter gewesen und der ganze Prozess der Namensänderung hätte sich nicht über fast 2 Jahre gezogen. Wir plaudern noch ein bisschen über die Gegend, in der ich lebe, bevor wir aufs eigentliche Thema zurückkommen. „Welche Dokumente muss ich eigentlich ändern lassen und bei welchen ist es nicht unbedingt notwendig? Gibt es dafür eine Liste oder so?“ – „Nein, so eine Liste gibt es leider nicht. Was sie auf alle Fälle ändern lassen müssen, ist der Führerschein und der Zulassungsschein Ihres Fahrzeugs. Und Ihren Reisepass, wenn Sie ins Ausland wollen. Ihrem Arbeitgeber müssen Sie die Änderung auch bekanntgeben. Aber ob Sie jetzt zum Beispiel die Geburtsurkunde ändern lassen oder nicht, ist Ihre Entscheidung.“ Mit dem Wissen bin ich erst mal zufrieden und verabschiede mich.

Ich fahre mit der U-Bahn zurück zum Bahnhof. Ich habe einen guten Zeitpunkt erwischt und muss nur 20 Minuten auf den nächsten Zug Richtung Kaff warten. Aber auch, wenn ich ihn knapp verpasst hätte und eine Stunde warten hätte müssen, hätte mir das wahrscheinlich nichts ausgemacht. Ich kann einfach nicht aufhören zu lächeln. Ich sitze im Zug, habe die Augen geschlossen, und lächele vor mich hin. Hin und wieder mache ich die Augen auf, schaue aus dem Fenster, und die graue, vorbeiziehende Landschaft kommt mir irgendwie gar nicht mehr so grau vor.

Ich habe es geschafft. Nach so vielen Jahren habe ich es endlich geschafft.

4 comments on “Geschafft

  1. Wie schön, dass es endlich geklappt hat!!

  2. Und ich freue mich über Dein Lächeln … 🙂

  3. Glückwunsch das freut mich riesig zu lesen 😉

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