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Totes Tier im Rotkraut

Wieder eine unruhige Nacht. Um 05:30 wache ich auf, dabei habe ich bis 0:30 gelesen. Eigentlich hatte ich gehofft, endlich mal wieder zu schlafen, damit ich ein bisschen lebendiger aussehe. Fehlanzeige. Ein paar Minuten lang versuche ich wieder einzuschlafen, dann gebe ich auf. Ich stehe auf und ziehe meine Schuhe und meine Jacke an. Dabei fällt mir auf, dass ich die Mütze und den Schal vor dem Schlafengehen gar nicht abgelegt habe. Ich kann mich dunkel erinnern, dass mir ziemlich kalt war gestern Abend.

Draußen ist es dunkel und nebelig. Aber zumindest friere ich nicht. In vielen Häusern, an denen ich vorbeigehe, brennt noch kein Licht. Menschen sind sowieso keine unterwegs. Nachdem ich die Ortstafel hinter mir gelassen habe, schalte ich meine Taschenlampe ein, denn Straßenbeleuchtung gibt es hier keine mehr. Viel Licht ins Dunkel bringt die allerdings auch nicht, denn nach wenigen Metern verliert sich der Lichtstrahl in der Nebelsuppe.

Früher habe ich mich gefragt, warum in manchen Essstörungskliniken zur Aufnahme ein Mindest-BMI vorgeschrieben ist. Ich meine, wenn man einfach so einen bestimmten BMI erreichen könnte, müsste man sich ja gar nicht behandeln lassen. Jeder, der sich Essstörungsdokus auf Youtube ansieht, wird auf dieses eine Krankenhaus in England stoßen, in dem Kinder und Jugendliche mit ungesundem Zeug geradezu gemästet werden und ich habe mich immer gefragt, was der Sinn dahinter sein soll. Mittlerweile habe ich auch zu diesem Thema eine andere Sichtweise. Zunehmen ist nicht die Therapie, zunehmen ist eine Voraussetzung, um Therapie überhaupt erst möglich zu machen. Therapie erfordert viel Arbeit, vor allem psychische. Unter einem bestimmten Gewicht ist der Kopf so voll mit Gedanken an Essen, dass für therapeutisch-gedankliche Prozesse einfach kein Platz ist. Ich glaube, ich müsste mindestens 5 Kilo zunehmen um in einen Bereich zu kommen, in dem ich wieder in der Lage bin mir Gedanken darüber machen, wie ich aus dieser Nummer wieder rauskomme. In dem ich wieder klar denken könnte. Aber solange die Essstörungsgedanken im Kopf sind, kann ich nicht zunehmen, es ist die Katze, die sich in den Schwanz beißt. Das Beste wäre wohl, mich an ein Bett zu fesseln, mit Benzos zu betäuben und 2 Wochen lang hochzufüttern, ohne dass ich es mitbekomme.

Als ich nach einer halben Stunde wieder in meiner Wohnung stehe (am Ende war es dann doch etwas kalt draußen), mache ich mir drei gehäufte Esslöffel Rotkraut warm. Als Kind wollte ich nie Rotkraut essen, aber ich liebte den Geruch. Es war der typische Novembersonntagmittag-Geruch: Der süßliche Rotkrautgeruch, der würzige Geruch des Kümmels in der Schweinsbratenkruste, vermischt mit dem zarten Schnittlauch-Petersilien-Duft der Semmelknödel. Vor einem Monat hatte ich mir selbst einen Topf Rotkraut gemacht, aber es hatte nicht so gerochen wie das Tiefgekühlte, das meine Mutter immer gekauft und zubereitet hatte. Deswegen hatte ich mir letzte Woche eine Packung Tiefkühl-Rotkraut gekauft.

Nun lerne ich auch den Geschmack zu dem so vertrauten Duft kennen. Es schmeckt gut. Irgendwie leicht nach Zimt. Ich beschließe, die Zutatenliste zu studieren, um mein Rezept aus dem Internet gegebenenfalls um einen Teelöffel Zimt zu ergänzen. In der Liste finde ich zwar keinen Zimt, aber dafür etwas, was ich in Rotkraut nicht vermutet hätte: Schweineschmalz. Interessanterweise springt vor der Essstörungsstimme („Schmalz! FETT!!!!“) die Vegetarierstimme im Kopf an („Totes Tier! In dem Rotkraut, das ich gerade gegessen habe!“). Ich versuche, mir einzureden, dass ich ja nichts dafür kann. Ich meine, wer würde bei tiefgekühltem Gemüse auf die Idee kommen, dass sich Fleisch (bzw. ein Produkt davon) darin befindet. Trotzdem bleibt ein Funken schlechtes Gewissen. Denn andererseits: So unwahrscheinlich ist es ja auch nicht. Rotkraut wird vermutlich in 99% der Fälle zu Braten, und damit von Nicht-Vegetariern, gegessen.

One comment on “Totes Tier im Rotkraut

  1. Na ja, Blaukraut wird nunmal angedünstet bevor man es einkocht oder fertig zubereitet. Und da Schmalz nunmal einen kräftigeren Geschmack ergibt, wird gerne das genommen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass da Schweineschmalz drin ist. (Pfui bäh)

    Und mit dem Gewicht hast Du Recht: unterhalb eines bestimmten Gewichts hat man ausschließlich Gedanken ans Essen, und auch ans Nicht-Essen, dass für weiteres wie Gefühle oder Ziele kein Platz mehr ist. Muss so eine Art Überlebendmodus des Körpers sein.

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