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Bevorzugt kaufe ich zu Zeiten ein, zu denen sonst niemand einkaufen geht. So habe ich genug Zeit, mir alles in Ruhe anzusehen. Ich durchforste Flugblätter nach Sonderangeboten für Lebensmittel, von denen ich weiß, dass ich sie hinterher sowieso wieder auskotzen werde. Ich wähle Lebensmittel nicht nach persönlicher Präferenz aus, sondern nach dem geringsten Kilopreis.

Gestern nach der Arbeit fahre ich einkaufen. Zuerst treibe ich endlich neue Schuhe auf, damit ich wieder im Regen rausgehen kann, ohne dass mir das ganze Wasser durch die Sohle kommt. Die Frau, die mir aus dem Spiegel entgegenstarrt, scheint nicht ich zu sein. Zumindest kann ich es nicht glauben, dass dieser Mensch, der in dem zwei Nummern zu großen Parka versinkt, auf den zwei Zahnstocherbeinchen, ich sein soll. „Bist du schon mal umgekippt?“ hatte Melanie am Samstag gefragt. „Nö. Also ja, natürlich bin ich schon mal umgekippt, früher mal. Aber nicht in den letzten Wochen wegen dem Essen.“ – „Wie machst du das? Ich bin in den letzten 3 Wochen zwei Mal umgekippt in der WG, vor allen anderen, dabei wiege ich mehr als du. Das war so peinlich, ich bin einfach umgefallen, ohne Vorwarnung.“ – „Keine Ahnung, wie ich das mache. Ich frage mich das auch manchmal.“

Hinterher hatte ich den Gedanken, dass es vielleicht daran liegt, dass Melanie Medikamente nimmt und ich nicht. Neuroleptika haben ja die unangenehme Nebenwirkung, dass sie auf den Kreislauf schlagen.

Aber zurück zu gestern Abend. Nachdem die trockenen Füße für den kommenden Winter gesichert sind, mache ich mich auf zum Discounter, denn es gibt Tiefkühl-Streuselkuchen im Sonderangebot. Damit es nicht ganz so blöd aussieht, wandert auch eine Packung Kohlsprossen in den Einkaufswagen. Leider habe ich eine Zeit erwischt, zu der alle Berufstätigen die am Wochenende zu Neige gegangenen Lebensmittelvorräte wieder auffüllen wollen. Dementsprechend lang ist die Schlange an der Kassa.

Ich hasse Kassaschlangen. Ich mag das nicht, wenn Menschen sehen, was ich einkaufe. Wenn es nur gesunde Sachen sind, ist mir das peinlich, und wenn es nur ungesunde Sachen sind, auch. Ich habe immer eine große Stofftasche mit, in der ich meine Einkäufe schnellstmöglich verschwinden lassen kann.

Aber ich muss da durch, ich packe also die zwei Kuchen, die Kohlsprossen und eine Dose Erdnüsse auf das Band. Vor mir stehen zwei Frauen, etwas fester gebaut, ungefähr Ende 20. Eine beginnt zu kichern, deutet auf meinen Einkauf und sagt zu ihrer Begleitung: „Oh mein Gott… ich habe noch nie tiefgekühlten Kuchen gekauft. Ich verstehe nicht, warum man so etwas macht.“ Ich wünsche mir das berühmte Loch im Boden, um darin zu versinken. Ich werfe einen Blick auf die Lebensmittel, die sie aufs Band gelegt hat. Fettfreier Joghurt, Salat, Schokomuffins, Thunfischdosen, Brot. Am liebsten hätte ich geantwortet: „Weil ich ihn essen kann, ohne Angst haben zu müssen, so auszusehen wie du!“. Das Untergewicht als letzten Triumph. Die Tatsache, dass ich alles, was ich esse, wieder loswerden kann, als geheimen Joker. Außerdem… ich meine, sie hat abgepackte Schokomuffins am Band. Die sind glaube ich auch nicht besser als tiefgekühlte Kuchen, Tiefkühlware enthält ja oft sogar weniger Konservierungs- und andere Zusatzstoffe, eben, weil sie ja gefroren ist und nicht so leicht verderben kann. Sie ist bestimmt nur neidisch, weil sie nicht so dünn ist, flüstert das kleine Stimmchen im Hinterkopf. Rational gesehen weiß ich, dass ich eher bemitleidens- als beneidenswert aussehe, aber mit dieser Erklärung muss ich mich wenigstens nicht mehr so sehr schämen.

 

Zuhause stürme ich als erstes ins Bad zum Zähneputzen, um erst gar nicht auf die Idee zu kommen, etwas von den eingekauften Kuchen zu essen. Zähneputzen hilft gegen Hunger. Und das ist auch nötig, wenn man außer einem Schöpfer Kürbissuppe den ganzen Tag nichts gegessen hat. Danach widme ich mich, wie so oft in den letzten Wochen, einem Puzzle. Die meisten meiner 1000-Teile-Puzzles schaffe ich in 2,5-3 Stunden. Damit lässt sich ein Großteil des Abends überbrücken, die restliche Zeit schlage ich mit der Erweiterung meiner Rezeptesammlung tot. Um 22:45 lege ich mich todmüde ins Bett, kann aber nicht schlafen. Die Gedanken kreisen darum, wann ich den Kuchen essen werde, was ich bei der Gelegenheit sonst noch essen werde (wenn ich schon kotze, dann soll es sich auch auszahlen), in welcher Reihenfolge ich es am besten essen werde. Nur Süßkram oder auch etwas Pikantes? Lieber eine Dose Tomaten und eine Dose Bohnen als Grundlage verdrücken oder mit Pudding anfangen? Am Mittwoch fahre ich einkaufen, hauptsächlich für Zutaten zum Kekse backen. Was werde ich sonst noch einkaufen? Wird es wieder Nougatkrapfen im Sonderangebot geben, wie am Samstag? Einerseits hoffe ich es, weil sie lecker waren, andererseits fürchte ich mich davor. Krapfen sind schrecklich zum Kotzen, weil sie im Magen verklumpen. Bröselige Kekse oder cremige Torten mit Biskuitteig sind da beispielsweise besser. Allerdings, wenn man dazu Joghurt oder Pudding isst, lassen sich auch Krapfenklumpen leicht wieder nach oben befördern…

Um Mitternacht stehe ich entnervt auf und creme meine juckenden Hände ein. Trockene Haut lässt grüßen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass ein durchschnittlicher Mensch innerhalb von 8 Minuten, nachdem er sich ins Bett gelegt hat, einschläft. Ich bezweifle das zwar, aber falls es stimmt, ist es auf alle Fälle beneidenswert. Ich packe mein aktuelles Schlafmittel Nr. 1 aus: Lavendelöl. Ehrlich, das hilft bei mir besser als Trittico. Das letzte, woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich mich mit einem Kirschkernkissen an den Füßen und einem am Bauch mit meinem Kuschelhund, der ein bisschen Lavendelöl abbekommen hat, unter der Decke zusammenrolle. Diesmal klappt das mit den 8 Minuten sogar.

Ich stehe mit meiner Mutter in der Küche und sie erklärt mir mal wieder, dass ich viel zu dünn sei. Plötzlich beginnen die Muskeln an meinem Rücken unkontrolliert zu zucken. Als ob ich einen Krampf hätte, nur, dass es überhaupt nicht wehtut. „Wir müssen sofort ins Krankenhaus fahren!“ ruft meine Mutter panisch. „Es tut ja gar nicht weh!“ versuche ich sie zu beruhigen, doch sie wirft mir meine Jacke über die Schultern und schiebt mich zum Auto. Während der Fahrt zum Krankenhaus weint sie. Schließlich sitzen wir im Krankenhaus und es dauert nicht lange, bis ich aufgerufen werde. Ich will nicht. Ich will nicht untersucht werden, ich will nicht, dass sie Nadeln und Schläuche in mich stecken. Doch ich bin zu schwach um mich zu wehren. Meine Mutter zieht mich hoch, wir gehen durch die Tür….

…und ich sitze senkrecht im Bett. Ein Traum, alles nur ein böser Traum, versuche ich mich zu beruhigen. Vorsichtig bewege ich meinen Rücken. War da wirklich etwas und ich habe es in den Traum eingebaut? Oder war das Ganze nur Produkt meiner Phantasie? Jedenfalls kann ich alles bewegen und nichts tut weh. Gut. Ich muss an Melanie denken, die mir mal erzählt hatte, dass sie, als sie richtig tief im Untergewicht war, mehrmals geträumt hatte, dass sie daran stirbt. Vielleicht ist das in dem Zustand normal, auch wenn ich nicht richtig glauben kann, dass ich schon so untergewichtig sein soll, dass mein Körper mir sagen möchte, dass er ans Limit kommt.

Es ist erst 4:30, aber so richtig einschlafen kann ich nach der Sache nicht mehr. Schade eigentlich, die Nacht hatte so erfolgreich angefangen.

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  1. Darf ich fragen, wo man Lavendelöl her bekommt (ich weiß es ehrlich nicht) und wo du es drauf machst? Auf deine Hand oder in ein Gefäß, welches du auf den Nachtisch stellst?

    • Ich hab meines letztes Jahr auf einem Weihnachtsmarkt gekauft. Aber ich glaube, auch manche Drogeriemärkte oder Apotheken haben Duftöle.
      Meistens mache ich ein oder zwei Tropfen auf ein Taschentuch und lege es neben meinen Polster, oder tropfe es auf mein Kuscheltier.

  2. Echt jetzt?
    Die hat sich vor deinen Ohren über den Tiefkühlkuchen echaufiert?
    Mit abgepackten Muffins auf dem Band?
    Manche Leute haben echt einen Fön.
    Schade, dass ausgerechnet Dir das in so einer Situation passieren muss. 😔
    Ich backe selber viel und gerne und kaufe dennoch ab und zu was Tiefgefrorenes und würde mir einer dazu was sagen, dem würd ich helfen. 😬
    Genauso würde es mir aber im Traum nicht einfallen, so etwas über jemanden zu sagen, der Tiefkühlkuchen kauft.
    Spinnertussis. 😤

    Ansonsten liest sich das alles wirklich besorgniserregend. 😔
    Fliegermädchen… Ich wünsche Dir so sehr, dass Du bald wieder lachen kannst. ❤

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