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Einsamkeit

Manchmal frisst mich die Einsamkeit auf. Ich habe das Gefühl, dass alle in meiner Umgebung auf Distanz gehen. Klar ist es irgendwo verständlich, gesundes Abgrenzen und so. Niemand hat Bock, mir beim Verhungern zuzuschauen. Trotzdem tut es weh. Besonders bei meiner Mutter überrascht es mich. Früher wollte sie bei jedem Treffen wissen, wann wir uns das nächste Mal sehen. Und jetzt habe ich irgendwie das Gefühl, dass sie froh ist über jedes Wochenende, an dem sie mich nicht sehen muss. Seit ich im Kaff wohne redet sie schon darüber, dass sie und mein Vater mal in dem Gasthaus bei mir im Ort Gansl essen gehen wollen. Jetzt ist Gansl-Zeit, ich habe vorgeschlagen, dass sie ja herkommen könnten. „Nein, das ist ja auch komisch, wenn du dann danebensitzt und nichts isst. Da gehen wir lieber mit Nadine in Medan“. Bis zu einem gewissen Grad kann ich das ja nachvollziehen, es ist sicher nicht besonders appetitanregend wenn man mit seinem halbverhungerten Kind am Tisch sitzt und ihm dabei zusieht, wie es (wenn überhaupt) in einem kleinen gemischten Salat stochert, trotzdem fühle ich mich alleine gelassen und irgendwie aus der Familie „ausgeschlossen“. Umso weniger ich wiege, umso stärker wird dieses kindliche Bedürfnis nach Nähe und Gesellschaft und umso schmerzhafter ist die Einsamkeit.

Und der Kreis schließt sich, denn Gefühle wie Einsamkeit bekomme ich derzeit am besten kaputt, indem ich nicht esse. Hunger ist etwas sehr Faszinierendes. Zunächst mal hat man körperlichen Hunger. Das ist unangenehm. Der Bauch grummelt, tut weh, man fühlt sich schwach. Das ist der Punkt, an dem normale Menschen etwas essen. Wenn man aber über diesen Punkt hinausgeht, hört der körperliche Hunger auf. Der Magen knurrt nicht mehr oder tut weh, auch wenn man schon 20 Stunden nichts mehr gegessen hat. Statt Schwäche hat man unerklärliche Energieschübe. Der körperliche Hunger wird zu psychischem Hunger. Man denkt jede einzelne Sekunde an Essen, man träumt von Essen, liest Supermarktflugblätter und Kochzeitschriften, versucht Gespräche mit sämtlichen Menschen so unauffällig wie möglich auf das Thema Essen zu lenken. Man ist so eingenommen von diesem Thema, dass für Gefühle einfach kein Platz mehr bleibt.

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Ganz aus dem Zusammenhang gerissen:

Wenn man im Büro sitzt und es plötzlich so einen Krach macht, dass man im ersten Moment denkt, die Schweißgasflasche vor der Tür wäre in die Luft geflogen, wäre es manchmal doch gut, Radio zu hören oder Zeitung zu lesen. Denn dann wüsste man, dass das Militär wieder die jährlichen Überschallübungen macht. Ich finde es jedes Jahr aufs Neue faszinierend. Da durchbricht irgendwo in 10000m jemand die Schallmauer und am Boden wackeln die Fensterscheiben dass man glaubt, vor der Tür ist eine Bombe hochgegangen.

Wenn man nach jedem Regen trotz Schuhen einen nassen Fuß bekommt, könnte es sich lohnen, die Schuhsohle mal in Augenschein zu nehmen. Unter Umständen stellt man dann fest, dass sich auf dieser zentimeterlange Risse befinden. So wie ich heute.

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