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Papa

Ich stehe ein bisschen zwischen den Stühlen. Mal wieder.

Das Jahr neigt sich dem Ende zu und der Geburtstag meines Vaters rückt näher. Ein Tag, vor dem mir jahrelang graute. Letztes Jahr habe ich zum ersten Mal etwas Anderes gespürt. Den Wunsch, ihm eine Freude zu machen. Den Impuls, ihm zu sagen, dass ich ihn gern habe, egal was passiert ist.

Letztes Jahr habe ich mit der Kliniktherapeutin darüber geredet. Ich hatte mir überlegt, ihm einen Brief zu schreiben. Die Therapeutin stand dem kritisch gegenüber. “Überlegen Sie sich lieber mal, ob das wirklich eine gute Idee ist!”. Klar, sie kennt nur die dunklen Seiten, die dunklen Momente, die ich im Rahmen der PTBS-Diagnostik ausgraben musste. Sie kennt nicht die schönen Momente, die ich mit ihm verbracht habe. Er ist kein grundsätzlich böser Mensch. Er hat so viel mit mir unternommen als ich klein war, so oft sind wir am Bahnhof gesessen, ganz vorne am Gleis, er hatte mir ein Überraschungsei gekauft und dann sind wir dagesessen und haben den Zügen nachgeschaut. Oder er ist mit mir ins Museum gefahren. Oder, oder oder. Es war nicht so, dass er mich nicht geliebt hätte, sich nicht für mich interessiert hätte, dass ich ihm gleichgültig gewesen wäre. Er hatte nur ein Problem damit, seine Emotionen zu kontrollieren. Außerdem wäre es zu einfach, ihm die Schuld für alles in die Schuhe zu schieben. Wo waren meine Mutter, meine Großeltern, andere Verwandte, Lehrer, Bekannte? Es braucht nicht nur einen Täter, um ein Kind kaputtzumachen. Es braucht auch Leute, die wegschauen und alles unter den Teppich kehren.

Als ich letztes mal in Medan war, habe ich ihn umarmt, wegen dem Tod seiner Mutter. Es hat sich okay angefühlt. Ich habe es meiner jetzigen Therapeutin erzählt. Sie fand das gut. Sie weiß zwar nicht, was passiert ist, meinte aber, es sei bewundernswert und sehr stark, dass ich ihn umarmen kann.

Wie soll ich es erklären… ich habe keine Angst mehr vor ihm. Er kann mir nichts mehr tun. Zumindest fühlt es sich so an. Früher hatte ich Angst vor ihm, da kam er mir so groß, so stark, so mächtig vor. Jetzt sehe ich in ihm einen irgendwie bemitleidenswerten, älteren Mann. Ich glaube, dass ich mittlerweile mental stärker bin als er, und ich habe das Gefühl, dass er das auch weiß. Ich habe zum ersten Mal das Bedürfnis, die Distanz zwischen uns zu verringern, aber die Reaktion der Kliniktherapeutin von vor einem Jahr verunsichert mich noch immer. Bin das wirklich ich, die die Nähe zu ihm will? Oder ist das das verzweifelte, verletzte Kind in mir, das sich so sehr einen liebevollen Vater wünscht? Es ist nicht dieses “Ich muss ihm nahe sein, denn er ist mein Vater”, das ich früher oft gefühlt habe, sondern ein: “Ich will ihm nahe sein”.

Was erhoffe ich mir davon, wenn ich einen Schritt auf ihn zugehe? Ich kann die Zeit nicht zurückdrehen, ich kann nichts ungeschehen machen. Das, was früher gefehlt hat, kann ich mir jetzt auch nicht zurückholen.

Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, was ich mir davon verspreche. Ich denke, dass ich eine gewisse Art von innerem Frieden finden würde. Und er vermutlich auch. Ich meine, er ist auch nicht mehr der Jüngste, hat seinen Körper nicht unbedingt gut behandelt. Man weiß nie, wann es vorbei ist. Ich möchte einfach nicht, dass er in dem Glauben stirbt, dass ich ihn nicht liebe.

In mir ist manchmal einfach nur das Bedürfnis, mich in seinen Armen zu verkriechen und zu weinen.

 

 

 

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