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Hoffnungslos

Der Tag heute war zu viel.

Rollen wir das ganze mal von vorne bis hinten auf. Genau genommen fing es schon gestern Abend an, weil ich nach dem Gespräch mit meiner Mutter nicht schlafen konnte und bis 1 wach lag. Irgendwie wollte ich schneiden, aber ich habe es nicht getan. Wer denkt, ich hätte dann heute eben bis 9 geschlafen, liegt falsch. Die Anorexie ist ein verlässlicher Wecker. Ich habe keine Ahnung, wann ich das letzte mal länger als bis halb 8 geschlafen habe (Medikamenten- oder Substanzkonsum jetzt mal ausgenommen- und selbst mit Trittico bin ich oft schon nach 5,6 Stunden wieder wach). So wachte ich also um 5:30 wieder auf und wartete bis um 7, bis alle die Wohnung verlassen hatten und stand dann auf. Ich wunderte mich, dass der Wohnungsschlüssel meiner Schwester noch am Schlüsselbrett hing, sie hatte sich am Abend extra mit der Ankündigung verabschiedet, dass sie früh los müsse. Aber vielleicht hatte sich das geändert und dementsprechend vorsichtig ging ich glücklicherweise nachher vor. Ich frühstückte und kotzte. Aber nicht am Klo (ich wusste ja nicht, ob meine Schwester zuhause ist und was mitbekommt), sondern in einen Müllsack. Habe ich auch noch nie getan, aber einmal ist bekanntlich immer das erste Mal.

Danach warf ich mein ganzes Zeug ins Auto, denn später würde es schnell gehen müssen. Um 10:30 Zahnarzttermin in Medan und um 14:00 sollte ich 170km entfernt mein Auto zum “Pickerl” (TÜV) bringen. Glücklicherweise war an meinen Zähnen nichts auszusetzen (ich hatte schon befürchtet gehabt, dass sie durch die Kotzerei in Mitleidenschaft gezogen worden sein könnten), allerdings dauerte es trotzdem länger als geplant, da es wohl bei irgendeinem Patienten vor mir Komplikationen gegeben hatte. So stand ich erst um 11:54 vor der Zahnarztpraxis- zu der Zeit wollte ich eigentlich schon im Auto sitzen. Ich hetzte also zum Parkplatz und warf mich in den Montag-Mittag-Verkehr. Normalerweise nutze ich das 130km/h-Limit nie aus (außer hin und wieder beim Überholen), weil es nur ein paar Minuten Vorteil bringt und ich mein Auto nicht mehr beanspruchen will als notwendig, aber heute machte ich eine Ausnahme. Auch wenn ich gegen Ende der Fahrt dachte, ich würde auf der Stelle einschlafen. Okay, ich hatte um 7 gefrühstückt, alles wieder rausgekotzt und danach weder etwas gegessen noch etwas getrunken. Erstaunlicherweise kam ich trotzdem heil bei der Werkstätte an, sogar 8 Minuten vor 14:00. Die Wartezeit nutzte ich, die Hausaufgaben für die Essstörungsambulanz zu erledigen und 45:00 Minuten später konnte ich die Mängelliste in Empfang nehmen (4 schwere Mängel. Wunderbar.).

Damit war der Stress leider nicht vorbei. Um 16:00 hatte ich den Ambulanztermin. Ich hatte der Chefin versprochen, von einer Firma in der Nähe Material abzuholen, allerdings hatte ich vergessen mir vorher anzusehen wo sich diese Firma genau befindet. Ich hatte nur eine grobe Vorstellung, weil ich mir die Strecke schon mal herausgesucht hatte, aber genaueres wusste ich nicht. Also rief ich die Chefin an. “Also da kann ich dir auch nicht helfen, ich komme da immer von der anderen Seite. Wieso schaust du nicht auf google maps?” (Danke für den klugen Tipp. Wenn ich ein Handy hätte, dass das kann, hätte ich das schon längst getan anstatt durch die Weltgeschichte zu telefonieren). Wenn ich mich schon bereit erkläre, das Zeug abzuholen, hätte ich mir zumindest ein bisschen Unterstützung erhofft, immerhin saß sie ja vorm Computer. Noch dazu ging es immer mehr in Richtung 16:00 und mir lief die Zeit davon. Letztendlich fand ich die Firma doch, schnappte schnell den Karton, rannte zum Auto… und kam in den Nachmittagsverkehr. Jeder Autofahrer wird das kennen: Es gibt kaum etwas, was einen mehr fertig macht, als im Stau zu stehen und dringend irgendwohin zu müssen. Noch dazu hatte ich mir die neue Nummer von der Ambulanz noch nicht eingespeichert, ich hätte also nicht mal anrufen können um Bescheid zu sagen, dass ich mich verspäte. Ich saß wie auf Nadeln im Auto. Glücklicherweise löste sich der Stau an der Autobahnauffahrt auf, weil alle auf die Autobahn wollten.

5 Minuten vor 16:00 stellte ich mein Auto entsetzlich schief in der Parkgarage ab (zum vernünftig Einparken fehlte die Zeit), schnappte meinen Rucksack und ging so schnell wie möglich ans andere Ende des Krankenhauses, wo sich die Ambulanz befindet (rennen traue ich mich da drin irgendwie nie, das könnte in einem psychiatrischen Krankenhaus schnell mal falsch verstanden werden…). Punkt 16:00 war ich endlich in der Ambulanz. Wiegen. Das Trägertop ließ ich an, denn ich hatte vergessen, mir einen BH mit nach Medan zu nehmen. Ich hatte schon befürchtet, dass das Diskussionsstoff geben würde, aber das blieb mir zum Glück erspart. Das Gewicht war höher als letztes Mal. Ich war erleichtert, denn ich hatte ja den Auftrag bekommen, nicht weiter abzunehmen. Also alles gut. Dachte ich jedenfalls.

Es kam anders. So verflucht anders. Vielleicht lag es daran, dass ich durch die Hetzerei von einem Termin zum nächsten schon kurz vorm Explodieren war als ich in der Ambulanz ankam. Als die Psychologin mich prüfend ansah und meinte: “Wissen Sie, was sich an Ihrem Gewicht seit dem letzten Mal verändert hat?” brannte bei mir irgendeine Sicherung durch. Ich musste mich zusammenreißen, um ihr nicht an den Hals zu springen. Als ob ich nicht wüsste, was seit dem letzten Mal passiert ist, wenn ich jeden gottverdammten Tag auf die Waage steige. Noch gelang es mir aber, die Fassung zu wahren und die Kontrolle zu behalten. “Ich habe zugenommen?” – “Ja, genau. Wie finden Sie das?” Es war einfach alles zu viel. “Was erwarten Sie jetzt von mir? Dass ich freudig aufspringe und eine Runde um den Tisch tanze???!!” – “Woran könnte das denn liegen, dass Sie zugenommen haben?” Himmelarschundzwirn. Was für bekloppte Fragen. “Naja, vermutlich werde ich mehr gegessen haben, von Luft nimmt man ja nicht zu.” – “Was haben Sie denn mehr gegessen?” Es ging einfach nicht mehr. Selten war ich so kurz davor, loszuheulen oder einfach aufzuspringen und den Raum zu verlassen. “Ich kann diese ganzen Fragen gerade nicht beantworten. Bitte, können wir über irgendwas anderes reden, ich muss sonst aufstehen und rausgehen, es geht grade echt nicht mehr.” – “Kann es sein, dass sie gerade in Hochspannung sind?”. Ach nein. Was Sie nicht sagen.  Nicken. Nur nicht reden, denn dann hätte ich mir nicht mehr auf die Lippe beißen können in der Hoffnung, dass der Schmerz die Tränen verhindert. “Ich kann verstehen, dass Sie das in Anspannung bringt, dass Sie zugenommen haben. Was für Gefühle könnten denn dahinter stecken?”- “Das hat doch mit dem Gewicht nichts zu tun, das wusste ich ja schon bevor ich hergekommen bin. Ich weiß es ja selbst nicht, aber ich will da jetzt wirklich nicht drüber reden.”.- “Aber es wäre wichtig, weil…”

Ich hasse es, wenn ich das Gefühl habe, dass mich “Psycholeute” um meine Kontrolle bringen wollen. Ich weine nicht vor anderen Menschen. Grundsätzlich nicht. Und wenn ich den Eindruck gewinne, dass es jemand genau darauf anlegt, macht mich das wild.

Doch inzwischen hatte ich meine Fassung wiedergefunden und sie konnte reden was sie wollte, die Augen blieben trocken und meine Stimme klar und fest.

Sie wollte mich in die ambulante Skillsgruppe stecken. “Wie finden Sie diesen Vorschlag?” fragt sie mich. “Zum Davonlaufen” antworte ich wahrheitsgemäß. Außerdem ist die passenderweise am Montag am frühen Nachmittag und dauert ein halbes Jahr lang. Meine Chefin würde vor Begeisterung bestimmt Luftsprünge machen. Deswegen schlug die Psychologin die Motivationsgruppe vor. Zu was genau man da motiviert werden soll habe ich zwar bis jetzt nicht ganz verstanden, aber zumindest wäre die nur alle 2 Wochen und um 16:00.  Ich meinte, ich würde bis zum nächsten Termin darüber nachdenken.

“Wir müssen uns etwas überlegen. Ich schaue Ihnen nicht beim Scheitern zu.” sagte sie. “Aber wo ist denn das Problem? Ich habe doch eh zugenommen?!” – “Bei Ihrem ersten Termin haben Sie 5 Kilo mehr gewogen. Wenn Sie nächstes Mal abgenommen haben, kann ich Sie in diesem Rahmen nicht mehr weiterbehandeln. Dann müssen wir überlegen, ob stationär oder in der Tagesklinik nicht besser wäre.” – “Vom jetzigen Gewicht ausgehend oder von dem vom vorigen Mal?” – “Vom heutigen Gewicht.” – “Aber wieso? Wieso können wir nicht das vom letzten Mal nehmen?” – “Da diskutiere ich nicht drüber.” Ja, alles klar. Wenn ich über etwas nicht reden will, wird nachgebohrt. Und wenn ich mal was frage, wird darüber nicht diskutiert. Danke auch.

“Und was werden Sie jetzt tun?” fragte sie mich. “Skills machen. Und dann eine heiße Schokolade trinken.” – “Ja, es ist sicher eine gute Idee, sich nach diesem schwierigen Gespräch zu belohnen.”

Zum ersten Mal seit Monaten wendete ich bewusst Skills an. Weitgehend erfolglos. Ich wollte 10 Mal die Treppen rauf- und runterlaufen, die ich zu diesem Zweck auch schon während meinem stationären Aufenthalt benutzt habe. Nach 25 Mal gab ich auf, weil mein Herz rumzickte und sich die Anspannung von dieser Maßnahme sowieso unbeeindruckt zeigte. Ich ging am Gelände spazieren. Half nix. Ich trank eine heiße Schokolade. Half nix. Dann fuhr ich 40km/h zu schnell auf der kurvenreichen Landstraße nach Hause, aß Kekse und kotzte. Was solls. Drauf geschissen.

Jedenfalls ist die Motivation und die Zuversicht, die ich nach dem Termin bei Dr. Hexe letzte Woche hatte, dahin. Innerhalb von nicht mal 24 Stunden zwei Mal in aller Länge ausgeführt zu bekommen, dass man für unfähig gehalten wird, sein Leben alleine auf die Reihe zu kriegen, ist zu viel.

Außerdem finde ich es mal wieder faszinierend, wie sehr doch die Einschätzungen von Fachmenschen auseinandergehen können. Vor nicht mal einer Woche mit “Sie schaffen das” aus der Psychiaterpraxis geschickt worden, und heute hatte ich den Eindruck, die Psychologin hätte mich am liebsten gleich dabehalten.

 

 

 

 

One comment on “Hoffnungslos

  1. Auch Fachleute sind in erster Linie Menschen, somit gehen auch deren Wahrnehmung weit auseinander.
    Drücke dir die Daumen das es besser wird und hoffe du findest trotz allem wieder Motivation.
    LG

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