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Zugbegegnungen und was sich sonst noch tut

Manchmal begegnet man Leuten, die einen hinterher noch länger beschäftigen. Mittlerweile ist es 1,5 Wochen her, dass ich mit dem Zug vom Flughafen Richtung Kaff gefahren bin. Der von mir reservierte Sitzplatz war in einem 6er-Abteil, an der Tür sah ich, dass der Platz gegenüber ebenfalls reserviert ist, aber erst ab einer späteren Station. Im Abteil saßen noch 3 andere Fahrgäste. An der besagten Station stieg dann tatsächlich ein Typ ein. Optisch der „typische Nerd“. Brille, ordentliche Frisur, Hemd, keine in den Kniekehlen hängende Jeans. Ungefähr in meinem Alter. Ich saß da und las meine Physik-Zeitschrift, die ich mir am Flughafen gekauft hatte. Er setzte sich mir gegenüber und holte aus seiner Tasche ein Buch hervor. „Menschen verstehen und lenken“. Ich grinste in mich hinein. Dürfte wohl auch ein etwas spezieller Typ sein, denn es ist eher selten, dass Menschen in meinem Alter nicht kaugummikauend ins Smartphone vertieft mit Kopfhörern in den Ohren im Zug sitzen. 15 Minuten lang geschah nichts, ich las, er las, ich merkte aber wieder, dass er mich genauso aus den Augenwinkeln beobachtete wie ich ihn. Dann kam der Schaffner zur Fahrkartenkontrolle und ich schaffte es, einen Blick auf seine Vorteilscard zu erhaschen. Sein Alter hatte ich gut geschätzt, gleiches Geburtsjahr wie ich, nicht mal ein Monat nach mir. Inzwischen hatte ich meine Physikzeitschrift fertiggelesen und beschloss, das „Duell der Andersartigen“ in die nächste Runde zu führen: Ich holte meinen V7-Rubikscube aus dem Rucksack, verdrehte ihn und begann mit dem Lösen. Er nahm die Herausforderung an, 5 Minuten später packte er das Buch ein und tauschte es gegen einen Notizblock, auf dem sich bereits ein paar Gleichungen befanden, und begann, irgendetwas zu rechnen. Gerade als ich am Überlegen war, was ich denn noch so in meinem Rucksack hatte um ihn zu beeindrucken, kündigte eine Lautsprecherdurchsage die nächste Station an und alle Leute, die mit uns im Abteil saßen, verließen den Zug. Kaum war die Tür zugegangen, sagte er: „Du fährst auch nach […] , oder?“

Das war der Beginn eines langen Gesprächs über Gott und die Welt, und ich hätte noch die ganze Nacht mit ihm im Zug sitzen und quatschen können. Ich erfuhr, dass er in Medan Mathematik und Psychologie studiert, einen Hund hat, auf dem Weg zur Party einer Studienkollegin war und viele andere Dinge. Wir diskutierten über das Schulsystem, erzählten uns Anekdoten aus der Schulzeit.  Viel zu schnell waren wir an unserer gemeinsamen Endstation. Er hob mir sogar den Koffer aus dem Zug (was für ein Gentleman), dann verabschiedeten wir uns und er verschwand in der Menschenmenge.

Nein, ich bin nicht verknallt. Zumindest nicht im klassischen Sinn. Vielleicht bin ich auf einer intellektuellen Ebene in ihn verknallt. Ich glaube einfach, wir hätten einander noch viel zu sagen.

 

Das Wochenende war schön. Wahrscheinlich war es eines der letzten wettermäßig schönen Wochenenden dieses Jahr. In 10 Wochen ist das Jahr schon wieder vorbei. Nächstes Wochenende fahre ich nach Medan. Mit Nadine fahre ich Samstags in die Therme und Sonntag gehen wir vegan brunchen und dann in einem großen Park in der Nähe spazieren. Mittlerweile frage ich mich, was mich geritten hat, diesen Vorschlägen zuzustimmen. Okay, der Vorschlag mit dem  Sonntags-Brunch kam von mir. Die Therme von ihr. Sie hat mich seit 4 Monaten nicht mehr gesehen außer auf Facebook-Fotos. Sie hat keine Ahnung, wie dünn ich bin.Ich hoffe, sie sagt einfach nichts dazu.

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