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Therapie Klappe die… ähm

Am Weg zur Therapie überlege ich, die wievielte Therapeutin das eigentlich nun ist. Richtig zusammen bekomme ich es nicht. Irgendwann hört man auf zu zählen. Nachdem ich einen Parkplatz gesucht und gefunden habe, gehe ich zur angegebenen Adresse. Dort finde ich allerdings keinen Hinweis auf die Therapeutin. Ich bin froh, 15 Minuten zu früh gekommen zu sein, denn so habe ich wenigstens noch Zeit, die Adresse zu suchen. Nachdem ich durch einige Hinterhöfe gelatscht bin, entdecke ich, dass das gegenüberliegende Gebäude die gleiche Hausnummer hat- und da steht auch der richtige Text am Türschild. Erstes Problem gelöst. Das zweite beginnt auf der anderen Seite der Türe, denn nirgendwo steht, in welchen Stock ich eigentlich muss. Im ersten Stock kommt mir eine ziemlich fertig aussehende Frau entgegen. „Du willst zu Frau […], oder? Im zweiten Stock rechts, die letzte Türe!“ Ich bedanke mich und gehe noch eine Etage höher. An der besagten Tür erwartet mich eine Frau, die auf den ersten Blick nicht unsympathisch aussieht. Schon bei ihrem Namen hatte ich mir gedacht, dass sie vermutlich etwas älter ist und dieser Verdacht bestätigt sich nun. Sie bittet mich in einen Raum, in dem eine Menge Spielzeug herumsteht. Offenbar werden hier also auch Kinder therapiert. Das ist vielleicht gar nicht so schlecht, denn in mir schlummert noch so einiges an Kind.

Erstaunlicherweise beginnt es gar nicht mit dem üblichen: „Na dann erzählen Sie mal von sich!“. Sie erklärt kurz die Therapieform, die sie anwendet – Psychodrama- und auch, dass mein früherer Therapeut auch diese Ausbildung gemacht hat. Das erklärt so Einiges, aber das hatte er mir nie erzählt. Danach soll ich ihr sagen, was ich aus meiner letzten Therapie mitnehmen konnte und was ich mir gewünscht hätte und was ich mir von ihr wünsche. Soweit, sogut. Dann ist der Moment gekommen und ich hole meinen 8cm breiten Gesundheits-Ordner aus dem Rucksack und drücke in ihr in die Hand. „Oh. Das ist aber viel.“ – „Sie hatten ja gesagt, ich soll die Befunde mitbringen. Ich wusste nicht, was wichtig ist und was nicht, deswegen habe ich die ganze Mappe mitgenommen.“  – „Wäre es okay für Sie, wenn ich mir den bis zum nächsten Termin behalte? Dann könnte ich mir das in Ruhe durchlesen.“ Zu meinem eigenen Erstaunen stimme ich zu, auch wenn ich es hinterher im Auto etwas bereue. In dem Ordner befindet sich der komplette Akt meines ersten Psychiatrieaufenthalts und da stehen einige Dinge drin, die mir ziemlich peinlich sind. Andererseits glaube ich nicht, dass sie sich die Arbeit machen wird, die Sauklauenschrift des Pflegepersonals zu entziffern, das das alles damals aufgeschrieben hat.

Alles in allem verläuft der erste Termin ganz gut. Ich denke schon, dass ich mit ihr klarkommen könnte.

Zuhause angekommen mache ich mich weiter ans Kofferpacken und ich bin fasziniert davon, wie viel Zeug schon im Koffer ist und wie viel noch hineinsoll. Ich hatte eher Angst gehabt, dass der Koffer so leer ist, dass der Inhalt beim Transport kreuz und quer durch die Gegend fliegt. Immerhin bin ich mit diesem Koffer auch schon 2 Wochen auf Urlaub gefahren, daher sollte man denken, dass man für 5 Tage nur die Hälfte mitbraucht. Dem ist allerdings nicht so, außerdem habe ich mal wieder für alle Eventualitäten vorgesorgt- von Bikini (passt der überhaupt noch?! )  und Badetuch bis Regenjacke und Flauschweste ist alles dabei. Bei der aktuellen Wärmespeicherkapazität meines Körpers packt man lieber einen Pulli zu viel ein als zu wenig. Vielleicht ist es auch ein bisschen übertrieben, länger vorher anzufangen zu packen als der Urlaub tatsächlich dauert. Ich habe durch 5 Jahre Internat so viel Übung im Kofferpacken, dass ein Tag vorher vollkommen reichen würde. Aber wenn ich jeden Tag ein bisschen etwas einpacken kann, steigert das die Vorfreude zusätzlich. Jeden Tag wenn ich aufwache und aufstehe sehe ich den geöffneten Koffer und weiß: Nur mehr ein paar Tage.

Ich habe beschlossen, die Essstörung zuhause zu lassen. Ich will mir den Urlaub davon nicht versauen lassen. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es rein physiologisch nicht möglich ist, mehr als 500g pro Tag zuzunehmen. Wenn die Waage trotzdem mehr anzeigt, ist das entweder Wasser oder das Gewicht der Nahrung, die man in sich trägt, aber kein Fett, das man irgendwo ansetzt. Diese Vorstellung beruhigt irgendwie. Eigentlich wollte ich ja auch eine Waage mitnehmen, aber von der Idee bin ich mittlerweile abgekommen. Der Koffer muss nicht schwerer sein als so schon und ich brauche einfach mal Urlaub von der Essstörung.

Vor der Therapie habe ich übrigens einen Burger gegessen. Einen vegetarischen. Muss wohl ziemlich krotesk aussehen, wenn jemand mit einem BMI von 15,5 in ein Fast-Food-Restaurant wankt und einen Burger bestellt, aber mir war es egal. Der Burger war sehr lecker, aber ich hatte nachher trotzdem ein schlechtes Gewissen und habe zuhause nachgesehen, wie viele Kalorien der hatte. Über 500. Das war erst mal ein Schreck, aber wenn man bedenkt, dass ein Mensch mindestens 900 Kalorien am Tag braucht, um nicht zu verhungern und ich bis zum Burger ungefähr 100 gegessen hatte, ist der Burger kein Weltuntergang. Jedenfalls habe ich mir dann noch spaßhalber angesehen, wie viele Kalorien andere Burger haben und dabei festgestellt, dass die in der gleichen Größe mit Fisch oder Fleisch weniger Kalorien haben als der vegetarische Burger. Und zwar nicht um 20 oder 30, sondern um fast 100. Da soll noch einmal jemand sagen, Vegetarier leben gesünder. Vegetarische Ernährung wird ja oft als sehr gesund dargestellt, aber das ist Unfug, es kommt immer auf die Art und Weise an wie man sie praktiziert. Vor meiner Essstörung habe ich mich sicher ungesünder vegetarisch ernährt als so mancher „Fleischesser“. Und wie ich bei den Burgern festgestellt habe, bedeutet „vegetarisch“ nicht automatisch „weniger Kalorien“.

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