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Chamäleon

Es ist komisch, ausgerechnet an diesem Tag einen Ambulanztermin in der Klinik zu haben. Der letzte Montag im August. Der Tag, an dem ich vor einem Jahr mehr oder weniger unerwartet in der Psychiatrie gelandet bin.

Am Weg in die Klinik missachte ich sämtliche Geschwindigkeitsbeschränkungen, um noch irgendwie pünktlich anzukommen. Und tatsächlich, gerade als der Zeiger der großen Uhr auf 16:00 springt, fällt die Tür zur Ambulanz hinter mir zu. Die Schwester von letztem Mal erwartet mich schon.   Ich grüße sie. “Grüß Gott Frau A. ,kommen Sie gleich mal mit zum Wiegen”. Aha, diesmal also vor dem Gespräch. Sie holt den Schlüssel und geht mit mir in den Wiegeraum. “Wieder bis auf die Unterwäsche ausziehen?” frage ich während ich mir die Schuhbänder aufmache, in der Hoffnung, dass sie diesmal vielleicht Gnade walten lässt. Lässt sie nicht. Aber diesmal bin ich zumindest seelisch darauf vorbereitet und irgendwie auch körperlich. Was soll ich sagen, jeder hat seine superbequemen, aber nicht sehr ansehlichen “Oma-Schlüpfer” daheim. Also Unterwäsche, die man nur dann anzieht, wenn man weiß, dass sie niemand sehen wird. Und genau so etwas hatte ich beim letzten Mal angehabt.

Ich steige auf die Waage, sie notiert das Gewicht. Ich weiß, dass es weniger ist als beim letzten Mal. “Sie dürfen sich wieder anziehen. Ich rechne inzwischen Ihren BMI aus und gebe Ihnen dann einen Zettel mit.” Ich ziehe mich an, hole mir den Zettel und gehe ins Büro der Psychologin, an dem gar nicht ihr Name steht. Zum Glück ist das die einzig offene Tür, denn sonst hätte ich es vermutlich gar nicht wiedergefunden. Sie erwartet mich schon, wir begrüßen uns und ich setze mich gegenüber an den Tisch. “Sie wiegen 800g weniger als letztes Mal. Können Sie sich das erklären?” Ich verdrehe innerlich die Augen. Du liebe Güte, was sind schon 800g. Wenn ich es ausreize, kann ich 800g in zwei Tagen ab- und in einem zunehmen. Ich zucke mit den Schultern. “Keine Ahnung. Klingt vielleicht blöd, aber ich musste letztes Mal nach dem Termin schon ziemlich dringend auf die Toilette.” und das ist nicht mal gelogen. Ich hatte den Tag über total viel getrunken, nur vor dem Wiegen fragen ob ich auf die Toilette darf wollte ich auch nicht, damit niemand denkt, ich würde jetzt noch absichtlich schnell zwei Liter Wasser trinken um mein Gewicht zu manipulieren.

Sie fragt mich, wie es läuft mit dem Essen und überhaupt und plötzlich ist mein Kopf wie leergefegt. Wie läuft es mit dem Essen? Wie geht es mir eigentlich? “Hm…diese Woche ist es okay, bis jetzt. Die letzten 2 Wochen waren etwas schwierig.” – “Schwierig ist eine Bewertung. Können Sie das näher beschreiben? Was ist schwierig?”

Sie ist der Meinung, dass wir uns nicht auf die Behandlung der Essstörung konzentrieren sollten, sondern dass das einfach Teil der Borderline-Problematik ist. Das sehe ich auch so- allerdings verstehe ich dann nicht die Notwendigkeit, die Essstörung als Extra-Diagnose im Ambulanzbefund aufzulisten.  “Es wäre zu überlegen, ob Sie nicht zur ambulanten Skillsgruppe auf die Station gehen sollten. Das Problem ist halt, die ist am frühen Nachmittag.” – “Vielleicht kann ich für die Wintermonate mit meiner Chefin vereinbaren, dass ich wieder nur 35 Stunden arbeite. Dann hätte ich einen zusätzlichen Nachmittag pro Woche frei und könnte zur Skillsgruppe gehen.” Auch wenn ich ehrlich gestanden wenig Lust darauf habe, mir die ganzen Sachen noch ein drittes Mal anzuhören. Aber ein bisschen kooperativ muss man sich ja zeigen. “Naja, aber ich möchte Sie da auch nicht aus Ihrem produktiven Arbeitsalltag herausreißen. Das hat wirklich Priorität, dass Sie das beibehalten.” Na was jetzt?! Erst sagt sie, ich soll in die Skillsgruppe, dann soll ich plötzlich doch nicht, weil ich dann einen Nachmittag unproduktiv wäre? Ich hinterfrage es nicht. Dazu sind die 30 Minuten, die uns für das Gespräch zur Verfügung stehen, zu kurz.

“Wir haben ja letztes Mal schon besprochen, dass es gut währe, wenn Sie ein Essprotokoll schreiben.” Sie legt einige Zetteln auf den Tisch und erklärt mir die einzelnen Spalten. “Können Sie sich vorstellen, das eine Woche lang auszufüllen?” – “Ja. Kein Problem.” Jetzt also Essprotokolle statt Spannungsprotokolle.

Wir vereinbaren einen Folgetermin. Ich schlage Ende Oktober vor. Da muss ich mir sowieso einen Tag Urlaub nehmen, weil ich einen Zahnarzttermin in Medan habe- wenn ich den Termin in der Klinik auch an dem Tag hätte, müsste ich meine Chefin ein Mal weniger fragen. Die Psychologin hält das für keine gute Idee. Schließlich stimme ich zu und wir vereinbaren einen Termin in 4 Wochen.

Nach dem Termin schaue ich durch die große Glasfront im ersten Stock hinunter in den Hof der Entzugsstation. Ich habe mittlerweile viele Stationen in diesem Krankenhaus von innen gesehen, manche als Besucher, manche als Patientin, aber die Entzugsstation hat mir irgendwie am besten gefallen. Die großen Altbaufenster mit den tollen breiten Fensterbrettern, der weitläufige Innenhof. Ausreichend Platz, um mal für sich zu sein, oder in Ruhe telefonieren zu können, ohne dass jeder mithört. Ich schaue auf die Bänke, an denen heute niemand sitzt. Nicht wie vor einem Jahr, als ich zusammen mit Luca und Stephan und all den anderen dort draußen gesessen bin.

Ich weiß nicht viel von diesem ersten Abend. Ich weiß noch, wie ich bei Dr. Hexe sitze und sie mir sagt, dass sie mich einweist. Filmriss. Ich frage die Sprechstundenhilfe ob ich auf die Toilette darf und werfe mir dort Tabletten ein. Filmriss. Das Taxi hält an meinem Auto, ich hole den Rucksack aus dem Kofferraum und schließe ihn wieder ab. Filmriss. Die Taxifahrerin fragt in der Klinik am Informationsschalter, wo sie mich hinbringen soll. Filmriss. Ich sitze neben der weinenden Frau in der Aufnahme, von der ich bis heute nicht weiß, wo sie ist, weil mir die Erinnerungen an den Weg dorthin und von dort auf die Entzugsstation fehlen. Filmriss. Ich sitze in dem Aufnahmezimmer mit den drei Ärztinnen, die mir alle möglichen Fragen stellen, während eine versucht herauszufinden, wo ich denn hinsoll. Filmriss. Ich sitze auf dem Bett im Zimmer und werfe mir Tabletten ein. Filmriss. Ich sitze auf der Mauer neben den Bänken im Innenhof. Schon an dem Abend hat mir Luca den Spitznamen “Küken” verpasst. Filmriss.

Obwohl ich eigentlich ins Untergeschoss fahren müsste, um zurück zur Garage zu meinem Auto zu gelangen, fahre ich in den ersten Stock. Die Tür zur Entzugsstation steht offen. Ich gehe nicht hinein, selbst wenn es noch das gleiche Personal wäre- ein Jahr später würde mich dort niemand mehr erkennen. Kaum jemand bleibt dort länger als 3 oder 4 Wochen. Zu viel Durchlauf, um sich einzelne Patienten zu merken, selbst wenn es ein 21-jähriger Tablettenjunkie zwischen 50-jährigen Alkoholikern ist. Ich bleibe an der Tür stehen und lese das Schild, auf dem der Stationsarzt und die leitenden Pflegekräfte notiert sind. Keiner der Namen kommt mir bekannt vor. Ich weiß nicht, ob das Personal ausgetauscht wurde oder ob ich mich schlicht und einfach nicht mehr daran erinnern kann.

Schließlich gehe ich doch Richtung Ausgang. Einen Moment überlege ich, ob ich hochgehen soll zur DBT-Station, einfach einen Blick durch die Glastüre werfen und schauen ob meine ehemalige Bezugsschwester Dienst hat. Aber selbst wenn sie da wäre, was sollte ich tun? Hineingehen? Mit welcher Begründung? Und ich möchte nicht, dass sie mich so sieht. “Bleiben Sie achtsam” hatte sie auf das Plakat geschrieben, das sie mir zum Abschied geschenkt hat. Es ist offensichtlich, dass ich das nicht getan habe. Vermutlich hat sich das auch schon auf die Station durchgesprochen, immerhin hat mein damaliger behandelnder Arzt den Ambulanzbefund freigegeben.  Die Vorstellung, dass sie das weiß, ist schon schlimm genug. Ich möchte ihr nicht in die Augen sehen müssen mit dem Wissen, es verkackt zu haben.

Ein Jahr später muss ich mir die Frage stellen, ob ich etwas dazugelernt habe. War die DBT umsonst? Ich habe Problemverhalten durch anderes Problemverhalten ersetzt. Nicht besonders konstruktiv. Ich habe nicht das Gefühl, dass es umsonst gewesen ist, schon alleine der Erfahrung wegen. Trotzdem hätte ich, als ich nach 12 langen Wochen die Klinik verlassen habe, nie gedacht, dass ich jemals wieder so tief fallen könnte.

Aber wie hat die Psychologin heute gesagt? “Sie können nicht erwarten, dass sich eine Persönlichkeitsstörung nach 10 Wochen stationärer Therapie in Luft aufgelöst hat.”

Vermutlich hat sie recht. Borderline ist ein Chamäleon. Wenn du denkst, du weißt wie es aussieht, ändert es einfach seine Farbe, sodass du es wieder erst kapierst, wenn es zu spät ist.

 

 

 

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