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Themenfreitag #21- Schule und psychische Krankheiten

Das Wunschthema für diesen Themenfreitag war relativ mehrheitlich Schule und psychische Krankheiten, was nicht heißt, dass das zweite vorgeschlagene Thema komplett unter den Tisch fallen wird. Es wird bestimmt noch den einen oder anderen Themenfreitag geben, an dem ich keine Vorschläge bekomme und dann auf solche Themen zurückgreifen kann.

Psychische Krankheiten in der Schule bzw. später im Berufsleben ist ja immer ein schwieriges Thema. Wie viel sage ich? Was behalte ich lieber für mich? Wem gebe ich welche Informationen? Wie werden die Reaktionen sein? Hier kommen mal wieder, ungeschönt und mit ein bisschen Sarkasmus gewürzt, meine persönlichen Erfahrungen.

Wie schon öfter geschrieben, fing es bei mir mit 11 Jahren mit Selbstverletzungen an. Da ich ja nicht wusste, dass es etwas „Verbotenes“ ist, machte ich mir am Anfang erst gar nicht die Mühe, die Spuren zu verstecken. Ich könnte mich aber an keine Reaktion darauf erinnern, weder von Lehrern noch von Mitschülern. Ich bekam nur durch eine Klassenkameradin von mir mit, dass es doch etwas ist, was man eigentlich nicht macht. Sie hatte ebenfalls angefangen sich zu verletzen, ihre besorgten Freundinnen hatten unseren Klassenvorstand informiert, der ihre Eltern anrief. Da zu diesem Zeitpunkt meine Kontakte zu meinen Klassenkameraden eher spärlich waren, war ich scheinbar nicht „interessant“ genug, als dass sich jemand um mich Sorgen gemacht hätte, was mich zu diesem Zeitpunkt nicht im Geringsten störte. Ich beneidete meine Klassenkameradin nicht um ihre Psychologenbesuche, die ihre Eltern daraufhin initiierten (dennoch brachte es offenbar etwas, denn sie hörte kurze Zeit später mit den Selbstverletzungen auf). Ich machte munter weiter, steckte mir während dem Unterricht Sicherheitsnadeln durch die Finger und lief damit durch die Schule- alles kein Problem. Wir hatten war eine Schulpsychologin, die aber eher dazu abgestellt war, den chronischen Schulschwänzern ins Gewissen zu reden (die durch die Termine bei ihr noch mehr Unterrichtsstunden verpassten als ohnehin schon). Ich wollte trotzdem kein Risiko eingehen und begann irgendwann, meine Verletzungen zu verstecken.

Ansatzweise wurden psychische Krankheiten auch im Unterricht durchbesprochen. In einem Biologiebuch (ich glaube es war das vom 3. Schuljahr) gab es eine A4-Seite über Essstörungen und einen kurzen Absatz über Drogenkonsum. Im 4. Jahr beschloss dann offenbar unsere Deutschlehrerin uns die Gefahren des Erwachsen-Werdens näher zu bringen. In diesem Jahr musste jeder ein Referat halten und all jene, die von sich aus kein Buch vorweisen konnten, das sie für „referierenswert“ hielt, bekamen von ihr ein „Problembuch“, über das sie referieren mussten. So wurde damals alles durchgekaut was es gab: angefangen von Drogen, über Alkohol, Spielsucht, Essstörungen, Missbrauch… bis hin zu Selbstverletzung. Eine Freundin von mir zog das große Los, über das Selbstverletzungsbuch referieren zu müssen (sie wusste, dass ich mich selbstverletze). Ich fand das natürlich sehr amüsant.  So amüsant, dass wir ein paar Tage später bei unserer Deutschlehrerin vor dem Lehrerzimmer standen und fragten, ob wir das Referat gemeinsam halten dürfen und ein paar Hintergrundinfos heraussuchen, damit es ausführlich genug für 2 Leute wird. Erstaunlicherweise durften wir sogar, und es wird wohl niemanden wundern, dass wir dabei eine Mordsgaudi hatten. Ich sollte eine Stelle in dem Buch vorlesen, an der die Hauptperson nach einem Suizidversuch halb tot aufgefunden wird und bekam dabei jedes Mal einen Lachanfall, sodass ich Bedenken hatte, ob ich beim Referat überhaupt ernst bleiben könnte.

Beim Referat schaffte ich es, meiner Klasse das Thema mit der notwendigen Ernsthaftigkeit näher zu bringen, obwohl ich mich innerlich halb kaputt lachte. Das ist etwas, das mir bis heute unglaublich Spaß macht: vor Menschen, die nichts von meinen Verletzungen wissen, so zu tun als würde mich das Thema nicht betreffen und fände das genauso befremdlich und unverständlich wie sie selbst.

Im Kunstunterricht tobte ich mich dahingehend aus, dass ich ziemlich dunkle Bilder zeichnete. Angefangen von Grabsteinen, Blut, Messer, Menschen, die eindeutig dabei sind, suizidale Handlungen zu begehen- doch erstaunlicherweise hatte auch das keinerlei Konsequenzen.

 

Dann folgte der Schulwechsel. Oberstufe. Und hier begannen die ersten ernsthaften Probleme. Da das örtliche Schwimmbad nur wenige Fußminuten von der Schule entfernt war, stand im ersten Jahr jede zweite Woche statt dem Turnunterricht Schwimmunterricht am Programm. Ich sah damals schon ziemlich „wild“ aus- schwimmen gehen war also keine Option für mich. Eine Lösung musste her. Ich verbündete mich mit der Schulärztin, die mir für den Schwimmunterricht jede zweite Woche eine Entschuldigung schrieb. Trotzdem schlug es sich in meinen Noten nieder: Ich hatte im Zeugnis in Sport eine 3, bedingt durch die vielen (Schwimm)fehlstunden. Mein Lehrer hat zwar nie gefragt warum, aber ich glaube, dass er sich „seinen Teil“ gedacht hat, denn wenn er mir das Leben schwer machen hätte wollen, hätte er mir auch ein „nicht beurteilt“ geben können.

In diesem Schuljahr hatte sich unser Deutschlehrer das Thema „Gedichte“ in den Kopf gesetzt. Regelmäßig sollten wir als Hausübung Gedichte schreiben. Zu „Deprizeiten“ schrieb ich regelmäßig Gedichte mit meiner Stimmung entsprechendem Inhalt, und da ich zu dieser Zeit sehr depressiv war, hatte ich weder die Kraft, noch die Motivation mich extra nochmal hinzusetzen und Gedichte über Liebe, Blümchen, oder das schöne Leben zu schreiben. Soll heißen: Ich gab meine ganzen Depri-Gedichte über Selbstmord etc. als Hausübung ab.  Heute finde ich es lustig und irgendwie auch ein bisschen peinlich, aber damals war mir das einfach egal. Und es hatte ja auch keinerlei Konsequenzen, ich bekam die Gedichte mit durchwegs positiven Kommentaren wieder zurück.

Natürlich habe ich mir manchmal die Frage gestellt, ob Lehrer in so einem Fall handeln müssten und ich habe bis heute keine eindeutige Antwort darauf. Ich glaube schon, dass es im Erwachsen-Werden eine Phase gibt, in der man sich, je nach Person, mehr oder weniger stark mit dem eigenen Tod auseinandersetzt. Andererseits finde ich, dass es einen Unterschied macht, ob man sich damit auseinandersetzt, dass man irgendwann in 60 Jahren mal stirbt, oder ob man eindeutige Suizidideen geschrieben oder gemalt zu Papier bringt. Ich gebe zu, manchmal denke ich schon, dass doch da jemand handeln hätte müssen. Es ist meiner Meinung nach nicht normal, wenn ein 14-jähriges Mädchen im Kunstunterricht einen Grabstein aus Ton formt oder ein 500 Wörter langes Gedicht über Selbstmord schreibt.

Wenig später folgte mein erster Psychiatrieaufenthalt. Offiziell hieß es, ich sei im Krankenhaus, und derjenige, der verhinderte, dass die Wahrheit ans Licht kam, war einer meiner damaligen Lehrer.

Besagter Lehrer war der einzige, der uns die Unterrichtsunterlagen per E-Mail schickte. Diese leitete ich dann immer an meine Mutter weiter, um sie zuhause ausdrucken zu können. Diese Tatsachen sind für den Verlauf der Geschichte relevant. Denn einige Wochen nach meiner Entlassung suchte ich nichtsahnend am Computer meiner Mutter nach alten Unterlagen dieses Lehrers, um mich auf eine Prüfung vorzubereiten. Dabei stieß ich zu meinem Entsetzen auf eine E-Mail, die dieser Lehrer meinen Eltern geschrieben hatte.

Wie schon im Psychiatrie-Themenfreitags-Beitrag geschrieben, war ich während dem Aufenthalt so zugedröhnt, dass ich kaum mehr etwas weiß. Offenbar hatte ich in meinem „Benzo-Rausch“ diesem Lehrer eine E-Mail geschickt, in der ich ihm einen endlos peinlichen Brief gesendet hatte mit der Bitte, ihn meiner Klasse vorzulesen. Er hatte das Gott sei Dank nicht gemacht, sondern die E-Mail meinen Eltern weitergeleitet. Nachdem ich das herausgefunden hatte, wäre ich vor diesem Lehrer jedes Mal am liebsten im Boden versunken, auch Jahre später noch. Zum Glück hatten wir dieses Fach nur das erste Jahr und ich hatte dann bis auf ein paar wenigen Laborstunden in der letzten Klasse keinen Unterricht mehr bei ihm.

Obwohl mein Psychiatrieaufenthalt geheim gehalten wurde, brodelte die Gerüchteküche. Eine Zeit lang ging in der Schule sogar das Gerücht um, dass ich schwanger sei. Nach meiner Rückkehr hörte es allerdings nicht auf, im Gegenteil, einige Wochen später hätte mich meine Mutter fast von der Schule genommen, nachdem sie einen Anruf von Internatserziehern erhalten hatten, die ein Gerücht ernst genommen hatten.

Irgendwie war das Gerücht entstanden, dass ich ein Referat halten hätte sollen, aber nicht erschienen war, woraufhin alle nach mir gesucht hätten und mich heulend am Schulklo gefunden hätten. Die Geschichte stimmt so weit, dass ich das Referat nicht halten wollte und deswegen nicht in den Unterricht gegangen bin, aber kein Mensch hat nach mir gesucht und geweint habe ich auch nicht. (Irgendwie) verständlicherweise glaubte meine Mutter den Erziehern mehr als ihrer gerade erst aus der Psychiatrie entlassenen Tochter und ich hatte große Mühe, sie vom Gegenteil zu überzeugen.

Außerdem habe ich noch eine nette Geschichte zum Thema „Sicherheit in Werkstätten“ auf Lager. Wie im ersten Themenfreitagsbeitrag zum Thema „Schule“  schon geschrieben, hatten wir einmal in der Woche Werkstättenunterricht. Im Abstand von 4-8 Wochen wurde durchgewechselt und man kam in eine andere Werkstätte, wo man zu Beginn eine Sicherheitsunterweisung bekam. Die war in den meisten Werkstätten ziemlich ähnlich: Schutzkleidung tragen, Haare zusammenbinden, Sicherheitsschuhe tragen, etc. Besonders der zweite Punkt ist in Werkstätten mit schnell rotierenden Teilen relevant, aber man muss nicht nur auf Haare achten, sondern auf alles, was nicht eng am Körper anliegt. Jedenfalls trug ich zu dieser Zeit immer Wollstulpen, damit niemand die Verletzungen sieht, wenn mir der Ärmel vom Werkstättenanzug hochrutscht.

Ich war gerade in der Dreherei. Eine Drehbank ist eine Maschine, in der ein rundes, symmetrisches Werkstück eingespannt ist, das sich mit hoher Geschwindigkeit dreht. In einen Werkzeughalter kann man verschiedene Messer oder Bohrer einspannen, um damit das Werkstück zu bearbeiten. Zur „Feinbearbeitung“ sollten wir feines Schleifpapier nehmen und damit das mit knapp 1000 Umdrehungen rotierende Werkstück polieren. Und wie es der böse Zufall so wollte, hing von meiner Wollstulpe ein Faden weg, und so schnell konnte ich gar nicht schauen, wurde meine Stulpe in die Drehbank gezogen. Ich ließ augenblicklich das Schleifpapier fallen, und schaffte es gerade noch, aus der Stulpe zu schlüpfen, bevor sie sich um das Werkstück wickelte.

Also: Solche Sicherheitsanweisungen sind nicht zum Spaß, da hat sich jemand etwas überlegt dabei (wie ich auch an einem Klassenkollegen von mir sah, der sich 2 Jahre später in der Fräserei ein fast 15cm langes Stück Fleisch aus dem Unterarm fräste, nachdem er mit seinem Ärmel in die Maschine geraten war).

So ging das erste, sehr ereignisreiche Schuljahr in der neuen Schule zu Ende. Im zweiten Jahr wurde der Schwimmunterricht abgeschafft, dafür stand ich vor einem anderen Problem: Medikamente. Ich lief durch die Gegend wie ein Zombie und hatte Mühe, mich während dem Unterricht wachzuhalten. So kam es auch vor, dass ich das eine oder andere Mal einschlief. Vielleicht wäre es vernünftig gewesen, mit den Lehrern vorher unter 4 Augen zu reden und zu sagen, dass das passieren kann, dass es mir leid tut, aber dass es nicht an mangelndem Interesse liegt sondern an den Medikamenten, oder meinen Arzt zu bitten, die Dosis so weit zu reduzieren, dass ich einen einigermaßen normalen Alltag auf die Reihe bekomme. Auf die Idee kam ich allerdings nicht, stattdessen machte ich mich bei einigen Lehrern ziemlich unbeliebt, nachdem ich mehrmals in ihrem Unterricht eingeschlafen war (bei meinem Klassenvorstand war ich bis zum Schluss „untendurch“, wie man so schön sagt).

Innerhalb der Klasse war das alles allerdings nie in irgendeiner Hinsicht Thema, worüber ich auch sehr froh bin. Ich glaube, dass das in einer „Mädchenklasse“ anders gewesen wäre, aber ich habe so den Eindruck, dass das für Jungs einfach nichts ist, was wichtig genug wäre, um darüber zu reden. Ich wurde einfach so akzeptiert wie ich bin und fertig. Nur ein Klassenkollege, dessen Vater auf der Akutpsychiatrie arbeitet, hat mich mal angesprochen- aber der hat durch seinen Vater natürlich einen anderen Zugang zu solchen Themen. Auch wenn ich in der Klasse eher eine „Außenseiterrolle“ einnahm, weil ich nicht an gemeinsamen, abendlichen Saufgelagen im nahegelegenen Park teilnahm, fühlte ich mich immer wohl in meiner Klasse.

Auweia, so viel wollte ich eigentlich gar nicht schreiben. Allerdings gibt es auch nicht mehr viel zu schreiben, aber da es thematisch passt, möchte ich noch ein paar Worte zu einer ziemlich lustigen Situation nach meiner mündlichen Matura verlieren.

Die Matura war also vorbei, ich hatte unerwarteterweise bestanden, und ging mit einem Schüler der Parallelklasse zusammen zurück zum Internat. Er druckste ein bisschen herum, und fragte dann, ob er mich etwas fragen dürfe. Es war Mitte Juni, ich war dementsprechend kurzärmlig unterwegs, die Narben der letzten Monate waren natürlich trotzdem deutlich sichtbar. Er schielte auf meinen Arm. „Also…äh…sind die echt?!“

Ja, er meinte das ernst. Und ich lasse das einfach mal so stehen… 😉

 

So, ich hoffe euch hat der kleine Ausflug in meine Schulzeit gefallen. Für Fragen und Vorschläge für den nächsten Themenfreitag bin ich immer offen. Der ist übrigens am ersten Juli.

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