4 Comments

Coming Home

Nach dem Mittagessen mache ich den Flieger startklar. Als ich gerade den Propeller zum gefühlten 50. Mal umdrehe kommt Paul und hilft mir. Ich erzähle ihm, dass ich zuerst mit dem Fluglehrer eine Runde fliege und dann hoffentlich alleine. “Brauchst du einen Passagier?” fragt er. “Na wenn du dich traust…” – “Ich kann dir ja auf die Finger schauen.”. Mit diesem Satz fällt meine Entscheidung, dass ich ihn definitiv nicht mitnehmen werde.

Er ist wirklich ein netter Mensch, aber im Bezug auf die Fliegerei greift man sich bei ihm manchmal echt an den Kopf. Es ist eine Sache, “normalen” Menschen, die nichts mit der Fliegerei zu tun haben, etwas darüber zu erzählen. Aber mit solchen Dinge wie einem Flugzeugmechaniker erklären, wo man den Flieger zum Schieben anfassen darf, oder erfahreneren Piloten beim Fliegen dreinzureden, macht man sich schnell mal unbeliebt. Wichtig im Flugzeug ist eine klare Rollenverteilung. Es muss immer klar sein, wer die Verantwortung für das Flugzeug hat. Wenn ich nicht die Verantwortung habe, bin ich ein ganz normaler Passagier, sofern nicht ausgemacht ist, dass ich den Funkverkehr und/oder die Navigation übernehme. Ich würde einem anderen Piloten nur dann dreinreden, wenn er irgendetwas tut oder nicht tut, was wirklich gefährliche Konsequenzen haben könnte. Bei einem Flug mit Paul letztes Jahr habe ich schon mal festgestellt, dass er sich trotzdem sehr gerne einmischt. Mit dem Pilotenschein scheint sein Selbstbewusstsein um 150% gestiegen zu sein, und das ist teilweise etwas zu viel des Guten.

Aber darum soll es ja jetzt nicht gehen. Das Wetter ist schön, ich fühle mich im Flieger schon viel sicherer, der Fluglehrer sitzt neben mir und schreibt SMS (das ist immer ein gutes Zeichen). Ich mache die ganzen Checks, rolle auf die Piste und frage: “Können wir?” – “Ja, klar. Mach nur.” Na, wenn er das sagt. Vollgas, Geschwindigkeit aufbauen bis 40 Knoten, Bugrad entlasten, die Überziehwarnung schreit kurz, nachdrücken, steigen mit 60 Knoten. Ich fliege eine Platzrunde. Der Landeanflug ist ein bisschen chaotisch, da mich die Arbeiten, die neben der Piste stattfinden, ablenken. Und da ja ausgemacht war, dass wir eine Runde fliegen, kommt das “Durchstarten!” vom Fluglehrer recht unerwartet. Deswegen bleiben auch die Klappen erst mal auf Landestellung (ich bin beim Klappen einfahren beim Durchstarten immer etwas paranoid, nachdem ich sie einmal versehentlich vollständig eingefahren habe, was mit einem deutlich merkbaren Auftriebsverlust einhergeht, den man in Bodennähe eher nicht haben will), was dem Fluglehrer natürlich sofort auffällt. Die zweite Landung ist dann schon besser, ich rolle aufs Vorfeld, er steigt aus. “Viel Spaß! Flieg einfach noch 2,3 Runden. Ich bin dann weg und komme erst später wieder, leg mir das Headset dann einfach ins Büro.”

Und dann sitze ich da, alleine in dem Flugzeug. Es ist ungewohnt. Ungewohnt, die alleinige Verantwortung für ein Flugzeug zu haben. Ich überprüfe alles doppelt, bevor ich starte. Sind die Klappen wirklich draußen? Ist wirklich noch genug Treibstoff im Tank? Ist die Haube wirklich verriegelt? Irgendwann finde ich nichts mehr, was ich nicht schon doppelt überprüft hätte. Okay, durchatmen. Ich habe das hier schon unzählige Male alleine gemacht. Bremsen lösen, Vollgas.

Erwartungsgemäß bin ich früher in der Luft. Die erste Runde ist trotzdem noch nicht wirklich entspannend, ich habe Angst, die Landung zu versemmeln. Doch es läuft alles glatt. Zurückrollen, nochmal aufstellen, nächste Runde. Und da ist es ganz das alte Gefühl. Dieses “Eins-werden” mit dem Flugzeug. Diese tiefe Ruhe, dieses Gefühl, nach Hause zu kommen. Ich kann es gar nicht beschreiben. Ich sitze im Flieger mit Tränen in den Augen. Oh, ich habe es so sehr vermisst. Nur ich und das Flugzeug. Vor mir die verschneiten Alpen. Endlich kann ich wieder steile Kurven in der Platzrunde fliegen, oder dass mir ein Fluglehrer sagt, dass ich in der Platzrunde nicht so steil kurven soll. Der zweite Anflug. Ich konzentriere mich auf den kurzen Streifen Landebahn vor mir. Eine Landung wie aus dem Bilderbuch. Ich schaue auf die Uhr. Ab 14:00 ist der Flieger wieder reserviert. Es ist 13:49, da geht sich noch eine Runde aus. Ich starte nochmal. Jetzt ist alles wieder Routine. Es fühlt sich richtig an. Die Landung ist zwar nicht ganz so schön wie die davor, aber es ist nichts daran auszusetzen. “Pipifein!” kommentiert der Betriebsleiter am Funk.

Eigentlich wollte ich am Nachmittag alles vorbereiten, um mich am Abend so richtig zudröhnen zu können. Ich habe es dann sein lassen.

Ich glaube, ohne die Fliegerei würde ich tatsächlich nicht mehr leben.

4 comments on “Coming Home

  1. Den letzten Satz würde ich für mich auch sofort unterschreiben. Bei uns dauerts allerdings noch 4 Wochen, solang ist auch kein MoSe am Start. Morgen erstmal die ARCs durchdrücken, immerhin ein kleiner Lichtblick in dieser sonst beschissenen Welt.

  2. 🙂 Schön zu lesen, dass ist doch mal eine ordentliche Art zu fliegen. Ausserdem bin ich stolz auf dich, dass dies für heute die einzige Art zu fliegen war.
    Weiter so, immer mal wieder fliegen gehen um so der Anspannung und den Gefühlen des “unten-seins” zu entkommen. 🙂

  3. “Once you have tasted flight…”
    Meeeehr davon, was Dir gut tut! 👍

  4. Ich freue mich so sehr mit Dir und kann Deine Gefühle voll nachempfinden: Beim Fliegen im Cockpit und nach der Landung beim “auf-dem-Boden-bleiben”. 🙂

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: