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Keine Motivation

Ich habe keine Motivation. Meine DBT-Mappe liegt seit bald 2 Wochen unangetastet, aber aufgeschlagen auf meiner Couch.

Am 8. März habe ich Termin bei Dr. Hexe und ich muss einen Mittelweg finden zwischen “soviel erzählen, dass ich nicht aussehe als würde ich lügen” und “so wenig erzählen, dass sie mich nicht einweist.”. Zutrauen würde ich es ihr ja. Allerings bin ich diesmal nicht bis obenhin zugedröhnt mit Benzos und dementsprechend sehe ich dem deutlich wenig entspannter entgegen. Auf Psychiatrie habe ich so wirklich gar keinen Bock und diesmal werde ich definitiv nicht ruhig sitzen bleiben und warten, bis das Taxi kommt und mich da hinbringt.

Ich kann mir das Gespräch mit ihr schon bildlich vorstellen. “Wie geht es Ihnen?” – “Beschissen, weil […]” – “Sie müssen unbedingt Medikamente nehmen!” – “Ich will aber nicht.” – “Dann weise ich Sie ein.” Und dann komme ich auf die Geschlossene, lauter Schwestern die mir mit der “Wenn Sie ihre Medikamente nicht freiwillig nehmen, dann spritzen wir sie Ihnen halt”- Nummer kommen und am Ende gehe ich noch eine Stufe bekloppter wieder raus. Nein, nie wieder.

Die Medikamentendiskussion mit Dr. Hexe wird es bestimmt geben. Von dem Substanzkonsum wird sie ganz und gar nicht begeistert sein, deswegen bin ich schwer am Überlegen, ob ich ihr das überhaupt sagen soll. Sie wird mir Antidepressiva andrehen wollen. Und Neuroleptika. Ich bin nicht depressiv. Und Neuroleptika will ich auch keine. Ich habe keinen Bock auf Nebenwirkungen. Klar, andere Substanzen haben auch Nebenwirkungen, aber da fühle ich mich wenigstens gut und habe nicht die ganze Zeit dieses ekelige Gefühl, total abgestumpft zu sein. Die 5 Jahre, die ich auf dem Zeug verbracht habe, haben mir gereicht. Ich verteufel Psychopharmaka nicht grundsätzlich- für mich persönlich ist einfach die Liste mit den Nachteilen deutlich länger als die mit den Vorteilen. Als Bedarf ist es okay für mich, aber jeden Tag? Definitiv nicht mehr. Allerdings sind die meisten Psychiater schwer von dieser Sichtweise zu überzeugen oder, noch schlimmer, sehen sie darin den Beweis, dass man endgültig den Verstand verloren hat und in die Psychiatrie gehört. Oder sie meinen, dass die anderen Ärzte einfach zu doof waren, das richtige Medikament zu finden, aber sie würden das jetzt ganz bestimmt finden. Darüber kann ich nur mehr müde lachen. Mit 18 war ich an einem  Punkt, an dem ich mehr verschiedene Psychopharmka genommen hatte als ich Jahre alt war. Die verschiedenen Kombinationen und nicht die einzelnen Medikamente gezählt würde eine noch viel höhere Zahl ergeben. So viele Ärzte haben schon an mir herumexpermentiert und jeder von ihnen meinte, genau die richtige Idee für mich zu haben. Hier noch 100mg mehr, da 50mg weniger, ach, dann nochmal 75mg von dem anderen Medikament dazu.Erstaunlicherweise bin ich heute noch genauso kaputt wie damals und hat dazu geführt, dass ich Psychiatern grundsätzlich misstraue und sie für ziemlich eingebildet halte.

Wo waren wir? Genau, ich habe keine Lust auf Psychiatrie, auch wenn ich (mal wieder) keine Ahnung habe, wie ich die nächsten Wochen/Monate überstehen soll. Ab nächster Woche soll ich wieder Vollzeit arbeiten, dabei komme ich ja schon jetzt überhaupt nicht mehr klar. So weitermachen geht aber auf Dauer nicht, weil es sonst finanziell unangenehm wird. Du hast in diesem Leben keine Wahl, entweder du überschreitest sämtliche deiner Grenzen hopst irgendwann von einem Dach, oder du wahrst sie und bist die Bekloppte, die zuhause sitzt und ihr Leben nicht auf die Reihe kriegt und sich doofe Bemerkungen anhören kann (“Ich stehe ja auch morgens auf, wenns mir nicht gut geht” , “Jeder träumt manchmal schlecht!” , “Ich habe auch viel Mist erlebt, aber lass mich nicht so gehen!”). Als ein Mensch, der nicht gerne Schwäche zeigt, ist mir die erste Variante deutlich lieber. Es gibt kein Mittelding, auch wenn ich schon so viele Jahre mit dem Versuch verbracht habe, es zu finden.

Wie mein Therapeut schon vor einer Woche festgestellt hat: Ich bin ziemlich überzeugt davon, dass es für mich keine Zukunft gibt. Und deswegen denke ich auch nur darüber nach, wie ich mir die verbleibende Zeit so angenehm wie möglich gestalten kann. Und wenn dazu gehört, dass du mich irgendwann mit der Spritze im Arm im Bahnhofsklo triffst, dann ist das eben so. Solange das Leben einfach nur irgendwie aushaltbar ist.

Ich stelle mir vor, dass jeder Mensch eine Sorte von Gehirnzellen hat, die das zeitliche Denken übernehmen, die die Vergangenheit aufrufen aber sich auch die Zukunft ausmalen können. Traumatische Erlebnisse sind ein emotionaler flüssiger Stickstoff, der ins Gehirn sickert und die Zeit-Zellen für immer im Vergangenheitsmodus einfriert.

Irgendwann kommt der Punkt, an dem alles gefroren ist und du keine Zukunft mehr hast sondern nur eine Vergangenheit.

 

 

 

 

2 comments on “Keine Motivation

  1. Gerade zum Ende des lesen, setzt traurige Musik ein, bei der Serie die ich schaue. Es hört sich echt düster an :/ und ich würde dir gerne helfen weiß aber nicht wie. Pass auf dich auf

  2. Hast Du einmal darüber nachgedacht, was passiert, wenn man flüssigem Stickstoff Wärme zuführt? Du hast eine Zukunft!

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