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Themenfreitag #19- Schule

Das Wunschthema für heute war: „Schule“. Ehrlich gesagt hat mich das ein bisschen überrascht, ich hatte das immer so als Thema, wenn mir sonst gar nichts einfällt und keine Vorschläge kommen, im Hinterkopf. Damit, dass das auch wirklich jemand lesen will, hätte ich nicht gerechnet. Aber nun gut, dann kann ich ja jetzt ohne schlechtes Gewissen über meine Schulzeit plaudern.

Eigentlich bin ich recht gerne in die Schule gegangen. An meine Volksschulzeit habe ich kaum Erinnerungen, außer dass das die Zeit war, in der ich feststellte, dass ich irgendwie anders als die anderen Kinder bin. Wie gesagt, an viel erinnere ich mich nicht. Einmal habe ich vor die Schultoiletten gekotzt, weil ich es nicht mehr rechtzeitig dorthin geschafft habe. Einmal habe ich Anschiss von der Lehrerin bekommen, weil ich bereits zu Halbjahresende das gesamte Mathebuch heimlich während des Unterrichts ausgefüllt hatte. Ich war weitgehend unauffällig, nicht frech oder vorlaut (zu diesem Zeitpunkt jedenfalls noch nicht), nicht wirklich beliebt, aber auch kein „Mobbingopfer“.

Im Gymnasium kam die Pubertät und damit auch die rebellische Phase. Es folgten einige wichtige Ereignisse im Leben jedes Schülers:

Der erste Klassenbucheintrag: Ich hatte mir mit einer Klassenkameradin während dem Werkunterricht die Füße mit einem Geschenkband, das ich am Schulweg gefunden hatte, zusammengebunden. So wollten wir während des Unterrichts auf die Toilette hüpfen. Sie fiel dabei hin, leider genau gegen den Heizkörper, was eine erstaunliche Geräuschkulisse in dem Gang erzeugte, und dazu führte, dass im Gang sämtliche Türen aufgingen. Leider auch die, aus der unsere Werklehrerin dann schaute.

Die erste Vorladung meiner Eltern zum Elternsprechtag: Musik war ein Fach, mit dem ich zu dieser Zeit überhaupt nichts anfangen konnte. Ich hatte nie Probleme, etwas zu lernen, das mich interessierte- denn da musste ich eigentlich kaum lernen, es war einfach „da“. Dinge, die mich nicht interessierten, verweigerte ich hingegen komplett. Dreiklänge, Tonleitern, etc. gehörten damals zu den Dingen, die mich am allerwenigsten interessierten- dementsprechend produktiv war meine Mitarbeit. Wir mussten fast jede Stunde Arbeitsblätter ausfüllen, entweder irgendwelche Noten zeichnen oder mit Hilfe des Buches Fragen zu einem musikalischen Thema beantworten. Dass ich in die Zeile, wo man seinen Namen eintragen sollte, grundsätzlich Dinge wie „ich weiß nicht“ oder „keine Ahnung“ eintrug, war mein Lehrer dann schon gewohnt, allerdings war mir dann auch irgendwann das Beantworten dieser Fragen zu blöd. Ich schrieb einfach aus der Luft gegriffene Worte als Antworten hin. „Fensterwischtuch“, „Bratpfanne“, und die Frage, was ein Leitton sei, beantwortete ich mit dem Satz: „Ein Leitton ist ein leitender Ton für leidende Leute, die auf der Leitung stehen.“ Mein Lehrer, der seinen Job und das Fach verständlicherweise sehr ernst nahm, teilte diesen Humor nicht und hatte das dringende Bedürfnis, mit meinen Eltern darüber zu reden.

Die erste „Frühwarnung“ (Versetzungsgefährdung) : Nicht etwa in Mathe oder Englisch… sondern aus oben genannten Gründen in Musik. Irgendwie lustig wenn man bedenkt, dass ich heute, 10 Jahre später, eigene Musik mache.

Die erste gefälschte Unterschrift: Wie hin und wieder mal angedeutet: Meine Eltern waren sehr dahinter, dass ich nicht gut in der Schule war, sondern perfekt. Eine 2 war nicht gut, sondern: „Da musst du nächstes Mal aber mehr lernen“. Dementsprechend war es mir wichtig, „schlechte“ Noten bestmöglich zu verheimlichen. Ich kritzelte ganze Zettel voll mit der Unterschrift meiner Mutter, bis man keinen Unterschied mehr zwischen meiner und ihrer erkennen konnte. Die erste Anwendung erfolgte auf einem mittelmäßig gelaufenen Englischvokabeltest.

So, danach wurde es aber richtig spannend. Ich wechselte auf eine sogenannte höhere technische Lehranstalt. Das österreichische Schulsystem lässt grüßen. Zusammengefasst bedeutet das: Ein Jahr länger Schule, vorgeschriebene Ferialpraktika in den Ferien, mehr Unterrichtsgegenstände und mehr Wochenstunden. Zum Vergleich: Meine Schwester geht ins Gymnasium und hat jetzt, in ihrem letzten Jahr, an einem Tag pro Woche Nachmittagunterricht und an 4 Tagen zu Mittag aus. Wir hatten im letzten Jahr an 4 Tagen Nachmittagsunterricht (einmal bis 17:00, einmal bis 18:00, sonst bis 16:00) und konnten an einem Tag „schon“ nach 6 Stunden nach Hause gehen. Wozu tut man sich das an? Weil man nachher mehr Möglichkeiten hat. Wenn man (wie ich) keine Lust hat, nach der Schule noch ein Studium oder eine Ausbildung anzuhängen, kann man problemlos gleich nach dem Schulabschluss anfangen zu arbeiten. Da man die Schule auch mit einer Matura abschließt, kann man aber auch studieren, und gerade in den technischen Studienrichtungen hat man viele Vorteile. Wenn man mit 14 lernt, wie man Auflager berechnet, kann man das zu Beginn eines technischen Studiums im Schlaf. Ich habe mir von einigen meiner ehemaligen, mittlerweile studierenden Klassenkollegen sagen lassen, dass das erste Jahr des technischen Studiums im Vergleich zu ihren Studienkollegen eher Wiederholung/Vertiefung war. In HTLs gibt es verschiedene Fachrichtungen, zum Beispiel Maschinenbau, Mechatronik, etc. Die ersten 2 Jahre sind in allen Fachrichtungen gleich, danach kommen fachrichtungsspezifische Fächer dazu.

Wie gesagt, es geht ein bisschen anders zu als in „normalen“ Schulen. Einen Tag in der Woche verbringt man in der Werkstätte. Man lernt drehen, fräsen, schweißen, löten, Wasserinstallationen, Elektroinstallationen, Arbeitsvorbereitung, feilen, bohren, hobeln, schmieden, und den Rest habe ich verdrängt. Natürlich reicht die Zeit nicht, um diese Kenntnisse zu vertiefen, aber es reicht für einen guten Überblick. In den höheren Klassen tauscht man Werkstättenanzug und Sicherheitsschuhe gegen Papier und Zettel. Dann gibt es Elektrotechniklabor, Festigkeitslabor, Feinmesstechnik, etc. Die Unterrichtsgegenstände unterschieden sich ebenfalls mit den Jahren, die man in der HTL verbrachte, immer mehr von denen in den allgemeinbildenden höheren Schulen. Was anfangs harmlos mit Mechanik, Fertigungstechnik und Maschinenelemente begann neben normalen Fächern wie Deutsch und Englisch und Chemie, wurde zu Elektrotechnik, Mess/Steuerungs/Regelungstechnik, Triebwerke, etc, bis der Stundenplan fast ausschließlich aus technischen Fächern bestand. Und weil auch jemand wissen wollte, ob ich denn auch in der Schule etwas über Fliegerei gelernt habe: Ja. Ich hatte Luftfahrzeugbau, Leichtbau, Navigation und Flugbetrieb, verbrachte viele Stunden im Strömungslabor vor dem Windkanal, zeichnete Flugzeugpolaren und Schubkurven, verbrachte Stunden damit, das Flugzeug durchzurechnen und zu zeichnen, das wir in der letzten Klasse als „Jahresprojekt“ zu entwerfen hatten und an der Diplomarbeit, die ich mit einem Kollegen aus der Parallelklasse schrieb.

Wie man sich denken kann, war die Zahl der Mädchen eher gering. Unser Mädchen/Jungs-Verhältnis in der Klasse war mit 1:11 im Vergleich zu anderen Klassen hoch. Der Prozentsatz von Mädchen an der Schule lag im Normalfall zwischen 0,3 und 0,4%. Viele meiner Freundinnen stellten sich das total schlimm vor, aber ich fand es immer wunderbar. Mal abgesehen davon, dass die Mädchentoiletten immer sauber waren und es immer Klopapier gab (was ich aus meiner Gymnasiumszeit nicht gewohnt war- da trank ich immer absichtlich wenig, um nicht aufs Klo zu müssen), war es eine Mordsgaudi. Es ist einfach Fakt, dass sich Jungs mehr trauen als Mädchen- das äußert sich auch in Kommentaren während des Unterrichts. Ich habe eine mehrseitige Sammlung an solchen Sprüchen und ich könnte jedes Mal Tränen lachen, wenn ich mich daran zurückerinnere.

Der Umgangston war allerdings schon mal rau, besonders in den Werkstätten, da die Lehrer dort direkt aus der Wirtschaft kamen und daher eher wenig ausgeprägte pädagogische Kompetenzen hatten. Als wir dann die Pflichtschulzeit hinter uns hatten, wurde man, wenn man es mit blöden Bemerkungen zu sehr an die Spitze trieb, daran erinnert dass es das Abmeldeformular um 50 Cent im Sekretariat gibt.

Wie gesagt, wir hatten eine Mordsgaudi. Ihr wollt Kostproben? Bitteschön!

Ich glaube es war im zweiten Schuljahr. Wir mussten am Anfang des Schuljahres alle bei der Schulärztin zu einer Untersuchung antanzen. Jeweils 4 Schüler mussten runtergehen und im Vorraum des Arztzimmers warten und wurden dann einer nach dem anderen hereingerufen. Ich saß also mit meinen Klassenkameraden unten, die Schulärztin war noch beschäftigt. Die Tür zum Arztzimmer ging nach innen auf, und der Tisch der Schulärztin stand so darin, dass sie nicht sehen konnte, wer vor der Tür stand, wenn diese nur einen Spalt offen war. Das nutzt mein Klassenkollege aus. Er öffnete die Tür einen Spalt, rief mit verstellter Stimme: „Wo kann ich IHN [ich denke, es wissen alle, was gemeint ist…] herzeigen?“, schloss die Tür schnell wieder, flitzte zurück an seinen Platz und setzte sich. Sekundenspäter stürmte die Schulärztin fuchsteufelswild aus ihrem Zimmer und fragte, wer das denn gewesen sei. Besagter Klassenkollege setzte eine Unschuldsmiene auf und stammelte: „Ich…ich weiß nicht. Also da war so ein Bub… mit braunen Haaren… aber der ist dann gleich wieder rausgelaufen!“ Das Schlimmste war, das Lachen zu unterdrücken, nachdem sie wieder in ihrem Zimmer verschwunden war, aus Angst, sie könnte es durch die Tür hören…

Zu manchen Lehrern waren wir gemein. Ein beliebtes Spiel war, immer, wenn sich der Lehrer zur Tafel umdrehte, alle Tische leise ein Stück vorzuschieben. Wenn sich der Lehrer umdrehte, blinzelte er kurz, weil irgendetwas anders war, aber er nicht feststellen konnte was. Also drehte er sich um, schrieb weiter… und wir rückten wieder vor. Irgendwann bemerkte er es meistens doch, aber lustig war es trotzdem jedes Mal. Einmal gingen wir ein Stück weiter: Im Winter bei eisigen Außentemperaturen öffneten wir sämtliche Fenster in der Klasse und ließen sie die ganze Pause über offen. Der Lehrer weigerte sich, unter diesen Bedingungen zu unterrichten und trug „Unterricht kältebedingt nicht möglich“ ins Klassenbuch ein. Unser Klassenvorstand war wenig begeistert.

An einen kollektiven „Voll-Fail“ kann ich mich auch noch erinnern. Es stand für den Nachmittag ein Triebwerketest am Programm. Triebwerke war das gefürchteste Fach überhaupt- meistens standen gute 10 Leute (darunter auch ich) mit einem Bein im Grab, und es kam nicht nur einmal vor, dass der Lehrer den Punkteschlüssel des Tests nachträglich nach unten verschob, um den Test nicht wiederholen zu müssen. Es half auch nichts, dass pdf-Dokumente mit sämtlichen Tests der Vorjahre kursierten- diese Tests waren einfach nicht zu knacken und Literatur fand man zu diesen Themen erschreckend wenig. Umso begeisterter waren wir, als wir an diesem Vormittag in einem anderen Fach, in dem wir diesen Lehrer hatten, Triebwerketests auf dem Tisch liegen sahen, als er kurz den Raum verlassen hatte. Die Sache war klar: Das waren unsere Tests für den Nachmittag! Natürlich wurden die Angaben und Fragen sofort abfotografiert und auf elektronischem Weg in der Klasse verteilt. Kollektiv versuchten wir, die Beispiele zu lösen und die Antworten auf die Fragen bestmöglich zu formulieren. Damit verbrachten wir alle folgenden Stunden bis zum Test. Leider ahnten wir nicht, dass unsere Parallelklasse ebenfalls an diesem Tag Test hatte- und leider waren die Tests, die wir auf dem Tisch liegen sehen hatten, die der Parallelklasse gewesen.

Achja, und dann wäre da noch das Thema „Schummeln“. Natürlich habe ich geschummelt. Nicht übermäßig viel, aber Formeln notierte ich mir gerne mit einem anderen Bleistift auf unlackierte Naturholzbleistifte. Es gab kaum Tests, bei denen wir nicht irgendwelche Skizzen anfertigen mussten, deswegen war es ganz normal, dass man Bleistifte am Tisch liegen hatte. Wenn ich befürchtete, entdeckt worden zu sein, reichte es, den Finger kurz mit Spucke anzufeuchten und fest über das Holz zu fahren- schon war alles unleserlich. Mein Schummelverhalten richtete sich auch nach dem Lehrer und dem Fach. Es gab Fächer, in denen konnte man einfach nicht schummeln, weil man es entweder kapiert hatte oder nicht (Mechanik zum Beispiel). Es gab Lehrer, da wusste man, dass sie einem den Schummelzettel wegnehmen, aber den Test weiterschreiben lassen, und es gab Lehrer, da wusste man, dass man den Test sofort weggenommen bekommt und zum nächstmöglichen Zeitpunkt eine mündliche Prüfung machen muss, die es in sich hat. Das wollte man dann doch lieber nicht riskieren. Klassische Schummelzettel habe ich eher weniger geschrieben. Einmal, ich weiß nicht mal mehr in welchem Fach das war, hatte ich für einen Test so gut wie gar nichts gelernt und mir deswegen fast den gesamten Stoff auf 4 doppelseitig beschriebenen Schummelzetteln notiert. Da es natürlich unmöglich war den Überblick zu behalten, hatte ich den Stoff in verschiedene Bereiche geteilt und farblich markiert, zB. Grün für Formeln, Gelb für Aufzählungen, etc. Während dem Test scheiterte ich aber kläglich daran, den richtigen Zettel zu der jeweiligen Frage zu finden. Es war also doch nötig, zumindest ein bisschen etwas zu lernen.

Rückblickend kann ich sagen, dass es eine anstrengende, aber auch sehr lustige Zeit war. Der Bildungsauftrag wurde definitiv erfüllt, auch wenn ich viele der gelernten Sachen in meinem persönlichen Berufsalltag nicht brauche und daher längst wieder vergessen habe.

2 comments on “Themenfreitag #19- Schule

  1. War wirklich interessant und ich habs gern gelesen, wenn dir noch was einfällt, gerne mehr davon 🙂 Vor allem war diese Art Schule total neu für mich (ok, nicht so ungewöhnlich, ich staune ja schon in einem anderen Bundesland, was es nicht alles gibt). Aber dass das echt so speziell war schon … Über die Diplomarbeit bin ich gestolpert, heißt das bei euch so? Wir schrieben eine Facharbeit, für die Diplomarbeit musste ich erst mal fertig studiert haben 😉 Und war das jetzt das Internat oder kam das vorher?
    Oh, und das mit dem Bleistift hab ich auch gemacht, z.B. in Geschichte!

  2. Wow! Echt toller und auch lustiger Beitrag! ! Dankeschön!

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