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Selbstverletzung

Ich weiß nicht, wann dieses Thema das letzte Mal so weit weg war. So weit weg ist vielleicht falsch ausgedrückt. Natürlich denke ich daran. Ich sehe meine Narben, ich fülle die entsprechende Spalte in der Diary Card aus, ich kratze mich möglichst unauffällig, wenn ich mal wieder vergessen habe, die Narben einzucremen. Es ist quasi unmöglich, nicht mehrmals am Tag daran erinnert zu werden, dass das mal ein Teil von meinem Leben war. Aber es ist eine gewisse emotionale Distanz zu diesem Thema da, und ich könnte mich nicht erinnern, dass ich das in diesem Ausmaß schon mal erlebt hätte.

Es ist nicht mehr so, dass ich weiß, dass ich es nicht mehr tun sollte. So banal es klingt: Ich will es einfach nicht mehr. Es gab in den letzten Wochen viele Situationen, in denen ich mit dem Gedanken gespielt habe, mich zu verletzen. Umso intensiver ich darüber nachgedacht habe, umso größer war der innere Widerstand dagegen. Es kostet Zeit. Und dann muss ich noch wach bleiben. Und dann kann ich nicht einschlafen wegen den Schmerzen. Und dann muss ich so viel Wäsche waschen und kann nicht mehr mit dem 30°-15 Minuten- Waschgang waschen, weil damit die Flecken nicht rausgehen. Und dann werde ich die Tage danach auch noch Schmerzen haben und kann vielleicht keine Dehnübungen machen. Und und und. Die unendlich vielen Argumente, die mir früher gegen Skills eingefallen sind, fallen mir jetzt gegen Selbstverletzungen ein.

Manchmal fällt es mir schwer, die Dinge nachzuvollziehen, die ich vor einem Jahr noch getan habe. Ich beginne nach und nach zu realisieren, wie viel Glück ich hatte. Glück, dass ich keine ernsthaften gesundheitlichen Schäden davongetragen habe. Vielleicht sogar Glück, dass ich noch lebe. Viele dieser Aktionen hätten ganz anders ausgehen können. Wenn ich darüber nachdenke, möchte ich das 21-jährige Fliegermädchen schütteln und fragen, ob es komplett den Verstand verloren hat. Es macht mich traurig, dass ich so etwas getan habe. Sehr traurig. Ich habe mein Leben aufs Spiel gesetzt für… für… ich weiß nicht einmal für was eigentlich. Ich hatte mir immer vorgenommen, es nie so weit kommen zu lassen, dass es gefährlich wird. Aber zu dem Zeitpunkt, an dem ich es getan habe, kam es mir nicht gefährlich vor, es war wie ein Spiel. “Mal machen und abwarten, was passiert.” Wenn ich jetzt darüber nachdenke, läuft es mir eiskalt den Rücken runter und ich kann das Entsetzen der Leute nachvollziehen, denen ich davon erzählt habe.

Ich glaube nicht, dass ich mich nie wieder verletzen werde. Es würde mich sehr wundern, wenn ich es nicht irgendwann doch noch mal machen würde, nur um zu schauen, ob ich es immer noch “kann”. Ob ich noch immer diese Grenze überschreiten kann, die ein normaler Mensch nicht überschreiten würde. Aber ich würde es wohl definitiv bewusster machen als früher und es würde vermutlich nicht mehr so ausarten. Aber wer weiß schon, was kommt. Ich habe noch einen weiten Weg zu gehen.

Jetzt jedenfalls genieße ich es manchmal ein bisschen, dass ich nicht bis tief in die Nacht wach bleibe, um mich zu verletzen und anschließend nicht schlafen kann wegen den Schmerzen. Ich kann mich mit warmem Kirschkernkissen an den Füßen, Kuschelhund im einen Arm und Coolpack um den anderen Arm gewickelt ins Bett kuscheln, kann das Licht ausmachen und weiß, dass der Schmerzreiz genau dann wieder aufhört wenn ich es will und mich nicht am Schlafen hindern wird. Und wenn ich das Gefühl habe, dass es genug ist, lege ich das Coolpack neben das Bett, drehe mich um, und kann einschlafen.

Früher hatte ich immer Angst davor, dass ich nicht mehr ich selbst sein würde, wenn ich mich nicht mehr verletze. Mittlerweile glaube ich, dass ich jetzt vielleicht mehr ich selbst bin, als ich es je war.

 

 

 

 

4 comments on “Selbstverletzung

  1. “Mittlerweile glaube ich, dass ich jetzt vielleicht mehr ich selbst bin, als ich es je war.”
    Ich glaube es nicht nur, ich weiß es. Und das macht mich sehr “happy”. 🙂

  2. Unglaublich tolle Worte. Bin wirklich stolz auf dich!

  3. Das klingt wirklich schön und macht mir und sicher auch vielen anderen da draußen Hoffnung. Danke dafür !

  4. Ach Fliegermädchen, ich freue mich über deine Worte.

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