3 Comments

Die Steigerung von “Oh Heilig”

Das einzig Produktive an diesem Tag war der Kauf des Stativs.

Als ich in der Früh in die Arbeit stolperte, druckte ich die Dokumente aus. Ich überprüfte allerdings nicht, ob ich wirklich alle Zetteln gedruckt habe, dazu war ich zu faul.

Nach der Arbeit machte ich mich zum dritten Mal auf den Weg in die Stadt. Ich hatte meinen großen Rucksack mitgenommen, um das Stativ darin verstauen zu können. Nachdem ich 20 Minuten lang ins Zentrum gegangen war, schaute ich noch bei der Bank vorbei. Meine nächste Station war das Fotogeschäft. Meine Fotoausrüstung wurde um ein Manfrotto 190 Go ergänzt. Nachdem ich noch eine heiße Schokolade getrunken hatte, pilgerte ich zu der Hausnische, in der meistens alle zusammen warten, doch da war noch niemand. Erst 5 Minuten vor Beginn kam eine andere Teilnehmerin. “Warst du auch so überfordert mit dem Ausdrucken?” wollte sie wissen. “Ich bin gestern dagegessen und habe geheult!” erzählte sie. “Ich habe mich verarscht gefühlt. Ich habe ihr geschrieben, ob das eine Übung zur Testung der individuellen Frustrationstoleranz sein soll.” sagte ich. Sie begann zu lachen. “Nicht wirklich, oder?!” Ich musste ebenfalls grinsen. “Doch. Ist doch wahr! Aber ich bin mal gespannt, was sie dazu sagt.” – “Oh ja, ich auch.” In diesem Moment kamen 2 andere Teilnehmerinnen, die wir dann auch mal auf den neuesten Stand brachten. “Fliegermädchen, du bist so cool.” Also deswegen habe ich das eigentlich nicht getan, aber okay, wenn sie mich cool finden, freut mich das natürlich auch.

“Geht ihr mal lieber vor” blödelte ich, als wir das Haus betraten. Oben begrüßte uns der Therapeut, von der Therapeutin war keine Spur. 5 Minuten später erfuhren wir warum: Sie ließ sich krankheitsbedingt entschuldigen. “Also so schlimm war die E-Mail doch auch nicht!” dachte ich sofort. Ein Blick in die Runde und ich stellte fest,  dass mich eine andere Teilnehmerin angrinste. Offenbar dachte sie das gleiche.

“Gibt es irgendwelche Fragen?” wollte der Therapeut wissen. Ich schaute in die Runde. Keiner sagte etwas. Nagut, dann spreche ich es eben an. “Ja, ich hätte da eine organisatorische Frage…” begann ich.  “Betrifft es alle?” wollte er wissen. Ich schaute wieder in die Runde und wartete darauf, dass irgendjemand etwas sagt- immerhin konnten sie doch ahnen um was es geht, wir hatten doch gerade eben draußen noch besprochen, dass wir das ansprechen wollen.  Doch es blieb still. “Dann klären wir das bitte am Ende der Stunde” Toll.

Seine nächste Ankündigung stieß bei mir auf ähnlich viel Begeisterung. “Ich habe mit meiner Kollegin besprochen, dass es sich zeitlich nicht ausgeht, dass jeder etwas zu der Aufgabe sagt, die wir in der Vorwoche aufgegeben haben. Wir haben entschieden, dass das jedes Mal nur 3 oder 4 Leute machen werden.” Langsam bekomme ich den Eindruck, als würden die beiden das zum ersten Mal machen. Der einzige positive Aspekt ist, dass ich somit meinen Destruktivitätsteufelskreis nicht vorstellen musste. Dabei hätte ich sogar schon überlegt, ihn doch vorzustellen, um einer ehemaligen Mitpatientin eines auszuwischen. Wobei “eines auswischen” vielleicht ein bisschen hart formuliert ist. In der Klinik ist sie gerne mal kurzärmlig mit frischen Verletzungen rumgelaufen, deswegen weiß ich, dass meine Verletzungen schlimmer sind als ihre. Aber sie ist wesentlich dünner als ich. Diese Hausübung wäre meine Gelegenheit gewesen, ihr indirekt zu sagen: “Du bist zwar dünner als ich- aber dafür habe ich die schlimmeren Selbstverletzungen. Ätsch.” Etwas gemein, ich weiß, aber so denke ich teilweise. Ist nicht nett, das gebe ich zu, und besonders konstruktiv wohl auch nicht. Aber ihr kennt mich ja- ich bin hier ziemlich ehrlich und deswegen gebe ich auch zu, dass es mir ein gutes Gefühl gibt zu wissen, dass meine Verletzungen schlimmer sind als ihre.

Die Achtsamkeitsübungen sind in diesem Raum auch jedes Mal fies. Da gibt es kein vernünftiges Licht, nur so ein Dämmerlicht (vielleicht weil der Therapeut auch Hypnosetherapie macht). Viele Achtsamkeitsübungen sind eine Art kontrollierte Dissoziation. Ich muss dabei aufpassen, dass ich mich in diesen Übungen nicht verliere, denn es gibt einen Punkt, ab dem findet man nicht mehr so einfach wieder zurück in die Realität. In der Klinik hat das nach ein paar Wochen auch ganz gut funktioniert, aber das Dämmerlicht in dem Raum, in dem die Skillsgruppe stattfindet,  macht mich fertig. Letzte Woche habe ich im letzten Moment gemerkt, dass es gefährlich wird und habe die Übung vorzeitig beendet. Heute das gleiche Spiel, nur dass es mir egal war. Ich war auf 180 weil ich so dringend loswerden wollte, dass mir die Sache mit den Unterlagen so tierisch auf den Senkel geht, nur ich durfte ja nicht. Ich war enttäuscht von den anderen, dass offenbar keiner von denen den Mut gehabt hatte, irgendetwas dazu zu sagen, wo sie sich doch vor der Gruppe noch alle darüber aufgeregt hatten. Jetzt sieht es so aus, als wäre ich die Einzige, die sich darüber aufregt, und deswegen wird sich wahrscheinlich auch nichts ändern.

Ende vom Lied: Es war mir egal, ob ich den Rest der Zeit dissoziierend verbringe. So musste ich wenigstens nicht gegen den inneren Drang ankämpfen, einfach meine Sachen zu nehmen und zu gehen. Also nützte ich die Achtsamkeitsübung dazu, möglichst viel Abstand zur Realität zu gewinnen und dann war alles gut. Fragt mich nicht, was wir in den 1,5 Stunden gemacht haben. Irgendwann sollte ich einen Zettel vorlesen, den ich nicht hatte (ich glaube es hat niemand geschafft, sich alle Zetteln auszudrucken und in der richtigen Reihenfolge einzuordnen). Irgendwann fragte der Therapeut: “Frau Fliegermädchen, was sagen Sie denn dazu?” Ich sagte: “Ja…” reichte ihm als Antwort. Auch gut. Ich war froh, als es vorbei war und wir gehen durften.

Ich habe für mich zu 90% entschlossen, dass ich nächste Woche nicht hingehen werde. Ich brauch mal eine Pause von dem Scheiß.

3 comments on “Die Steigerung von “Oh Heilig”

  1. Ich hasse diese Vergleiche: sie ist dünner, ich habe dafür schlimmere Verletzungen, er hat eine scheiss Vergangenheit, du eine umfänglichere Diagnoseliste – was ist das für ein kranker Wettkampf? Und doch konnte ich mich nie dagegen wehren, hineingezogen zu werden… ich kann es immer noch nicht. Als wollten wir uns ständig versichern, dass wir ‘krank’ genug sind, um Hilfe zu verdienen… als wollten wir wenigstens im Selbstzerstörerischem etwas Besonderes sein.

  2. Kannst du nicht mal deine Therapeuten aus der Klinik über diese unsinnige Gruppengestaltung informieren? Musst doch auch ne Menge selbst zahlen dafür oder? Gibts da nicht was besser geleitetes?

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: