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gebogene Linien auf Müslipackungen

Ich habe der Katzenmama geholfen, einen Text zu korrigieren. Eine Freundin von ihr macht die Dolmetscher-Prüfung und muss dazu wohl etwas übersetzen. Irgendso ein Text über Philosophie und Moral und so. Jedenfalls waren Zitate von Immanuel Kant drin. Unter anderem stand da irgendetwas von gebogenen Linien auf Müslipackungen was mich dazu verleitet anzunehmen, dass das wohl ein Übersetzungsfehler ist. Allerdings ist es schwer, das zu beurteilen, wenn man weder das Thema kennt, noch den Ausgangtext hat.

Heute früh. Ich wache auf, 20 Minuten bevor der Wecker läuten soll. Dunkel kann ich mich erinnern, davon geträumt zu haben, irgendetwas konsumiert zu haben. An die genauen Umstände kann ich mich nicht erinnern und vielleicht ist es auch besser so, denn es ist sowieso gerade schwierig genug. Ich habe noch so viel Zeit, bis ich zur Arbeit fahren muss. Ich denke daran, dass meine Schwester in 2 Monaten Abschlussball hat. Ich stehe auf, hole das Kleid aus dem Schrank und ziehe es an. Es ist so ein richtiges “schwarzer-Schwan-Ballettkleid”. Ganz schwarz, oben eng geschnitten, unten ganz viel tüllartiger Stoff. Es reicht fast bis an die Knie. Es hat Träger, aber ich komme auf die Idee, dass es ohne Träger bestimmt viel eleganter aussieht. Ich schlüpfe aus den Trägern und stopfe sie ins Kleid. Ich betrachte meinen Rücken. Die Schulterblätter werfen Schatten auf meinen Rücken. Einzelne Wirbel drücken sich durch die Haut. Wenn ich die Arme ausstrecke und den Rücken leicht krümme, kann ich die Rippen am Rücken sehen. Ich bin immer wieder fasziniert davon, wie ungleichmäßig die Fettverteilung am Körper sein kann. Ich muss feststellen, dass ich das Kleid so nicht anziehen kann, wenn ich nicht riskieren will, dass ich plötzlich oben ohne dastehe. Eine unachtsame Bewegung und schon rutscht das Kleid davon und zeigt Körperstellen, die man der Öffentlichkeit eigentlich nicht präsentieren will. Ich überlege, meine Mutter zu fragen, ob sie mir das Kleid enger nähen kann, aber ich kann sie schon sagen hören: “Fliegermädchen…du bist zu dünn!”. Als ich einen Blick auf den innen angenähten Zettel werfe, muss ich zugeben, dass es tatsächlich irgendwie schräg kommt, als 22-jährige Frau jemanden zu bitten, ein Kleid in der Größe 164 für 13- bis 14-jährige Kinder enger zu nähen, weil es einem zu groß ist. Aber vielleicht haben die auch einfach nur den falschen Zettel angenäht.

Ich bin ziemlich im Arsch. Ich kann mich überhaupt nicht mehr konzentrieren. Alles kreist nur mehr darum, wo ich Benzos herbekommen könnte. Oder irgendwelche andere Drogen, mittlerweile ist mir egal was. Einfach irgendwas. Ständig schweifen meine Gedanken dorthin ab. In der Arbeit mach ich einen Blödsinn nach dem nächsten, weil ich mit den Gedanken woanders bin. Und immer wieder wandern die Gedanken auch zu der letzten “Notration”, die ich versteckt habe. Ob jetzt der richtige Zeitpunkt ist? Oder kommen noch Zeiten auf mich zu, in denen ich mich noch mehr danach sehnen werde, und es dann bereuen würde, dass ich GAR NICHTS mehr habe?

Ich habe mir Tripberichte im Internet durchgelesen. Ist glaube ich ungefähr so konstruktiv, wie sich Selbstverletzungsbilder anzusehen, wenn man schneiden möchte. Aber trotzdem lese ich immer weiter. Ich kann nicht genau sagen, warum.

Zumindest habe ich mir vorgenommen, mal die Füße still zu halten, bis das Gespräch mit der Therapeutin aus der Klinik vorbei ist. Dann kann ich ihr mit reinem Gewissen sagen, dass ich seit meiner Entlassung nichts Destruktives mehr getan habe und mich noch am selben Abend zudröhnen, wenn es sein muss. Ich glaube nicht, dass ich mit der Therapeutin darüber reden werde. Mit dem ganzen Sucht/Entzugskram konnten die auf der DBT-Station nicht wirklich etwas anfangen, genauso wie die Mitarbeiter auf der Suchtstation den Selbstverletzungen und meinem Essverhalten weitgehend ratlos begegnet sind. Manchmal  habe ich das Gefühl, dass sich niemand in meiner Umgebung vorstellen kann, wie beschissen das ist, wenn man sich nach etwas so sehr sehnt und es nicht bekommt. Jede einzelne Körperzelle scheint danach zu schreien. Alles dreht sich nur noch darum: “Wo bekomme ich was her?” Keine mögliche Konsequenz ist schlimm genug, dass sie einen davon abhalten würde, wieder etwas zu nehmen, wenn man die Tabletten erst mal hier hätte.

 

8 comments on “gebogene Linien auf Müslipackungen

  1. Keine mögliche Konsequenz? Nochmal einen Entzug? Danach da sitzen und noch krasser diese Gedanken daran haben? Überleg dir genau, ob es das wert ist, liebes Fliegermädchen.

  2. Möchte mich zitrone anschließen. .. dennoch… NACH dem Gespräch und wenn dus gar nicht aushälst… schreibe mir bitte privat…wir finden einen nicht schlimmen weg zusammen. ..lg

  3. Und trotz dem schon starken Verlangen, kannst du es auch ohne. Das ist doch schonmal was.
    Und je länger es ohne geht, desto weniger werden die Gedanken. Ich wünsche dir die Kraft standhaft zu bleiben, du kannst das!
    Lg

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