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Die Sache mit dem Trauma

Zum Abschied drückt mir Dr. Hexe eine Visitenkarte in die Hand. “Das ist eine Therapeutin, die macht Traumatherapie. Gehen Sie da bitte hin. Wirklich!”

Etwas in mir ist entsetzt. Wenn ich eine Traumatherapie machen soll, bedeutet das, dass Dr. Hexe denkt, dass ich traumatisiert bin. Das ist eine Vorstellung, mit der ich nicht klar komme.

Natürlich ist Dr. Hexe nicht die Erste, die etwas in Richtung Trauma bzw. Traumatherapie äußert. Aber ich hasse es, mich mit diesem Gedanken auseinanderzusetzen. Denn das läuft bei mir immer in 3 Schritten ab:

1)Zuerst habe ich das Gefühl, dass die Dinge, die ich erlebt habe, nicht schlimm genug waren, um traumatisiert sein zu “dürfen”. Ich habe gar nicht das Recht dazu und steigere mich nur in irgendetwas rein. Andere dürfen traumatisiert sein, die haben schlimme Dinge durchgemacht. Aber ich darf das nicht, meine Erlebnisse waren nicht “schlimm genug”. Zumindest denke ich das.

2)Aus diesem Gedanken ergibt sich für mich dann diese Schlussfolgerung: Ich dürfte eigentlich gar nicht traumatisiert sein, bin es aber vielleicht trotzdem, zumindest gibt es Leute, die das denken. Ich bin also schwach, weil ich Dinge, die jeder Mensch locker wegsteckt, nicht ausgehalten habe. Und noch schlimmer ist, dass andere Leute denken, ich sei traumatisiert, also denken sie, ich sei schwach. Es ist mir peinlich. Was soll denn die Traumatherapeutin von mir denken. Das ist ja, als würde ich wegen einem blauen Fleck in die Notaufnahme des nächstgelegenen Krankenhauses fahren.

3)Angst. Angst. Angst. Wenn ich wirklich traumatisiert bin, sind möglicherweise noch mehr Sachen passiert, an die ich mich nicht erinnern kann. Und an die ich mich gar nicht erinnern will.  Mit dem, was ich weiß, komme ich im Alltag halbwegs klar. Ich habe so Angst, dass dann zu viele Erinnerungen hochkommen. Dass ich nicht mehr zu meinen Eltern fahren kann, weil noch mehr zwischen uns steht. Dass ich nicht mehr normal weitermachen kann.

Resultat: Ich ignoriere den gut gemeinten Ratschlag und mache weiter wie bisher. Und vielleicht bin ich ja gar nicht traumatisiert. Vielleicht täuschen sich alle.

 

 

 

2 comments on “Die Sache mit dem Trauma

  1. Du sprichst mir so oft so aus der Seele!

  2. Und wie wäre es, wenn du einfach mal unverbindlich zu einem Erstgespräch bei einem Traumatherapeuten gehst und GENAU das ansprichst? (Vielleicht sogar den Blogeintrag als “Basis” mitnimmst?

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